Gesellschaft

Die Blütezeit der "Flower Boys"

Ein typischer "Flower Boy" mit makellos jugendlichem Aussehen (Foto: Lee Nam-soo (@lucluck94_Instagram) )

Ein typischer "Flower Boy" mit makellos jugendlichem Aussehen (Foto: Lee Nam-soo (@lucluck94_Instagram) )

Dass nur Frauen Make-Up tragen dürfen, ist am Beispiel der international bejubelten K-Pop-Idole schon längst widerlegt worden. Jedoch hat sich dieser Trend bisher eher auf den Bereich des Showbusiness beschränkt. Parallel zur von Frauen angestoßenen „Raus-aus-dem-Korsett“-Bewegung steigt die Zahl der Männer in Korea, die nicht das typische Klischee des kühlen, harten Mannes bedienen möchten, sondern auch zeigen, dass das Image eines „Flower Boys“ (꽃미남/ Konminam), eines Mannes mit weichen, schönen Zügen und von sanftem Wesen attraktiver ist, als man zunächst vermuten mag.

Männer, die verstärkt auf ihr Äußeres achten, sind in Korea längst keine Seltenheit mehr, insbesondere in den trendigen Vierteln der großen Städte. Pflegende Kosmetik, BB-Cream [1] und Augenbrauenstift sind Teil des Ganzen. Andere gehen mit Lidschatten und Liptint [2] sogar noch weiter. Das Bild des coolen Machos hat ausgedient. Das Ideal des zarten, perfekten, dem Vorbild japanischer Mangas entliehenen Mannes hat es interessanterweise schon im alten Korea gegeben. Mit Blick auf die Zeit zwischen dem 1. Jh. v.Chr. und dem 7. Jh. n.Chr. wird deutlich, dass das heutige Phänomen kein Neues ist. Unter den Namen „Hwarang“, der sich aus den chinesischen Schriftzeichen für Blume 花 und junger Mann 郞 zusammensetzt, waren die Männer der Militäreinheiten in der Silla-Zeit bekannt, die in Philosophie, Instrumentalmusik, Gesang oder in anderen schöngeistigen Bereichen ausgebildet wurden. Da sie unter anderem vom Schamanismus geprägt wurden, trugen sie gelegentlich auch Schminke auf. Schon damals waren die Männer dieser Militäreinheiten für ihr junges, weiches und makelloses Aussehen bekannt und verehrt worden.

In den späten 1990ern tauchte dieses Phänomen dann erneut auf. Es wird vermutet, dass infolge der Finanzkrise von 1997 und den vornehmlich gegen weibliche Arbeitskräfte ausgesprochenen Kündigungen solche Männer als (Ehe-)Partner gesucht wurden, die der weiblichen Natur ähnlicher und damit eher auf Augenhöhe waren. Seither wurde ein gewisser Druck auf Männer ausgeübt, sich den Wünschen der Frauen anzupassen. Die Zeit der sogenannten „Flower Boys“ war gekommen. Einer anderen Theorie zufolge hatten auch die bereits erwähnten japanischen Mangas einen beachtlichen Einfluss auf diese Tendenz. Hier spiegelten männliche Hauptcharaktere mit weichen Zügen und verständnisvollem, zärtlichem Wesen den Traum vieler junger Mädchen. Vor allem K-Pop-Gruppen und Schauspieler vieler TV-Dramen beförderten das Ideal des „Flower Boys“. Männer im Showbusiness werden insbesondere von jungen Mädchen verehrt – die Auswirkungen auf den Rest der männlichen Bevölkerung liegen auf der Hand.

„In Korea wurde ich ständig für meine vollen und ausdrucksstarken Augenbrauen bewundert. Frauen sagten mir, dass ich dadurch sehr männlich aussehe. Ich denke, dass diese Sichtweise den Wunsch der Männer nach volleren Augenbrauen befördert hat. Viele lassen sich ihre Augenbrauen tätowieren oder schminken sie nach. Fast all meine männlichen Freunde haben sich schon einmal ihre Augenbrauen machen lassen. Ich denke, dass die koreanischen Frauen von dem Aussehen der K-Pop-Idole beeinflusst wurden und diese Ideale auf ihre Traummänner übertragen,“ sagt ein Mann, der lieber anonym bleiben möchte.

Werbung für Make-Up- und Kosmetikprodukte an einer Drogerie (Foto: Jan Angelmahr)

Werbung für Make-Up- und Kosmetikprodukte an einer Drogerie (Foto: Jan Angelmahr)

Dazu kommt, dass fast jedes Kosmetikgeschäft mit großen Konterfeis beliebter Idole für seine Make-Up und Pflegeprodukte wirbt. Deren makellosen Gesichter suggerieren anderen Männern, es ihnen gleichzutun. Die Show „Lipstick Prince“, die seit dem 1. Dezember 2016 im koreanischen Fernsehen ausgestrahlt wird, zeigt sogar männliche Idole, die die gängigen Make-Up-Techniken erlernen und diese bei Mannequins oder Stargästen anwenden sollen. Die Showmacher erhoffen sich von diesem Programm, mit dem Klischee aufzuräumen, dass Make-Up nur etwas für Frauen sei.

„Männer greifen aus denselben Gründen zu Kosmetik-Produkten wie Frauen. Sie wollen vor allem ihr Selbstvertrauen stärken. Es gilt allgemein als attraktiv, auf sein Äußeres zu achten“, sagt der Mann, der es wissen muss. Viele Make-Up Brands haben mit der Aufstockung ihrer Kosmetik-Linien für Männer auf diesen Trend reagiert. Die Marke Erborian bietet sowohl Hautpflege- als auch Kosmetikprodukte. Laneige, The Face Shop und Tonymoly folgen dem Beispiel. Mittlerweile beläuft sich der Wert der südkoreanischen Make-up-Industrie auf über 10 Milliarden US-Dollar. 10% der Summe entfällt auf Pflegeprodukte für Männer. [3] Im weltweiten Vergleich geben koreanische Männer das meiste Geld für gutes Aussehen aus. Besonders die nach 2000 Geborenen gehen regelmäßiger zum Friseur oder zur Kosmetik, als es die Generationen vor ihnen getan haben. Dabei muss alles perfekt aufeinander abgestimmt sein. Haare, Outfit, makellose junge Haut. Gerne rundet eine Dauerwelle(파마 / pama) das Ganze noch ab, die dem Haar nur Volumen und Form verleihen soll und mit der altbackenen Pudelfrisur aus alter Zeit nichts gemein hat.

Im Allgemeinen ähneln die Trends der Männer denen der Frauen. Es werden Pastellfarben getragen, Stoffe und Muster gemixt und Outfits mit Handtaschen kombiniert. Schmuck darf auch nicht fehlen. Natürlich gibt es auch in Amerika genügend Männer, die besonders auf ihr Äußeres achten und Make-Up auftragen. Der Unterschied zu Südkorea ist jedoch, dass dort meist noch ein gewisses Dragqueen-Aussehen angestrebt wird und die Aufmerksamkeit besonders auf das Make-Up gelenkt werden soll. Koreaner bezeichnen ihr Make-Up dagegen eher als leicht und geschlechterlos und verbinden es nicht mit ihrer Sexualität. „Ich trage nur manchmal BB-Cream auf, um in meinem Gesicht gerötete Stellen oder meinen Bartschatten zu kaschieren. Es soll nicht aussehen, als würde ich Make-up tragen, sondern einfach natürlich mein Gesicht auffrischen und ebnen“, erklärt mein Gesprächspartner.

Dem Aussehen großer K-Pop-Idole wird bis zur Perfektion nachgeeifert (Foto: www.korea.net)

Dem Aussehen großer K-Pop-Idole wird bis zur Perfektion nachgeeifert (Foto: www.korea.net)

Missverständnisse gibt es trotzdem. Oft wird das Auftreten der K-Pop-Idole oder der „Flower Boys“ als „feminin“ bezeichnet, was natürlich impliziert, dass sie weniger männlich sind. Doch so sehen sie sich selber gar nicht. „Soft Masculinity“ (‚sanfte Männlichkeit‘) bedeutet, dass sie durch ihr perfektes, weiches Image eine andere Art der Männlichkeit favorisieren.
Die Vorstellung, dass „Toxic Masculinity“ (‚giftige Männlichkeit‘) und damit grobe und machohafte Männer als maskulin und attraktiv gelten, soll überwunden werden.
Zur Freude vieler Frauen übrigens.

Die Schattenseite des Ganzen ist jedoch, dass der Zwang zur Anpassung an ein bestimmtes Schönheitsideal den Druck auf die Männer erhöht. Wer nicht ins Bild passt, steht schlechter da, als manch anderer. Der erste Eindruck zählt und kann selbst im Berufsleben von großer Bedeutung sein. Eine bittere Realität aus Schönheitsregeln, die für Frauen im Übrigen schon seit Langem gelten.
Mein Interviewpartner erklärt: „Auf mir lag immer Druck, weil ich nach Auffassung meiner Verwandten nicht gutaussehend bin. Mir wurde schon des Öfteren eine Schönheitsoperation vorgeschlagen oder Diäten empfohlen. Es ist einfach so, dass Korea noch eine Gesellschaft ist, die stark auf Äußerlichkeiten achtet. Sogar das beigelegte Foto einer Jobbewerbung kann entscheidend sein, ob man eingestellt wird oder nicht.“

Aus diesen gesellschaftlichen Erwartungen resultiert leider auch eine Unzufriedenheit bei vielen Südkoreanern, die mit Make-Up nicht mehr zu kaschieren ist. Um das Aussehen der K-Pop-Idole kopieren zu können, unterziehen sich nicht nur Heerscharen von Frauen, sondern auch immer mehr Männer einem operativen Eingriff. Ungefähr 40% der durchgeführten Schönheitsoperationen werden an Männern vorgenommen. Ob sich Männer also aus innerer Überzeugung zu „Flower Boys“ entwickeln oder vielmehr einem gesellschaftlichen Zwang erliegen, lässt sich nicht mit Sicherheit sagen.

 

[1] Eine Gesichtscreme, die die Eigenschaften einer Tagespflege mit den Vorteilen einer Foundation kombiniert.
[2] Eine Art getönte Lippenpflege
[3] LONDON RUNWAY. https://londonrunway.co.uk/2019/02/13/gendered-beauty-how-south-korea-is-challenging-our-perception-of-male-beauty-standards/ (Febr. 2019)


 

Bild von Vanessa Hinzz

Foto: Seo Myeongji

Vanessa Hinz

studiert seit 2016 Koreastudien an der Freien Universität Berlin. Sie interessiert sich besonders für die Mode Koreas.

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