Historisches

Die „ungekrönte Kaiserin von Korea“

Interview mit Dr. Sylvia Bräsel
 

Besuch Gouverneur Truppel bei Frl. Sontag in Korea

Sie haben in den letzten Jahren zu einer Reihe von Persönlichkeiten der deutsch-koreanischen Beziehungsgeschichte wie Karl Gützlaff, Johann Bolljahn, Siegfried Genthe oder Mirok Li publiziert. Frauen spielten hier kaum eine Rolle. Warum stand nun auf einmal mit Marie Antoinette Son(n)tag eine Frau im Mittelpunkt?

Rein faktisch gesehen ist die Aufarbeitung der spezifischen Rolle einer Frau in dieser historischen Zeitspanne in Korea schon eine Besonderheit. Denn vor ca. 120 Jahren spielten westliche Damen in Seoul in der Regel höchstens als Ehefrauen von Diplomaten, Kaufleuten oder Experten eine marginale Rolle. Andererseits waren diese Damen aber im kolonialen westlichen Denken der Zeit auch das „unterlegene Geschlecht einer überlegenen Rasse“ in Ostasien. Das eröffnete manchen Freiraum vor Ort. Frl. Marie Antoinette Sontag, die hinter den Kulissen auch politischen Einfluss im Vorfeld der japanischen Kolonialisierung zu nehmen versuchte, war weder eine Weltenbummlerin, die öffentlichkeitswirksam männliche Domänen eroberte, noch pflegte sie einen exotischen Lebensstil im Sinne einer Femme Fatale wie etwa Isabelle Eberhardt (1877 – 1904). Zugleich verstand sie aber ihre Position geschickt für ihre Eigeninteressen zu nutzen. Ohne Aufsehen zu erregen, setzte sie auf traditionelle „weibliche Waffen“: Fürsorge und Kochkunst. Zudem habe ich parallel die Reiseerinnerungen einer weiteren Frau kritisch ausgewertet: Emma Kroebel (vgl. NOAG, Bd. 187-188, Hamburg 2012, S. 283 -239). Kroebel vertrat ein Jahr Frl. Sontag als Hofzeremonienmeisterin. Ihr Buch „Wie ich an den Koreanischen Kaiserhof kam“ (1909) bietet sowohl einen „westlichen weiblichen Blick“ auf das Wirken und die Persönlichkeit von A. Sontag wie die historische Situation in Korea am Vorabend der Kolonialisierung durch Japan. Als Historikerin habe ich darüber hinaus Zeitdokumente und andere wissenschaftliche Quellen ausgewertet, die die politische Situation in Korea im Verhältnis zu Japan, Russland und China bzw. westlichen Staaten in dieser Epoche behandeln. Übrigens fanden sich in Publikationen sogar Hinweise auf Gesuche von deutschen Damen, die sich (ca. 1900) um einen Platz im Harem des Kaisers von Korea bewarben!

Weshalb blieben einige wichtige Stationen des außergewöhnlichen Lebensweges von Frl. Son(n)tag so lange „weiße Flecken“?

Die unterschiedlichen Quellen, die ich ausgewertet habe, vermitteln das Bild einer überaus durchsetzungsfähigen, geschäftstüchtigen und mit Raffinesse kühl agierenden Dame, die sich im Zeitalter kolonialer Bestrebungen und eines westlichen Überlegenheitsdenkens, das vorrangig von Männern geprägt wurde, zu profilieren wusste. So wie Alma Schindler-Mahler-Gropius-Werfel ihre Tagebücher bewusst vernichtete, verstand es Antoinette Sontag, persönliche Daten wie politische Netzwerke und geschäftliche Strategien von Anfang an zu verschleiern. Das hatte zur Folge, dass Frl. Sontag zwar zu den prominenten Persönlichkeiten der Frühzeit der deutsch-koreanischen Beziehungen gehört, jedoch in zeitgenössischen Reiseberichten wie anderen Quellen überwiegend nur Vermutungen über ihre Person (bis hin zum Alter!) zu finden sind. Ihre Herkunft, ihre Lebensdaten und auch ihr weiterer Lebensweg nach ihrer Rückkehr aus Korea blieben deshalb im Dunkeln. Auch Beiträge von Koreanern bzw. Koreanisten vermitteln leider zum Teil nur ein vages Bild, das mehr von Vermutungen statt Fakten geprägt ist. So mag es nicht verwundern, dass sich um keine andere Person in der nunmehr rund 130-jährigen deutsch-koreanischen Beziehungsgeschichte so viele Spekulationen und Legenden ranken, wie um diese außergewöhnliche Frau, die als „ungekrönte Kaiserin von Korea“ bezeichnet wurde.

Zur Person von Antoinette Sontag gibt es – wie Sie schon sagten – zahlreiche Legenden. Wo vermuten Sie die Gründe für diese Spekulationen?

Seriöse Archivarbeiten sind äußert aufwendig und verlangen Geduld, Sachkenntnis und viel Gründlichkeit, besonders wenn in verschiedenen Ländern recherchiert werden muss. An der Erforschung des Lebensweges von A. Sontag habe ich mit Unterbrechungen ca. 10 Jahre gearbeitet. Eine spannende Story, die eine Legendenbildung befördert, verkauft sich dagegen naturgemäß schnell und gut, besonders wenn politische Klischees und Vorurteile damit bedient werden können. So wurde im Falle der in einem internationalen Umfeld agierenden A. Sontag sogar das Gerücht kolportiert, dass sie russische Agentin oder sogar Doppelagentin gewesen sein soll, wenn auch ohne die erotische Exotik und das tragische Ende einer Mata Hari (1876 – 1917). Dafür finden sich bisher weder in westlichen noch in russischen Quellen Belege.

Welche Bücher, Quellen oder Ereignisse brachten Sie auf die richtige Spur?

Ich habe viele Akten und Zeitzeugnisse im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes und im Stadtarchiv Radebeul ausgewertet. Auch Aufsätze von Koreanisten und Reiseberichte habe ich gelesen. Darüber hinaus habe ich russischen Quellen und zugängliche Archivmaterialien studiert. Über den deutschstämmigen russischen Diplomaten Carl von Waeber, der im heutigen Radebeul bei Dresden 1910 verstarb, hatten sich Hinweise auf eine Familie Maack gefunden. Da Eugenie von Waeber eine geborene Maack ist, war also eine enge familiäre Verbindung  zu A. Sontag ausgeschlossen. Frl. Sontag konnte also nicht die Schwester von Eugenie von Waeber sein. Die ebenfalls aus dem Baltikum stammende Familie Maack hat jedoch bedeutende Persönlichkeiten hervorgebracht, die in russischen Lexika verzeichnet sind. Marie Antoinette Sontags Schwester Marie Pauline heiratete in eben diese Familie Maack ein. Frl. Sontag wird in russischen Quellen – im Gegensatz zu koreanischen Veröffentlichungen – deshalb auch zutreffend als „entfernte Verwandte“ bezeichnet.

Gab es ein Schlüsselerlebnis, das letztlich den Durchbruch für die Aufarbeitung von Leben und Wirken von Frl. Son(n)tag brachte?

Bei Archivarbeiten in Cannes im März 2013 fand ich in Adressbüchern der dreißiger Jahre Hinweise auf eine Familie de Maack, die eine Villa mit dem Namen „Au Matin calme“ (Morgenstille) in einem vornehmen Viertel von Cannes bewohnte. Die imposante Villa existiert heute leider nicht mehr.  Die Recherchen, die ich ohne Sponsoring durchgeführt habe, brachten vor Ort den „Durchbruch“. Die Volkszählung in Cannes aus dem Jahre 1921 listete alle Bewohner der Villa „Morgenstille“ auf: als Eigentümerin war Marie Antoinette Sontag vermerkt. Da auch die verwandtschaftlichen Beziehungen, Staatsangehörigkeiten und Geburtsorte aller Bewohnern (u.a. Eugenie von Waeber, geb. Maack, Pauline Maack, geb. Sontag, Yi Eiu Woon) akribisch erfasst wurden, war das Rätsel nun endlich gelöst. Weitere Archivmaterialien gaben mir Auskunft zum Erwerb, Umbau der Villa und zur Grabstätte von A. Sontag, die 1921 mit „ewiger Konzession“ für den berühmten Friedhof „Du Grand Jas“ in Cannes von der ehemaligen Hofzeremonienmeisterin am Koreanischen Kaiserhof (so auch die Grabinschrift) erworben wurde. Als ich dann am 4. März 2013 mit meiner Tochter Pamela vor dem Grab stand, konnte ich mein Glück kaum fassen und möchte allen Unterstützern meiner Forschungsarbeiten in Berlin, Radebeul/ Dresden, Erfurt, Moskau, Aubure, Cons-la-Grandville, Cannes und Paris an dieser Stelle herzlich danken. Mein besonderer Dank gilt der Nachlass-Verwalterin der Familie de Maack-Sontag, die mir private Fotos und ein Bild der Villa zu Forschungszwecken zur Verfügung stellte.

Was macht diese Frau, die durch ihr Wirken kulturelle Grenzen überwand, noch heute so interessant?

Frl. Sontag überschreitet auf spezifische Weise von Anfang an Grenzen. Das gilt sowohl für Standes-Schranken, finanzielle Beschränkungen sowie Begrenzungen von Kulturen und Mentalitäten. Doch der ungewöhnliche Aufstieg einer westlichen unverheirateten Frau am Koreanischen Kaiserhof um 1900 erscheint im Rückblick zugleich als Resultat eines eisernen Willens, eines überlegten Tatendrangs bzw. kulturellen Anpassungsvermögens, verbunden mit Cleverness in ökonomischen, politischen wie persönlichen Fragen im Kontext imperialer Bestrebungen. Die Familiengeschichte, die durch die Linie Georgi Maack fortgesetzt wurde, da auch die Schwester Pauline Maack, geborene Sontag, kinderlos blieb, dokumentiert zudem auf eindrucksvolle Weise eine gelungene Integration von Migranten in eine andere Kultur und Gesellschaft durch Fleiß und Engagement. Diese „Brückenbauer“ sind ein wichtiges Bindeglied zur Verständigung zwischen den Kulturen und damit für heutige globale Herausforderungen bedenkenswert.

                                                                                                                                       Das Interview führte Gesine Stoyke
                                                                                                                                                       (Redaktion Kultur Korea).



 

Foto: privat

Dr. Sylvia Bräsel lehrt als Literaturwissenschaftlerin & Kulturhistorikerin an der Universität Erfurt und hat sich durch zahlreiche wissenschaftliche Publikationen zur koreanischen Literatur und Kultur sowie literarische Übersetzungen (Ko Un, Hwang Tong-gyu, Kim Young-Ha, Oh Tae-Suk etc.) ausgewiesen. 1996 erhielt sie den Übersetzerpreis der Daesan-Foundation in Seoul. Von 1992 bis 1996 war sie im Auftrag des DAAD an der Yonsei Universität in Seoul tätig. Sie ist Fachberaterin für moderne koreanische Literatur an „Kindlers Literatur Lexikon“ und wurde 2009 von der DKG e.V. mit dem Mirok Li – Preis ausgezeichnet.

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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