Musik

Gugak-Festival in 70 Minuten

Das Ensemble Yangju Pungryu Akhoe auf Konzertreise durch Europa
 

Bild vom Konzert in der Akademie der Künste

Konzert in der Akademie der Künste am 26. Juni (Fotos: Koreanisches Kulturzentrum)

Die musikalische Gala ist in Korea eine weitaus geläufigere Konzertform als in Deutschland. Das Wohlbefinden, das sich beim Genuss einer ganzen Folge von schönsten Stücken beim Publikum einstellt, hat dort eine besondere Stellung. Natürlich, bei einer Gala müssen die Stücke beliebt und bekannt sein. Bei dem Konzert der Yangju Pungryu Akhoe am 26. Juni, am Sonntagnachmittag im Plenarsaal der Berliner Akademie der Künste am Pariser Platz in Berlin, war das koreanische Publikum so zahlreich und so warmherzig begeistert, dass es die deutschen Zuhörer gleich mitriss und sie für die eigentlich ungewöhnlichen Klänge so einnahm, dass das Konzept diesmal aufging, selbst bei denen, für die dies die erste Begegnung mit Gugak, der nationalen, das heißt traditionellen Musik Koreas, war.

Allerdings – die Begegnung mit Königen, mit Helden! kann wohl kaum anders als tief beeindrucken, und diese versammelten sich in dieser sehr heterogenen Gruppe von Musikern der älteren Generation. Alle zwanzig von ihnen tragen den Titel „Lebender Nationalschatz“, einige sind auch noch als Professoren im Amt, und manche stehen bereits im achten Lebensjahrzehnt, wie der Piri (Bambus-Oboe)-Spieler Chung Jae Kook, 74: „Ich möchte so lang spielen, wie nur möglich!“ Im kurzen Interview vor dem Konzert erzählt er von früheren Auftritten in Berlin, 1973, bei denen ein koreanischer Kompositionsprofessor die Einführungen gestaltete, und von 1985, wo als besonderer Schwerpunkt im Festival „Horizonte“ die koreanische Musik in aller Ausführlichkeit und Sorgfalt dem Berliner Publikum zugänglich gemacht wurde. „Seit damals ist das Institut viel größer geworden. Heute gibt es neben dem Hofmusikorchester auch ein Volksmusikensemble und ein ‚kreatives’ Ensemble.“ Sind dadurch nicht auch die Chancen für die Verbreitung der koreanischen Musik in Europa verbessert? „Damals, 1973 und 1985, wurden die Konzerte alle staatlich unterstützt. Das Konzert heute aber wird von der Firma Crown Haitai [Süßigkeiten und Lebensmittel, Anm. d. Autors] gesponsert.“

Aber auch in Deutschland hat sich einiges verändert, und das Internationale Institut für vergleichende Musikforschung, das 1985 den erwähnten Festival-Schwerpunkt ausgerichtet hatte, musste nach dem Fall der Mauer mangels Finanzierung geschlossen werden. Private Initiative ist gefordert. Yoon Youngdal, Präsident von Crown Haitai, setzt sich mit großer Leidenschaft für die Pflege und Lehre traditioneller Musik ein.

Könige, Helden – die meisten beteiligten Musiker dieses Abends haben bei jenen alten Meistern gelernt, die ihre Kenntnisse über die Zeit der japanischen Besetzung (1905-45), den Koreakrieg und die ersten Jahre des Wiederaufbaus retten konnten. Chung Jae Kook hat z.B. die Militärmusik Daechwita vom einzigen Bewahrer dieser Tradition erlernt und ist jetzt selbst Träger dieses wichtigen Kulturguts.

Solo-Hoftanz Chunaengjeon

Und so verhält es sich mit vielen Stilen insbesondere der höfischen Tradition. Sie kommt zu uns durch ein Nadelöhr der Geschichte. Als das Konzert mit Cheonnyeonmanse (,1000 Jahre Frieden‘), einem Stück für die Pungryu-Besetzung, ein siebenköpfiges Ensemble aus Zupf- und Blasinstrumenten und Sanduhrtrommel, anhob, öffnete sich wie durch einen Zeittunnel eine raue Klanglichkeit, eine Vieltönigkeit mit zahllosen kleinen Überraschungen und – Schocks!, denn die Hauptmelodie, auch der hübsche Volkstanz in der Mitte, wird da stets umspielt von Tönen, die ihre Tonart absichtlich zu verfehlen scheinen. Die leise Spießgeige Haegeum und die Längsflöte Danso umzwitschern fröhlich und mit tausend Nebenbemerkungen die gewichtig führende Hauptlinie, die aber auch schwankend ist. Das „verletzt“ das westliche Ohr!? Nein! Das belebt es. Dur/Moll ade! Die koreanischen Tonarten sind eher philosophischer Natur. Aber ihre Klanglichkeit vor den Einflüsterungen der allgegenwärtigen westlichen Musik zu bewahren, ist keine leichte Aufgabe!

Das nächste Stück erweiterte den Begriff von Tanz. Chunaengjeon ist eines der klassischen Standardwerke höfischer Unterhaltungskunst. Im 18. Jahrhundert vom Kronprinz Hyomyeong choreographiert, soll es auf die zufällige Beobachtung eines Pirols in einem Weidenbaum zurückgehen. Beginnend nur mit leichten Verbeugungen, vergrößert und beschleunigt sich das Auf und Ab der mit einem Seidentuch verlängerten Arme und geht die beständig lächelnde Tänzerin (Song Young In) zuletzt in eine Drehbewegung über, die eine immer noch maßvolle Ausgelassenheit darstellt – und Zurückhaltung ist in der höfischen Musik das höchste Gebot. Die Strategie dieses Tanzes, wie auch die der größeren Werke der aristokratischen Musik ist es, von einer äußerst reduzierten Darbietung in mikroskopischen Wandlungen zu einer mittleren Bewegtheit zu finden. In der weltlichen Musik der Aristokratie gibt es zwei Abteilungen, die „laute“ und die „leise Musik“. Das sagt nichts über die Ensemblegröße aus. Obwohl Chunaengjeon nur von vier Musikern begleitet wurde, gilt das Ensemble wegen der durchdringenden Oboe Hyangpiri als laut und somit für den großen Saal und den Außenbereich geeignet, während das sechs- bis achtköpfige Pungryu-Ensemble mit nur einer Trommel und der leisen Oboe Sepiri als Kammermusik angesehen wird. 

Geomungo-Sanjo

Dieses Ensemble begleitet auch die Lieder namens Gagok, die auf Texte der Kurzgedichte Sijo gesungen werden. Es gibt davon einen 15-teiligen Zyklus für Frauen- und einen 24-teiligen für Männerstimme. Das berühmteste „Männerlied“ ist Chosudaeyeop. Der Text von Chosudaeyeop ist an lyrischer Sensibilität kaum zu übertreffen: „Dämmert es schon am Ostfenster?/ Die Lerchen verkünden den Tag/ Ist der Kuhhirte, mein kleiner Gehilfe, noch immer nicht aufgewacht? Wann will er das Feld endlich pflügen/ das über den Hügel sich erstreckt?“ (Übers. Heinz-Dieter Reese). Gagok ist durchinstrumentiert, aber die Partitur aus chinesischen Schriftzeichen vermittelt nur die eine Hälfte der Musik, die Hauptnoten, Verzierungen und Vibrato; der Rest ist mündliche Überlieferung, die Feinheiten, die mikrotonalen Spiele, die sich aus der sehr weiträumig schwankenden Tonhöhe im Zusammenklang mit den Instrumenten ergeben. Dieses unschriftliche Wissen um Richtigkeit macht diese Musik zum „Immateriellen Kulturgut“. Und, gar nicht unähnlich dem Gesang im Jazz, erwächst die Schönheit nicht aus Glätte, sondern aus den vielen Abstufungen der Rauheit.

Bild: Pansori-Sänger Jo Sang Hyeon in einer Szene aus dem "Simcheongga"

Pansori-Sänger Jo Sang Hyeon in einer Szene aus dem "Simcheongga"

Dann wechselte das Programm mit der äußersten Steigerung stimmlicher Rauheit zur Volkstradition: Mit einer Szene aus dem Pansori Simcheongga. Der wunderbare 79-jährige Jo Sang Hyeon, sehr bekannt aus dem Film Chunhyangdyeon von Im Kwon-taek, wirft sich mit einer phantastischen Jugendlichkeit in die Pansori-typischen Klageschreie, deren spektakuläre Kunstfertigkeit das Publikum mehrfach zu spontanem Beifall reizte.

Nach und nach wird deutlich, wie geschickt dieses Programm quer durch die Stile der Musik im alten Korea – grenzüberschreitend zwischen den sozialen Schichten – gebaut ist, denn es schließt sich ein superkurzes Geomungo-Sanjo an – Sanjo, die Solosuite für Melodieinstrument und Sanduhrtrommel, wird mit der nachdenklichen Beweglichkeit des Tons auch als instrumentales Pansori bezeichnet. 

Sujecheon

Die Erwähnung nur des Titels Lied des Unterwasserdrachens (Suryeongeum), eines sehr zarten aristokratischen Duos von Mundorgel und kleiner Flöte Danso, evozierte bei den Zuhörern eine friedlich-fröhliche Szene von einem sich wonnig in den Meereswellen aalenden Drachen, und nach einem kleinen Medley von Volksliedern im Stil der Gyeonggi-Provinz folgte das großbesetzte höfische Orchesterstück Sujecheon, dessen strenges Reglement doch so viel freies Aussingen insbesondere der Flöten Daegeum erlaubte, dass es einem Tränen der Freude in die Augen trieb. Man hätte es so gern noch länger gehört. Das konnte man zu jedem Stück sagen: Material war genug da für ein mehrtägiges Festival hochklassiger Meisteraufführungen aus der stolzen koreanischen Klassik. Denn so sollte man die traditionelle Musik nennen, und so sollte man sie auch aufführen. Dieses Konzert steigerte die Lust darauf ins Schmerzhafte. Eine echte Gala! Ein genussreicher Überblick in weiter zu erkundenden Reichtum.

Bild von Matthias R. Entreß

Foto: privat

Matthias R. Entreß

geb. 1957 in Hamburg, lebt und arbeitet in Berlin als freier Autor, Musikjournalist und -kurator. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte an der FU Berlin, kuratierte 2004 in Berlin und 2007 in Italien Festivals mit koreanischer Musik sowie Konzerttourneen mit Pansori (2009/ 2013/ 2015) und Volksmusik (2011). 2005 initiierte er die ersten deutschen Übersetzungen von Pansori, an denen er auch mitarbeitete. Musikjournalistische Schwerpunkte sind Neue Musik und Außereuropäische Musik für DLR, BR, DLF.   Ende 2016 erhielt er die Auszeichnung der Republik Korea.

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