Kultur

„Ich möchte auf jeden Fall einmal eine richtige Hangeul-Schrift gestalten.

© Anita Jürgeleit

Sie sind Schriftgestalterin. Was kann man sich unter diesem Beruf vorstellen, und was ist der Unterschied zum Typographen/ zur Typographin?

Die Aufgabe von Schriftgestaltern ist es, sich darum zu kümmern, wie eine Schrift aussieht, ob die Buchstaben etwa weit oder schmal sind oder ob die Proportionen der einzelnen Buchstaben dynamisch oder eher statisch sein sollen. Typographen benutzen diese Schrift dann für ihre Gestaltung. Sie entscheiden demnach, wie die Schrift eingesetzt wird, die der Schriftgestalter zuvor kreiert hat.

Sie haben an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften Hamburg (HAW) studiert. Mit welchen Inhalten haben Sie sich während Ihres Studiums auseinandergesetzt?

Ein wenig mit Animation, Editorial und Werbung. Zuerst dachte ich, Editorial, die Gestaltung mit Texten, wäre für mich die Zukunft, da ich schon immer gern mit Schrift gearbeitet habe. Als ich nach dem vierten Semester die „Type Design“-Kurse [type design: englische Bezeichnung für Schriftgestaltung, Anm. d. Red.] entdeckte, habe ich mich nur noch damit befasst. In diesen Kursen konnten wir uns frei entfalten: Wir haben sehr viel damit experimentiert, wie Schrift aussieht, wenn man unterschiedliche Werkzeuge zum Schreiben benutzt - vom Kugelschreiber über Blätterlaub bis hin zum Bindfaden. Darüber hinaus beschäftigt man sich auch intensiver mit dem Aussehen und der Form von Buchstaben: Wie genau sehen zum Beispiel Serifen (die kleinen Füßchen, die man an manchen Schriften findet) aus?

Haben Sie sich im Rahmen Ihres Studiums auch mit dem Aufbau von Sprachen (Syntax etc.) auseinandergesetzt oder lediglich mit der äußeren Form?

Nein, in meinem Studium setzt man sich eher mit der inhaltlichen Struktur von Werbung (der Ideenfindung und dem strategischen Umsetzen von Werbekampagnen) auseinander, und selbst das, was man über Schriftgeschichte lernt, bezieht sich nur auf die lateinischen Buchstaben. Für die Umsetzung meiner Idee musste ich demnach andere Quellen finden. Die Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg hat mir dafür das perfekte Umfeld geboten. Ich habe die Bücher über Linguistik und Koreanistik quasi verschlungen.

Wie kam Ihr Kontakt nach Korea zustande, und wie lange haben Sie sich dort aufgehalten?

Mit dem Taekwondo-Verein bin ich 2012 nach Korea gereist, um dort zu trainieren und das Hanmadang-Festival, ein internationales Taekwondo-Festival in Seoul, zu besuchen. Wir waren leider nur zwei Wochen im Land, aber das, was wir dort gesehen und erlebt haben, war umwerfend. Obwohl Korea ja eines der technisch am weitesten entwickelten Länder der Welt ist, unterscheidet sich die Kultur doch sehr von der europäischen. Allein die Tatsache, dass man in den Läden stets freundlich begrüßt wird oder die Art der freundlichen Ansprache, wenn man mit dem Zug fährt - ein wahres Service-Paradies. Davon können wir in Deutschland noch einiges lernen.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, das deutsche Alphabet nach dem Vorbild des Hangeul in Form von Silben zusammenzufassen?

Ich hatte keine Vorstellung davon, wie Korea sein würde. Ich machte mir Sorgen darüber, dass ich gnadenlos untergehen würde in einer Welt, in der ich nicht einmal die Schrift lesen konnte. Also beschloss ich, vor der Reise das koreanische Alphabet zu lernen. Ich war in Korea hauptsächlich damit beschäftigt, irgendwelche Schriftzüge zu entziffern. Das hat mich wahnsinnig fasziniert. Da dachte ich mir, es sollte doch möglich sein, die Prinzipien der koreanischen auf die lateinische Schrift zu übertragen.

Welche Merkmale der koreanischen Schrift haben Sie besonders angesprochen?

Die Einfachheit der Buchstaben. Trotz dieser Einfachheit oder vielleicht sogar deswegen, kann man die Buchstaben prägnant voneinander unterscheiden, und die Silbengruppierung ist anfänglich sehr hilfreich beim Lesefluss. Sie erlaubt es einem, kurze Pausen beim Lesen einzulegen und dabei den Silbenrhythmus zu berücksichtigen.

© Anita Jürgeleit

Wie kompliziert war die Umsetzung Ihrer Idee? Im koreanischen Alphabet besteht eine Silbe gewöhnlich aus drei Zeichen (Anlaut, Nukleus und Auslaut), wobei im Anlaut, im Nukleus und im Auslaut maximal jeweils zwei Zeichen stehen können (z.B. 끊 in 끊다, (ab) schneiden). Beim Schreiben in Silben entstehen gleichmäßige, imaginäre Quadrate. Auf diese Weise wirkt das koreanische Schriftbild sehr harmonisch. Eine deutsche Silbe kann dagegen viel mehr Buchstaben aufweisen. Wie ist es Ihnen gelungen, so viele Buchstaben in eine Silbe zu integrieren und trotzdem ein harmonisches Schriftbild zu erzeugen?

Das war nicht immer einfach. Auch in der „Hangulatin“ gibt es diese imaginären Quadrate. Bei Silben wie z.B. „stellt" (ge-stellt) war es noch recht einfach, da die Buchstabenformen recht simpel sind. Bei einem Wort wie z.B. „Schmerz“, das aus 7 Zeichen besteht, wovon der Zischlaut schon aus einem dreiteiligen Konsonantencluster besteht, habe ich mich für eine Lösung entschieden, die ich „Offene Ligaturen“ (Ligaturen=Buchstabenverbindungen) nenne. Ich habe die Teile eines Buchstabens weggelassen, die zur Erkennung nicht notwendig sind oder die durch nebenstehende Buchstaben optisch mitersetzt werden. Man könnte dieses Verfahren entfernt mit den „simplified Chinese characters“ [vereinfachte Form der traditionellen chinesischen Schriftzeichen, die heute offizielle Schriftsprache der Volksrepublik China und Singapurs ist, Anm. d. Red.] vergleichen. Beim Lesen von Texten funktioniert das äußerst gut.

Haben Sie sich bei der Silbentrennung im Deutschen an den grammatikalischen Regeln der Silbentrennung oder an der Trennung nach Aussprache orientiert?

Ich habe natürlich Wege gesucht, die langen Buchstabenmonster sinnvoll zu verkleinern und mich mit den verschiedenen Möglichkeiten befasst, unter anderem auch Wortstämme abzutrennen. Dann habe ich mich aber für die Trennung entschieden, wie sie in Wörterbüchern zu finden ist. Ich möchte es ja jedem ermöglichen, die Schrift zu benutzen und deshalb die Rechtschreibung dafür nicht ändern. Lediglich für den Konsonantencluster „SCH“ gibt es ein extra Zeichen, das bei Bedarf eingesetzt werden kann, wenn einem die mit Buchstaben überfüllte Silbe nicht gefällt.

Wie lange haben Sie von der Idee bis zur Umsetzung gebraucht?

Die Idee kam im Sommer 2012 auf. Bis zum Ende des Jahres beschäftigte ich mich mit den experimentellen Vorarbeiten, und zum Ende meiner Bachelor-Thesis 2013 betrug die Schrift bereits 750 Zeichen. Ein weiteres Jahr hat es gedauert, die Schrift auf etwa 3000 Zeichen auszubauen. Von der Idee bis zur Veröffentlichung hat es also zwei Jahre gedauert.

Kinder lernen zunächst das Lesen einzelner Buchstaben, dann das Zusammenziehen von Buchstaben zu Silben und schließlich die Zusammensetzung von Silben zu Wörtern. Manchen Kindern fällt es schwer, aus Buchstaben Silben zu formen, da in der lateinischen Schrift die Abgrenzung zwischen den einzelnen Silben nicht optisch erkennbar ist. Ebenso mag es manchen ausländischen Lernern beim Erwerb der deutschen Sprache gehen. Könnte Ihre Schrift auch eine Hilfe für Leseanfänger oder für ausländische Deutschlerner sein?

Da bin ich mir ganz sicher! Jeder, der Lesen lernt, stockt zu Anfang im Lesefluss. Wenn dieses Stocken jedoch im Silbenrhythmus passiert, dann kann das nur von Vorteil sein. Der gefühlte Sprachrhythmus ist also sehr viel intensiver. Außerdem formt der Leser mit diesen Silbenkombinationen ein visuelles Bild im Kopf, welches besser wiederzuerkennen ist als eine bloße Aneinanderreihung von Buchstaben. Die Zahl auf einem Würfel würden wir ja auch nur schwer erkennen, wenn die Punkte nur nebeneinander stehen und kein Bild formen würden.

Ihre Arbeit wurde beim ADC-Nachwuchswettbewerb 2014 in der Kategorie Typografie mit dem „Goldenen Nagel“ prämiert, einer der wichtigsten Auszeichnungen der Werbebranche. Hätten Sie mit einem derart großen Erfolg gerechnet?

Die eigene Arbeit gut zu finden ist einfach, aber andere davon zu überzeugen, ist schon etwas schwerer. Da mich zu Beginn meiner Arbeit kaum jemand ernst genommen hat, habe ich gar nicht damit gerechnet, die Jury überzeugen zu können. Es war eine große Überraschung für mich, und es ist ein gutes Gefühl, dass die eigene Arbeit solch eine Wertschätzung erfährt.

Haben Sie vor, zu einem späteren Zeitpunkt noch einmal nach Korea zu reisen und sich noch intensiver mit der koreanischen Schrift zu befassen?

Unbedingt! Ich möchte auf jeden Fall einmal eine richtige Hangeul-Schrift gestalten. Zuerst ist aber noch eine englische Version der „Hangulatin“ geplant.

                                                                                             Das Interview führte Gesine Stoyke (Redaktion Kultur Korea)
                                                                                                    
                                                                                                      
Weiterführende Informationen: www.anitajuergeleit.de

 

Foto © Anita Jürgeleit

Anita Jürgeleit, Erfinderin der Schrift Hangulatin"

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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