Gesellschaft

„Deutsche Tigermütter haben keine Zähne.“

Eine Mutter berichtet über Kindererziehung in Korea.
 

Bild: Leah und Chase, die Kinder der Autorin, in ihrer Schuluniform

Leah (links) und Chase, die Kinder der Autorin, in ihrer Schuluniform (Fotos: Katrin Nam)

Als ich 2013 mit meiner Familie aus den USA nach Korea kam, beschlossen mein Mann und ich, dass unser sechs Monate alter Sohn Chase neben Englisch und Deutsch auch Koreanisch lernen sollte. Schließlich war er genetisch gesehen Halbkoreaner, und wir hatten vor, mehrere Jahre in Korea zu verbringen. Für mich schien eine dritte Sprache eine gute Zukunftsinvestition zu sein.

Doch schon bald nach meiner Ankunft musste ich feststellen, dass meine Vorstellungen von idealer Kindererziehung stark von der koreanischer Eltern abwichen. Das Phänomen der Tigermutter, die ihre Kinder mit strenger Hand zum ununterbrochenem Lernen anhält und letztendlich zum schulischen Erfolg führt, mag in Deutschland nicht allzu geläufig sein, doch in Korea ist sie Realität. In einem Land, in dem Bildung und der Abschluss von einer namhaften Universität gleichbedeutend sind mit wirtschaftlichem und sozialem Erfolg, beginnt der Kampf um heiß begehrte Plätze in Bildungseinrichtungen bereits im Vorschulalter. Kindererziehung ist in Korea nach wie vor Frauensache, und viele Mütter fühlen den Druck, ihre Kinder zu erfolgreichen Erwachsenen zu erziehen, der ihnen von der eigenen Familie und der Gesellschaft auferlegt wird. Viele Mütter finden wiederum Bestätigung im Erfolg ihrer Kinder und werden von der Gesellschaft an eben jenem gemessen. 

Bild: Gelbe Schulbusse

Gelbe Schulbusse warten auf ihren Einsatz.

Während der ersten Monate nach meiner Ankunft besuchten Chase und ich mehrmals in der Woche - laut meinen koreanischen Freundinnen „absolut unentbehrliche“ - Kurse zur Förderung der Frühentwicklung von Babys. Ab dem Alter von elf Monaten schickte ich meinen Sohn dann aber an fünf Tagen der Woche in eine koreanische Kita. Obwohl er weder sprechen noch laufen konnte, lernte er dort endlich die Vorteile eines minutiösen Stundenplans aus Kunstunterricht, Englischunterricht, Sport-, Kultur- und Alltagsunterricht kennen. Ich wiederum erhielt jeden Tag auf mein Handy über eine spezielle App einen umfassenden Bericht mit vielen Fotos darüber, was Chase an diesem Tag gegessen und gelernt hatte, ob und wie viel er in seine Windeln gemacht hatte und anderes mehr. Ich war sehr beeindruckt.

Anders als in Deutschland beginnt das koreanische Schuljahr im Frühling. Nach zweieinhalb Jahren an der Kita (orin-i-jib) wurde Chase dementsprechend im März 2016 in die erste Kindergartenklasse eingeschult. Er hatte das Glück gehabt, per Losverfahren einen Platz an einem der besten Kindergärten (yuchiwon) unseres Viertels erhalten zu haben. Dem Sohn einer Freundin hingegen erging es anders. Frisch in unsere Gegend gezogen, fand er alle Kindergartenplätze belegt vor, und die Warteliste war lang. Statt in einen städtischen Kindergarten geht er daher nun bis zum kommenden Frühling in eine Kita, die Kinder bis 7 Jahre aufnimmt. Ich hatte selbst letztes Jahr ein Beratungsgespräch an dieser Kita. Das Personal schien mir kompetent zu sein, und der Stundenplan entsprach meiner Meinung nach dem Standard. Doch viele koreanische Mütter in unserer Gemeinde denken offenbar anders: „Wie können Sie Ihren Sohn in diesem Alter in eine orin-i-jib schicken?“, fragen sie meine Freundin voller Unglauben. „Da lernt er doch gar nicht genug. Er muss sich doch auf die Einschulung vorbereiten!“ Die Lehrer der orin-i-jib versichern, dass sie demselben Stundenplan folgen wie die Kindergärten. Doch nur der Gedanke daran, dass der Unterricht einer Kita dem eines Kindergartens nicht ebenbürtig sein könnte, lässt viele Mütter vor Angst erschauern.

Bild: Anzeige für Nachmittagsschulen in Korea

Anzeigen für Nachmittagsschulen in einem Fahrstuhl in Korea

Die Furcht, dass Kinder nicht genügend in der Schule oder Vorschule lernen, hat auch einem anderen Zweig der Bildungsindustrie zum Erfolg verholfen: dem professionellen Nachhilfeunterricht. Um dem gefühlten Mangel an Vorbereitung unserer Kinder für den Eintritt in die erste Grundschulklasse entgegenzuwirken, plagte ich mich gemeinsam mit zwei Freundinnen durch drei jeweils 90-minütige Präsentationen von Privatfirmen, die beeindruckend umfassendes Material zum Selbststudium und für Nachhilfestunden für Kinder im Kindergarten- und Grundschulalter anbieten. So soll sichergestellt werden, dass kein Schüler im Lernen zurückfällt. Schulunterricht allein sei nicht ausreichend, wurde mir erklärt. Selbststudium und Nachhilfe seien der einzige Weg zum Erfolg. Und ich käme genau zur richtigen Zeit, denn ab Herbst 2016 sei endlich auch Material zum Studium für Kinder ab 24 Monaten erhältlich. Wie passend das sei, da meine Tochter Leah doch im Oktober zwei Jahre alt werde!

Ich sehe äußere Anzeichen des hohen Leistungswillens überall in unserer Nachbarschaft. Die Fenster vieler Gebäude sind gepflastert mit Bannern, die private Nachmittagsschulen aller Art anpreisen. Zusätzlich brausen zahllose gelbe Schulbusse durch die Straßen, um Kinder morgens zum Kindergarten oder zur Schule und später zum Nachmittagsunterricht zu fahren. Die Mehrzahl der koreanischen Kinder hat volle Arbeitstage. Matheinstitute, Kunstinstitute, Musikinstitute, Taekwondo, Ballett, Schwimmen; selbst Institute, die versprechen, aus Kleinkindern Kinderstars für Fernsehen und Musikindustrie zu machen, finden reichlich Zulauf. Bereits ab dem ersten Jahr wird in Kindergärten Englisch durch muttersprachliche Englischlehrer gelehrt, welche gezielt aus dem Ausland angeworben werden. Ziel ist es, dass Kinder bereits im Kindergarten Koreanisch schreiben und lesen lernen sowie in der Lage sind, einfache Matheaufgaben zu lösen. 

Bild: Leah und Chase

Leah und Chase

Nach über drei Jahren hier in Korea hat die koreanische Erziehungskultur durchaus beeinflusst, wie ich meine eigenen Kinder erziehe. Ich werde Chase und seiner kleinen Schwester Leah sicherlich wesentlich mehr Disziplin und Leistung abverlangen, als es meine antiautoritär eingestellte Mutter mit mir getan hatte. 

Ich habe mich aber mit meinem Mann darauf geeinigt, dass unsere Kinder höchstens bis zum Ende des Kindergartens im koreanischen Schulsystem bleiben werden. Ab der ersten Klasse sollen sie dann auf eine internationale Schule gehen. Ich bin nach wie vor überzeugt, dass Selbstdisziplin und Beharrlichkeit ein unentbehrlicher Bestandteil von Erfolg und Selbstverwirklichung jeder Art sind.

Mein persönliches Ziel wird es sein, eine Balance zwischen der deutschen und der koreanischen Bildungsphilosophie zu finden. Ich schicke meinen inzwischen fast vierjährigen Sohn an vier Tagen in der Woche zum 40-minütigen Nachmittagsunterricht in Basteln, Kunst und Lego. Außerdem geht er an drei Tagen in der Woche zum Sportunterricht, wo mit leichter Hand neben sportlichem Spiel auch Höflichkeit und Disziplin vermittelt werden. In den Augen einiger meiner deutschen Freundinnen macht mich dies bereits zur Tigermutter. Meine Freundinnen hier finden allerdings, ich sei nicht anspruchsvoll genug. Eine von ihnen lachte mich gutmeinend aus: „Deutsche Tagesmütter haben keine Zähne,“ kicherte sie.

Wer weiß? Vielleicht bedeutet die Kritik von beiden Seiten letztendlich, dass mein Balanceakt erfolgreich ist.

Bild von Katrin Nam

Katrin Nam (Foto: Regina Choi)

Katrin Nam

Katrin Nam (* 1979) wuchs in Berlin-Kreuzberg auf. Sie absolvierte einen Magister in Japanologie mit den Nebenfächern Politikwissenschaft und Neuere Geschichte an der FU und der HU Berlin. Von 2009 bis 2013 lebte sie in den USA. 2013 zog sie mit ihrem Mann, einem Amerikaner koreanischer Abstammung, und ihrem Sohn Chase aus beruflichen Gründen nach Korea. Dort wurde 2014 ihre Tochter Leah geboren. In diesem Beitrag erzählt sie von den Anstrengungen koreanischer Mütter, ihren Kindern die bestmögliche Bildung zukommen zu lassen.

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