Kaleidoskop

DIE EWHA WOMANS UNIVERSITY

Kapelle und Welch-Ryang Auditorium (li.), Eingang zum ECC (re.)

Kapelle und Welch-Ryang Auditorium (li.), Eingang zum ECC (re.) (Fotos: Emina Hrustic)

Wie lebt und studiert es sich an einer Frauenuniversität?

 

Vielen Koreainteressierten dürfte die Ewha Womans University, auch „Ewha“ genannt, ein Begriff sein. Schließlich taucht die renommierte Seouler Frauenuniversität in Serien, Fernsehshows und gelegentlich auch in den Nachrichten auf. Einige haben vielleicht schon einmal den bewundernden Ausruf: „오, 이대 나온 여자다! gehört, was so viel bedeutet wie: „Oh, sie ist von der Ewha Womans University!“. Aber was ist eigentlich so besonders an der Ewha? Und inwiefern unterscheidet sie sich von deutschen Universitäten?

Die Ewha Womans University ging aus der 1886 von der US-amerikanischen Missionarin Mary F. Scranton gegründeten ersten modernen Schule für Frauen hervor und hat sich im Laufe der Jahre zur Frauenuniversität mit dem umfassendsten Studienangebot des Landes entwickelt. Der Name wurde der Universität im Jahr 1887 von Kaiser Gojong (reg. 1864-1907) verliehen. Ewha bedeutet wörtlich übersetzt „Birnenblüte“. Dieser Name wurde laut zahlreicher Legenden vom Kaiser gewählt, weil die Universität auf einem Feld mit Birnbäumen errichtet wurde. Die Birnenblüte ist seitdem auch auf dem Logo der Universität und auf sämtlichen ihrer Merchandising-Produkte abgebildet. Das „Womans“ im Namen wird oft irrtümlich als Rechtschreibfehler angesehen. Eine Theorie besagt jedoch, dass die Originalbezeichnung „Ewha Woman University“ lautete, da es zum Zeitpunkt ihre Gründung als Lehrraum nur eine Studentin namens Kim buin gab. Sie war eine Konkubine, deshalb wurde sie nicht bei ihrem Vornamen genannt, sondern als „buin“ (,Madam‘) bezeichnet. Später, als die Universität mehr Studentinnen aufnahm, wurde nur ein „s“ angehängt, um an den Originalnamen zu erinnern und zu verdeutlichen, dass jede Studentin individuell ist. Die Universität hat sich die stetige Weiterentwicklung und Förderung der Bildungsmöglichkeiten für Frauen zur Aufgabe gemacht und verbindet diese Intention mit den drei Tugenden Wissen, Güte und Schönheit.

Blick auf den Ewha Campus Complex

Blick auf den Ewha Campus Complex

Ihr Herzstück bildet der 2008 erbaute Ewha Campus Complex (ECC). Darin befinden sich neben den zahlreichen Vorlesungsräumen unter anderem auch ein Kino, mehrere Restaurants, ein Minimarkt, ein Fitnessstudio und eine große Bibliothek. Den Studierenden werden neben einem breitgefächerten Studienangebot auch verschiedenste Freizeitaktivitäten und Orte zum Entspannen geboten. Das majestätische Gebäude, das an ein Gewächshaus erinnert und Koreas größter umweltfreundlicher unterirdischer Komplex ist, wird wegen seiner besonderen Bauweise in den meisten Reiseführern als Touristenattraktion beworben und gehört zu einem der beliebtesten Fotomotive.

Aber kommen wir nun zu den wirklich wichtigen Fragen: Sind an der Ewha wirklich nur weibliche Studierende? Die Antwort ist: Ja und Nein. Ja, da die ortsansässigen, immatrikulierten Studierenden ausschließlich Frauen sind. Bei den Studierenden aus dem Ausland sieht das etwas anders aus und muss somit mit „Nein“ beantwortet werden. Im internationalen Austauschprogramm der Ewha beträgt der Anteil der Männer, die pro Semester aufgenommen werden, um die 30 Prozent. Sie wohnen, so wie die weiblichen Studierenden auch, im Internationalen Wohnheim (I-HOUSE), jedoch wird hier darauf geachtet, dass sie möglichst auf ihren eigenen Etagen bleiben. Ausländische Studierende haben, verglichen mit ihren koreanischen Kommiliton*innen, trotz einiger Vorschriften im Wohnheim, sehr viel Freiraum. Es gibt weder eine Ausgangssperre, noch wird darauf geachtet, wann sie weggehen oder wiederkommen. Das erzeugt etwas Neid bei den Koreanerinnen. Diese müssen vor Mitternacht zurück sein oder, wenn sie mal abends ausgehen wollen, bis 5 Uhr morgens warten, um ins Wohnheim zurückkehren zu können. Auch der Rückweg gestaltet sich für sie viel schwieriger.

Doppelzimmer im C-Block des I-HOUSE

Doppelzimmer im C-Block des I-HOUSE

Das 2016 eröffnete E (,,Ewha")-HOUSE und das Hanwoori House, die von den einheimischen Studierenden bewohnt werden, liegen auf einem Berg und sind am einfachsten mit dem Shuttlebus zu erreichen, der zwischen 7:50 Uhr und 23:30 Uhr im 10-Minuten-Takt über den Campus fährt. Ein Spaziergang zum Wohnheim ist natürlich eine Alternative, dauert den meisten aber zu lange und ist vor allem im Winter beschwerlich, wenn der Weg nicht nur steil, sondern auch extrem rutschig ist.

Was also tun, wenn man nach dem Lernen oder Ausgehen nicht mehr ins eigene Zimmer kann?

Für diejenigen, die fleißig in der Bibliothek gelernt haben, besteht die Möglichkeit, über Nacht dort zu bleiben und weiterzulernen oder auf den Tischen zu dösen. Die Partygänger versuchen oft, bis zum Morgengrauen durchzuhalten und dann mit dem ersten Shuttle zurück nach Hause zu fahren. Wer kein so großes Durchhaltevermögen besitzt, schleicht sich manchmal in das ECC und schläft auf den Treppen über der Samsung Hall. Die zahlreichen 24/7-Cafés in der Nachbarschaft bieten zusätzliche „Übernachtungsmöglichkeiten“ und werden daher auch sehr gern besucht. Wenn die lange Nacht überstanden ist, geht es für einige direkt zum Unterricht. Auf dem Weg zur Vorlesung wird noch ein Wachmacher in Form von Kaffee oder etwas Süßem gekauft.

E-House (Foto: Ewha Residence)

E-House (Foto: Ewha Residence)

Die Vorlesungsblöcke unterscheiden sich mit 90 Minuten zeitlich nicht sonderlich von denen an deutschen Universitäten, die Pausen sind jedoch mit nur 15 Minuten recht knapp bemessen. In dieser kurzen Zeit schaffen es die Teilnehmer*innen kaum, etwas zu essen, geschweige denn, vom Shinsegae Building (dem BWL-Gebäude) zum Gebäude der Rechtswissenschaften, welches sich auf dem Berg befindet, zu kommen. So werden Campusbesucher schon einmal Zeuge, wie so manche*r Studierende ohne Rücksicht auf Verluste vorbeihastet. Andere nehmen das Ganze gelassener und besorgen sich noch in aller Ruhe einen zweiten Iced Coffee, den sie später genüsslich in der Vorlesung schlürfen. An der Ewha leben viele nach dem Motto: „lieber entspannt und etwas zu spät, als gestresst und pünktlich“. Bei dem schnelllebigen und anstrengenden Alltag, der auf das Studium folgt, ist das vielleicht gar keine so schlechte Einstellung.

Von Stress ist bei koreanischen Studentinnen auch vor den Fahrstühlen in den einzelnen Lehrgebäuden nichts zu spüren. Da, wo an Schulen und Universitäten in Deutschland ein regelrechter Kampf um einen Platz im Fahrstuhl tobt, stellen sich die Kommilitoninnen aus Korea seelenruhig in eine Reihe und warten. Ob sie in den ersten oder in den dritten Stock fahren müssen oder sich verspäten, ist offensichtlich egal. Es wird gewartet. Dieses disziplinierte Anstehen ist auch in anderen Situationen in Korea zu beobachten; Warteschlangen geduldig aufgereihter Menschengruppen vor Bussen, U-Bahnen oder Restaurants faszinieren den Betrachter und haben Vorbildcharakter.

Ewha Campus Complex in der morgendlichen Frühlingssonne

Ewha Campus Complex in der morgendlichen Frühlingssonne

Ein weiterer Unterschied zur Lern- und Lebenspraxis an deutschen Hochschulen besteht in der Konzentrierung der Prüfungs- und Abgabephase auf die letzte Semesterwoche, was für die ausländischen Studierenden ungewohnte Anstrengung und Umorientierung bedeutet, da sie es gewöhnt sind, die Last des Lernens auf das gesamte Semester zu verteilen.

Studierende aus dem Ausland machen die gleiche Erfahrung wie alle Neulinge überall in der Welt: Auf die Eingewöhnung folgt die Vertrautheit, und mit der Vertrautheit wird die Zeit in der Fremde zum Impuls für Neues - mit Langzeitwirkung auch nach der Rückkehr in heimatliche Gefilde.

Bild von Emina Hrustic

Foto: privat

Emina Hrustic

studiert seit 2015 Koreastudien an der FU Berlin und macht zurzeit ihren Master. 2017 bis 2018 war sie im internationalen Austauschprogramm der Ewha Womans University. Sie interessiert sich besonders für die Entwicklung und Veränderung der koreanischen Sprache.

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