Literatur

Echo aus dem Mikrokosmos

                   Im Gespräch mit der Lektorin Mona Lang über den Welterfolg von Kim Jiyoung, geboren 1982

 

Buchcover

Cho Nam-Joo
„Kim Jiyoung, geboren 1982"
Roman
aus dem Koreanischen von Ki-Hyang Lee
208 Seiten
ISBN 978-3-462-05328-9
18,00 €
©️ Kiepenheuer & Witsch

Mona Lang hatte ein sicheres Gespür für eine gute Idee. Bei der Frankfurter Buchmesse 2020 machte die Lektorin von Kiepenheuer & Witsch der Agentur Liepman als einzige Vertreterin eines deutschsprachigen Verlages ein Angebot und erwarb die Rechte für die Veröffentlichung der Übersetzung des Romans Kim Jiyoung, geboren 1982 von Cho Nam Joo. „Ich hatte das Glück, mangels Interesses seitens anderer Verlage schnell einkaufen zu können, und das stimmt mich sehr froh”, lacht sie mit Blick auf die Erfolgsbilanz der aktuell bereits 50.000 verkauften Bücher[1], die der Verlag schon bei einem Verkauf von nur 10.000 Exemplaren als solche bezeichnet hätte. Vor dem Hintergrund, dass die Autorin Cho Nam Joo auf dem deutschen Buchmarkt bis dato gänzlich unbekannt war und Kiepenheuer & Witsch den Blick allzu lange gen Westen, nicht aber nach Fernost gerichtet hatte, darf diese Entscheidung mindestens als mutig gelten. 

Die Geschichte dahinter geht so: „Dieser Schritt ist letztlich meinem Desinteresse zu verdanken, ein weiteres Mal Autor:innen aus UK oder den USA zu akquirieren und eine nächste Familiengeschichte aus Amerika zu lesen. Ich wollte mich wieder einmal anderen Themen - und Welten - zuwenden.“ Gesagt, getan, gelesen. Dank der bereits vorliegenden englischen Übersetzung lagen keine Stolpersteine im Weg, sich den Stoff zu erschließen. „Ich habe mich auf der Stelle verliebt und fand es beeindruckend, wie sich die recht spezielle Struktur der koreanischen Gesellschaft auf die hiesige und alle anderen Gesellschaften übertragen ließ. Es ist das ganz große Verdienst dieses Buches, etwas über die eigene Gesellschaft zu erfahren, indem man über eine andere liest. Das ist ein Buch für alle Frauen dieser Welt.” Damit erwiesen sich auch die Befürchtungen der Skeptiker:innen im Verlag als unbegründet, die Entfernung zum Ort des Geschehens sei zu groß. Verliebt, verlegt, verkauft. 

Der große Wurf liegt in der Beschreibung des vorgeblich Kleinen. Cho Nam Joo wirft grelles Licht auf den unspektakulären, vermeintlich behaglichen Alltag einer (Ehe-)Frau und Mutter, die mit der Geburt ihres Kindes aus dem Berufsleben ausscheidet, weil Familie und Gesellschaft es so wollen und die traditionelle Rollenverteilung der Geschlechter in gewohnter Manier zementieren. Auf Verständnis für ihre Unzufriedenheit ob dieser Enge darf sie nicht hoffen - jetzt nicht und damals nicht. Als Jugendliche ist sie nach Auffassung ihres Vaters für die sexuelle Belästigung eines Jungen selbst verantwortlich. „Warum trägst du überhaupt einen so kurzen Rock?”, fragt er und bemüht einen allzu vertrauten Rechtfertigungsreflex zur Legitimierung männlicher Übergriffigkeit. Als Schülerin entschuldigt der Lehrer die Grobheit und Zudringlichkeit eines Klassenkameraden ihr gegenüber als verstecktes Signal für dessen Verliebtheit. Ach so, na dann... Es sind jedoch genau diese zur Banalität verklärten Begebenheiten, die Mädchen und Frauen in dieser Welt seltenst als Banalität empfinden. „Die Stärke dieses Romans liegt darin, dass mit der Beschreibung eines Mikrokosmos über das große Ganze erzählt wird”, erklärt Lang.

Personen halten sich das Buch vor ihr Gesicht

Solidarisierung mit Kim Jiyoung: Instagram-Postings von Verlagsseite (Foto: Ausschnitt Instagram-Account, Kiepenheuer & Witsch)

Die Geburtsstunde dieses Romans fällt in eine Zeit, in der Kulturgüter aus Korea die Welt begeistern. K-Pop-Giganten wie BTS und BLACKPINK, Han Kangs Vegetarierin und der Vierfach-Oscargewinner Parasite von Bong Joon-ho haben entsprechende Vorarbeit geleistet und den Boden für den Erfolg von Kim Jiyoung bereitet. Darüber hinaus hat es Kiepenheuer & Witsch verstanden, die Wucht eines klugen Marketings für sich zu nutzen, das man „instagramable” nennt. „Wir haben im Verlag selber eine kleine Aktion gestartet und uns das plakative Buchcover vors Gesicht gehalten, um die leeren Konturen des Konterfeis auf diese Weise bedeutungsschwer auszufüllen[2]. ‘Wir sind alle Kim Jiyoung!’, lautete die Botschaft hinter diesen Instagram-Postings.” Diese Aktion habe eine Lawine losgetreten, ungezählte Nachahmer:innen gefunden, die ihre eigenen Geschichten geteilt hätten. Die Presse sei sofort darauf angesprungen und habe dem Buch zu enormer Aufmerksamkeit verholfen. Kim Jiyoung hat also offene Türen eingerannt, was einen Teil des Erfolgs erklärt. Der andere und wesentliche Teil des Erfolgs begründet sich jedoch darin, „dass es einfach ein sehr gutes und wichtiges feministisches Buch ist, das mich auch unabhängig von dem allgemeinen Hallyu-Hype begeistert hätte”, ist sich Mona Lang gewiss. Auch die nüchterne Sprache sei ein schlüssiges, mit der Geschichte korrespondierendes Stilelement und kein Indiz für mangelnde literarische Qualität, wie manche Kritiker:innen es nahelegten. „Das ist für mich ein Missverständnis.”

 "Miss Kim weiß Bescheid" ist im Herbst 2022 erschienen.

Optimistisch richtet Lang den Blick in die Zukunft. Im Herbst erscheint bei Kiepenheuer & Witsch ein zweites Buch von Cho Nam Joo. „Miss Kim weiß Bescheid”, lautet der Titel des Erzählbands, mit dem die Autorin thematisch anknüpft und ein weiteres Mal die Behaglichkeit derer stört, die sich in traditionellen Geschlechterrollen so komfortabel eingerichtet haben. Und weil die Welt innerhalb des Verlags nun auch wieder größer geworden ist, hat sich Mona Lang zuvor bereits auf der Seoul International Book Fair 2022 umgesehen, mit dem festen Vorsatz, weitere koreanische Autor:innen für den deutschen Buchmarkt zu entdecken. Wir dürfen gespannt sein, denn etwaige Zweifel an ihrem sicheren Gespür für eine gute Idee hat sie nachhaltig widerlegt…

Bild von Dr. Stefanie Grote

Foto: privat

Dr. Stefanie Grote

Redaktion "Kultur Korea"

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