Literatur

Die Besten der Guten über das Schlechte


WIR GRATULIEREN!
 

Das Koreanische Kulturzentrum hat mit dem Rezensionswettbewerb 2020 das Augenmerk auf den aktuellen Erfolgskrimi "Aufzeichnungen eines Serienmörders" von Young-ha Kim gerichtet, der nach Erscheinen zum Jahresbeginn 2020 die Krimibestenlisten von FAZ/FAS und Deutschlandfunk Kultur anführte und Preisträger der Hotlist 2020 ist.

Wir möchten uns bei allen Rezensent*innen für die guten und anspruchsvollen Buchkritiken und für ihre Teilnahme bedanken!

Auszug aus dem Fazit der unabhängigen Jury:
“Wir haben uns sehr gefreut, dass uns die vielen guten Beiträge vor eine schwierige Entscheidung gestellt haben. Die Beiträge haben mit sehr unterschiedlichen Zugängen zahlreiche Aspekte des Romans von Kim Young-ha erhellt. …”

Kai Köhler (Publizist)
Christiane Pöhlmann (Übersetzerin und Literaturkritikerin)

Sabine Vogel (Literaturkritikerin)


Den Gewinnerinnen gratulieren wir zu ihrem großartigen Erfolg!!! In Anerkennung ihrer Leistung veröffentlichen wir die beiden bestplatzierten Beiträge und das jeweilige Urteil der Jury. Die drei Gewinnerinnen des 3. Platzes stellen wir per Foto und Kurz-Bio vor.

 

(Foto: privat)

1. Platz

Jana Schrader


studierte Germanistik, Anglistik und Literarisches Schreiben und arbeitet heute im  Verlagswesen. Ihr besonderes Interesse gilt der koreanischen Kultur und Sprache.


Wenn die Erinnerungen versagen 


Young-ha Kim taucht ein in den Kopf eines dementen Killers in „Aufzeichnungen eines Serienmörders“

„Meinen letzten Mord habe ich vor fünfundzwanzig Jahren begangen. Oder waren es sechsundzwanzig?“ Mit diesen Worten beginnt der Roman „Aufzeichnungen eines Serienmörders“. Es spricht der Killer selbst – Kim Byongsu, siebzig Jahre alt, lebt in einem abgeschiedenen Haus am Rande eines Dorfes. Früher war er Tierarzt. Seiner Ansicht nach der ideale Beruf für einen Mörder, denn auf diesem Wege kam er an Medikamente, die selbst Elefanten in Schlaf versetzen. Viele Menschen hat er getötet und ihre Körper im Bambuswald hinter seinem Anwesen vergraben. Doch nach einem Autounfall ist es nun schon seit Jahren mit dem Morden vorbei. Byongsus letztes Opfer war die Mutter von Unhi. Ihr gab er das Versprechen, Unhi als seine Tochter großzuziehen.

Aber nun ist er ein alter Mann, und auch wenn sein Körper noch stark ist, sein Geist verlässt ihn. Die Diagnose: Alzheimer. Stück für Stück verschwinden Byongsus Erinnerungen, immer der Reihe nach, erst die neueren, dann die älteren. Um sich selbst am Vergessen zu hindern, beginnt er, seine Erlebnisse aufzuschreiben und später mit einem Aufnahmegerät aufzuzeichnen.

Genau in dieser Zeit taucht ein Mann im Ort auf. Park Jutae. Bei einem kleinen Zusammenstoß erkennt Byongsu den anderen sofort: Dieser Kerl mit dem für die Jagd gepimpten Jeep ist wie er – ein Mörder. Könnte er etwa der gesuchte Killer sein, der seit kurzem sein Unwesen in der Gegend treibt? Byongsu will sich aus der Sache heraushalten, doch dann bekommt er einen bösen Verdacht. Ist etwa Unhi das nächste Opfer? Byongsu schmiedet einen Plan: Um Unhi zu schützen, muss er einen letzen Mord begehen.

Young-ha Kims Roman erschien bereits 2013 im koreanischen Original, nun liegt er im Cass Verlag auch in deutscher Übersetzung vor und zeigt eindrücklich, warum Kim einer der erfolgreichsten Schriftsteller Südkoreas ist und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurde. Tief taucht er ein in den Kopf des Serienkillers und erkundet aus der Ich-Perspektive, was geschieht, wenn jemand, der zahlreiche Leben geraubt hat, seine Erinnerungen verliert und das Chaos in seinem Kopf täglich größer wird. Lakonisch und emotionslos kommt der Text daher. Passend, denn der Protagonist tut sich schwer mit Emotionen. Doch immer wieder bricht auch tiefschwarze Komik durch, wenn etwa Unhi sich erkundigt, wo ihre leibliche Mutter sei, und Byongsu ihr in Gedanken antwortet, dass sie sich im Bambushain hinter dem Haus befände.

Kim bedient sich verschiedener Erzählformen, mischt Berichte, Erzählungen und Erinnerungsfetzen mit philosophischen Einschüben über Nietzsche und Literatur. In einem Lyrikkurs schreibt Byongsu über seine Morde. Der Dozent behauptet, ein Dichter sei wie ein geübter Mörder. Byongsu widerspricht. Für ihn ist Mord nur mit Prosa zu vergleichen, denn es sei viel mühseliger und schmutziger, als man denke. Doch weil der Dozent ihn gelobt habe, so Byongsu, habe er ihn am Leben gelassen.

Was ist wahr an den Berichten eines Dementen? Kann man jemandem trauen, dessen eigene Erinnerungen ihn im Stich lassen? Der in seinem Kopf gefangen ist wie in einem Gefängnis, nach dem Byongsu sich heimlich sehnt? Er, der nie geschnappt wurde in den Wirren rund um den Koreanischen Krieg? Je weiter die Geschichte voranschreitet, desto stärker tritt diese Frage in den Vordergrund, desto mehr verschwimmen Realität und Wahrnehmung von Byongsu. Geschickt weckt Young-ha Kim das Misstrauen seiner Leserschaft. Kann man Byongsus Worten wirklich trauen? Wie passend, dass es gen Ende heißt: „Beängstigend ist nicht das Böse, sondern die Zeit. Denn gegen sie sind wir alle machtlos“. Die Genres verschlingen sich. Mal ist dieses Werk ein packender Krimi, mal das Nachdenken über Leben und Tod. Fesselnd bleibt es bis zum letzten Satz.

Urteil der Jury:

“Die Rezension beeindruckt durch ihr sprachliches Niveau und die Souveränität, mit der die Autorin die Komplexität des Romans interpretiert. Schraders Verweis auf Lakonik und schwarzen Humor hat uns besonders gefallen. Die Freiheit zu eigenen Formulierungen lässt die Rezension zu einem Lesevergnügen werden.”

 


 

(© Milo Frielinghaus)

2. Platz

Lorina Speder


(*1988) studierte unter anderem Deutsche Literatur und Kunst- und Bildgeschichte in Berlin und lebt als Künstlerin, Musikerin und gelegentlich als freie Autorin in der deutschen Hauptstadt. 2018 ging sie für einen Keramik-Workshop nach Seoul und interessiert sich seitdem besonders für koreanische Literatur und Kunst (https://lorinaspeder.com/).


Gedächtniswelten eines Killers


In Young-ha Kims neu übersetztem Kriminalroman “Aufzeichnungen eines Serienmörders” überwindet der an Alzheimer erkrankte Protagonist und ehemalige Serienmörder Byongsu Kim seine Krankheit kurzfristig mit einer selbsterwählten Mission. Sie wird zu einem persönlichen Netz der Zeitebenen aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Byongsu Kim ist pensionierter Tierarzt, Vater einer adoptierten Tochter und ehemaliger Serienmörder, der Gedichte über seine Morde verfasst. Im Kriminalroman
Aufzeichnungen eines Serienmörders des koreanischen Autors Young-ha Kim schreibt der belesene Protagonist seine Gedanken nieder. Der koreanische Bestseller in Tagebuch-Manier erschien im Jahr 2013 und bescherte Young-ha Kim die “Book of the Year”-Auszeichnung der Tageszeitung Dong-a Ilbo, die in Millionenauflage gedruckt wird. Dieses Jahr veröffentlichte der Cass Verlag den Roman in einer Übersetzung von Inwon Park auch auf Deutsch.

Die LeserInnen erfahren zu Beginn, dass Byongsu Kim an Alzheimer erkrankt ist. Das macht alles kompliziert. Denn wer genau Byongsu Kim ist, erfährt man nur von ihm selbst. In seinen essayistischen Rückblenden erläutert er, dass es ihm schon immer schwerfiel, andere Menschen zu verstehen oder ihre Gefühle in Gesichtern zu erkennen. Es wird schnell deutlich, dass der 70-jährige Rentner ein Eigenbrötler ist, dessen erster Mord der eigene Vater war. Als Teenager erstickte er ihn mit einem Kissen und hatte nie Gewissensbisse. Nach eigenen Angaben tötete er anschließend neben vielen weiteren Personen auch die Eltern seiner Adoptivtochter Unhi. Knapp, distanziert und mit viel Ironie zwischen den Zeilen erinnert er sich an seine vergangenen Morde. Doch obwohl Byongsu Kims Langzeitgedächtnis ohne Lücken funktioniert, fällt es ihm immer schwerer, kurzfristige Ereignisse abzurufen. Hat er heute schon gegessen? Gehört dieser Hund im Hof zu ihm? Oft muss er vor seinem Gedächtnis kapitulieren.

Als er jedoch mitbekommt, dass eine Reihe junger Frauen in der Nachbarschaft auf brutale Weise ermordet wird, wacht er aus seiner Verzweiflung auf. Er ist sich sicher: Hier treibt ein jüngerer Rivale sein Werk. Seine Tochter wird das nächste Opfer sein. Bevor ihm sein Gedächtnis ganz abhandenkommt, beschließt der kalte Einzelgänger deshalb eine letzte Mission. Er muss verhindern, dass Unhi umgebracht wird, und plant, ihren zukünftigen Killer selbst zu töten. Mit der Mission im Hinterkopf verdrängt Byongsu Kim sogar seine von Alzheimer verursachte Depression – die zukünftigen Pläne entfernen ihn von der Gegenwart, die er verabscheut. Er setzt sie einem Nichts gleich. „Was unterscheidet einen schwer Demenzkranken von einem Tier?“, fragt er in seinen Notizen. „Nichts“, lautet seine Antwort, „Beide fressen, defäkieren, lachen und weinen, dann kommt der Tod.“

In einer großen Spannungskurve führt Young-ha Kim die LeserInnen durch die wandernden Gedanken des Protagonisten, der versucht, seine eigenen Spuren zu lesen, und seine Umwelt missversteht. Was Vergangenheit und Gegenwart sein soll, widerspricht sich in seinen Worten immer stärker. Byongsu Kim entgleist zunehmend in seine eigene Welt, in der die Zeitebenen ineinanderfließen und von seinem subjektiven Gedächtnis beeinflusst scheinen. Durch Aussagen und Behauptungen anderer Personen im Roman muss man seine Perspektive als LeserIn oft anzweifeln und weiß nicht, welchen Worten man trauen kann. Doch auch Byongsu Kim zweifelt zunehmend an seiner eigenen Wahrnehmung und wird immer hilfloser. Obwohl er sich durch seinen Gedächtnisschwund ohnmächtig fühlt, hält er bis zuletzt an seiner Mission fest. Sie wird zu einem Kampf um das Leben und den Tod, dem man als LeserIn bis zur letzten Seite beiwohnt. Das ist bewegend, dramatisch, traurig und durch den tiefschwarzen Humor des Protagonisten nicht zuletzt auch unglaublich unterhaltsam.


Urteil der Jury:

“Ein klar gegliederter, sprachlich eingängiger Beitrag. Besonders überzeugt, wie Speder Einzelheiten aus dem Roman in ihren Text einbaut und wie sie den Inhalt gerade so weit angibt, dass die Neugier geweckt ist, aber nichts verraten wird. Zudem legt sie die Wertung geschickt nahe, ohne sie plump auszusprechen.”



 

(Foto: privat)

3. Platz

Renate Bojanowski


*1959, abgeschlossenes Studium der deutschen Sprache und Literatur, arbeitet hauptberuflich als Kundenberaterin bei der Barmer, nebenberuflich seit 1991 als freie Kulturjournalistin im Raum Magdeburg und gehört zu der 13-köpfigen Autorengemeinschaft des Bücherblogs www.wortmax.de 

(Foto: privat)


3. Platz

Lisa Reß


studiert an der Freien Universität Berlin Koreastudien. Sie interessiert sich vor allem für aktuelle Politik und genderspezifische Themen in Nord- und Südkorea.


 

Bianca Kuchenbrod

(Foto: privat)

3. Platz

Bianca Kuchenbrod


absolvierte ihren Master of Arts in Buchvermarktung an der Université Paris 13 in Villetaneuse, Frankreich. Sie arbeitet als Lizenzmanagerin in einem Kinderbuchverlag und ist seit ihrer Korea-Rundreise 2017 begeistert von Land, Kultur und Küche.

 

 

WIR WÜNSCHEN ALLES GUTE UND EINEN SCHÖNEN JAHRESAUSKLANG!

 

 

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