Fotografie: Korea im Sucher der Kamera

Die Geschichte hinter dem Ort

Im Gespräch mit dem Fotografen-Duo Andrea Vollmer und Michael Kuchinke-Hofer über
DIE NEUEN 새로운 부류  Porträts aus der Welt in Südkorea

 

Heute, am 11. Februar 2021, wäre der ursprünglich geplante Eröffnungstermin der 71. Berlinale gewesen. Das Filmfestival war Impulsgeber und Ausstellungsort für unsere fotografische Arbeit, über die nachfolgend berichtet wird. Aus diesem Anlass veröffentlicht das Koreanische Kulturzentrum unsere Fotos an diesem Tag.  Andrea Vollmer & Michael Kuchinke-Hofer

Foto: Fotografenduo Andrea Vollmer und Michael Kuchinke-Hofer

                                                                                                                    „DIE NEUEN - 새로운 부류“ ist eine Gemeinschaftsarbeit des Fotografenduos Andrea Vollmer und Michael Kuchinke-Hofer. Seit 2016 arbeiten sie gemeinsam an fotografischen Projekten, die sich im Spannungsfeld zwischen erzählerischer und inszenierter Fotografie bewegen. Neben ihrer professionellen Tätigkeit als FotografIn verbindet sie die Leidenschaft für den koreanischen Film. (Porträtfoto: ©️Andreas Meichsner)

Fasziniert von den „einfühlsamen, poetischen, ästhetisch-künstlerischen Filmen des koreanischen Kinos” hat sich das Fotografen-Duo Andrea Vollmer und Michael Kuchinke-Hofer 2019 für vier Wochen auf Spurensuche nach Seoul und Busan begeben. Diese Zuweisung zarter Attribute im Intro des Katalogs zu ihrer Ausstellung DIE NEUEN 새로운 부류  mag diejenigen Fans der Szene irritieren, die mit dem koreanischen Kino vor allem exzessive Gewaltorgien international bekannter Regisseure von Bong Joon-ho über Park Chan-wook bis zu dem noch posthum streitbaren Kim Ki-duk - allesamt Preisträger der weltgrößten Filmfestivals von Cannes über Venedig bis Berlin - assoziieren. Und ja, im Unterschied zum amerikanischen Film sei die Gewaltdarstellung hier „kein Mittel zur Unterhaltung, sondern kreiert eine Verstörung, die nicht mehr vergeht”, erklärt Andrea Vollmer und könnte es nicht treffender formulieren - aber nein, „koreanisches Kino ist eben mehr als das.”

House of Hummingbird (2018) unter der - noch immer allzu spärlich vertretenen - weiblichen Regie von Kim Bora habe Vollmer und Kuchinke-Hofer zu Tränen gerührt - der Ehrlichkeit und Ruhe, der Poetik wegen. Auch Burning (2019) und Poetry (2010) des preisgekrönten Lee Chang-dong überzeugten wegen der sensiblen Erzählweise, und wer wollte dem gleichfalls großen Hong Sang-soo je Gewaltfantasien unterstellen? In Another Country (2012) steht ebenso wie On the Beach at Night Alone (2017) oder The Woman Who Ran (2020) für das andere koreanische Kino, für das poetische Pendant.

Einen anderen Bezug als das Interesse am Kino des fernöstlichen Landes hatten die beiden Filmfans aus Berlin zu Korea bis dato nicht. So überwog denn auch die Neugier auf das Unbekannte die Enttäuschung über das Internationale Filmfestival in Busan (BIFF), das mangels ausländischer Gäste weniger international war, als es qua Namensgebung zu sein verspricht. Aber Korea wäre nicht Korea, würde es den Gästen aus Deutschland nicht einen Dolmetscher exklusiv zur Seite zu stellen, um die Übersetzung des Gesprächs mit der Filmcrew im Anschluss an die Filmvorführung sicherzustellen. „Wir haben uns gefühlt wie VIPs”, schmunzelt Kuchinke-Hofer und wirkt überzeugend glücklich, als einer der beiden einzigen Europäer im Saal einfach „dabei gewesen” zu sein.

So wohnt dieser Unvoreingenommenheit der Annäherung wohl auch der Zauber einer Offenheit inne, die Überraschung, Entdeckung und Staunen bereithält. Das Fotografen-Duo aus Berlin hat sich mit seiner Reise an die Schnittstelle zwischen Korea und den Rest der Welt begeben. Im Fokus des Interesses standen fünf junge, in Seoul ansässige Filmschaffende unterschiedlicher Herkunft - DIE NEUEN - von denen Vollmer und Kuchinke-Hofer fotografische und persönliche Porträts geschaffen haben, um Antworten zu finden auf die Frage nach ihrem Bezug zum koreanischen Film. Es ist eine fotografische Annäherung an die Personen und damit auch an das Land im fernen Ostasien, ein Umweg also gewissermaßen - von Italien und Deutschland über Indien und Kenia nach Korea.

Die italienische Regisseurin Marta Irene Giotti

                                                                                                                                                                                      

Die Porträts sollen an Orten in Seoul entstehen, die für die Betreffenden von persönlicher Bedeutung sind. Die Geschichte hinter dem Ort erzählt von der Person, die ihm Signifikanz verleiht. Die beiden Projektverantwortlichen geben die Posen nicht vor, legen Wert auf Natürlichkeit. So entscheidet sich die italienische Regisseurin Marta Irene Giotti für die Gegend namens „Homohill” - oder auch „LGBTQ Street” genannt - in dem bunten Ausgehviertel Itaewon als Ort ihrer Wahl für das Fotoshooting. Als sie 2015 nach Seoul kam, was dies „der erste Ort, an dem ich neue Freundschaften geschlossen und Begegnungen mit interessanten Menschen aus der ganzen Welt hatte. Es ist ein Ort, an dem man sich frei fühlen kann, sich ausdrücken kann, ohne von der Gesellschaft beurteilt zu werden.” Vielleicht wählt sie diesen Ort auch deshalb, weil viele ihrer koreanischen Freunde nach Berlin gezogen sind, um dem Leistungsdruck in Korea zu entfliehen und freier leben zu dürfen. Es ist nicht immer leicht in Korea, und als Nicht-Koreanerin Teil der Filmszene zu werden, ist noch viel weniger leicht, weiß sie aus Erfahrung. Sie will dennoch bleiben, trotz aller Hürden. „Für mich hat Seoul etwas sehr Filmisches. Aus dem Blickwinkel einer Fremden will ich den Menschen zeigen, wie schön und vielschichtig diese Stadt ist.”

                                                                                                                                                                                          

Porträt der italienischen Regisseurin Marta Irene Giotti

                                                                                                                                                                                                                                                                        Marta Irene Giotti, Regisseurin, Italien I Homohill, Itaewon, Seoul (Alle Fotos: Die Neuen ©️Andrea Vollmer Michael Kuchinke-Hofer)

Der Schauspieler Anupam Tripathi aus Indien lebt seit 2010 in Korea und will so lange bleiben, bis er als Schauspieler volle Anerkennung erfährt. Für ihn ist Korea zur 2. Heimat geworden, er liebt das Land, schaut nachts auf die koreanische Flagge und ist damit auch seiner 1. Heimat nah. Die Darstellung seines Konterfeis zeigt Schärfen und Unschärfen und spiegelt damit sein Wesen im Wechselmodus zwischen Offenheit und Selbstzweifeln. Damit gelingt den Könnern hinter der Kamera eine Abbildung ohne Schauspiel und Inszenierung. „Wir wollten Momente finden, in denen die Personen nah bei sich sind oder nah an dem, was sie uns erzählt haben”, erklärt Kuchinke-Hofer.

Die koreanische Flagge bei Nacht

                                                                                                                                                                                        

Der indische Schauspieler Anupam Tripathi

                                                                                                                                                                                                                                                                        Anupam Tripathi, Schauspieler, Indien I Cheonjangsan Mountain; Campus Korea National University of Arts, Seoul

Den Kontakt zu Marta und Anupam hat die Deutsche Anna Rihlmann vermittelt, die bereits seit längerem in Kontakt zu Vollmer und Kuchinke-Hofer stand und selbst eine der „NEUEN” ist, die im Ausstellungskatalog porträtiert werden. Als sie Deutschland 2015 verließ, war sie die erste Deutsche, die an einer koreanischen Universität Schauspiel studierte. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert, „auch Studierende aus anderen Ländern sind vielfach immer noch die Ersten”, sagt der Profi-Fotograf aus Berlin. Anna Rihlmann gibt sich jedoch optimistisch, wenn Sie einen rasanten gesellschaftlichen Wandel hin zur Multikulturalität konstatiert und hofft, als Teil dieser kleinen neuen Gruppe ausländischer Filmschaffender einen anderen Blick auf Korea werfen zu können. Sie erinnert sich, im Café prominent in Szene gesetzt worden zu sein, wann immer es galt, Korea den Anschein von Weltoffenheit zu verleihen. Und so öffnet sich denn auch der 4-fache Oscar-Abräumer Parasite für die Welt, wenn Bong Joon-ho die Rolle der Mutter einer deutschen Familie am Ende des Films mit Anna Rihlmann besetzt: „Mein Knie ist zwei Sekunden lang zu sehen!” - immerhin!

Die in Korea lebende deutsche Schauspielerin Anna Rihlmann

                                                                                                                                                                                      

Die in Korea lebende deutsche Schauspielerin Anna Rihlmann

                                                                                                                                                                                                                                                                        Anna Rihlmann, Schauspielerin, Deutschland I Insadong, Seoul

Genau diese Momentaufnahme einer sich wandelnden Gesellschaft wollte das Berliner Duo durch diese Außensicht auf Inneres einfangen, dokumentieren und ergründen, inwiefern junge ausländische Filmschaffende diesen Prozess der Transformation und Öffnung befördern und was sie antreibt, Teil dieser Gesellschaft werden zu wollen. „Warum geht ein indischer Schauspieler, der in Bollywood Karriere machen könnte, nach Korea?”, fragt sich Kuchinke-Hofer. Oder der Kenianer Ochieng Joshua Wera, der an der Korea National University of Arts Film studiert hat und die Storyorientierung und „großartige Struktur” des koreanischen Mainstream-Films bewundert. „Ich glaube an gut aufgebaute Geschichten”, sagt er und bewundert das „Engagement für das Filmemachen unter koreanischen Regisseuren, Autoren, Kameraleuten und anderen am Prozess beteiligten Personen”[1]. Auf dem „Platz der Digital Media City“ lässt er sich ablichten. Sein Büro ist vis à vis, dort bleibt er manchmal über Nacht, weil der Arbeitstag zu lang war und der Heimweg es dann auch wäre... 

Kenianer Ochieng Joshua Wera

                                                                                                                                     

Kenianer Ochieng Joshua Wera

                                                                                                                                                                                                                                                                        Ochieng Joshua Wera, Regisseur, Kenia I Digital Media City, Seoul

Schatten liegt auf dem Gesicht des Regisseurs Kwangjin Lee, der das Quintett der Porträtierten um die Sicht eines Koreaners bereichert und seine Beziehung zum koreanischen Film als Freundschaft, aber auch als „Berg” bezeichnet, „über den ich klettern muss.” Bereits in seinem ersten Film „Zwischen ihm und ihr” nutzt er das Medium als Vehikel, mit der Thematisierung von homosexuellem Begehren zugleich ein Tabu zu berühren. So dürfte der rasante gesellschaftliche Wandel neben der Öffnung für kulturelle Vielfalt sukzessive auch einen Weg aus der gesellschaftlichen Enge ebnen. Heraus aus dem Schatten?

Regisseur Kwangjin Lee

                                                                                                                                                                                   

Apropos…, die Fotografen tauchen die Gesichter uns das gesamte „Fotoobjekt” bildsprachlich in Licht und Schatten - und in Gelb. „Akzente generieren Spannung und Neugier. Wir wollten farbiges Licht zum Teil der Ästhetik machen, um einen filmischen Charakter zu entwickeln”, sagt Michael Kuchinke-Hofer. Gelb finde sich farblich in der Pigmentierung menschlicher Haut wieder, in dunklerer ebenso wie in hellerer, Gelb sei dem Menschen nah und unterstreiche Authentizität, Gelb entstelle nicht und bilde zugleich einen Kontrast zu Dunkelheit und Blau, das durch die Außenaufnahmen in Gestalt eines blauen Himmels vielfach schon vorgegeben war. Und Gelb sei nicht Grün, das ungesund wirke, erklärt das Profi-Duo diesen fotografischen Kunstgriff. So dürfte die Ausstellung DIE NEUEN  새로운 부류 im City Kino Wedding/Berlin Anfang 2020 dann über den Umweg der Porträts das Interesse am koreanischen Kino und der Filmszene befördert haben, sind sich beide in Reaktion auf die positive Resonanz einig.

Regisseur Kwangjin Lee

                                                                                                                                                                                                                                                                        Kwangjin Lee, Regisseur, Südkorea I Studio Metafiction, Seoul

So bleibt die Frage, wie kraftvoll der Impuls tatsächlich ist, der von dieser internationalen und jungen Generation ausgeht und wie groß ihr Einfluss auf das Filmschaffen in Korea? „Die Filmindustrie vor Ort ist sehr dominant und stark, die Öffnung noch zaghaft, die Impulse klein”, resümiert Andrea Vollmer. Durchaus hoffnungsfroh skizziert sie jedoch die Idee, in einigen Jahren nach Korea zurückzugehen, das Projekt zu wiederholen und am Beispiel derselben Personen zu bilanzieren, ob DIE NEUEN noch die Alten’ sind oder nunmehr nicht mehr die Ersten…

 

[1] Aktuell sind Anupam Tripathi und Ochieng Joshua Wera in dem südkoreanischen Science-Fiction-Film Space Sweepers auf Netflix zu sehen.

 

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