Gesellschaft

Heiße Häufchen zum Dessert

"Poop Hotteoks" mit Schokoladenfüllung (Foto: noemie_gentry)

„Poop Cafés“ en vogue


Südkorea ist berühmt für seine Cafés. In Seoul sind sie reich gesät. Abgesehen von den großen, bekannten Kaffeehausketten, gibt es auch viele einzigartige und ungewöhnliche Cafés. Beliebt sind vor allem Themencafés, wie Manga-Cafés, Waschbären- oder Katzen-Cafés. Doch wer hätte gedacht, dass es auch Kaffeehäuser gibt, die gesüßte Hundehaufen im Waffelteig anbieten. Im Einkaufsgebäude Ssamji-gil[1] im Stadtteil Insa-dong befindet sich im obersten Stockwerk das „Poop[2] Café“. Hier bekommen die Gäste ihren Kaffee in einer Mini-Toilette und den Kuchen in Häufchenform serviert. Von außen betrachtet ist das Café ‚stinknormal‘ – beim Eintritt lächeln den Besuchern aber gleich die Häufchen entgegen. Wer hier zu Mittag essen möchte, bekommt sein Gericht in einer Toilettenschüssel serviert. Na dann, guten Appetit!

Unten im Außenbereich werden „Poop Hotteoks“ verkauft - süßes Gebäck, gefüllt mit Schokolade oder rote Bohnenpaste in Häufchenform. Die Köstlichkeiten sollen vor allem Touristen anziehen. Nach Eingabe des Hashtags „Poop Café“ in den sozialen Medien tauchen viele lustige Fotos auf. Touristen amüsieren sich „köstlich“, Kinder und Jugendliche sind hellauf begeistert von diesem „Sch***“.

Auf der Suche nach dem Ursprung dieses bizarren Trends finden sich interessante Bezüge aus alter Zeit. In der Joseon-Dynastie (1392-1910) wurden Fäkalien zuweilen mit Reiswein gemischt und als Heilmittel namens „Ttongsul“ (,Kot-Alkohol‘) verwendet. Angeblich soll die traditionelle Heilmedizin gegen Knochen- und Gelenkschmerzen geholfen haben. Laut Überlieferungen soll diese Mischung zuletzt in den 1960ern als Medizin eingesetzt worden sein. Heute werden nur noch die wenigsten Koreaner etwas mit dem Begriff „Ttongsul“ anfangen können.

Während Fäkalien gemeinhin mit Ekel assoziiert werden, findet das Thema in der Traumdeutung ein positives Echo. Von Exkrementen zu träumen wird mit Glück, Geld und Reichtum in Zusammenhang gebracht. Wer im Traum nach Kot greift, greift nach seinem Glück, und wer von einer Darmentleerung träumt, wird in naher Zukunft mit viel Geld überhäuft – so zumindest will es die Deutung. Auch in der westlichen Welt soll der (Fehl-)Tritt in den Haufen ja bekanntlich Glück bringen.

Cappuccino mal anders! Im "Poop Café" sehen die Tassen aus wie kleine Toilettenschüsseln. (Foto: noemie_gentry)

Fäkalien spielen auch in der Erziehung von Kindern eine wichtige Rolle. In Korea gibt es zahlreiche Aufklärungsvideos und Lieder zum Thema, weil sich viele Kinder wegen drohender Bauchschmerzen vor dem Toilettengang fürchten. Im „Poop-Song“ (‚Eungga Song‘), heißt es: „Ist es raus? Nein noch nicht. Nochmal drücken. Du schaffst das schon!“ In dem kurzen Animationsvideo wird lauthals gesungen und fröhlich der Spaß an der ‚Sache‘ postuliert.

Der Animationsfilm aus dem Jahr 2003 von Kwon Oh-sung basiert auf der Vorlage des Kinderbuches "Doggy Poo" (1968) von Kwon Jung-saeng (Foto: Koreanisches Kulturzentrum).

Die Kinder werden bereits im Kindergarten mit dem Thema konfrontiert. „Doggy poo“ von Kwon Jung-saeng aus dem Jahr 1968 ist eines der berühmtesten Kindermärchen, das vermutlich jedes Kind in Korea kennt. Es handelt von dem kleinen Hundehaufen eines Welpen. Der kleine Hundehaufen versucht, sich mit allen und allem anzufreunden, was ihm über den Weg läuft. Weil dieses Vorhaben regelmäßig misslingt, fühlt sich das Häufchen nutzlos und traurig. Doch eines Tages wächst ein Löwenzahn aus dem Boden und sagt dem kleinen Hundehaufen, dass er ihn braucht, um groß und hübsch zu werden. Das macht „Doggy poo“ sehr glücklich. Das Märchen soll zeigen, dass selbst Fäkalien wichtig und nützlich sein können.

„Poop“ ist bei den Kindern so beliebt, dass in Insa-dong sogar ein Freizeitpark entstanden ist. Hier gibt es alle Attraktionen zum Thema, die man sich nur vorstellen kann. Besonders beliebt sind die Fotozonen. Die Besucher können sich hier vor entsprechend gefüllten Toilettenschüsseln fotografieren lassen. Über den Toiletten befindet sich dann die Aufschrift „Please touch and feel various kinds of poop“ (‚Bitte berühren und fühlen Sie die verschiedenen Arten der Kacke‘). Aber kein Grund zur Sorge, denn das sind alles nur künstliche Nachbildungen. In einem anderen Bereich wird auf spielerische, visuelle Art erklärt, wie Fäkalien in unserem Körper entstehen. Die einzelnen Schritte, angefangen vom Mund bis zum Enddarm, müssen durchlaufen werden, um dem Labyrinth der Innereien am Ende entfliehen zu können. Sieger ist, wer sich erfolgreich zu einem Häufchen entwickelt. Diejenigen, die die Erfahrung machen möchten, in einer Toilette heruntergespült zu werden, können die Toilettenrutsche ausprobieren. Auch für Pärchen gibt es besondere Attraktionen wie Fotozonen mit vergoldeten Pärchen-Toiletten. Diesen Ort sollte man allerdings für das erste Date wohl besser meiden.

Wem das alles nicht genügt, kann das „Mr. Toilet House“ in Suwon besuchen. Das Museumsgebäude hat die Form einer Toilette und heißt auf Koreanisch „Haewoojae“ (‚Haus, um seine Sorgen loszuwerden‘). Sim Jae-duck, auch „Mr. Toilet“ genannt, ließ sein Haus, in dem er 30 Jahre lang gelebt hatte, umbauen. In dem Gebäude, das einer Toilette nachempfunden wurde, gründete Sim Jae-duck die „World Toilet Association“.[3] Das „Mr. Toilet House“ soll Sim Jae-ducks Mission wiederspiegeln, weltweit mehr Toiletten zu bauen und verdeutlichen, wie wichtig diese sanitäre Einrichtung zur Gesunderhaltung der Menschen ist. Nach seinem Tod 2009 vererbte Sim Jae-duck das Haus der Stadt Suwon. Seither steht das „Mr. Toilet House“ den Bürgern als Museum zur Verfügung – bei freiem Eintritt.

Die Beliebtheit von „Poop Cafés“ beschränkt sich jedoch nicht auf Korea. Auch in Taiwan und Japan gibt es schon seit mehreren Jahren „Poop Cafés“, und seit 2016 serviert in Toronto auch das erste Kaffeehaus außerhalb Asiens heiße Häufchen zum Dessert.

Spaghetti aus der Toilettenschüssel (Foto: noemie_gentry)

 

[1] Ein Gebäude mit vielen kleinen Geschäften und großem Innenhof
[2] Zu Deutsch. „Kacke“
[3] Die World Toilet Association ist eine internationale Organisation, die sich zum Ziel gesetzt hat, Leben durch die Verbesserung der sanitären Einrichtungen zu schützen. Sim Jae-duck wurde 2007 zum ersten Präsidenten der Organisation gewählt.

Bild von Vildan Özgen

Foto: privat

Vildan Özgen

studierte von 2013 bis 2018 Integrierte Koreastudien an der FU Berlin. Von 2015 bis 2016 verbrachte sie ein Austauschjahr in Korea und studierte währenddessen an der Ewha Womans University in Seoul. 2018 absolvierte sie ein dreimonatiges Praktikum im Koreanischen Kulturzentrum Berlin.

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