Musik

„Ich lernte Korea zuerst in Paris kennen“

Interview mit dem Pansori-Forscher Jan Creutzenberg
 

Ihre erste Bekanntschaft mit Korea war eher ungewöhnlich und brachte Ihnen sogar einen Preis bei einem Aufsatzwettbewerb ein… .

Ich lernte Korea zuerst in Paris kennen, genauer gesagt in einem Gästehaus, wo ich als Erasmus-Austauschstudent auf Wohnungssuche zwei Wochen lang lebte. Das Gästehaus hieß „PariStory" (es existiert mittlerweile nicht mehr) und wurde von einem Koreaner betrieben, Yeong-jin. Es gab morgens und abends koreanische Hausmannskost, Reis mit Suppe und verschiedenen Beilagen, was überraschend gut schmeckte. Außer mir stiegen dort nur koreanische Touristen ab, hauptsächlich junge Studenten auf Europareise, die nur für ein paar Tage blieben. Von Ihnen erfuhr ich einiges über das Leben in Korea, und mein Interesse wurde geweckt. Von da an war für mich klar, dass ich mehr über dieses unbekannte Land, seine komplizierte Geschichte und das Theater, das dort gemacht wurde, erfahren wollte.

Wie haben sich diese ersten Eindrücke, die Sie in Paris gewinnen konnten, verändert, als Sie das Land dann wirklich persönlich bereist haben?

Mein erster Besuch in Korea war kurz und intensiv. Innerhalb einer Woche besichtigte ich mit einer bunt zusammengewürfelten Reisegruppe Paläste, Tempel und Fabriken im ganzen Land. Genauso interessant war es aber auch, in den wenigen freien Minuten einfach durch Seoul zu wandern, eine Stadt, die mich durch ihre schiere Größe einschüchterte, aber auch hinter jeder Ecke verblüffende Entdeckungen versprach. Am letzten Tag fuhr ich mit der U-Bahn hinaus zum Nationalmuseum für moderne Kunst und konnte beim Spaziergang durch den Park dorthin noch ein bisschen die Natur genießen, die bis dahin etwas kurz gekommen war. Insgesamt war ich nach diesem ersten Besuch von den Eindrücken erschlagen, aber auch motiviert, mich mehr über die Hintergründe des Landes zu informieren.

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(c) Il-soo Hyun

Jan Creutzenberg studierte Theaterwissenschaft, Kulturwissenschaft und Philosophie in Berlin und Paris. Seit 2010 lebt er in Seoul, wo er zunächst als DAAD-Stipendiat an der Sogang University seine Koreanischkenntnisse vertiefte. Als Doktorand an der Freien Universität Berlin forscht er nun über die traditionelle Gesangs- und Erzählkunst Pansori. Nachdem er in der Programmabteilung des Goethe-Instituts Korea arbeitete, unterrichtet er zur Zeit Deutsch an der Korea University, der Sungshin Women's University und der Seoul Foreign Language High School. Über seine Erlebnisse in Korea berichtet er in seinem Blog: seoulstages.wordpress.com.

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Ensemble Taroo: ,,Tradition Project", Sängerin: Jo Ella, Trommlerin: Han Solip (Foto: Jan Creutzenberg)

Während eines späteren Aufenthalts in Korea entdeckten Sie die koreanische Gesangskunst Pansori für sich und beschlossen, sie zum Thema Ihrer Doktorarbeit zu machen. Was fasziniert Sie so an diesem Genre?

Das waren vor allem zwei Dinge: Zuerst die unglaublich vielseitige Stimme von Choe Yeong-gil. Der Sänger schaffte es, mich fünf Stunden lang mit einer emotionalen Achterbahnfahrt in seinen Bann zu ziehen. Mal kraftvoll und laut, dann wieder zart und filigran, schluchzend, krächzend, brüllend bewegte er sich häufig am Rande des Stimmbandbruchs. Obwohl ich zu der Zeit kaum ein Wort Koreanisch sprach und von der Geschichte, die er auf diese Weise erzählte, nur Bruchstücke mitbekam, war mir zu keinem Moment langweilig. Und dann waren da noch die anderen Zuschauer, die den Sänger mit motivierenden Rufen unterstützten und sich so in die Aufführung einbrachten. Ein derart selbstbewusstes und wie selbstverständlich an der Handlung teilnehmendes Publikum hatte ich bis dahin noch nicht erlebt.

Wie präsent ist Pansori im koreanischen Alltag, und welchen Stellenwert hat es bei jungen Menschen?

Jeder, mit dem ich darüber gesprochen habe, kennt Pansori. Aber nur wenige meiner Bekannten haben selbst eine Aufführung besucht. Im Fernsehen gibt es immer wieder Sendungen über Pansori, aber das ist natürlich etwas anderes als die Erfahrungen, die eine Live-Aufführung bietet. Dennoch spielt das Genre wie andere traditionelle Kulturschätze in der Vorstellung vieler eine identitätsstiftende Rolle; der Musikethnologe Keith Howard benutzt dafür den Begriff „icon of identity". Tatsächlich empfand fast jeder einen (manchmal unausgesprochenen) Stolz auf diese sehr spezielle Kunst. Dieser Zwiespalt – zwischen symbolischer Kraft und praktischer Irrelevanz im Leben der meisten Koreaner – ist ein Ausgangspunkt meiner Forschung.

Inzwischen haben Sie Pansori selbst erlernt. Bei diesem epischen Gesang trägt ein Sänger oder eine Sängerin über mehrere Stunden hinweg Gesangs- und Erzählpassagen vor, oft im Dialekt einer bestimmten Provinz. Ist das Meistern dieser Kunst für einen Nichtkoreaner, auch wenn er die koreanische Sprache noch so gut beherrscht, nicht sehr schwierig?

Ja, das ist es. Mein Anspruch besteht deshalb auch keinesfalls darin, eine Kunst, die Profis in jahrelanger Übung lernen, perfekt zu beherrschen. Ich hege keinerlei Ambitionen als Sänger, vielmehr habe ich Pansori-Gesangsunterricht genommen, um die typischen Trainingsmethoden am eigenen Leib zu erfahren. Der Besuch eines Pansori-Clubs gibt mir außerdem die Möglichkeit, mit Profis, aber auch Hobby-Sängern ungezwungen in Kontakt zu kommen und mehr über die Rolle, die Pansori heute im Leben verschiedener Menschen spielen kann, zu erfahren.

Ensemble Taroo: ,,Tradition Project", Sänger: Seo Eojin, Trommler: Kim Insu (Foto: Jan Creutzenberg)

Wie gestaltet sich Ihr Alltag als Doktorand? Wie sieht die Quellenlage über Pansori aus?

Neben den Texten der vorgetragenen Erzählungen gibt es zahllose Studien zu den unterschiedlichsten Aspekten von Pansori. Die meisten Forscher beschäftigen sich aber vor allem mit den literarischen oder den musikalischen Besonderheiten des Genres und arbeiten deshalb vor allem mit Texten und Partituren. Zwar berufe ich mich in meiner Arbeit auf viele dieser Untersuchungen und baue darauf auf, mein Hauptmaterial sind aber vor allem verschiedenste Arten von Pansori-Aufführungen, wie man sie heute in Korea sehen (und hören) kann. In meiner Doktorarbeit stelle ich Fragen, die sich erst in der Aufführung ergeben und ohne die körperliche Erfahrung dabei in Betracht zu ziehen, kaum beantwortet werden können: Welche Effekte hat der spezielle Pansori-Gesang auf die Zuhörer? Auf welche Weisen nehmen diese an der Aufführung teil, und welche Erfahrungen machen sie dabei? Was bietet eine Pansori-Aufführung modernen Menschen, deren Leben mit den Inhalten der erzählten Geschichten meist nur noch sehr wenig gemein haben? Darauf versuche ich Antworten zu finden – ob diese überzeugen, müssen dann die Pansori-Experten entscheiden... .

Neben Ihrer Forschungsarbeit als Doktorand unterrichten Sie noch Deutsch an mehreren Schulen, sind Gastblogger für das Jeonju International Sori Festival und betreiben einen eigenen Blog. Wie schaffen Sie es, alle diese Dinge in Ihren Tagesablauf zu integrieren?

Der Schulalltag hat den Vorteil, dass er früh anfängt und – im Vergleich zu anderen Jobs – früh endet, für mich bereits am Nachmittag. Während die Schüler bis in die Abendstunden lernen, arbeite ich an meiner Dissertation oder besuche Aufführungen, treffe Pansori-Sänger für Interviews etc. Die Arbeit als Gastblogger beim Sori Festival gab mir die Gelegenheit, die Arbeit mit dem Vergnügen zu verbinden. Meine Rezensionen und die Notizen und Interviews, die ich dafür machte, helfen mir nun bei der Doktorarbeit. So habe ich zum Beispiel auch das Ensemble Taroo kennengelernt, eine Gruppe junger Pansori-Sänger und -Sängerinnen, die das Genre auf unterschiedlichste Weise für ein heutiges Publikum wiederbeleben, mit neuen, experimentellen Stücken, aber auch mit ,,traditionellen" Konzerten in ungezwungener Atmosphäre, die zur Interaktion einladen.

Ensemble Taroo: ,,Tradition Project", Sängerin: Song Bora, Trommler: Jung Jongim (Foto: Jan Creutzenberg)

In Ihrer Anfangszeit in Korea haben Sie sich für den Sprung ins kalte Wasser entschieden und sind in eine koreanische Studentenpension (Hasukjip) gezogen, wo Sie der einzige ausländische Bewohner waren. Welche Erfahrungen haben Sie dort gemacht?

Ich hatte das Glück, ohne große Suche eine sehr nette Pension zu finden. Die Hausbesitzerin lebte zusammen mit ihrer Familie und inklusive meiner Person mit vier Studenten zusammen. So konnte ich morgens am Küchentisch schon Koreanisch üben. Es gab auch keine „Sperrstunde", nur habe ich manchmal das Abendessen verpasst - meistens, weil ich Theateraufführungen besucht habe. Einmal hat die „Imo" (so sollten wir sie nennen, auf keinen Fall Ajumma!) mit dem Essen auf mich gewartet, weil ich nicht Bescheid gesagt hatte, das tat mir leid.

Welche Dinge gibt es zu beachten, wenn man in Korea Fuß fassen möchte?

Das wichtigste ist, denke ich, schnell Koreanisch zu lernen und alle Gelegenheiten zum Üben zu nutzen -- wenn man die Leute um sich herum zumindest grob versteht, ist alles viel einfacher und interessanter. Offenheit für andere Gebräuche, Meinungen und Geschmäcker und die Bereitschaft, auch mal über den eigenen Schatten zu springen, sind selbstverständlich unabdingbar. Und es ist immer gut, ein Lied in petto zu haben.

Was schätzen Sie an Ihrem Leben in Seoul?

Ich mag die kulturelle Vielfalt, die die Stadt bietet – Ausstellungen, Theateraufführungen, Konzerte gibt es hier an jeder Ecke.

Können Sie sich vorstellen, irgendwann wieder in Deutschland oder einem anderen Land zu leben?

Das kann ich mir schon vorstellen, je nachdem, wie der Arbeitsmarkt nach der Promotion aussieht. Aber langfristig (oder dann später wieder) sehe ich mich schon hier in Korea. 

 

                                                                                                                                       Das Interview führte Gesine Stoyke
                                                                                                                                                       Redaktion „Kultur Korea“

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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