Kunst

Ein Körper voller Erinnerungen

oder Kann man Intimität tanzen?

Hyoung-Min Kim zeigt zwei hochpoetische Soli im Berliner DOCK11

 

Als Koreanerin in Deutschland stellt sich Hyoung-Min Kim, wie sie einmal in einem Interview bemerkte, die Frage nach der Identität auf ganz besondere Weise. Und das nicht nur aufgrund der zwei Nationalitäten, die ihr Leben prägen; auch und gerade ihre Tätigkeit als freischaffende Choreografin, Performerin und Tänzerin stellt sie immer wieder vor die Herausforderung, sich ein ums andere Mal neu zu finden, zu erfinden und zu positionieren. Diesen Impuls verspürt sie deutlich und gibt ihn ganz pur und ohne große Theoretisierung in ihre Arbeit weiter. Es gibt keine Trennung zwischen ihrem künstlerischen Schaffen und dem, was sie persönlich anficht. Seit ihren Anfängen als selbständige Choreografin transformiert Kim die kapitalen existenziellen Fragen des Menschseins in eindrucksvolle Performances, die die Empathiefähigkeit ihrer Zuschauer gewaltig herausfordern und bisweilen an ihre Grenzen führen. In der Vergangenheit beschäftigten sich diese Arbeiten mit Flucht und Vertreibung, Zukunftsängsten und Hoffnung auf Befreiung, besonders auch mit der Sehnsucht nach einer (neuen) sicheren Heimat. Nicht zuletzt ihr geteiltes Heimatland Korea weiß ein allzu trauriges Lied darüber anzustimmen. Aktueller könnte die Themenwahl von Kims früheren Arbeiten also kaum ausfallen.

Hyoung-Min Kim arbeitet im Vertrauen auf das, was man als das Gedächtnis oder Archiv des Körpers bezeichnen könnte. Oder kurz gesagt: Erinnerung und Geschichte sind für sie nicht nur mentale Repräsentationen von Vergangenem, sondern ein ganz konkreter physischer Zustand, also auch mehr als ein Gefühl. Jener Zustand muss in seiner Ganzheit respektiert und künstlerisch erfasst und erzählt werden.

Letzteres knöpft sich die Choreografin und – in der Mehrzahl der Arbeiten – auch Performerin ihrer eigenen Werke mit Akribie vor: Herausfinden, inwieweit sich diese Ganzheit einer Person mit ihren Wünschen, Sehnsüchten, aber auch Enttäuschungen und Verwundungen überhaupt auf der Bühne wiederherstellen und sichtbar machen lässt.

2014 entschied sich Hyoung-Min Kim dazu, neben ihrer Arbeit als Ensembletänzerin und Choreografin der tiefergehenden Erforschung einer unbedingten, individuellen Körpersprache nachzugehen. Sich verständlich zu machen und den Dialog anzuregen, zu sensibilisieren und im Theater einen Raum für die basalen menschlichen Sehnsüchte zu schaffen – das könnte man als die persönlichen Motive von Kim formulieren, die dem Zuschauer in den Stücken als Gesten der Einladung zur empathischen Teilnahme entgegenkommen.

Gelbe Landschaften (Foto: Crispin-Iven Mokry)

Die Frage, die sich einer selbständigen Künstlerin nahezu täglich aufdrängt, nämlich „Wo ist mein Platz?“, ist zunächst einmal sehr konkret. Aber sie bleibt nicht auf die Sorgen einer freien Künstlerin beschränkt. Welchen Platz darf ich als Individuum in meiner Lebenswelt beanspruchen? Oder ist ein bestimmter Raum für mich vorgesehen; und wie finde ich dort hin und wie passe ich hinein?

Es sind die letzten Fragen des Lebens, die in Hyoung-Min Kims Stücken angestoßen werden; oder die zahlreichen philosophischen Antworten, die in diesen Performances mit einem Mal zur Disposition stehen: Eindeutige, leichtfertige Erklärungen oder vorschnelle Statements sucht man in Kims Choreografien und Konzepten, in der Ästhetik auf der Bühne oder bei der Zusammenführung von Sound, Licht – denen sie volle künstlerische Gleichberechtigung mit der Choreografie gewährt – und Bühnengeschehen vergebens. Stattdessen nimmt Kim das Publikum mit auf eine Reise, wie sie individueller für jeden einzelnen Zuschauer nicht ausfallen könnte. Die Bewegungssprache, die sie und ihre Performer beherrschen – oder sogar im Moment der Performance erst erfinden –, verweigert sich allen Klischees und eindeutiger Zuordnung zu bestimmten Subgenres im Tanz. Und das ist keineswegs modische Renitenz, sondern geschieht aus der Reduktion ihres breiten, virtuosen künstlerischen Spektrums auf gerade so viel, dass der innere Film beim Zuschauer wie von selbst zum Laufen kommt. Diese Impulse sitzen tief und punktgenau; die Stücke werden zu Projektionsflächen für das, was den Zuschauer an diesem Abend an diesen Ort geführt hat, und geben ihm Zeit und Raum, diese individuellen Motive innerlich auszumalen und das so wachsende Tableau im Entstehen zu betrachten. Von den Bildwelten, die Kim für sich und ihre Darsteller erarbeitet, einmal ganz zu schweigen.

Gelbe Landschaften (Foto: Crispin-Iven Mokry)

Mit dem Publikum teilen – das ist Hyoung-Min Kim spürbar wichtig. In ihrem Solo Gelbe Landschaften, das 2014 nach einer Künstlerresidenz in Dresden ebendort uraufgeführt wurde,untersucht die Koreanerin Möglichkeiten, die oftmals hauchdünne Linie zwischen gerade noch zu rettender Intimität der Person in der Öffentlichkeit und öffentlicher Person inmitten des kollektiven Interesses zu überwinden. Diese minimalistische Performance schafft zwischen jenen beiden Polen Szenen von größter Verletzlichkeit. Ist Intimität immer als ein Mangel von Öffentlichkeit, ist Öffentlichkeit immer als ein Mangel von Intimität zu verstehen? Wichtig, so lässt es sich bei Gelbe Landschaften abschauen, ist zu klären, wo zwischen diesen zugegeben abstrakten Fronten der konkrete Mensch steht. Vor allem, wenn er sich nicht so leicht zwischen Schwarz und Weiß, drinnen und draußen entscheiden kann oder möchte: Eine Performerin ohne Öffentlichkeit? Das lässt sich kaum denken. Und gerade deswegen hat das auf der Bühne Unsichtbare, das, was sich in der Hülle des Performerkörpers verbirgt, einen immensen Reiz – für die Performerin, wenn es ums Darstellen geht, und für den Zuschauer, wenn es ums Entdecken geht.

Intimität ist eine der wesentlichsten Bedingungen für das menschliche Leben. Diese Einsicht teilt Kim mit Edward Snowden, dessen Forderung nach einem Grundrecht auf Intimität Kim inspiriert und ermutigt hat. In Gelbe Landschaften geht es nicht darum zu demonstrieren, wie Intimität funktioniert. Hier wird ein intimer Moment geschaffen! Der Schriftsteller Jürgen Becker ermutigt: „Ganz und gar nicht langweile ich mich. Ich kann eben stundenlang dasitzen und vollkommen beschäftigt sein. Ich hasse es zu stehen; ich hasse es, mich zielgerichtet bewegen zu müssen. Ich bin außerstande, etwas zu tun, so lange du etwas erwartest.“

Unter dem Druck von Erwartungen und Anforderungen stehen unsere intimsten Sehnsüchte und Begierden zurück. Hyoung-Min Kims Performance bewegt sich zwischen schonungsloser Offenheit und anmutiger Schönheit. Eine Herausforderung an alle, sich der Empfindsamkeit hinzugeben.

Nach dem Ende kommt noch was (Foto: Jeonghee Han)

In ihrer zweiten Solo-Performance Nach dem Ende kommt noch was nimmt die Berliner Choreografin die Möglichkeit in den Blick, nach der Ergründung von Intimität die eigene Identität ungeteilt darzustellen. Dazu wird die Tänzerin Anna-Luise Recke in der Solo-Performance zum Spiegel für Kims Erfahrungswelt, schlüpft quasi in ihre Haut, ohne den naheliegenden Chargen von überzeichnender Karikatur oder übervorsichtiger Hommage zu verfallen. Gewohnt physisch und in kraftvollen Bildern entwirft Kim Strategien der künstlerischen Selbsterkundung und definiert das Verhältnis von Identität, persönlicher Festigung und Sicherheit als unumstößlichen Ausdruck einer Conditio Humana.

Eine Persönlichkeit hat viele Seiten. Je nach Kontext, Umfeld und Stimmung tritt ein bestimmter Aspekt in den Vordergrund: Ehefrau, Tänzerin, Verhandlungspartnerin in geschäftlichen Angelegenheiten oder einfühlsame Freundin - verschiedene Rollen werden zum Ausdruck unterschiedlicher Facetten ein und derselben Person. Im Alltag wandeln wir im Handumdrehen von Rolle zu Rolle und setzen ein Spiel um unser ‚Ichʻ in Gang mit dem Ziel, eine feste Größe für den Augenblick zu behaupten. Eine solche, wie gerade beschriebene Frau, ließe sich mit Fug und Recht eine „Architektin ihrer selbst“ nennen; so sprach ein Dresdener Kritiker bereits über Gelbe Landschaften, dessen legitime Fortsetzung Nach dem Ende kommt noch was ist.

Nach dem Ende kommt noch was (Foto: Jeonghee Han)

Wieder steht für die Choreografin und diesmal auch für die Performerin, in deren Hände Kims Rekonstruktion von Identität buchstäblich gelegt wird, das Sprechen über den Prozess im Vordergrund. Anhand eines sprachlichen Beispiels lässt sich zeigen, worum es in der Performance, die ohne Text auskommt, geht: Hyoung-Min Kim beispielsweise ist Choreografin. Die Aussage ist wahr. Doch reicht dieses „ist“ nicht aus, um ihre Identität voll und ganz zu begreifen. Mit jedem Versuch, Identität in einfachen Aussagen zu fixieren, zerrinnt sie in unzählige Einzelteile. Setzt man diese wieder wie gewohnt zusammen, entsteht ein neues Bild. Hyoung-Min Kim beschäftigt sich mit diesem irritierend flüssigen „ist“. Nach dem Ende kommt noch was riskiert dabei alles: Die Erinnerung an das, was war, genauso wie die Hoffnung auf das, was kommt. Wenn der Körper ein Archiv aus Erinnerungen birgt, gibt es dann mehr als nur diese Erinnerungen? Wo liegt Identität vergraben? Vielleicht ist die Frage nach der Identität das größte Risiko; das Risiko, sich im Finden zu verlieren.

Hyoung-Min Kim öffnet ihr Archiv des Körpers, befragt ihre Erfahrungen und traut sich schließlich, sich selbst ins Antlitz zu blicken. Anna-Luise Recke bespiegelt die ihr fremde Erfahrungswelt von allen Seiten, „identifiziert“ sich für die Dauer einer Stunde mit der ihr anvertrauten Persönlichkeit, ohne jedoch ihre eigene Identität zu verbergen. Auf ihrem Körper entsteht ein Kaleidoskop verschiedener Individualitäten, das den Facettenreichtum jeder einzelnen Persönlichkeit erkennen lässt. Um die Performerin entsteht eine wandelbare Landschaft, wird eine Kartografie der angenommenen und der eigenen Persönlichkeit zugleich erarbeitet. Immer neue Gegebenheiten werden zur Herausforderung, die Einheit der Persona aufrecht zu erhalten.

Im Februar 2016 ist Gelbe Landschaften nach seiner Uraufführung 2014 und Vorstellungen in Seoul und Leipzig erstmals in Berlin und im Kontext der Wiederaufnahme von Nach dem Ende kommt noch was zu erleben. Das Double Feature aus beiden Performances besticht durch deren Kompatibilität, die von Anfang an Teil der Konzepte war: Der Nachfolger schließt nahtlos an den Vorgänger an; beide Abende verschmelzen zu einer neuen Einheit. Der offene, von aller Heiligkeit befreite Umgang mit den Gegebenheiten auf der Bühne, mit Umbauten und Performerwechsel etc. tragen der Direktheit von Hyoung-Min Kims bestechender künstlerischer Handschrift Rechnung.

Berlin-Premiere: GELBE LANDSCHAFTEN

20.02.2016 - 21.02.2016 
Ort: Dock 11, Kastanienallee 79, 10435 Berlin

Tickets: 15€/erm. 10€

Kombiticket mit "Nach dem Ende kommt noch was" 28€/erm. 18€ ticket@dock11-berlin.de • +49 (30) 35 12 03 12

Kontakt: Benjamin Schälike • 0176 – 70 64 87 59 • benschproduction@googlemail.com

 

NACH DEM ENDE KOMMT NOCH WAS

18.02.2016 - 21.02.2016 
Ort: Dock 11, Kastanienallee 79, 10435 Berlin

Tickets: 15 €/erm. 10€

Kombiticket mit "Gelbe Landschaften" 28 €/erm. 18€

ticket@dock11-berlin.de • +49 (30) 35120312

Kontakt: Benjamin Schälike • 0176 70648759 • benschproduction@googlemail.com

Bild von Thomas Schütt

Thomas Schütt (Foto: privat)

Thomas Schütt

Thomas Schütt, geb. 1979, ist freischaffender Performer, Dramaturg und Philosoph in den zeitgenössischen darstellenden Künsten. Zahlreiche internationale Zusammenarbeiten, insbesondere mit Michael Laub/Remote Control Productions, Two Fish, EX!T Ausgangspunkt Theater, Wagner Moreira und Hyoung-Min Kim. Gemeinsam mit der Regisseurin Elke Schmid ist er Gründer und Performer von ÉCOLEFLÂNEURS, einer Schule des Flanierens. Er lebt in Berlin. www.thomasschuett.de.

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