Kaleidoskop

„Ich liebe Kleider, aber sie dürfen nicht enganliegend sein”

Interview mit der Designerin Saena Chun
 

Die Designerin Saena Chun (© Saena Chun)

Ursprünglich haben Sie französische Literatur studiert. Wie kam es dazu, dass Sie später den Weg der Designerin einschlugen?

Ich mochte schon immer die Mode, so wie alle anderen koreanischen Mädchen auch. Da ich auch das Reisen, Fremdsprachen und das Einkaufen liebe, war es mein ursprünglicher Berufswunsch, Kauffrau zu werden. Nach meinem Französischstudium wählte ich später an der Universität ein doppeltes Hauptfach: Kleidungs- und Textildesign. Auch lernte ich mehr über das Merchandising. Dann kam ich auf die Idee, nach Paris zu gehen, um ein besseres Gespür für Trends zu entwickeln und die europäische Modeszene kennenzulernen. Ich studierte zwei weitere Jahre Modedesign an der ESMOD in Paris. Nach meinem Abschluss erhielt ich meinen ersten Praktikumsplatz bei Céline. Dort lernte ich erstmalig ein großes Modehaus von innen kennen. Ich half beim Organisieren von Modenschauen, beim Fotoshooting und allem ,Drum und Dran‘. Diese Arbeit faszinierte mich, und es war aufregend, wenn ich als Teil eines Teams an der Vorbereitung einer Show mitarbeiten durfte, was gewöhnlich drei bis vier Monate dauerte. In der Zeit fand ich heraus, dass mir die Arbeit als Designerin wirklich liegt.

Sie haben anschließend bei berühmten französischen Modehäusern wie Sonia Rykiel und Chloé gearbeitet. Welche Eindrücke haben Sie von der Arbeit dort mitgenommen?

Meine erste Anstellung erhielt ich bei der berühmten Designerin Sonia Rykiel. Obwohl sie bereits lange Jahre im Geschäft ist, ist ihre Leidenschaft für die Mode ungebrochen. Ich traf sie viele Male persönlich und habe Blumenelemente für sie angefertigt, denn sie liebt aufgenähte Blumen auf ihren Entwürfen. Ich mochte die Arbeit mit ihr wirklich, und es war eine große Chance für mich, für sie arbeiten zu dürfen. Nicht jeder in Paris, der Talent hat, erhält diese Möglichkeit.

Chloé war das letzte Modehaus, für das ich tätig war, bevor ich nach Berlin kam. Die Zeit dort habe ich als schwierig empfunden. Bei Sonia Rykiel existierten nur eine Designerin und ein Team, aber bei Chloé gab es so viele Designer, und ich verlor meine Freude an der Arbeit; ich fühlte mich wie ein kleines Rädchen im Getriebe. Natürlich war es eine großartige Gelegenheit, den Arbeitsalltag bei Chloé kennenzulernen, weil dort Haute Couture entsteht. Das ist eigentlich gut, aber ich bin nicht so innovativ - ich liebe es, mit den Händen etwas herzustellen. Die Arbeit bei Chloé entsprach nicht so sehr meinen Vorlieben. Und dann entdeckte ich Berlin, oder eigentlich einen Mann in Berlin, meinen Ehemann (lacht).

Dann sind Sie eigentlich aus persönlichen Gründen nach Berlin gekommen?

Es war ein bisschen Schicksal. Nie hätte ich erwartet, dass ich eines Tages in Berlin sein würde, da ich eigentlich wenig über Deutschland wusste. Aber dann habe ich mich in meinen Mann verliebt und die Modeszene von Berlin kennengelernt. Sie ist sehr jung, und jedes Mal, wenn ich aus Paris zu Besuch kam, sah ich viele Dinge, die sich hier bewegten. Es gab so viele Designer/innen und Künstler/innen. Ich dachte, dass ich hier vielleicht etwas Neues aufbauen könnte. Ich kam, lernte sechs Monate lang Deutsch und startete 2010 mein eigenes Label.

Welche Unterschiede sehen Sie zwischen den Modeszenen von Seoul, Paris und Berlin?

Die Modeszenen der drei Städte sind sehr unterschiedlich, aber jede einzelne hat einen ausgeprägten Charakter. Seoul ist sehr modebewusst. Es herrscht ein Trend vor, dem viele Menschen folgen, und es gibt einen „fashion leader” [,führende Persönlichkeit in der Modewelt‘]. Wenn ich die Einkaufsstraßen in Korea sehe, fühle ich mich einfach überwältigt: Die Auswahl ist riesig, und koreanische Frauen interessieren sich sehr stark für Mode. Es existiert dort ein gewaltiger Markt, und entsprechend groß ist die Zahl der Designer/innen. Die koreanische Mode ist einem ständigen Wandel unterworfen.

Die Frauen in Paris haben einen besonderen Charme, der in ihren Genen zu liegen scheint; es ist das, was man auf Französisch „allure” (,das gewisse Etwas’) nennt. Ihr Geschmack wirkt zeitlos. Viele Male habe ich in Bars und Restaurants Frauen gesehen, die sehr gut aussahen. Sie tragen oft ein bestimmtes Kleid, das sie schon seit Ewigkeiten im Schrank hängen haben und das ihren Typ besonders gut unterstreicht.

Ich würde sagen, dass sich die Menschen in Berlin nicht wirklich um die Mode kümmern. Sie ziehen einfach das an, worin sie sich wohlfühlen. Als ich hier ankam, trug ich immer hochhackige Schuhe, was wegen des Wetters und der Straßen große Schwierigkeiten beim Laufen und Fahrradfahren verursachte. In Berlin braucht man wirklich flache Schuhe und lässige, bequeme Kleidung. Manchmal sehe ich Frauen, die etwas Schönes anhaben, aber ihr Stil ist eher natürlich und leger und niemals übertrieben.

Inwieweit spiegeln sich die Einflüsse dieser drei Städte in Ihrer Mode wider?

Ich wurde in Seoul geboren und habe bis zum Alter von 23 Jahren dort gelebt. So habe ich sicher viele Einflüsse von dort mitgenommen. Manche Leute sagen mir, dass meine Kleiderentwürfe immer sehr weit geschnitten sind. Ich liebe Kleider, aber sie dürfen nicht enganliegend sein. Diese Vorliebe geht vielleicht auf die koreanische Nationaltracht Hanbok zurück, die der Trägerin viel Bewegungsfreiheit erlaubt.

Ich denke, dass ich in Paris mein Gespür und meine praktischen Fertigkeiten für das Design entwickelt habe. Ich lernte, einen eigenen Geschmack auszubilden und zwischen verschiedenen Materialien zu unterscheiden. Dort habe ich auch viele Dokumentarfilme über die Mode der 1920er bis 1970er Jahre gesehen, Filme über die Modegeschichte des Westens.

In den letzten vier bis fünf Jahren, die ich in Berlin verbracht habe, merke ich, dass ich mich sehr stark auf meine eigene Person konzentriere: darauf, was ich mag und was ich selbst machen möchte. Da ich hier in Berlin keine Trends wahrnehme, wenn ich nicht explizit darauf achte, fühle ich mich sehr neutral, was die Mode angeht. Anders als in Paris beschäftige ich mich nicht mehr mit Modetrends.

Gibt es in Ihren Entwürfen auch Einflüsse von Sonia Rykiel?

Ich denke ja. Wie viele andere Frauen auch mochte ich schon immer Blumen und Rüschen und dekorative Elemente. Einige amüsante Dinge, im Französischen nennt man das „coquine”: ein bisschen sexy, aber nicht ganz ernst gemeint. Man muss mit der Mode spielen.

Welcher Designer/ welche Designerin ist Ihre größte Inspiration?

Für mich ist das Madeleine Vionnet, die von 1912 bis 1940 einen Modesalon in Paris leitete. Ich liebe ihre Kleider so sehr! Ihr Stil ist unglaublich elegant und feminin - diese beiden Begriffe bringen es am besten zum Ausdruck. Wenn ich in ihre Zeit zurückgehen könnte, würde ich sie fragen, ob ich für sie arbeiten könnte (lacht). Generell liebe ich den Jugendstil und die Zeit der Wiener Werkstätten.

Die Ausstellung von Ihnen, die derzeit* im Koreanischen Kulturzentrum zu sehen ist, nennt sich „One Woman One Dress”. Können Sie uns etwas darüber erzählen?

„One Woman One Dress” ist nicht nur der Name dieser Ausstellung, sondern auch das Motto meines Labels „Saena". Die Entwürfe, die ich hier zeige, stammen nicht aus einer, sondern aus drei vergangenen Kollektionen. Ich habe meine Freundinnen gebeten, ein Kleid auszuwählen, das sie mögen, und es durch einen persönlichen Gegenstand zu ergänzen, der ihre Persönlichkeit am besten widerspiegelt. Ursprünglich wollte ich noch ein Foto von jeder Freundin beifügen, aber dann war die Zeit zu knapp. Stattdessen habe ich mich auf die Namen der einzelnen Personen beschränkt. Auf diese Weise wollte ich mit „One Woman One Dress” eine kleine Geschichte erzählen.

Die Idee hinter diesem Motto ist folgende: Ich bin weit davon entfernt, eine modische Designerin zu sein. Ich möchte einfach für eine einzelne Frau ein schönes Kleid entwerfen, das optimal ihren Typ unterstreicht und das sie vielleicht auch noch im Alter von 50, 60 oder 70 Jahren tragen kann.

Entwerfen Sie auch andere Kleidungsstücke außer Kleidern?

Früher habe ich auch Hosen entworfen, aber nur zwei Modelle. Dann habe ich irgendwann beschlossen, mich ausschließlich auf Kleider zu konzentrieren.

Wer sind Ihre Kundinnen?

Meine Kundinnen sind nicht besonders jung. Sie sind meist in ihren Dreißigern, Vierzigern oder Fünfzigern. Es sind keine Frauen, die besonders modisch sein wollen, sondern die Qualität und Komfort wünschen und dabei gleichzeitig ihre eigene Persönlichkeit zur Geltung bringen wollen.

Gehen Sie auf die individuellen Wünsche Ihrer Kundinnen ein?

Ja, sie können Farbe, Stoff und Form auswählen. Im Oktober letzten Jahres habe ich drei Hochzeitskleider entworfen. Aber es waren keine Standardhochzeitskleider in Weiß mit Bustier - ich hasse Bustiers! Meine hatten eine fließende Form. Ich mag diese persönliche Beziehung zwischen Kunden und Designern. Es ist wie in der Vergangenheit, als es noch keine Massenfertigung von Kleidung gab.

Verkaufen Sie Ihre Entwürfe auch ins Ausland?

Früher habe ich meine Mode auch in Geschäften in Rom, New York und Tokio angeboten, aber seit einem Jahr habe ich meine Richtung ein wenig geändert. Ich möchte mich nun mehr auf Berlin konzentrieren. Zurzeit habe ich hier kein Geschäft, sondern nur ein Atelier. Interessenten können mit mir einen Termin ausmachen und vorbeikommen.

Irgendwann möchte ich einen Laden mit vielen unterschiedlichen Stoffen haben, den die Leute aufsuchen können, um sich etwas maßschneidern zu lassen. Vielleicht bin ich ja eines Tages berühmt genug, damit beispielsweise Gäste aus Paris im Urlaub nach Berlin kommen, um sich von mir ein Kleid anfertigen zu lassen.

Saena Chuns Atelier liegt in der Mittenwalderstr. 27 in 10961 Berlin. All ihre Kleider sind Unikate und kosten 600 Euro aufwärts.

                                                                                          Das Interview führte Gesine Stoyke (Redaktion Kultur Korea)

 

* Die Ausstellung „One Woman One Dress” von Saena Chun lief vom 18. Juni bis zum 25. Juli 2014 im Koreanischen Kulturzentrum.

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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