Musik

Der Traum von einer Gemeinschaft der Verschiedenen

Im Gespräch mit der Komponistin und Pianistin Angelika Sarrazin
 



Das Pyeongchang Special Music & Art Festival in Südkorea ist das einzige Festival der Welt, das von Musikerinnen und Musikern mit geistigen Beeinträchtigungen, Autismus oder dem Down-Syndrom gestaltet wird. Angelika Sarrazin lebt mit dem Asperger-Syndrom und ist in diesem Jahr als Komponistin und Pianistin nach Pyeongchang eingeladen worden. Im Anschluss an ihre Reise Mitte August hat sie ihre Eindrücke geschildert.

„Echt überwältigend“ seien das Festival, das Land und die Menschen gewesen, „beeindruckend“ die technische Entwicklung und „angenehm“ die Sauberkeit. „Vor allem die Freundlichkeit der Menschen, der Respekt und die Achtsamkeit anderen gegenüber“ habe sie als sehr positiv erlebt. Das Wort „uri“ (dt. ‚wir‘/ ‚unser/e‘) gehört zu dem kleinen Grundwortschatz, den sich Angelika Sarrazin in den wenigen Tagen ihres Aufenthaltes angeeignet hat. Sie wird es wohl auch nicht mehr vergessen dieses Wort, das sich in dem Festivalsong „Together“ mehrfach wiederholte und dessen Bedeutung in dem spürbaren Zusammenhalt der Koreaner so lebendig wurde, dass sie wünschte, diese Sinnhaftigkeit wäre auch auf Deutschland übertragbar.

Angelika Sarrazin mit ihrem Dolmetscher Daniel Moon bei einem Rundgang durch die Festival-Räumlichkeiten am ersten Tag, hier im Music-Tent.

Seit vielen Jahren ist sie mit einer Koreanerin befreundet und fühlte sich im Vorfeld ihrer Reise somit schon ein wenig gewappnet. Sie wusste um die Schärfe von Kimchi, um Fischsuppe auf der Frühstückskarte und den harten Alltag koreanischer Gastronomen, die aufgrund der kulturellen Bedeutung des Essens und der Vorliebe ihrer Landsleute für drei warme Mahlzeiten pro Tag stark beansprucht sind. Als sie die „Gimbap“ genannte Algen-Reis-Gemüse-Rolle jedoch halbierte, statt sie als Ganzes zu verspeisen, war der Fauxpas geschehen. Das ist in einem weitgehend fremden Land wohl unvermeidbar - unverzeihlich war das nicht. Höflich wies der Dolmetscher darauf hin, dass dieser beliebte koreanische Imbiss nicht häppchenweise gegessen werde – aha. Also, auf zu neuen Ufern und rein ins Festivalgetümmel!

Auffallend und sehr erfreulich sei zudem das Interesse an der deutschen Klassik, ja, an der gesamten deutschen Kultur gewesen. Am Ende einer Unterrichtsstunde zur Vorbereitung der Auftritte hatte die Lehrerin gesagt: „It was not a lesson, it was a discussion“ – kein Unterricht, sondern Austausch. Zweimal hat Angelika Sarrazin ihr musikalisches Talent unter Beweis stellen können. Die Reaktionen auf ihre selbst komponierten Klavierstücke mit den Titeln „Himmelsvögel“ & „Kleine Rhapsodie“ waren derart positiv, dass sie für nächstes Jahr zum Musizieren nach Moskau eingeladen wurde. Wie gut, dass der Dolmetscher ihre zunächst erteilte Absage des ersten Auftritts nicht mehr übermitteln und das Lampenfieber eine Russlandreise also nicht verhindern konnte. Es waren dieser Austausch über Musik und Kultur, diese Wertschätzung und „liebevolle Fürsorge“, die ihr vor Augen führten, wie anders sich der Umgang mit ihrer Behinderung im Gegensatz zu ihrem Lebensalltag in ihrem Heimatland gestaltete. „Als Mensch mit Beeinträchtigung lebt man in Deutschland eher am Rande der Gesellschaft. Vor allem Menschen mit psychischen und autistischen Handicaps haben mit der Überwindung vieler sozialer Barrieren zu kämpfen, die ich in Korea nicht gespürt habe.“

Die Musiklehrerin und Dirigentin Tatjana Orekhova aus
Moskau (li) im Anschluss an den Open-Stage-Auftritt
von Angelika Sarrazin am dritten Festivaltag mit ihrem
selbst komponierten Klavierstück „Kleine Rhapsodie“
(Alle Fotos: Angelika Sarrazin)

Sicher, schränkt sie, sei eine Festivalatmosphäre ein Ausnahmezustand und der Umgang mit beeinträchtigten Menschen in Korea auch nicht immer „rosig“, wie die befreundete Koreanerin zu bedenken gab. Dennoch: „Für mich war die Atmosphäre ungetrübt. Ich konnte etwas Koreanisch lernen, Kontakte nach Malaysia und Russland, nach Italien und in die Mongolei knüpfen; meinen Traum von einer Gemeinschaft der Verschiedenen leben.“

Sie hat Worte dafür gefunden, nach ihrer Rückkehr ein Gedicht geschrieben:

My journey to the Pyeongchang Special Music & Art Festival
was a journey
from dark to colourful light,
from narrowness to width,
from sadness to happiness,
from fear to courage to live my personality and creativity,
from loneliness to friendships all over the world.
Like Martin Luther King I had a dream of solidarity and community of different people.


„Später, im Rentenalter, möchte ich Koreanisch lernen!“, antwortet sie auf die Frage nach dem Nachklang, den die Festival-Teilnahme womöglich hinterlassen hat. „Ich möchte wieder nach Korea reisen, mir zwei Tempel in Pyeongchang ansehen, möchte die Kultur näher kennenlernen - auch die Religionskultur. Die Architektur wäre ein weiterer Punkt und die Königspaläste in Seoul.“ Das allerdings möchte sie vorher tun - im Jetzt und Hier, mittendrin, in der Gemeinschaft der Verschiedenen.

 

                                                                                                                   Das Gespräch führte Dr. Stefanie Grote


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Foto: privat

Die sich für Komposition und Improvisation am Klavier begeisternde Angelika Sarrazin lebt mit dem Asperger-Syndrom. Während und im Anschluss an ihr Studium der Diplom-(Heil)Pädagogik an der TU-Dortmund widmete sie sich einige Jahre der Arbeit mit Menschen mit Behinderungen. Anschließend absolvierte sie das Aufbaustudium Lehramt Sonderpädagogik (1. Staats-examen) an der Universität Köln. Zurzeit promoviert sie an der Universität Hamburg zum Thema „Autismus und Studium“.

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