Sonderausgabe 2020

Doppelte Heimaten im Quadrat

Arbeiterinnen einer Textilfabrik
Alle Fotos / Film Stills („Meine Brüder und Schwestern im Norden“): © KUNDSCHAFTER FILMPRODUKTION 

 


Die Filmemacherin Cho Sung-Hyung über die Annäherung an Fremdes auf Zelluloid
 

Auseinandersetzung mit Dringlichem geschieht bekanntlich auf vielfältigste Weise; manche schreiben Gedichte, andere diskutieren, wieder andere meditieren und Cho Sung-Hyung dreht Dokumentarfilme. Sie spiegelt Stationen ihres Lebens in Korea und Deutschland, und sie tut es auf beseelte, geradezu liebevolle Weise mit pietätvollem Humor und einem ausgeprägten Gespür für Zurückhaltung und eindringliche Pausen. 

Seit 1990 lebt sie im Raum Frankfurt, aber heimisch geworden ist sie dort erst viel später. Gewöhnung an Fremdes braucht Zeit. 2006 dreht sie Full Metal Village, einen Dokumentarfilm über das 1800-Seelen-Dorf Wacken in Schleswig-Holstein. Sie kontrastiert alternde Schwestern beim Kaffeekränzchen auf dem heimischen Sofa mit Tausenden harter Jungs beim weltgrößten Heavy-Metal-Festival im gleichen Ort, schneidet den lieblichen Gesang des Heimatchors gegen das Gebrüll der Metalfans und versöhnt die Extreme im Bild, wenn die harten Jungs lustvoll zur Blasmusik der Dorfkapelle rocken. Erstmals in der Geschichte des Ophüls-Preises wurde mit Full Metal Village ein Dokumentarfilm ausgezeichnet. Die Jury kam 2007 zu dem Schluss, dass die Regisseurin damit ein „faszinierendes Bild deutscher Identität“ entworfen habe. “Nach dem Film hatte ich das Gefühl, endlich in Deutschland angekommen zu sein”, sagt Cho Sung-Hyung.

Meine Brüder und Schwestern im Norden - Cho Sung-Hyung

Filmplakat 

Mit dieser späten mentalen und emotionalen Ankunft in ihrer zweiten Heimat rückt die Frage nach der Bedeutung ihrer ersten Heimat Südkorea ins Blickfeld, der sie sich 2009 mit Endstation der Sehnsüchte nähert - einem Film über deutsch-koreanische Paare, die ihr Berufsleben in Deutschland, ihr Rentenalter jedoch im „Deutschen Dorf” (독일 마을) auf der südkoreanischen Insel Namhae verbringen und auf „ein Leben in zwei Heimaten” zurückblicken. Die Parallele zur eigenen Biografie liegt nah. „Heimat ist ein Singular, aber im Zuge der Globalisierung gibt es immer mehr Menschen, die sich irgendwo an neuen Orten niederlassen und in neue Kulturen einfinden müssen. Für diese Menschen gibt es nicht die eine Heimat.“ Das Leben in zwei Welten zwingt zur Vereinigung von Gegensätzen: Kimchi und Bratwurst, Buddha und Gartenzwerge, Hanok und Fachwerkhaus.

Cho Sung-Hyung will die Dinge begreifen, ihnen nah kommen, den Zoom auf einen Mikrokosmos richten, um auch vom Detail ein scharfes Bild zu erzeugen. Das schafft Intimität, Vertraulichkeit. Mit ihrer Ankunft 1990 war sie von der ersten Stunde Zeitzeugin der innerdeutschen Wiedervereinigung und wollte den Prozess der Zusammenführung verschiedener Vergangenheiten und Gegenwarten verstehen. „Ich habe realisiert, dass ich viel zu wenig über Ostdeutschland wusste. Während meines gesamten Studiums der Kunstgeschichte und Film-/Medienwissenschaft in Marburg gab es keinerlei Berührung mit DDR-Filmen. Ich hatte eine eklatante Bildungs- und Erfahrungslücke”, gesteht die Filmemacherin, die heute als Professorin an der Hochschule der Bildenden Künste Saar in Saarbrücken Media Art & Design lehrt. 

Mit ihrem Dokumentarfilm Verliebt, Verlobt, Verloren aus dem Jahr 2015 nähert sie sich diesem Teil Deutschlands und einem weiteren Thema von persönlicher Dringlichkeit: Nordkorea. „Die deutsche Wiedervereinigung hat mich gelehrt, dass Ostdeutschland ein Teil von Deutschland ist, und das bedeutet für mich, dass Nordkorea ein Teil von Korea sein wird, wenn es je zur Wiedervereinigung kommt.” Verliebt, Verlobt, Verloren erzählt die Geschichte junger nordkoreanischer Studenten, die zur Zeit des Koreakrieges (1950-1953) zur Ausbildung in die DDR entsandt wurden, um die hier erworbenen Kenntnisse nach Kriegsende in der Heimat für den Wiederaufbau einsetzen zu können. Es ist aber vor allem die Geschichte ihrer Liebesbeziehungen zu (ost)deutschen Frauen, die sie trotz Verlobung und Familiengründung zurücklassen mussten, als sie Anfang der 60er Jahre nach Nordkorea zurückbeordert wurden - für immer. Ein „Heimatfilm” über berührende Schicksale vor dem Hintergrund des großen Weltgeschehens. „Bei den Dreharbeiten habe ich viele Parallelen zwischen der Sozialisation dieser quasi vaterlosen Kinder in der DDR und meiner Jugend im Südkorea der 60er/70er Jahre entdeckt - von paramilitärischen Übungen im Handgranaten-Weitwurf bis zur ideologischen Ausprägung des Kollektivgedankens”, erzählt Cho Sung-Hyung. „Wir haben oft gelacht, weil es so viele Gemeinsamkeiten gab.”

Unter dem Aspekt der friedlichen Revolution ist die deutsch-deutsche Wiedervereinigung so einzigartig und vorbildhaft, wie sie unter dem Aspekt der „Eingemeindung Ostdeutschlands” als kleine Schwester des großen Bruders für viele Ostdeutsche wenig ideal verlaufen ist. „Die Protagonistinnen des Films waren zur Wendezeit etwa 50 Jahre alt und haben infolgedessen ihre Arbeit verloren - alle und auf ewig! Das ist ein gewaltiger Einschnitt in die Biografie eines Menschen”, skizziert die Regisseurin Erfolge und Misserfolge dieses historischen Ereignisses auch mit Bezug auf die Lehren im Fall einer Wiedervereinigung Koreas.

Apropos…, das sei keine leichte Sache, insbesondere wegen der machtpolitischen Ambitionen der Großmächte USA, China, Russland, ist Cho Sung-Hyung überzeugt. Der Handlungsspielraum sei für Südkorea eben deshalb begrenzt. „Ein Alleingang ist nicht möglich, aber wir sollten uns mit Mut und Entschlossenheit für eine friedliche Koexistenz mit Nordkorea einsetzen und diese Position gegenüber den Großmächten durchsetzen.” Aus Sicht der Filmemacherin läuft die Abschottungspolitik der internationalen Gemeinschaft gegenüber Nordkorea ins Leere. Sie glaubt an einen Wandel durch Interaktion.

Massentanz

Massentanz 

Mit ihrem Film Meine Brüder und Schwestern im Norden aus dem Jahr 2016 ist sie dieser Überzeugung gefolgt und hat den Kontakt gesucht. Sie wollte den Alltag der „ganz normalen Menschen” abbilden. Die Auswahl der Protagonist*innen und inhaltliche Absprachen vor Drehbeginn erfolgten mit der nordkoreanischen Filmproduktionsfirma Korfilm. Bereits während der Dreharbeiten wurde das Material vom Kulturministerium des Landes gesichtet und mit wenigen Ausnahmen - darunter verwackelte Kameraeinstellungen vom nordkoreanischen Machthaber oder die Nahaufnahme eines in Nordkorea gefertigten, aber als „Made in China” gelabelten und exportierten Produkts - freigegeben. Als die Regisseurin nach abschließender Begutachtung des fertiggestellten Materials die vom Ministerium monierte Aufnahme einer ärmlich wirkenden Frau aus technischen und finanziellen Gründen nicht mehr entfernen wollte, hat die nordkoreanische Seite das akzeptiert.  

Mehrfach ist die ambitionierte Dokumentarfilmerin nach Nordkorea gereist, um den Film zu realisieren. Nahezu unüberwindbar sind die von beiden Koreas errichteten bürokratischen Hürden für eine Südkoreanerin, in Nordkorea einen Film zu drehen. Deshalb ist Cho Sung-Hyung heute Deutsche. „Es war ein seltsames Gefühl, als mein südkoreanischer Pass ungültig gestempelt wurde, ich habe das Geräusch noch immer in den Ohren. Inzwischen fühle ich mich damit aber wohl, und wenn ich nach Südkorea fliege, ist Südkorea Teil meiner alten Heimat, und wenn ich nach Nordkorea fliege, ist Nordkorea Teil meiner alten Heimat. Als Deutsche habe ich Südkorea nicht verloren, sondern beide Koreas dazugewonnen. Ich bin also Deutsche und Gesamtkoreanerin.”

Als solche hat sie sich eben jenen „ganz normalen Menschen” während der Dreharbeiten sehr vertraut gefühlt und eine patriotische Seite in sich entdeckt, von der sie bis dato nichts wusste. Auch ihre Gegenüber haben nach Überwindung einer ängstlichen Scheu zu Beginn das Korsett der staatlich verordneten Selbstkontrolle abgelegt und dank der Emotionalität des Augenblicks der Begegnung mit einer „Schwester aus dem Süden” durch ungebremste Freude, Herzlichkeit und Verbundenheit ersetzt. „Am heiligen Berg Paektusan fühlten sich die Nordkoreaner irgendwie sehr frei.” Diese Bilder lassen ebensowenig Zweifel an der ungetrübten Euphorie über ein gemeinsames Fotoshooting wie die Szene im Wohnzimmer einer nordkoreanischen Familie beim gemeinsamen Essen und Plausch mit der Regisseurin. Cho Sung-Hyung gelingt es durch Zurückhaltung, Natürlichkeit und Augenhöhe, diese Authentizität des Erlebens einzufangen und eine Art der Vertrautheit zu spiegeln, wie sie vielleicht nur unter Brüdern und Schwestern spürbar ist.

Freude, Herzlichkeit und Verbundenheit

Freude, Herzlichkeit und Verbundenheit - Cho Sung-Hyung (re) mit einer Schwester aus dem Norden 

 

„In der Beurteilung der kulturellen Beziehungen zwischen Süd- und Nordkorea betonen viele meiner Landsleute zumeist die Unterschiede und die Auseinanderentwicklung auf allen Ebenen, einschließlich der sprachlichen. Ich kann das jedoch nicht bestätigen. Ich bin der Meinung, dass sich Nord- und Südkoreaner immer noch ähnlicher sind, als die Deutschen 30 Jahre nach der Wiedervereinigung. Und die Nordkoreaner kann ich übrigens besser verstehen als meine 20-25-jährigen Nichten aus Seoul mit ihrer Jugendsprache samt Anglizismen, Wortverkürzungen und Neukreationen.” Im Norden entdeckt Cho Sung-Hyung Parallelen zu ihrer Kindheit und Jugend im Süden. Es sind nicht nur eine ähnliche Unschuld und Naivität einer nicht vollständig „durchkapitalisierten“ Gesellschaft, es sind auch die gleichen Rituale oder Spiele, die alle Koreaner beim Erntedankfest spielen. „Es hat mich überwältigt, diese Nähe trotz jahrzehntelanger Teilung zu spüren.” 

Es sind Bilder aus einer anderen Zeit, könnte man meinen. Arbeiterinnen einer Textilfabrik tanzen auf Anordnung synchron, Schulkinder singen Loblieder auf den Führer, die Straßen scheinen zu breit für die wenigen Autos, und im Spaßbad sind Bikinis verboten, weil nur der einteilige Badeanzug den Vorstellungen von der traditionellen Kleidungskultur des Landes entspricht. 

Es gibt Stimmen, die den Film als Propaganda und die Regisseurin als Sprachrohr des Regimes kritisieren. „Für manche Leute ist es schon ein Verbrechen, Nordkoreaner als Menschen zu zeigen”, entgegnet Cho Sung-Hyung. „Sie können nicht zwischen den Zeilen lesen und interpretieren die Nähe zu den Menschen reflexhaft als Nähe zum Regime. Ihr Nordkorea-Bild ist so fixiert, dass es keinen Raum für Verständigung gibt.” Die Reaktion auf den Film habe sich unter der linksliberalen Regierung von Präsident Moon Jae-in zum Positiven gewandelt. „Ich bin immer wieder zu Vorträgen eingeladen worden und habe auch von konservativer Seite ein positives Echo erfahren, weil das Interesse an dem Alltagsleben und gemeinsamen Traditionen mit dem Nachbarn größer war als das an der Indiziensuche für eine propagandistische Erzählweise.”

Wer über eine Wiedervereinigung Koreas nachdenkt, muss sich in der Abkehr von Feindbildmentalitäten üben. „Mit meinem Film möchte ich dazu beitragen, die Sicht auf Nordkorea zu verändern, abzurücken von einer ideologischen Festlegung. Die Mehrheit der Südkoreaner hat kein Interesse am Bruderland und quittiert selbst Raketentests mit Achselzucken und Gleichgültigkeit. Allerdings haben die hohen Zustimmungswerte für Präsident Moon Jae-in zur Zeit des innerkoreanischen Gipfels mit Kim Jong-un 2018 auch den Aspekt der Berührbarkeit an dieser Stelle offenbart.” Cho Sung-Hyung ist überzeugt, dass das Interesse am Nachbarn an den Prozess der Annäherung geknüpft ist - je näher desto mehr und je mehr desto besser.


 

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