Kunst

Die Kunst, eine Debatte auszulösen

                                 Die Biennale in Gwangju (1. April – 9. Mai 2021) im Zeichen der Pandemie

Kangseung Lee, QueerArch, 2019, installation view at Hapjungjigu, Seoul, (© Cheolki Hong)

Ursprünglich war die Eröffnung der ältesten und größten Biennale für zeitgenössische Kunst Asiens in der südkoreanischen Stadt Gwangju für vergangenen September geplant. Im Herbst wurde die 13. Ausgabe dann auf Februar verschoben. Nun eröffnete sie in physischer Form am 1. April mit dem Titel „Minds Rising, Spirits Tuning“, den man etwa mit „Gedanken wachsen, Geister erheben sich“ übersetzen kann. Das Event finden an vier Orten der südkoreanischen Stadt statt: in der Gwangju Biennale-Ausstellungshalle, im Gwangju National Museum, im Gwangju-Theater und im Gemeinschaftskunstraum „Horanggasy Artpolygon“ auf dem Yangnim-Berg. 

Im Hauptausstellungsraum, der „Biennale Exhibition Hall“ beschäftigen sich die koreanischen Kunstschaffenden Ming Joung-ki (Maler), Lee Gap-chul (Fotograf) und die interdisziplinären Künstler Kim Sang-don und Moon Kyung-won mit unvollendeten und unterdrückten Ereignissen der koreanischen Geschichte. Hier werden auch die rituellen Sitten des koreanischen Schamanismus dargestellt, die sich insbesondere auf die Rolle weiblicher Schamanen fokussieren, die solche Handlungen und Vorgänge wie kollektives Trauma, patriarchalische Gewalt und Krankheiten heilen können. Verwandtschaftliche Beziehungen werden nicht nur zwischen Menschen, sondern jenseits der menschlichen Welt gesucht, beispielsweise auch in der Landschaft der koreanischen Halbinsel. Zeremonielle Amulette, illustrierte Handbücher, Faltbilder und Artefakte wurden von den Sammlungen des Museums für Schamanismus und des Gahoe-Museums für Volksmalerei in Seoul geliehen. 

Im Gwangju National Museum zeigt eine Ausstellung das Spannungsfeld zwischen Leben und Tod. Es geht hier um mögliche Vorstellungen vom Tod und des Lebens nach dem Tod, Reparation spiritueller Objekte, die manifesten Grenzen des Körpers sowie die Darstellung von Trauerritualen durch in Auftrag gegebene Werke von Theo Eshetu, Trajal Harrell, Gala Porras-Kim und der chilenischen Dichterin und Künstlerin Cecilia Vicuña. Von der vergänglichen Aura eines Blumenmandalas von Chrysanne Stathatos bis zur Einsamkeit einer Wüstennekropole von Ali Cherri werden künstlerische und historische Werke, Verbindungen zwischen Vorfahren, Visionen des Jenseits, Abbildungen von Krankheit und Heilung untersucht.

Gap-Chul Lee, Trace of Wishes, Sancheong, 1993; Shaman, Taean, 1992, from the Conflict and Reaction series, exhibition view 13th Gwangju Biennale, 2021 (© Sang tae Kim)

Judy Radul greift das Thema visuelle Wahrnehmung auf. Sie stellt das Konzept des „Bildes“ als solches in technologischer und biologischer Hinsicht in Frage, indem sie Wärmebildkameras eines Live-Orchesters im 85 Jahre alten Gwangju-Theater zeigt, Koreas ältestem Kino, das immer noch in Betrieb ist. Ihre Installation inszeniert den Versuch, eine Technologie zu „entführen“, die normalerweise im Zusammenhang mit Waffen, Grenzkontrollen, mechanischer Inspektion, Fieber-Scanning oder bei Geisterjagden auftritt. Fotomontagen von Zofia Rydet, die zwischen 1975 und 1979 entwickelt wurden, treten mit der Filmgeschichte des Theaters in Dialog, indem sie surrealistische Visionen mit Einblicken in den Alltag des polnischen Kommunismus verbinden.

Yangnim Berg steht als Symbol für verschiedene Perioden der Geschichte, von der japanischen Kolonialisierung und dem antikolonialen Widerstand über die christliche Missionierung auf der koreanischen Halbinsel bis hin zum geopolitischen und militaristischen Einfluss der Vereinigten Staaten. Diese Phasen lassen sich anhand der gut erhaltenen Beispiele traditioneller koreanischer Architektur, der während der Kolonialzeit als Luftschutzbunker gegrabenen Höhlentunnel und der Gedenkstätte für Missionare nachvollziehen. Die Biennale-Ausstellung entfaltet sich in den Räumlichkeiten eines Gemeinschaftskunstraums namens „Horanggasy Artpolygon“, der sich auf einem heiligen Berg befindet, der früher als Ort für Himmelsbestattungen diente und inzwischen ein christlicher Friedhof ist. Neben den jüngsten Arbeiten von Patricia Domínguez, Sahej Rahal und Kim Sang-don werden neue Aufträge von Korakrit Arunanondchai und Sissel Tolaas zu sehen sein.

Artistic Directors of the 13th Gwangju Biennale 2021,
Defne Ayas (li.) and Natasha Ginwala (© choi.ok.soo).

 

Beide Kuratorinnen der diesjährigen Biennale-Ausgabe, Natasha Ginwala und Defne Ayas, leben in Berlin. Ginwala arbeitet derzeit als Kuratorin am Martin-Gropius-Bau und leitet das Colomboscope Festival in Sri Lanka. Die Istanbulerin Defne Ayas war Direktorin des Witte-de-With-Zentrums für zeitgenössische Kunst in Rotterdam, bevor sie als Kuratorin die V-A-C-Foundation übernahm. Sie verbrachten zwei Wochen in Quarantäne, nachdem sie nach Südkorea geflogen waren, um die Biennale vorzubereiten. Doch sie wollten „ein Beispiel dafür geben, wie man heute solche Events macht, um diesen Moment zu unterstützen und darauf zu reagieren“, sagten die Kuratorinnen in unserem Interview, das virtuell im März 2021 stattfand.

Können wir darüber sprechen, wie Sie als Kuratorinnen zur Gwangju-Biennale eingeladen wurden?

Natasha Ginwala: Im Januar 2019 wurden wir beide gebeten, eine Einreichung zu machen. Den Ansatz haben wir sehr ernstgenommen, weil uns ja die Dynamik und Komplexität dieser großen Ausstellungen bewusst ist. Also trafen wir uns in Berlin, haben diskutiert und im Februar vor zwei Jahren unser Konzept eingereicht. Im März machten wir unsere erste Reise nach Korea und hatten zu diesem Zeitpunkt bereits gewisse Vorstellung von unseren Aufgaben und dem Arbeitsverlauf, der letztlich auch zwei Jahre in Anspruch nahm.

Wie unterscheidet sich die Gwangju-Biennale von ähnlichen Veranstaltungen in Europa und den USA?

Defne Ayas: Die Biennale zeichnet sich durch ihre politische Agenda aus: Sie schöpft ihre Energie aus dem Erbe des Gwangju-Aufstands [1] und wurde 1995 teilweise als lebendiges Denkmal für dieses politische Ereignis gegründet. Alle zwei Jahre beginnt mit dem Event eine Diskussion über die traumatische Erfahrung sowie eine Debatte über die den Ort der Veranstaltung. Dieses Erbe unterscheidet die Gwangju-Biennale von vielen Veranstaltungen im Westen. Ein weiterer Aspekt ist die besondere politisch-kulturelle Lage des Landes. Südkorea bleibt ein Stellvertreter in den geopolitischen Agenden von Amerika, China, Russland und Japan. Gleichzeitig ist das Land selbst sehr hierarchisch, patriarchalisch und besitzt eine sehr formale Kultur; das alles regt zahlreiche Diskussionen über Hyperkapitalismus, Neoliberalismus, Korruption, Geschlechterkorrelationen und sogenannte Rassen an. Und das Militär und die Finanzoligarchie sind ja auch noch da. Die Biennale wird lange damit zu tun haben, diese Aspekte der gesellschaftlichen Entwicklung anzusprechen.

Sangdon Kim, Cart, 2021, exhibition view 13th Gwangju Biennale, 2021 (© Sang tae Kim)

Haben Sie schon an anderen Projekten in Korea teilgenommen?

Defne Ayas: Es ist mein erstes Mal in Korea, obwohl ich der zeitgenössischen koreanischen Kunst seit einiger Zeit folge. Beispielsweise habe ich den Live-Auftrag „Cinemagician“ von Jung Yeon-doo unterstützt, den er gemeinsam mit dem Promi-Magier Lee Eun-gyeol bei „Performa“ in New York 2009 realisierte. Ebenfalls war ich für die 8. Ausgabe der Gwangju-Biennale beratend tätig, die damals von Massimiliano Gioni kuratiert wurde. 

Was können Sie zum Konzept der aktuellen Biennale sagen?

Natasha Ginwala: Wir haben uns vorgenommen, das gesamte Spektrum vom „Denkvermögen“ unter Berücksichtigung der organischen (Mensch) und der nicht-organischen (Maschine) Intelligenz zu untersuchen. Wir stellen Fragen wie etwa „Was ist die wahre Natur der Intelligenz?“; „Können wir Überlebensstrategien von lebenden Organismen und mikrobiellen Wirkstoffen lernen und wie sehen diese aus?“; „Wohin gehen wir in unserer Koevolution mit künstlicher Intelligenz?“  

Defne Ayas: Wir sind von der Arbeit der Philosophin Catherine Malabou inspiriert. Die Französin beschäftigt sich seit mehr als zwei Jahrzehnten konsequent mit dem Begriff der Plastizität, indem sie sowohl die Erkenntnisse und Theorien von Hegel und Freud sowie aktuelles Wissen der Kognitions- und Neurowissenschaften verwendet. Besonders der Begriff der kollektiven Intelligenz beschäftigt uns, und die Frage, was der aktuelle Forschungsstand über die Funktionsweise des Gehirns ist. Wir wollten, dass die Biennale zu einer Plattform wird, die über die in der westlichen Moderne verwurzelten Untersuchungen hinausgeht und die Fortschritte der Neurowissenschaften für die Geisteswissenschaften anspricht.

Natasha Ginwala: Viele dieser Themen, mit denen sich die Biennale befasst − theoretisches, wissenschaftliches, physisches, klangliches und spirituelles Vokabular in Strategien der Dissidenz, der kollektiven Intelligenz und der kommunalen Heilung − haben wir schon vor der Covid-19-Pandemie besprochen, in der heutigen Zeit haben sie sogar noch an Relevanz gewonnen.

Wie haben Sie die Kunstprojekte ausgewählt? 

Natasha Ginwala: Wir haben nach künstlerischen Praktiken gesucht, die hybride und interdisziplinäre Allianzen ermöglichen. Deshalb suchten wir Künstler/innen aus, deren Arbeiten diese Ideen verkörpern. Alle Künstler/innen standen bereits im Januar 2020 fest, und seitdem arbeiten wir zusammen, also schon mehr als ein Jahr. Insgesamt haben wir 69 Teilnehmer/innen, also eine kleine Gruppe im Vergleich zu anderen Biennalen, darunter auch Philosophen/ Philospohinnen, Aktivisten/Aktivistinnen und Journalisten/Journalistinnen. Es ist eine bewusste Strategie, die uns vom Konzept „Kunst um der Kunst willen“ entfernt.

Dafne Ayas: Es kamen einige neue Projekte dazu, die sich auf die Veränderungen während der Pandemie sowie auf die Reaktionen von Politikern beziehen. Nehmen wir zum Beispiel die Skulpturen von Cian Dayrit, sein Ensemble militärischer Utensilien, die Teil einer größeren Installation sind. In diesem Werk hat er das Antiterrorgesetz und die Militarisierung als Auswirkung der Pandemie auf den Philippinen gezeigt. Ana Prvačkis Arbeit ist eine Antwort auf die performativen Begrüßungscodes, die Maskierungscodes, die Verschönerung der Maske und die Frage des Wohlbefindens, die in ganz Asien auf verschiedene Weise politisiert wurde und mit der Pandemie noch weiter polarisiert. Lynn Hershman Leeson entwickelte in Zusammenarbeit mit dem Wyss Institute for Biological Inspired Engineering in Harvard ein Projekt über kunststofffressende Bakterien und Enzyme. Leider musste es wegen der Schließung des Campus unterbrochen werden.

Minds Rising, Spirits Tuning, exhibition view 13th Gwangju Biennale, 2021, works by Min Joung-Ki, Outi Pieski, John Gerrard, and relics from the The Museum of Shamanism (© Sang tae Kim)

Gerade wird viel über Klimaneutralität und Umweltschutz diskutiert. Was ist Ihre Meinung zur Nachhaltigkeit? 

Dafne Ayas: Minds Rising, Spirits Tuning ist eine gemeinsame Initiative, um diese Arten des sphärischen Denkens zu nutzen und auf eine sozial und ökologisch wünschenswerte Weltethik auszurichten. Wir bemühen uns um ein tieferes Verständnis der inneren Beziehung zwischen Heilung, Dissens und Erneuerung. Um ein konkretes Beispiel von der Gwangju-Biennale zu nennen: Wir arbeiten mit unserem Architekten Diogo Passarinho an einer räumlichen Sprache. Ein entscheidender Aspekt der Architektur der Biennale ist unsere Absicht, nachhaltige Strategien in ihre Gestaltung einzubeziehen. Die Materialien sollen nach Ende der Show an die Stadt zurückgegeben werden. Bei ihrer Auswahl wurde die CO2-Bilanz berücksichtigt. Um Ihnen ein Beispiel zu geben, wir haben eine fast 200 m² große Galerie, in der 90% der Wände aus Jute bestehen, einem pflanzlichen Textil aus Naturfasern.

Welchen Einfluss haben neue Technologien auf die zeitgenössische Kunst? 

Dafne Ayas: Intelligenz als Thema bezieht sich ja auf körperliche, technologische und spirituelle Intelligenz und versucht, dynamische Aspekte des gemeinschaftlichen Geistes und seines künstlerischen und restaurativen Potenzials in aktuellen Kämpfen um soziale Gerechtigkeit hervorzubringen. Die Künstliche Intelligenz ist schon da und im Begriff, die Menschen zu verändern. Künstler/innen sind dabei, diesen andauernden Prozess zu interpretieren. Künstlerische Vorschläge greifen auf maschinelles Lernen zurück und befassen sich mit dem, was über die algorithmische Wahrnehmung hinausgeht, wie Daten unterschiedlich verwendet und geformt werden und wie die Relationen zwischen physisch und virtuell, online und offline, privat und öffentlich umstrukturiert werden. John Gerrards Beschäftigung mit neuronalen Netzen und tiefem Lernen sowie Ana María Milláns Übung zum Aufbau virtueller Welten verstehen beide als Mittel zur Räumlichkeit der narrativen Logik und zur Chronisierung ökologischer Prekarität, geschlechtsspezifischer Disparität und staatlich geführter, militaristischer Gewalt. Ein weiteres Beispiel sind die schematischen Lexika von Kate Crawford, Vladen Joler und Matteo Pasquinelli, die wir präsentieren, um die komplexen Netzwerke menschlicher Arbeit, Datenextraktion, Vermögensverteilung und die Erschöpfung des Planeten durch Raubbau aufzuzeigen.

Emo de Medeiros, Vodunaut (Hyperdiver), 2021, exhibition view 13th Gwangju Biennale, 2021 (© Sang tae Kim)

Welche Herausforderungen haben Sie gemeistert, welche Ergebnisse wollen Sie erreichen? 

Natasha Ginwala: Es gibt so viele unsichtbare Schritte, die sich etwa auf die Verwaltung logistischer Probleme wie Outsourcing, Angebote und Ausschreibungen beziehen. Wir mussten uns mit einem enorm bürokratischen System auseinandersetzen, das durch die Pandemie und die daraus resultierenden Verzögerungen bei den Eröffnungsterminen noch verschärft wurde. Das hatte natürlich Auswirkungen auf unser Budget und die Buchhaltung. Wir haben eine völlig neue Art der kuratorischen Leitung gemeistert: Über die Distanz von sieben Ländern, von Hongkong bis Indonesien, von Sri Lanka bis Berlin und von Marseille bis Mailand. Jedes Teammitglied saß vor einem Computer, wir mussten die physischen Veranstaltungen virtuell koordinieren. Es ist bedauerlich, dass viele Teilnehmer/innen aufgrund strenger Quarantäneanforderungen nicht nach Südkorea reisen können. 

Defne Ayas: Oft werden wir gefragt, ob die Kunst uns retten kann. Das glaube ich nicht. Kunst kann aber einen Grundstein für die Neuformulierung von Wissen legen, Ungerechtigkeiten hervorheben, Debatten auslösen. Dies ist bereits ein Ergebnis für sich.

 

[1] Demokratiebewegung in der Stadt Gwangju, die am 18. Mai 1980 begann und von der Regierung gewaltsam niedergeschlagen wurde. Der Aufstand gilt als Meilenstein für die Demokratisierung Südkoreas. 

 

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