Film

Dünner Roter Teppich in Zeiten von Covid

                                                                 Die Internationalen Filmfestspiele Venedig

 

… waren die ersten großen Filmfestspiele, die nach dem Ausbruch der Covid-19-Pandemie als physische Veranstaltung stattgefunden haben. Außer Konkurrenz zeigte man hier den koreanischen Film „Night in Paradise“ des Regisseurs Park Hoon-jung.

Leone d’Oro (Goldener Löwe) (© La Biennale di Venezia)

Die Organisation eines Filmfestivals, noch dazu in einer von Covid 19 stark betroffenen Region in Norditalien, wurde von Medienvertretern als "Heldentat" bezeichnet. Das auch, weil Thierry Frémaux, der künstlerische Leiter des Filmfestivals in Cannes sich weder in der Lage zeigte, sein Festival im Frühjahr zu organisieren noch klare Aussagen darüber zu machen. Auch das Toronto Filmfestival, welches unmittelbar nach dem italienischen Event (10.-19. September) folgte, fand fast ausschließlich als Online-Veranstaltung statt. So konnte der Festivaldirektor Alberto Barbera die Mostra Del Cinema als die kompromissloseste und kreativste Veranstaltung behaupten.

Die 77. Festivalausgabe (1.-12. September 2020) erwies sich tatsächlich als etwas Besonderes, wenn man sie nicht gleich als „historisch“ bezeichnen möchte. Das liegt sicher nicht daran, dass die Biennale von Venedig seit Januar 2020 den neuen Präsidenten Roberto Cicutto hat. Obwohl bei der Auswahl der Filme keine Kompromisse gemacht wurden, herrschten in allen anderen Bereichen strenge Regeln und Kontrollen. So wurde beispielsweise jedem Festivalgast mehrfach am Tag die Temperatur gemessen, vor dem Eintritt zum Filmfestivalgelände sowie vor dem Kino. Personen mit einer Körpertemperatur von über 37,5°C wurde der Eintritt verweigert. Der Zugang zum Gelände erfolgte an speziellen Stellen, die mit Wärmescannern und Ausrüstung für die medizinische Versorgung ausgestattet waren. Die Gäste wurden mit Kontaktverfolgungen überwacht und mussten sowohl drinnen als auch in allen Außenbereichen Masken tragen. Delegationen aus Ländern außerhalb der Europäischen Union mussten sich schon vor dem Verlassen ihrer Heimat auf Covid-19 testen lassen. Ein zweiter Test erfolgte in Venedig unter der Aufsicht von Biennale-Mitarbeitern.

(© Dr. Tatiana Rosenstein)

Als weitere Vorsichtsmaßnahme wurden während des Festivals mehrere Open-Air-Kinos eingerichtet. Die meisten Premieren für Filmliebhaber fanden außerhalb des Festivalzentrums und nicht auf dem Lido statt, sondern in Stadtteilen wie San Marco, Giardini oder Mestre. Die akkreditierten Gäste mussten ihren Platz im Voraus auf der Website der Biennale reservieren. Da die Hälfte der Plätze in den Vorführsälen wegen der Abstandsregeln nicht besetzt werden durfte, wurden Wettbewerbsfilme mehrmals wiederholt. Der Zugang zum "Roten Teppich" stand nur offiziell akkreditierten Filmdelegationen sowie Fotografen offen. War der Rote Teppich früher immer von Fans und Zuschauern belagert, war er diesmal von einer hohen Mauer umgeben, wobei das Geschehen in Echtzeit auf zahlreiche Bildschirmen rund um den Festivalpalast übertragen wurde.

Das Programm in Venedig beschränkte sich dieses Jahr auf 60 statt der üblichen 80 Filme. Die Gespräche und Diskussionsrunden, die normalerweise im Hotel Excelsior am Lido stattfanden, wurden gestreamt und die Filme aus der Sektion „Venice Classics“ zeigte man eine Woche vor dem Festival in Venedig auf einem kleineren Filmfest in Bologna. Alle Partys inklusive der Eröffnungsfeier und der Abschlussgala wurden dieses Jahr abgesagt. Für die Mitglieder der Jury und die Film-Crews wurden jedoch private Bewirtungen sowie Cocktail-Nachmittage in kleinen Gruppen organisiert. Trotz extremer Vorsichtsmaßnahmen zeigte sich der künstlerische Festivalleiter, Alberto Barbera, optimistisch und bezeichnete sein Festival als "einen Hauch von Luft" für die Filmindustrie während der langen Monate der Ausgangssperre und Untätigkeit. Und das war es tatsächlich.

Bisher waren die Koreaner nicht oft nach Venedig eingeladen. Der letzte koreanische Film – „The Age of Shadow“ von Kim Ji-woon − wurde hier vor vier Jahren gezeigt. Dieses Jahr blieb „Night in Paradise“ von Park Hoon-jung als einziger koreanischer Beitrag im Programm. Der Film erzählt die Geschichte des einsamen Verbrechers Tae-gu (Eom Tae-goo), der in der Unterwelt Seouls Vertrauen und Respekt genießt. Bei einem tragischen Unfall verliert er seine Schwester mit ihrer kleinen Tochter, seine einzigen Angehörigen. Er ist davon überzeugt, dass die Buksung-Gang hinter dem Unfall steckt und setzt alles aufs Spiel, um sich zu rächen, wird jedoch bald selbst zum Ziel. Bevor er heimlich nach Russland flüchten kann, versteckt er sich im Paradies der Insel Jeju. Dort begegnet er der Nichte eines Waffenhändlers namens Jae-yeon (Jeon Yeo-been). Schließlich lernen sich die beiden nähern kennen und entwickeln eine Verbindung. Aber am Ende macht sich eine  Armee von bewaffneten Gangstern nach Jeju auf, um mit Tae-gu abzurechnen.

Film-Still: „Night in Paradise“, Schauspieler Eom Tae-goo (© New Entertainment)

Wir sind es gewohnt, die koreanische Insel Jeju als Paradies in anderen Filmen und TV-Serien zu sehen, als Ort für Hochzeiten, Flitterwochen sowie romantische Begegnungen. Für die Protagonisten aus „Night in Paradise“ wird sie zum Reich der Finsternis. Und weil der 131-minütige Film auf dem Filmfestival in Venedig im Rahmen der Abendvorführungen zu sehen war, haben seine zahlreichen blutigen Auseinandersetzungen und Mordszenen sicherlich bei manchen Zuschauern für Alpträume gesorgt. Park Hoon-Jung, der nun zum zweiten Mal nach Venedig zum Filmfestival eingeladen wurde und wieder nicht kommen konnte (diesmal aber wegen der Pandemie und der strikten Reisebestimmungen), sprach via Webcast mit Journalisten. Er erklärte, dass er in seiner Geschichte besonderen Wert darauf gelegt habe, den Kontrast zwischen „der Schönheit von Jeju und der dunklen kriminellen Unterwelt“ deutlich zu machen. Denn: „Eine Welt kann für manche das Paradies bedeuten und für andere die Hölle. Jeju existiert nicht nur als Ort für mich, sondern die Insel spielt in der Geschichte eine eigene Rolle, nämlich die des Protagonisten, der sich gegen Brutalität zur Wehr setzt.“ Mit großer Liebe zum Detail zeigt der Regisseur die sagenhaft schöne Landschaften der Vulkaninsel, einschließlich der Besonderheiten der regionalen Küche.

Park Hoon-jung

Regisseur Park Hoon-jung (© La Biennale di Venezia)

Park Hoon-jung kam zum Kino durch Zufall. Nachdem er von der Universität entlassen wurde, begann er, seinen Lebensunterhalt mit dem Schreiben von Drehbüchern für Videospiele zu verdienen. Wegen dieser Tätigkeit wurden einige koreanische Regisseure auf ihn aufmerksam und luden ihn ins Filmgeschäft ein, zunächst als Drehbuchschreiber. Er arbeitete zusammen mit Kim Jee-woon an „I Saw The Devil“ und schrieb das Drehbuch für „The Unjust“ von Ryoo Seung-wan. Der letzte Film brachte ihm 2010 den begehrten Preis der koreanischen Filmindustrie ein, den Blue Dragon Award für das beste Drehbuch. Im gleichen Jahr begann er seinen eigenen Film „The Showdown“ zu drehen, ein historisches Drama über den Krieg zwischen dem Joseon-König Gwanghaegun gegen die Mandschurei. Während seine erste Regiearbeit nicht besonders erfolgreich war, brachte ihm sein nächster Film, der Gangsterthriller „New World“ (2013) über Verbrechen der größten Syndikate den kommerziellen Erfolg. 2015 folgte mit „The Tiger“ ein weiterer Thriller, der allerdings weniger erfolgreich war als sein Vorgänger, was den Regisseur nicht davon abhielt, 2016 seine eigene Produktionsfirma zu gründen und weitere Actionfilme zu produzieren, darunter „VIP“ (2017) gemeinsam mit Warner Bros sowie „The Witch: Part 1. The Subversion“ (2018). Beim letzten Film entwickelte Park Hoon-jung eine Originalversion der modernen Frau im koreanischen Kino. Die Rolle der Schülerin besetzte er mit der  bis dahin unbekannten Schauspielerin Kim Da-mi, die sich vor kurzem in einem der am besten bewerteten TV-Dramen des Jahrs 2020  „Itaewon Class“ an der Seite von Park Seo-joon behauptete. Die zweite Folge von „The Witch“ soll nächstes Jahr auf die koreanischen Leinwände kommen. Das Drehbuch zu „Night in Paradise“ lag schon länger in der Schublade des Regisseurs Park. Er erinnerte sich wieder daran, als er an der Gestalt von Koo Ja-yoon aus „Witch 1“ arbeitete. Seine Protagonistin Jae-yeon aus „Night in Paradise“ ist ebenfalls eine ungewöhnliche Frau, die mit Schusswaffen wie eine ausgebildete Scharfschützin umgeht, sich wenig um die Meinungen anderer kümmert, aber ihr Leben längst aufgegeben zu haben scheint. „Sie ist eine einsame Seele, deren Schicksal sie zum Tode verurteilt. Doch bevor ihr Leben ein Ende findet, darf sie wenige Momente des Glücks genießen. Weil sie nichts zu verlieren hat, ist sie so frei, unbekümmert und mutig“, sagt der Regisseur.

Film-Still: „Night in Paradise“, Schauspieler Cha Seung-won (© New Entertainment)

Das Finale bereitet eine kleine Überraschung und wird sicherlich viele Fans des Action-Thriller-Genres ansprechen. Der Regisseur gestand, Inhalte seiner Filme nicht in seinem persönlichen Erfahrungsschatz zu suchen, sondern aus seiner Leidenschaft für asiatische Thriller abzuleiten: „Ich hatte keine Gangster als Freunde und bin nicht vertraut mit der koreanischen Unterwelt, dieser Welt versuche ich möglichst fernzubleiben“, versprach er nach der Premiere in Venedig, „doch im Studium war ich ein großer Fan von japanischen Yakuza-Filmen und Noir-Werken des Hong Kong Action Cinema“. Wie durch Zufall wurden dieselben Filme von den Organisatoren der venezianischen Mostra del Cinema geschätzt, die von Jahr zu Jahr solche Regisseure wie Takeshi Kitano oder Johnnie To nach Venedig eingeladen haben. Dieses Jahr haben sie endlich das Potenzial der koreanischen Filmindustrie erkannt. Alberto Barbera nannte Night in Paradise „einen der besten Gangsterfilme des koreanischen Kinos in den letzten Jahren”und lobte Regisseur Park für seine Fähigkeiten „komplexe Charaktere zu schaffen und mit Stereotypen zu brechen“. Von Park Hoon-jung werden wir in Zukunft sicher noch viel hören.

Bild von Dr. Tatiana Rosenstein

Foto: privat

Dr. Tatiana Rosenstein

Kunsthistorikerin und Filmwissenschaftlerin, berichtet seit 1999 für deutschsprachige und ausländische Medien von internationalen Filmfestivals und ist in Kritikerjurys tätig. Sie verfasst ihre Beiträge in mehreren Sprachen, wobei ihre Veröffentlichungen von Reed Business Information, Condé Nast, Hearst oder Hachette Filipacchi von Europa und Russland bis nach China und Korea reichen.

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