Kaleidoskop

Hoteldesign für Kreative

Le Meridien Yang Min Ha Art Work ©LM Seoul

Le Meridien Yang Min Ha Art Work ©LM Seoul

Seoul ist eine weitläufige Stadtlandschaft, welche schwer zu verstehen ist. Noch schwerer ist es, sich hier zurechtzufinden. Es ist jedoch der Mühe wert, diese Stadt zu erkunden, besonders in der letzten Zeit, wo die Designszene rasant gewachsen ist. Angefangen bei den Hotels und Museen bis hin zu den Bäckereien und typisch koreanischen Barbecues, heute bemühen sich alle um trendige Einrichtungen. Die bemerkenswertesten Designprojekte in Seoul sind die, die das Neue annehmen und gleichzeitig das koreanische Erbe bewahren.

Pariser Chic in Gangnam

Die Marriott-Hotelgruppe wurde hier zum Innovator, insbesondere nachdem sie im letzten Jahr das Londoner Studio von David Collins für die Einrichtung seines ersten koreanischen Außenpostens, des Le Méridien in Gangnam engagierte. Die Schwerpunkte der Einrichtung wurden auf Formen und Farben gelegt. Die Designer standen vor der Aufgabe, universelle Entwürfe zu erstellen, die für alle Gäste funktionieren, von weit gereisten Ausländern bis hin zur lokalen koreanischen Bevölkerung, die eine differenzierte, nachdenkliche Wertschätzung ihrer Kultur erwarten. So wurden zwei kulturelle Traditionen in einer Mischung aus Pariser Opulenz − eine Anspielung auf die Wurzeln des Le Méridien − und starken Referenzen an die lokale Kultur, insbesondere die traditionelle koreanische Kunst und das Handwerk, harmonisch verbunden.

Le Meridien Kinetic art installation ©LM Seoul

Le Meridien Kinetic art installation ©LM Seoul

Die Reise in die Welt des kreativen Designs beginnt schon mit der Anfahrt an das Gebäude. Über eine breite Bongeunsa-ro nähert sich der Besucher dem Hügel und nimmt die Kurve zum Haupteingang. Mit dem Gebäude erwartet ihn eine funktionale und mehrstöckige Struktur, die an eine Pagode erinnert. Sie erhebt sich über den Eingang, der mit einer klassischen Porte-Cochère und der Lichtinstallation „Gather + Build“ des koreanischen New Media-Künstlers Yang Min Ha den Ton angibt. Man tritt ein und wird mit der zwei Meter breiten Arbeit „Bloom Paper“ der bekannten Künstlerin Kim Hee Kyung konfrontiert. Ihr Werk nimmt einen eleganten Bezug auf Koreas jahrhundertealte Handwerkskunst, mittels der das traditionelle Hanji-Papier hergestellt wird.

Die neutrale Farbpalette der Lobby besteht aus grauem Stein und dunklem Holz. Die gewebten Metallgitter, die in einer Werkstatt außerhalb von Seoul hergestellt wurden, und elegante, geriffelte Holzsäulen vollenden das Interieur. Aber die Ausstellung der Kunstobjekte endet damit nicht, im Gegenteil:  Das Kunstzentrum M Contemporary, das bildende Kunst, neue Medien und verschiedene Elemente aus Architektur, Wissenschaft und humanistischer Technologie beherbergt, befindet sich ebenfalls auf dem Gelände im ersten Stock. Es wird deutlich, dass in der modernen Designlandschaft von Seoul Hotellobbys nicht nur Orte sind, an denen man lediglich eincheckt. Heutzutage haben diese auch eine Botschaft.

Le Meridien lobby ©LM Seoul

Le Meridien lobby ©LM Seoul

Das Le Méridien besteht aus zwei Gebäuden, einem alten renovierten und einem neuen, das erst vor Kurzem erbaut wurde. Beide sind durch eine Brücke auf der 12. Etage verbunden. Eine riesige Kolonnade erstreckt sich über die gesamte Länge und endet im neuen fünfstöckigen Atrium mit einem markanten Gitterfenster, das vom Pariser Kaufhaus Le Bon Marché aus den 1950er-Jahren inspiriert wurde. Die Rolltreppen sind in den hinteren Mittelteil des Hotels verlegt, sodass das hoch aufragende, lichtdurchflutete Atrium im visuellen Fokus liegt.

Le Meridien Chefs pallette bar ©LM Seoul

Le Meridien Chefs pallette bar ©LM Seoul

Die gastronomischen Einrichtungen wurden ebenfalls glamourös ausgestattet. Im Erdgeschoss am anderen Ende der Lobbykolonnade beeindruckt die ganztägig geöffnete „Chef's Palette“ mit gitterartigen Details und einer verzierten Decke. Auch diese sind vom koreanischen Kunsthandwerk inspiriert. Die Räume sind mit Holz verkleidet und mit weißen Kacheln, Glasblöcken mit blauem und rosa Leder und Stoffen dekoriert. Angetrieben von der klassischen koreanischen Philosophie der vier Elemente Geon, Ri, Gam und Gon, zeichnen sich weitere Einrichtungsstile („Elements“ und „LAB XXIV“) durch klar definierte Zonen aus, die durch die zentrale Kolonnade verbunden sind. Viele Räume sind multifunktional. Beispielsweise ist das „Latitude 37“ Café-Bar bei Tag, verwandelt sich jedoch abends zu einem Ort des Nachtlebens. Die Räume sind mit eleganten, von Hans Wegner inspirierten Schränken und Möbeln sowie einer geriffelten, antiken Messingstange dekoriert und haben vor allem stimmungsvolle Beleuchtung.

Le Meridien Lattitude 37 ©LM Seoul

Le Meridien Lattitude 37 ©LM Seoul

Eine Wand ist mit einem Kunstwerk bestehend aus Holzschirmen und Spiegeln und traditionellen koreanischen Jalousien ausgekleidet. Die natürliche Farbpalette setzt sich in den Gästezimmern fort, in denen ruhige Farbtöne von Elfenbein, Grün, Blau und Lavendel einen luxuriösen Effekt erzeugen. Cremefarbene Lederschirme mit Pojagi-Muster verleihen dem koreanischen Erbe einen subtilen modernen Touch. Die private Club Lounge in der 12. Etage hat ebenfalls traditionelle Leinenjalousien, aber auch hohe Decken und verglaste Wände, durch die man einen atemberaubenden Blick auf die Skyline von Seoul hat.

Kreative Energie der Straße

Ende 2018 erteilte die Marriott-Gruppe den Auftrag zur Umstrukturierung eines anderen Gebäudes, wo das Design noch aufwendiger und moderner geworden ist: Das vom Architekturbüro SCAAA entworfene RYSE Seoul ist ein neues Hotel der Autograph Collection im lebhaften Viertel Hongdae in der Nähe der Hongik-Universität, das für seine kreative Energie und sein Nachtleben bekannt ist. Von der frühen Konzeptphase an sollte das Hoteldesign eine diskrete Kulisse für das Treiben im Viertel sein, die vielseitige pulsierende Energie Hongdaes abbilden. Ähnlich wie bei vielen der eklektischen Gebäude der Nachbarschaft erstrecken sich die öffentlich zugänglichen Räume des Hotels wie die Hauptlobby, Restaurants, Lounges, Konferenzräume und Banketträume in einem unkonventionellen Entwurf über die ersten fünf Etagen, die privaten Gästezimmern beginnen ab der sechsten Etage.

RYSE_Exterior ©Kim Yongkwan

RYSE Exterior ©Kim Yongkwan

Das äußere Erscheinungsbild des Gebäudes setzt sich aus einer schlichten, eleganten Fassade aus schwarzem Granit und einer strukturell verglasten Vorhangfassade zusammen. Die Fassaden der oberen Stockwerke des Hotels sind mit durchgehenden Glasflächen ausgestattet, um den wechselnden Charakter und die Struktur des Viertels während des Tages widerzuspiegeln und auf das Leben nach Sonnenuntergang hinzuweisen. Die Granitfassaden scheinen über dem Ganzglasboden des Gebäudes zu schweben, und drei verschiedene strukturierte Oberflächen werden in einem dynamischen Muster vereint, das die Illusion eines dreidimensionalen Raums auf der Oberfläche des Gebäudes erzeugt. Die Designer Michaelis Boyd aus London und Daniel Song und Kate Cho vom lokalen Studio „Integ“ mischen und kombinieren gerne Harzböden mit rohen Betonoberflächen sowie Samtvorhänge mit handgewebten kenianischen Teppichen und geometrisch geformten Sofas mit lackierten Schränken.

RYSE Artist Suite by Yeojoo Park ©RYSE Autograph Collection

RYSE Artist Suite by Yeojoo Park ©RYSE Autograph Collection

Wenn man nach einer einstündigen Fahrt vom Flughafen Incheon in der Hotel-Lobby ankommt, schmerzen die Augen beinahe beim Anblick des pink lackierten Bodens, der durch das hereinströmende Morgenlicht herrlich glänzt. Die Bonbontöne werden durch Wände aus rohem strukturiertem Beton, weißem Marmor, Messingakzenten und einer Mischung aus auffälligen, von den Straßen Hongdaes beeinflussten Kunstwerken neutralisiert. Eine von der dritten Etage herabhängende himmelblaue Skulptur, gemacht aus Regalhaltern, gefertigt vom koreanischen Künstler Kwon Kyung Hwan, führt zum Check-in.

RYSE Producer Suite ©RYSE Autograph Collection

RYSE Producer Suite ©RYSE Autograph Collection

Die Gäste des RYSE sind Reisende, die nach einem individuellen Erlebnis suchen. Deshalb sind auch die Hotelzimmer von den kreativsten Köpfen gestaltet, darunter der Kunstfotograf Laurent Segretier, der Kollagenkünstler Charles Munka, der in Seoul lebende Bildhauer Yeojoo Park und der Multimedia-Geschichtenerzähler Maekan. Die 217 Quadratmeter große Executive Producer Suite könnte mit ihren handverlesenen Kunstwerken und einer grafisch gestalteten Wand des renommierten koreanischen Grafikdesigners Na Kim auch ein Ausstellungsort sein. Die Artist Suite wurde ebenfalls von Yeojoo Park mit Licht und polychromatischen Filmen ausgestattet.

Das Hotel hat weder einen vorderen noch einen hinteren Eingang und fügt sich daher nahtlos in die beiden Straßen ein. Eine der bekanntesten Galerien in Seoul, die Arario Gallery, nimmt das gesamte Untergeschoss ein. Dies ist das zweite Galeriegebäude in Seoul, und hier wird bewusst mehr experimentelle Arbeit gezeigt, um dem künstlerischen Geist des Bezirks zu entsprechen. In der dritten Etage können sich Gäste in einem Gemeinschaftsraum entspannen oder beim koreanischen Streetwear-Multilabel „Worskout“ einkaufen.

RYSE Club ©Kim Yongkwan

RYSE Club ©Kim Yongkwan

Um die Ecke erwartet die Gäste eine Wartelounge, in der eine gut sortierte Bibliothek mit Designbüchern und Publikationen zum Stöbern einlädt. RYSE hat in einige unerwartete Tools investiert, beispielsweise in eine Druckmaschine und eine Vinylpresse, die während der Workshops den Gästen zur Verfügung stehen. Die Risograph-Drucktechnik ist auf jeden Fall ein Markenzeichen des Hotels. Die Vinylsammlung im Side Note Club, ein charmanter Verweis auf die lebhafte Musikszene in Hongdae. Die Bar befindet sich auf dem Dach in der 15. Etage mit einem faszinierenden Blick auf den Fluss und die Wolkenkratzer.

 

Hochzeit im Hanok-Stil

Reisende, die es traditioneller mögen, checken weiterhin im The Shilla Seoul ein. Das massive Bauwerk im Jangchungdan-Park hinter den mittelalterlichen Stadtmauern von Seoul grenzt an den Namsan-Berg. Wie der Name schon verrät, bezieht sich die Einrichtung auf ein uraltes Königreich, das den Südosten der koreanischen Halbinsel ab 57 v.Chr. über etwa tausend Jahre beherrschte. Jetzt nutzt die Einrichtung die Kraft seines Namensgebers, um den Luxusmarkt zu beherrschen. Aber auch diese unterzog sich einer Renovierung, um den modernen Zeiten gerecht zu werden.

The Shilla Seoul Lobby ©The Shilla

The Shilla Seoul Lobby ©The Shilla

The Shilla Seoul Dynasty Wedding ©The Shilla

The Shilla Seoul Dynasty Wedding ©The Shilla

Das Erscheinungsbild des Hotels weicht schnell von der Tendenz des fernen Ostens zu vergoldeter Opulenz ab – mit Möbeln aus hellem Holz, Schiebefenstern aus Reispapier und eierschalenfarbenen Tapeten. Im hoteleigenen Einkaufszentrum findet man bekannte Modemarken wie Issey Miyake und Hermès. Der große grüne Skulpturengarten zeigt Werke von 40 führenden koreanischen Künstlern. Reiche Einheimische kommen gerne hierher und mieten die Räume für Geschäftstreffen oder für Besuche. Hier fanden legendäre Ereignisse wie der Nuklearsicherheitsgipfel 2012, die Party für das Begleitprogramm der G20-Führer 2010 statt, auch werden hier regelmäßig Ministergespräche geführt. Aber vor allem ist The Shilla für Hochzeiten berühmt. Diese finden in der pompösen Dynasty Hall oder im Yeong Bin Gwan statt. Die zweistöckige Anlage mit drei Banketträumen (Emerald, Ruby und Topaz). Yeong Bin Gwan wurde ursprünglich für ausländische VIPs gebaut und ist ein einzigartiger Festsaal im Hanok-Stil in Korea.

The Shilla Seoul Yeong Bin Gwan Wedding ©The Shilla

The Shilla Seoul Yeong Bin Gwan Wedding ©The Shilla

 

 

 

Bild von Dr. Tatiana Rosenstein

Foto: privat

Dr. Tatiana Rosenstein

Kunsthistorikerin und Filmwissenschaftlerin, berichtet seit 1999 für deutschsprachige und ausländische Medien von internationalen Filmfestivals und ist in Kritikerjurys tätig. Sie verfasst ihre Beiträge in mehreren Sprachen, wobei ihre Veröffentlichungen von Reed Business Information, Condé Nast, Hearst oder Hachette Filipacchi von Europa und Russland bis nach China und Korea reichen.

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