Musik

Ein neues Jahr, ein „neues“ Neujahrskonzert

Das Neujahrskonzert der Botschaft der Republik Korea am 13. Januar in der Berliner Philharmonie
 

Komposition „Hül" von Sung-won Gae (Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

Diesmal nicht mit einem großen Reigen herrlicher italienischer Arien oder einer Talentschau mit koreanischen Preisträgern, sondern mit einem nach vorn, zu neuen Möglichkeiten strebenden Konzert feierte die Botschaft der Republik Korea am 13. Januar im Kammermusiksaal der Philharmonie das neue Jahr. Das festliche Konzert, das als zweiten Anlaß die kürzliche Eröffnung des Pavillons der Einheit am Potsdamer Platz hatte, war eine hervorragende Ergänzung zu der letztjährigen Konzertreihe Korea Neue Musik++, denn hier nun stand das musikalische Hätschelkind der koreanischen Moderne zur Debatte: Musik mit traditionell koreanischen und klassischen westlichen Instrumenten.

Diese beiden Klangwelten zu verheiraten, bemüht man sich in Korea schon seit vielen Jahrzehnten. Die Schwierigkeiten liegen auf der Hand: Koreanische Instrumente sind im Einklang mit den traditionellen Musikformen entstanden. Die gelehrte Musik Jeong-ak und die volkstümliche Musik Minsog-ak nutzten die Möglichkeiten dieser Instrumente in idealer Weise und umgekehrt sind diese Stile auch die perfekte Umsetzung der charakteristischen Eigenschaften der Instrumente: Ihre Geschmeidigkeit in der Gestaltung des klingenden Tons und die ausdrucksvolle Rauheit ihrer Tongebung prägten die alte koreanische Musik. Aber diese Partnerschaft ist ausschließlich. Peinlich berührte es vor gut 30 Jahren zumindest westliche Hörer, als ein Gayageum-Trio Pachelbels berühmten Kanon in gummiartiger Verzerrung spielte. Diese Instrumente sind für die Darstellung harmonischer Wirkungen schlichtweg ungeeignet.

Hingegen auf einem Cello die Wölbbrettzithern Geomungo oder Gayageum oder das gestrichene Ajaeng nachzuahmen, bereitet keine unüberwindlichen Probleme. So bleibt die Frage bestehen, warum sich koreanische Komponisten und Musiker immer wieder bemühen, diese ungemütliche Kombination einander wesensfremder Instrumente fortzuentwickeln, statt einfach die koreanische Tongestaltung auf westliche Instrumente zu übertragen? Mag es aber noch so wahr sein, dass bei dieser Verschmelzung das Beste von beiden Seiten verloren geht – es wäre falsch, die neuen Werke nur daran zu messen, was sie nicht besitzen, statt an dem Neuen, was tatsächlich entsteht! Und am anderen, neuen Kulturgefühl.

Bild: „Ensemble Korea"

Das „Ensemble Korea"

Dieses Konzert nun präsentierte im ersten Teil mit dem Ensemble Korea (gegründet 2015) vier Werke, die diese Gegenüberstellung zum Thema machten.

Das kurze Trio Dancing Sanjo 2  für 25-saitiges chromatisch gestimmtes Gayageum (diese Wölbbrettzither hat gewöhnlich nur 12 Saiten), Cello und Klavier von Lim June-hee bezieht sich auf den schnellen Schlussteil des klassischen Sanjos (Solosuite mit Trommelbegleitung) von Choi Ock-sam, welches die Solistin Sung You Jin als Meisterstück in ihrem Repertoire besitzt. Eine interessante Spannung ergab sich zwischen der katzengleich geschmeidigen Spielweise des Gayageums und der starren Tongebung des Klaviers, welches die Melodie in einer Weise umspielte, die überraschend an die luftige Melodik des französischen Impressionisten Maurice Ravel erinnerte. Das Cello setzte mit weitläufigen Glissandi schwungvolle Linien, eine Kalligraphie in Klang sozusagen, und nutzte so seine technischen Möglichkeiten in deutlich nachvollziehbarer Weise. Da jeder Ton auf dem Gayageum nun einer ziemlich starken Tonhöhenschwankung unterworfen wurde – also nach westlichem Maßstab „falsch“ klang, nach koreanischem Maßstab aber „richtig“ und ausdrucksvoll war, wirkte die Musik wie eine Überblendung eines Gemäldes mit einem Foto. Die Exotik des Klangs wurde „ins Französische“ übertragen und die Mehrstimmigkeit war „multikulturell“. Ein schwungvoller Auftakt!

Bild: Janggu-Spieler Chunji Park

Janggu-Spieler Chunji Park

Für den Solopart von Bow von Won Il war der renommierte Janggu- (Sanduhrtrommel)-Spieler Kim Woongshik aus Korea angereist. Won ist in Korea bekannt als Filmkomponist und war einige Zeit Leiter des Orchesters für Koreanische Musik am Nationaltheater in Seoul. Moderne und Tradition konvergieren in seiner Person – und in seiner Musik. Der Titel Bogen bezieht sich auf die endlosen Wandlungen des Universums, aber das Stück klang wie ein Zusammenschnitt diverser Verfolgungsjagden; der Rhythmus dominierte alles, Cello und Klavier umspielten ihn lediglich und feuerten die Trommel an, die im dafür nicht recht geeigneten Kammermusiksaal im Höhepunkt alles andere unter sich begrub.

Das mit Streichquartett, Klavier, Kontrabass, sowie der Querflöte Daegeum und den beiden Wölbbrettzithern Geomungo und Gayageum größer besetzte „Hül“ (aufopfernde Liebe) hatte eine abwechslungsreichere Faktur. Auf der Basis einer ausdrucksvollen Melodie der Streicher ergab sich ein Wechselspiel mit der fernöstlich-romantischen Flötenweise und den harschen perkussiven Einwürfen der Zithern.

„Back Into. Out Of. For Janggu and Ensemble" von Eun-Hwa Cho

„Back Into. Out Of. For Janggu and Ensemble" von Eun-Hwa Cho

Bis hierhin war „Moderne“ nur ein anderes Wort für die Kombination von West und Ost, nicht für Avantgarde. Bezeichnenderweise erhielt das einzige echte Avantgarde-Stück des Abends, Eun-Hwa Chos Back Into. Out Of. For Janggu and Ensemble den größten Beifall. Eun-Hwa Cho, die in Berlin an der Hanns-Eisler-Musikhochschule studiert hat und dort jetzt Gastprofessorin für Komposition ist, hat erst vor wenigen Jahren angefangen, das koreanische Instrumentarium in ihre Arbeit einzubeziehen. Ihre Musik ist von jeher energiereich und impulsiv gewesen, und als sie ein großes Werk für Daegeum-Solo präsentierte, erschien das wie das fehlende Glied zum Verständnis ihres Stils. Natürlich, ihre Musik ist hochkomplex, mit einem äußerst erregten, blitzartig sich wandelnden Innenleben – aber der treibende, mitunter selbstzerstörerische Rhythmus hat etwas von den jagenden Trommel-Exzessen der koreanischen Bauernmusik oder des Buddhismus. In Back Into. Out Of... nun fokussierte sich diese rhythmische Kraft und Sensibilität im Solo-Part der Janggu, mitreißend gespielt von Park Chunji und dem Ensemble Korea unter dem Dirigat von Heiko Mathias Förster.

Was für ein tolles Programm! Im zweiten Teil wurde der Gedanke der Adaption, der Anpassung und Kombination in völlig anderer Weise wiederaufgenommen:

Das Echo-Ensemble der Hochschule für Musik Hanns Eisler Berlin spielte 12 Lieder aus Hans Zenders Bearbeitung von Schuberts Winterreise. Zender hat nicht nur einfach den Klavierpart für Orchester gesetzt, sondern daraus eine nachdenkende Reflexion, eine herzlich liebevolle und gleichermaßen intellektuell herausfordernde Annäherung geschaffen. Beginnend mit den schlurfenden Schritten des einsamen Wanderers durch eine vereiste Landschaft, ließ er das Orchester nach und nach die erste Melodie („Fremd bin ich eingezogen“) tastend erkunden und sie später auch wieder in blanken Horror einbrechen. Hans Zender, der in diesem Jahr 80 wird, hat sich als Dirigent stark für die zeitgenössische Musik eingesetzt, als Komponist aber oft über die Romantik nachgedacht. Er hat ein eigenes System rein harmonischer Stimmung geschaffen, welches die 12 Töne der Klavier-Oktave vielfach übertrifft. Das kam auch in dramatischer Weise seiner Schubert-Bearbeitung zugute – als im „Lindenbaum“ (sicher der Koreaner liebstes deutsches Lied) wie aus der Ferne der feierliche Naturklang von Jodelliedern und Alphörnern erstand. Doch die Poesie dieser Umsetzung – die Ohren spitzten sich, als in „Gefrorne Tränen“ einzelne Töne und kleine Tongruppen hier und da übers Orchester getupft wurden, klanglich aufgebrochen, im Geiste zusammengefügt – wurde durch einen Kunstgriff des Dirigenten Kwak Taepyeong und Ensemble-Leiters Prof. Manuel Nawri noch übertroffen: denn statt nur eines Tenors wechselten sich im Gesangspart 2 Tenöre, 2 Soprane und ein Bariton ab, manchmal im Wechsel innerhalb eines Liedes – lauter zauberhafte junge, unverbrauchte Stimmen, allen voran allerdings Jiayu Shen aus Shanghai, der mit klarster Aussprache und sicherer Tongebung den größten Anteil übernommen hatte. Wie sich hier die Komposition und die Musiker rückhaltlos in die Poesie hineinfallen ließen und mit dem mutigen, ernsten Bemühen um neuen Ausdruck im ersten Teil wurde ein Gruß und Motto fürs Neue Jahr ausgesendet, wie er schöner und klüger kaum sein konnte.

Bild von Matthias R. Entreß

Foto: privat

Matthias R. Entreß

geb. 1957 in Hamburg, lebt und arbeitet in Berlin als freier Autor, Musikjournalist und -kurator. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte an der FU Berlin, kuratierte 2004 in Berlin und 2007 in Italien Festivals mit koreanischer Musik sowie Konzerttourneen mit Pansori (2009/ 2013/ 2015) und Volksmusik (2011). 2005 initiierte er die ersten deutschen Übersetzungen von Pansori, an denen er auch mitarbeitete. Musikjournalistische Schwerpunkte sind Neue Musik und Außereuropäische Musik für DLR, BR, DLF.   Ende 2016 erhielt er die Auszeichnung der Republik Korea.

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