Kunst

„Die Frauen in meinen Bildern sind alle meine Mutter“

Im Gespräch mit dem Maler Ukn Lee über Erinnerung, Abschied und Neubeginn

Mutter I, 100 x 95cm, Öl auf Leinwand, 2012 
Das Bild von Ukn Lee hängt in dem koreanischen Restaurant "JoLee" in Berlin

Das wichtigste Bild von Ukn Lee hängt in dem koreanischen Restaurant JoLee in Berlin. Beim Betreten dieses ansprechend designten Raums fällt es unmittelbar ins Auge, hebt sich ab von der tiefgrünen Wand, fasziniert geschützt hinter Museumsglas, als ruhte es oder thronte gar, als sei es dem lärmenden Geschehen freudig plauschender Gourmets enthoben. „Mutter I“ lautet der Titel, 2012 ist es entstanden. Die Geschichte hinter dem Bild bewegt.

Ukn Lee war zwei Jahre alt, als seine Mutter verstarb, und je länger er an diesem Abend über sein Leben, seine Arbeit, seine Gedanken erzählt, umso deutlicher wird, wie schmerzlich präsent der Verlust bis heute ist. „In meiner Familie wurde über den frühen Tod meiner Mutter nicht gesprochen, weil es in der traditionellen koreanischen Gesellschaft nicht vorgesehen war, dass eine Frau vor ihrem Mann starb. Ich selbst hatte keine Erinnerung an sie, es gab keine Memorabilien, das Thema war mit einem Tabu belegt.“ Als Ukn Lee viel später, im Alter von 24 Jahren schließlich vom Schicksal seiner Mutter erfuhr, war das ein „Schock“.

Heute ist er Anfang fünfzig und hat vor drei Jahren zum ersten Mal ein Foto von seiner Mutter gesehen - das einzige Foto, das es von seiner Mutter gibt - im Miniaturformat zumal. Sein Vater hatte es ein halbes Jahrhundert lang bei sich getragen - und ein halbes Jahrhundert lang darüber geschwiegen. Ukn Lee hat es abgemalt, auf 95 x 100 cm vergrößert und in Öl auf Leinwand verewigt. Sämtliche Informationen auf seiner Website verbergen sich hinter diesem Bild. Ein Klick auf den Künstlernamen führt den Besucher zu „Mutter I“. Niemand kommt vorbei an diesem Bild. Er hat es verkauft – dennoch. An die Besitzerin des JoLee, eine Freundin. Es diene als Schutzengel und ersetze auch der Freundin eine leibliche Mutter – symbolisch versteht sich. 

Menschenraum, 72 x 91 cm, Öl auf Leinwand, 2007-2013

Das Gesamtwerk des Malers wird von einer Farbenvielfalt dominiert. „Bunt bedeutet Lebensfreude. Mein Leben ist nicht immer leicht“, sagt Ukn Lee, „meine Gedanken sind oft schwer, aber in meinen Bildern möchte ich das Gegenteil zum Ausdruck bringen; alles soll hell und leicht sein. Ich möchte den Betrachtern etwas Positives vermitteln, das ist meine Botschaft als Künstler.“ Ukn Lee verändert seine Bilder, indem er sie übermalt - „Pentimenti“ nennt sich diese Technik. Deshalb malt er vornehmlich in Öl.

„Ich möchte, dass Kunst immer lebendig bleibt, denn Lebendigkeit ist Ausdruck für die Energie unseres Lebens“, erklärt er. „Im Laufe der Jahre male ich immer wieder viele Schichten übereinander. Manchmal sehe ich ein altes Bild nach 10 Jahren wieder und übermale es dann mit anderen Farben und Figuren.“ Da auch der Galerist WangHohmann in Wiesbaden um die Vorliebe für diese Technik weiß, hat er vor Beginn der zweiten großen Solo-Ausstellung von Ukn Lee im September/Oktober dieses Jahres die Gemälde früh genug in Berlin abholen lassen, vorsichtshalber… Und eine junge Studentin konnte von Glück sagen, dasselbe Bild, das sie einst gesehen und nicht mehr vergessen hatte, 10 Jahre später unverändert vorzufinden und endlich kaufen zu können.

Die Bilder entstehen auf der Vorlage von Fotos, vielfach auf Reisen. Es fällt auf, dass Ukn Lee vornehmlich Gruppenbilder malt, vielfach in Rückansicht. Eine Gruppe symbolisiere für ihn die Gesellschaft, erklärt er. Sie sei quasi der Gegenentwurf zu einer zunehmend individualisierten und weniger im Verbund lebenden Gesellschaft – er prognostiziert eine Verstärkung dieser Tendenz und hofft zugleich, er möge Unrecht behalten. Seine Gruppen versteht er als Interessens- und Schicksalsgemeinschaft, die gemeinsame Ziele und Gedanken haben. Sein Faible für die rückwärtige Ansicht habe vielleicht mit seinem Charakter zu tun, mutmaßt er: „Von Angesicht zu Angesicht entsteht eine Spannung, aber wenn ich als Betrachter im Rücken der Menschen stehe, kann ich das Geschehen beobachten.“ Und genau das will er: beobachten.

Im weiteren Sinne bedeutet dies für Ukn Lee auch, die Fehler der Nachkriegsgeneration in Korea zu ‚beobachten‘, sie zu analysieren, das Tempo des rapiden Wirtschaftswachstums in seinem Land zu drosseln, das diese Generation vorgelegt und ‚weitervererbt‘ hat. An diesem Punkt wird die Rückansicht in seinen Bildern gewissermaßen zu einer philosophischen Haltung. Die erste Gruppe/Generation solle vorausgehen und „wir als Nachfolger müssen sie genau beobachten und möglichst langsam hinterhergehen.“

Heimreise, 100 x 60 cm, Öl auf Leinwand, 2012

Ukn Lee ist jemand, der es ruhig mag. Das Malen ist zuweilen ein einsamer Prozess. Er schätzt diese Zurückgezogenheit und hat wenig Sympathien für Menschenmengen, Lärm und Hektik. „Seoul ist krank und verrückt“ hat er einst gesagt und wiederholt es nun. „Ich habe fast 30 Jahre in dieser Metropole gelebt, aber heute kann ich es dort nicht einmal mehr drei Tage aushalten. Die Stadt ist viel zu laut, man kann dort keine Gedanken entwickeln.“ Ungeachtet dessen fliegt er etwa zweimal jährlich für einige Monate nach Korea, um dort zu arbeiten. Sein Atelier liegt weit außerhalb vom Zentrum Seouls und hat sechs Meter hohe Wände – für die ganz großen Bilder.„In Korea kann man nicht ‚nein‘ sagen. Der Kollektivgedanke prägt die Gesellschaft, man ist ständig mit Kollegen zusammen, geht fast jeden Abend zusammen essen und trinken. Ich kann das nicht, deshalb lebe ich lieber in Deutschland.“

Eines seiner Bild trägt den Titel „Heimreise“ und impliziert vielleicht eine biblische Bezugnahme? Es zeigt Jesus, vielleicht auch einen Jünger, die Mutter Gottes mit Heiligenschein, andere Personen, vielleicht auch den Tod – eine kleine Gruppe. Es sei ein wenig schwierig zu erklären, welche Botschaft sich hinter dem Bild verberge. Seine großen Themen seien immer Mutter und Kind und die Gruppe als Symbol der Gesellschaft. Beide Themen finden sich auch hier in Gestalt der Mutter Gottes und der von Jesus sowie in der Darstellung der Kleingruppe wieder. „Ich bin zwar Christ, fühle mich aber auch dem Buddhismus sehr verbunden. Das deutet auf mein grundlegendes Problem hin, immer in einem Spannungsverhältnis zwischen zwei Dingen zu stehen. Ich habe mit Korea und Deutschland zwei Heimaten, fühle mich zwei Religionen zugehörig, schwanke stark zwischen Positiv- und Negativenergien. Mein Wunsch wäre es, aus diesen zwei Welten eine Einheit zu bilden.“ Heimreise bedeute Weggehen von etwas und zugleich auch Rückkehr, nach Hause kommen, sagte er. Auf die Frage, was Heimreise, Heimat, nach Hause kommen für ihn bedeute, antwortet er: „Die Mutter“.

Immer wieder kehrt er dorthin zurück. „Die Frauen in meinen Bildern sind alle meine Mutter und die anderen Figuren sind alle ich. Trotzdem meine Mutter tot ist, habe ich sie mein ganzes Leben lang beschützt.“ Wäre es nicht denkbar, dass auch der Vater für ihn Heimat bedeutet? „Nein. Niemals.“ Warum nicht? „Ehrlich gesagt: Es mangelt Männern an Emotionen und an Geistigkeit. Als Künstler missfällt mir diese Inhaltsleere. Über meine Kunst und meine Arbeit habe ich vor allem mit Frauen gesprochen. Männer verstehen das nicht und wollen es auch nicht wissen. Sie sind nicht neugierig, nicht sensibel genug. Sie sind nicht am Detail interessiert. Sie sind das Haus, das Gerüst, das Außen. - Vielleicht ist das auch gut so.“

Mutter II, 100 x 95cm, Öl auf Leinwand, 2012

Die Nähe zu seiner Mutter scheint ihn zu beschweren, zu beengen. Das Bild „Mutter II“, ebenfalls aus dem Jahr 2012, ist ein Versuch der Befreiung. „Ich möchte endlich fröhlich sein und meine Mutter vergessen. Umgekehrt soll auch meine Mutter mich vergessen, wir müssen uns endlich loslassen, Abschied nehmen.“ Das Bild ist die Wiederaufnahme des Motivs von „Mutter I“. Die Hälfte des Gesichts ist mit koreanischen Schriftzeichen beschrieben. Es sind Worte des Dankes und Worte des Abschieds. „Ich wünsche mir, dass die Spannung zwischen uns wegfällt, damit ich mich auch als Künstler öffnen, frei sein und andere Motive malen kann, z.B. Landschaften und keine Menschen mehr. Ich möchte das schon so lange!“

Ukn Lee spricht über die alten Meister und Vorbilder Piero della Francesca und Fra Angelico, über die Prägung durch seinen Lehrer und Meister Norbert Tadeusz, den die fröhlichen Farben und das Leichte in den Bildern seines Schülers an Ronald BrooksKitaj erinnerten und der ihn gern zu sich nach Düsseldorf geholt hätte. Ukn Lee wollte lieber eigene Wege gehen, sich auch an dieser Stelle lösen von jemandem, der „wie ein Vater für mich“ war.

Vom 12. September bis 31. Oktober läuft seine zweite große Einzelausstellung in der Galerie WangHohmann - contemporary east asian art - in Wiesbaden. Er wünscht sich, dass seine Kunst auf alle Betrachter positiv wirkt. Und sonst? „Wenn ich in Korea ausstelle, kommen ganz viele Leute, aber sie reden nur sehr wenig über die Kunstwerke, die sie betrachten. Hier in Deutschland ist das ganz anders. Die Besucher kommen und sind wissbegierig, fragen ständig nach, was sich hinter den Bildern verbirgt. Das finde ich toll! Ich wünsche mir diese Art der Resonanz.“ 

Im Anschluss an die Vernissage schwärmte die Galerie: „Die Akzeptanz war durchweg positiv. Viele sprachen von einer weiter gewachsenen, positiven Offenheit in den Bildern, die in Farbe und Darstellung zum Ausdruck komme. Ein großer Teil der Gäste suchte zudem das direkte Gespräch mit dem Künstler, um mehr über Motiv und Technik zu erfahren.“ Damit war ein Wunsch schon in Erfüllung gegangen. „Staunen löste hier insbesondere der Auftrag von Öl auf seidenem Malgrund aus, ein Verfahren, das für viele gänzlich unbekannt war“, schrieb der Galerist.

Seide erinnere Ukn Lee an die traditionelle koreanische Kleidung Hanbok, erklärt er während unseres Gespräches in Berlin. Vielfach verwende er Seide als Grundlage, die er dann übermalt. Und auch dieses Mal findet sich der Bezug zu seiner Mutter, die in der Seide symbolhaft als schützende Grundlage anwesend ist. Seine Kunst gefällt. Die Kenner seiner Arbeiten erfreuten sich nach Ausstellungsbeginn an den „Naturelementen" in den Bildern, die „in den beinahe durchweg figurativen Darstellungen bisher keinen Platz hatten“. Sie lobten auch die „Erweiterung in den außerstädtischen Raum“, bzw. das „Hereinbrechen der Natur in die Stadt“, berichtet die Galerie weiter.

Ist das der Beginn des Abschieds von einem großen Thema? Vielleicht geht ja bald ein anderer Wunsch in Erfüllung.

Das Gespräch führte Dr. Stefanie Grote

Redaktion Kultur Korea

Ukn Lee (Mitte) mit Besuchern der Vernissage anlässlich seiner Einzelausstellung in der Galerie 
WangHohmann - contemporary east asian art - in Wiesbaden am 12. September 2015 
(Alle Fotos: © Galerie WangHomann)

Weiterführende Informationen:

http://uknlee.de

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