Literatur

Han Kang auf Lesereise mit ihrem Roman „Die Vegetarierin“

Die Autorin Han Kang vor ihrer Lesung am 09. September 2016 in Berlin

Die Autorin Han Kang vor ihrer Lesung am 09. September 2016 in Berlin (Foto: Katharina Borchardt)

„Han Kang tritt hier auf? Gibt's doch gar nicht!“, ruft der junge Mann und bleibt verdattert stehen. Im Vorbeigehen hat er sich erkundigt, was hier denn los sei. Denn die Türen zum „Prater“, einem Theater in Berlin-Prenzlauer Berg stehen offen; davor warten Menschen in Grüppchen auf dem Gehweg. Ein warmer Septemberabend. „Die Han Kang, die „Die Vegetarierin“ geschrieben hat?“, fragt er. „Das Buch lese ich gerade!“ Er nestelt an seinem Rucksack, zieht den Roman heraus und zeigt ihn herum.

Es ist die Geschichte einer jungen Frau namens Yong-hye, die zuerst kein Fleisch und bald darauf gar nichts mehr essen will. Sie entfremdet sich von Ehemann und Familie, wird schließlich in die Psychiatrie eingewiesen und zwangsernährt. Eine beklemmende Geschichte, die aber in ihrer poetischen Intensität viele Leser anspricht. Auch den jungen Berliner, der sich spontan eine Eintrittskarte an der Abendkasse besorgen will.

Berlin ist in diesem Spätsommer die erste Station auf Han Kangs Lesereise; danach tritt sie in München, Zürich und Frankfurt auf. Anschließend reist sie weiter nach Amsterdam und Paris. In anderen europäischen Sprachen liegen bereits mehrere Bücher von ihr vor. Deutschland hinkt ein wenig hinterher, ist „Die Vegetarierin“ doch Han Kangs bislang einzige Romanveröffentlichung auf Deutsch. Die aber hat gerade großen Erfolg. Innerhalb weniger Tage nach Erscheinen wurde der Roman in allen überregionalen Zeitungen ausführlich rezensiert, und auch im „Literarischen Quartett“ im ZDF wurde er breit diskutiert. Aus dem Nichts allerdings kam er nicht, wurde er in anderen Ländern doch schon zuvor vielseits gelobt. Die größte Aufmerksamkeit hat er hierzulande aber sicherlich der Auszeichnung mit dem Man Booker International Prize zu verdanken, den Han Kang im Mai dieses Jahres in London entgegennahm. So gelangte „Die Vegetarierin“ innerhalb kürzester Zeit auf die Spiegel-Bestsellerliste; das Buch verkauft sich prächtig.

Ist Han Kang nun also ein internationaler Literaturstar geworden? „Oh nein, das denke ich nicht“, antwortet sie verlegen. „Ich reise gern ins Ausland und gebe dort Lesungen“, sagt sie leise, „aber das Unterwegssein strengt mich auch an. Am allerliebsten bin ich eigentlich zu Hause.“ Han Kang lebt mit ihrem Sohn in der Nähe von Seoul. Zum Arbeiten hat sie sich ein Studio gemietet. „Von meiner Wohnung aus laufe ich zwanzig Minuten dorthin“, erklärt sie, „und der Weg führt durchs Grüne. Das genieße ich sehr.“

Um das Jetlag niederzukämpfen, trinkt Han Kang vor der Berliner Lesung einen großen Milchkaffee. „Zu Hause trinke ich fast nie Kaffee“, sagt sie, „aber ich bin erst gestern aus Seoul angekommen, und dort ist es jetzt schon fast 2 Uhr in der Nacht.“ Rund 300 Zuschauer sind in den Berliner „Prater“ gekommen, wo die Autorin im Rahmen des internationalen literaturfestival berlin (ilb) liest. Sie trägt ein schlichtes schwarzes Kleid und eine Kette mit einem kleinen Blumenanhänger, was ihr zurückhaltendes Wesen unterstreicht.

Han Kang 
Die Vegetarierin
978-3-351-03653-9 
18,95 €

„Die Vegetarierin“ erschien auf Koreanisch bereits im Jahr 2007. Wie ist es, wird sie gefragt, heute noch so viel über einen Roman zu sprechen, dessen Ersterscheinen bereits neun Jahre zurückliegt? „Anfangs war ich sehr überrascht über diesen späten Erfolg“, antwortet sie. „Der Roman ist mir aber immer noch nah, auch wenn ich seither schon drei weitere Romane geschrieben und mich also in ganz andere Geschichten vertieft habe.“

Sieben Romane, drei Erzählbände und eine Gedichtsammlung hat Han Kang bereits auf Koreanisch veröffentlicht. Ein beeindruckendes Oeuvre für eine erst 45jährige Autorin. Oft trage sie eine ungelöste Frage aus einem Roman in den nächsten hinein, um sie dort genauer zu untersuchen. In der „Vegetarierin“ drehe sich alles darum, dass der Hauptfigur Yong-hye auf einmal bewusst wird, dass jeder Mensch eine gewaltsame Seite besitzt. Diese Seite zeige sich auch darin, dass er Tiere um ihres Fleisches willen tötet. Yong-hye will sich dem radikal widersetzen und ruft bei einem Familienessen „Vater, ich esse kein Fleisch.“ „Dieser Satz ist das Zentrum des Romans“, betont Han Kang bei ihrer Lesung im Frankfurter „Haus des Buches, „denn damit grenzt Yong-hye sich auch gegen ihren brutalen Vater ab.“ Der aber versucht prompt, der enthaltsamen Yong-hye das Fleisch mit Gewalt in den Mund zu pressen. Im daraus erwachsenden Handgemenge schneidet sich die junge Frau die Pulsadern auf. Diese dramatische Szene taucht in allen drei Teilen auf, aus denen sich der Roman zusammensetzt.

Im ersten Teil erzählt Yong-hyes Ehemann davon, wie sehr es ihn ärgert, dass sich seine doch eigentlich angenehm durchschnittliche Ehefrau immer exzentrischer aufführt. Die Ehe geht bald schon in die Brüche. In diesen ersten Teil sind auch kurze Szenen eingebettet, in denen Yong-hye von Gewalt und Fleischverzehr träumt. Im zweiten Teil führt ihr Schwager die Geschichte fort, indem er Yong-hye in ein erotisch aufgeladenes Kunstprojekt einbindet und ihren Körper mit Pflanzen und Blumen bemalt. Diese Bemalung gefällt der zunehmend geistesabwesenden jungen Frau sehr. Den Abschluss des Romans bildet die Erzählung der älteren Schwester, die die stark abgemagerte Yong-hye in einer psychiatrischen Einrichtung besucht. Dort steht sie gerne im Handstand und stellt sich vor, dass ihre Hände in der Erde wurzeln, dass ihre Beine Ästen gleichen und dass Blätter daraus wachsen. Jedes der drei Kapitel kann für sich stehen, und Han Kang hatte sie zunächst auch separat voneinander in verschiedenen literarischen Zeitschriften veröffentlicht – immer aber mit dem Plan, sie schließlich zu einem Roman zusammenzuführen, erzählt sie in Frankfurt.

Interessant ist, dass dem Roman eine Erzählung vorangegangen ist, die schildert, wie sich eine (andere) junge Frau tatsächlich in eine Pflanze verwandelt. Sie heißt „Die Früchte meiner Frau“ und ist die einzige Kurzgeschichte von Han Kang, die bislang auf Deutsch erschienen ist (in: „Koreanische Erzählungen“, hrsg. von Sylvia Bräsel, dtv 2005). Darin entdeckt eine junge Frau blau-grüne Flecken auf ihrem Körper, die sich immer weiter ausbreiten. Ihr Ehemann ist – anders als der fühllose Mann von Yong-hye – aufrichtig besorgt. Er, der die Geschichte erzählt, beobachtet, wie seine Frau nach und nach abmagert und verwahrlost, bis er sie nach seiner Rückkehr von einer Dienstreise auf dem Balkon vorfindet: verwandelt in eine Pflanze. Die beiden leben in einem Apartment im 13. Stock eines Hochhauses im Nordosten von Seoul. In dieser Geschichte geht es nicht um Fleischverzicht, sondern um den umfassenden Rückzug einer Frau aus der modernen Zivilisation. „Das Bild von der Frau, die zur Pflanze wird“, erklärt Han Kang, „ist mir eine Zeitlang sehr wichtig gewesen. „Nach dieser bereits sehr tragischen Erzählung wollte ich noch eine weitere Variation zu diesem Thema schreiben. Daraus wurde schließlich der Roman „Die Vegetarierin“, an dem ich zwei bis drei Jahre lang gearbeitet habe und der viel düsterer geworden ist als die vorangegangene Erzählung. Das hat auch damit zu tun, dass ich in einem Roman ein Thema immer bis ins Letzte ausreizen will.“ Han Kang, die selbst kein Fleisch, gelegentlich aber Fisch isst, geht in ihrem Roman unserem gewaltvollen Umgang mit der Welt auf den Grund und zeigt, wie kompromisslos eine sensible junge Frau darauf reagiert. Han Kangs Romane sind radikal. Aufgrund des großen Erfolgs der „Vegetarierin“ ist die nächste Übersetzung schon in Vorbereitung. Der Roman „Human Acts“ soll im Herbst 2017 ebenfalls im Aufbau-Verlag erscheinen.

Katharina Borchardt

Literaturredakteurin bei SWR2 und Mitglied der Jury der Bestenliste "Weltempfänger"

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