Film

„Emergency Declaration“ und das koreanische Kino auf den internationalen Filmfestivals 2021

(© Showbox, Magnum9)

Für die koreanische Filmindustrie war es ein erstaunliches Jahr, das einmal mehr verdeutlichte, wie hoch die Anerkennung ist, die dem koreanischen Kino weltweit zuteilwird. Der Schauspieler Song Kang-ho (man erinnert sich noch an seinen jüngsten Auftritt in „Parasite“) wurde in die Jury der 74. Internationalen Filmfestspiele von Cannes berufen, der Regisseur von „Parasite“, Bong Joon-ho, eröffnete das Festival an der französischen Riviera und hielt eine Masterclass¹. Anfang September leitete der Regisseur bereits die Jury der Internationalen Filmfestspiele von Venedig. Sein Kollege Hong Sang-soo bestritt ein unglaubliches Arbeitspensum. Der 60-Jährige präsentierte dieses Jahr gleich zwei Spielfilme auf internationalen Filmfestivals. Auf der Berlinale wurde sein teilweise in Berlin gedrehter Film „Introduction“ über Alltagsbegegnungen eines Mannes präsentiert. Dafür bekam der Koreaner den Silbernen Bären für das beste Drehbuch. In Cannes lief außerhalb des Wettbewerbs sein Film „In Front of Your Face“. 

Das größte Highlight dieses Sommers war die Premiere von „Emergency Declaration“ auf dem Filmfestival in Cannes. Der Film brachte nicht nur die zahlreichen Stars der koreanischen Filmszene wie Lee Byung-hun, Park Hae-joon, Yim Si-wan und Song Kang-ho zusammen, sondern wurde unter der Regie von Han Jae-rim auch in puncto Produktionsmaßstab zum großen Blockbuster. Visuelle Effekte steuerten die Dexter Studios bei, das Produktionsdesign stammt von Lee Mok-won, dem Bühnenbildner von „Train to Busan“. Als Han Jae-rim seinen Film entwickelte, und das war lange bevor COVID-19 auftrat, ahnte er nicht, dass seine Fantasien, die damals jede Vorstellungskraft überstiegen, eines Tages schreckliche Realität werden sollten. 

Im Film beschließt der Ex-Pilot Jae-hyuk (Lee Byung-hoon) trotz seiner starken Flugangst, seiner Tochter zuliebe nach Hawaii zu reisen. Am Flughafen bemerkt er einen seltsamen Mann (Yim Si-wan), der verschiedene Passagiere anspricht. Später steigt dieser in dasselbe Flugzeug, mit dem auch Jae-hyuk reist und das schließlich vom Flughafen Incheon startet. Kurz darauf stirbt ein Mann unter mysteriösen Umständen an Bord, und dann noch ein weiterer, und von diesem Moment an beginnt der Todeskampf aller Fluggäste. Während sich Angst und Chaos innerhalb und außerhalb des Flugzeugs verbreiten, erhält der Kriminalpolizist In-ho (Song Kang-ho) einen Hinweis auf einen Mann, der mit einem Terroranschlag auf ein Flugzeug droht. Die Ermittlungen ergeben, dass der Verdächtige Experimente mit einem unbekannten Virus durchführte und tatsächlich an Bord des Flugzeugs gegangen ist. Nach der Premiere des Films in Cannes haben wir mit dem Regisseur Han Jae-rim gesprochen.

Regisseur Han Jae-rim (© Olivier Vigerie)

Was hat Sie dazu bewogen, eine Katastrophe in einem Flugzeug zu zeigen?

Ich dachte, dass alle Menschen sich mit dieser dramatischen Situation identifizieren können, ob jung oder alt, männlich oder weiblich, alle Zuschauer würden von einer solchen Geschichte in den Bann gezogen. Als Mikrokosmos der Welt kann ein Flugzeug oft das Gefühl der Isolation sowie Klaustrophobie hervorrufen, was wiederum die Emotionen in einer Katastrophensituation noch verstärkt. Die Tatsache, dass ich persönlich Flugangst habe, hat mir geholfen, die Geschichte zu entwickeln.

Wie haben Sie eine so große Gruppe von Schauspieler*innen an so einem riesigen Set geführt?

Wir haben uns sehr viel Zeit für die Vorbereitungen genommen, vor dem Dreh habe ich fünf Casting-Runden anberaumt. Ich musste die Schauspieler*innen sorgfältig auswählen, weil ich in solchen Sets keine andere Wahl habe, als mich auf die Schauspieler*innen zu verlassen. Wir haben sehr viel Unterstützung von Profis bekommen: Piloten, für Terrorismus zuständige Ermittler, die Luftstreitkraft. Mein Ziel war es nicht, eine Art Achterbahn-Katastrophenfilm zu machen, sondern dem Publikum das Gefühl einer Situation aus dem echten Leben zu vermitteln.

Wie ist es möglich, mit einer konventionellen Geschichte und vielen am Computer erzeugten Effekten etwas Reales zu erschaffen?

Dafür habe ich versucht, den Film in einem dokumentarischen Stil zu drehen und mich hauptsächlich auf die Situation und die Ereignisse konzentriert. Wir haben Handkameras verwendet, um näher an das Geschehen zu kommen, und wir haben ein Set mit einem realen Flug aufgebaut. Aber natürlich ist jeder Film auch konventionell, und wenn man eine Katastrophe dreht, möchte man alle Vorteile der Technologien nutzen.

In Ihrem Film wurde das Virus in einem Labor gezüchtet, bevor es verbreitet wurde. Glauben Sie, dass auch COVID-19 künstlich hergestellt worden sein könnte?

Ich habe das Drehbuch zu einer Zeit geschrieben, in der es Covid-19 noch nicht gab. Später war ich sehr schockiert, als ich sah, dass die Ereignisse, die ich mir nur ausgedacht hatte, Wirklichkeit wurden. Ich möchte betonen, dass in meinem Film nicht die US-Firma das Virus produziert, sondern jemand, der für die Firma arbeitet. Diese Person nutzte den Wissensstand und die Einrichtung, um einen individuellen Terroranschlag vorzubereiten und die Menschen zu infizieren. Die weiteren Details lasse ich ungeklärt. Mir ist bewusst, dass es auch bezüglich Covid-19 verschiedene Verschwörungstheorien gibt, die auch teilweise überzeugend scheinen, aber ich mache mir mehr Sorgen um die Folgen der Pandemie, die uns in eine Katastrophe gebracht hat, als um den Ursprung des Virus. In meiner Position kann ich keine Beweise liefern oder sonst etwas behaupten. Mir bleibt nur, meine eigene Geschichte zu erzählen, auch wenn diese konventionell scheint. 

Die Fluggäste zeigen ein starkes Gemeinschaftsgefühl. Wie weit ist das noch in der modernen koreanischen Gesellschaft vorhanden?

In der koreanischen Gesellschaft haben wir normalerweise großen Respekt vor den Älteren, und das Gemeinschaftsgefühl ist immer noch sehr stark ausgeprägt. Wir haben so einen Begriff, „“/„Jeong. Das ist eine Art von Verbundenheit, die soziale Gegenseitigkeit beschreibt, ein besonderes Gefühl, sich um jemanden zu kümmern oder etwas für andere zu tun, wenn sie sich in einer schwierigen Situation befinden. Das Gefühl ist noch da, aber heutzutage verlieren die Menschen viel leichter ihren Mut und entwickeln angesichts der Katastrophen und Krisen eher egozentrische Motive, als es noch vor 30-40 Jahren der Fall war. 

(v.l.) Song Kang-ho, Han Jae-rim, Lee Byung-hun, Yim Si-wan (© Olivier Vigerie)

Die meisten koreanischen Filme enden positiv. Ich wundere mich, warum tragische Finale so selten sind; warum haben Sie beispielsweise Ihren Film nicht an dem Punkt beendet, an dem die Passagiere des Fluges sich entschieden haben zu sterben? 

Interessant, dass Sie mich so etwas fragen. Neulich habe ich Interviews mit koreanischen Journalisten geführt. Die meisten haben mich gefragt, warum ich so einen traurigen Film gedreht habe. Sicherlich sagt das etwas über kulturelle Unterschiede aus. Aber mein Fokus lag darauf, den Kampf der Menschen darzustellen und wie sie auf eine Katastrophe reagieren, welche Werte sie dabei hochhalten. Für mich ist der Film positiv und tragisch zugleich.  

Sie haben mit sehr umstrittenen Arthouse-Filmen angefangen. Nun drehen Sie einen Blockbuster mit zahlreichen visuellen Effekten. Wie kam es zu diesem Wandel? 

Tatsächlich arbeitete ich am Anfang meiner Karriere an Filmen mit kleinem Budget. Ich war jung, und es war nicht einfach, in dieser Industrie anzufangen. Zum Glück habe ich damals Melodramen gemocht, überschaubare Themen mit weniger Aufwand, deren Produktion nicht zu teuer war. Als die Zeit verging wurde ich neugierig auf andere Genres. Nach einem Beziehungsdrama habe ich einen Thriller gedreht und mich danach mit Kostümdramen beschäftigt. Mein Erfolg wurde mit der Zeit größer und so auch das Filmbudget. Bei „Emergency Declaration“ hatte ich einfach Glück, dass die meisten Schauspieler*innen zugesagt haben. Große Namen in der koreanischen Filmindustrie bedeuten nicht immer nur äußeren Glanz, sondern auch, dass die Schauspieler*innen fähig sind und mit Herausforderungen umgehen können.

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Nach dem Interview mit dem Regisseur Han Jae-rim sprachen wir ebenfalls mit dem Hauptdarsteller Lee Byung-hun. In „Emergency Declaration“ spielt er einen Vater, der trotz seiner Flugangst mit seiner Tochter, die an einem schlimmen Hautekzem leidet und dringend behandelt werden muss, ins Flugzeug steigt. Lee ist heute einer der berühmtesten Schauspieler der koreanischen Filmindustrie. Sein Film „Inside Men“ brachte ihm den Preis für den besten Schauspieler bei den Baeksang Art Awards, den Blue Dragon Awards und den Grand Bell Awards ein – ein Rekord, der seit 2004 nicht mehr gebrochen wurde. Viele seiner Filme gehören heute zu den umsatzstärksten in Korea. Lee drehte auch oft in Hollywood, zum Beispiel neben Bruce Willis in „R.E.D. 2“, neben Denzel Washington in „Die glorreichen Sieben“ sowie neben Arnold Schwarzenegger in „Terminator: Genisys“.

Was hat Ihnen an Ihrem Protagonisten gefallen?

Mir hat in erster Linie das Drehbuch zugesagt. Als ich den Regisseur traf, hat er mir alles detailliert erklärt. Er wusste bereits, wie er mit der Kamera arbeiten würde oder welche Farben in welchen Szenen dominieren könnten. Ich dachte: „Wenn jemand so präzise mit einem Projekt umgeht, kann ich ihm vertrauen“. Ich war auch neugierig, welches Verhalten sich bei so einer Katastrophe zeigt, und ich wollte diese Emotionen vermitteln, diesen Ausnahmezustand, der uns aus der Normalität reißt und diese wirkliche Seite von uns zeigt, die sowohl heroisch als auch hässlich sein kann.

Film-Still: Emergency Declaration / Lee Byung-hun als Ex-Pilot Jae-hyuk (© Showbox, Magnum9)

Sie haben sowohl in Korea als auch in Hollywood gearbeitet. Welche Unterschiede gibt es bei Filmproduktionen in den USA und in Korea?

Die koreanische Industrie ist der in Hollywood sehr ähnlich. Aber in Hollywood ist die Vorproduktionsphase wirklich sehr lang. Man nimmt sich viel Zeit für eine sorgfältige Vorbereitung, um später, während des eigentlichen Drehs, keine Fehler zu machen. Die Drehzeit ist im Vergleich dann ziemlich kurz. In Korea ist die Stimmung am Set ein wenig anders. Der Regisseur ist viel aufgeschlossener für die Vorschläge seitens der Schauspieler*innen. Koreanische Sets sind flexibler und Änderungen können schnell vorgenommen werden. Bei uns kann man den Film gleich vor Ort montieren, in Hollywood ist so etwas eher selten, und die Aufgaben sind stärker aufgeteilt.

In jeder Unterhaltungsindustrie kommt es oft zu Skandalen. Beispielsweise hört man über die Opfer, die angehende koreanische Schauspieler*innen und Sänger*innen bringen müssen, um Stars zu werden... 

Ich kann die Frage nicht sehr objektiv behandeln, weil ich ja ein Koreaner bin und in dieser Industrie arbeite. Ich würde sagen, es kommt auf den Fall an. Es gibt tatsächlich Beispiele dafür, dass Neulinge sehr streng trainiert und ihre Auftritte kontrolliert werden. Es gibt aber auch Debütanten, denen es gelingt, sich frei auszudrücken. In beiden Fällen werden Talente von Leidenschaft angetrieben, aber nicht jeder kann seine Kapazitäten einschätzen oder sich in der Industrie behaupten. 

Film-Still: Emergency Declaration / Yi Si-wan als Terrorist Jin-seok (© Showbox, Magnum9)

Die Filmindustrie erlebte während der Pandemie viele Komplikationen. Selbst die Produktion von „Emergency Declaration“ wurde mehrmals verschoben. Mit welchen Herausforderungen wurden Sie persönlich konfrontiert?

Das ist eine etwas umfangreiche Frage, aber ich möchte etwas Persönliches dazu sagen. Als ich im Juli dieses Jahres in Cannes ankam, sah es für mich so aus, als ob ich in einer anderen Welt landete. Das Wetter war großartig, der Himmel war wolkenlos und das Meer glitzerte. Aber am meisten habe ich mich über die Leute gewundert: Sie lachten sorglos und umarmten sich, sie trugen keine Masken. Das war für mich eine große Überraschung. Das Gefühl von Freiheit hat mich überall begleitet. Ich habe mich gefragt: „Ist das hier eine andere Welt? Haben diese Menschen die Pandemie erlebt? Warum sieht es so aus, als ob ihre Welt sich überhaupt nicht geändert habe, während meine innerhalb kurzer Zeit auf den Kopf gestellt wurde?“ Und plötzlich hatte ich Mitleid mit mir selbst. Ich habe etwas über mich gelernt. Ich war den neuen Vorschriften gegenüber zu angepasst, habe mich selbst mental eingeschränkt. Die Pandemie war für uns alle ein gewisser Notstand, der jeden Einzelnen gefordert hat und in der jeder unterschiedliche Reaktionen zeigte.
 

¹ Masterclass oder „Rendez-Vous” ist ein Event während des Filmfestivals in Cannes, bei dem einzelne Regisseur*innen oder Schauspieler*innen dem Publikum präsentiert werden. So sprach beispielsweise Bong Joon-ho darüber, was ihn und seine künstlerische Praxis beeinflusst hat.

 

Bild von Dr. Tatiana Rosenstein

Foto: privat

Dr. Tatiana Rosenstein

Kunsthistorikerin und Filmwissenschaftlerin, berichtet seit 1999 für deutschsprachige und ausländische Medien von internationalen Filmfestivals und ist in Kritikerjurys tätig. Sie verfasst ihre Beiträge in mehreren Sprachen, wobei ihre Veröffentlichungen von Reed Business Information, Condé Nast, Hearst oder Hachette Filipacchi von Europa und Russland bis nach China und Korea reichen.

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