Film

Im Rampenlicht der Berlinale 2022

Die koreanische Gesellschaft in den Augen ihrer Filmemacher
 

Regisseur Hong Sang-soo und Hauptdarstellerin Kim Min-hee auf dem Roten Teppich (© Erik Weiss / Berlinale 2022)

Die koreanische Filmindustrie gewinnt weiterhin an Bedeutung. Dieses Jahr brachte Korea acht Filme auf den europäischen Filmmarkt und zeigte vier Filme im Wettbewerb des 72. Internationalen Filmfestivals in Berlin. Ein Bericht über die Produktionen, die im Gedächtnis blieben. 

„Ich habe wirklich nicht mit diesem großen Preis gerechnet“, sagte Hong Sang-soo während der Verleihung des Grand-Prix
bei den 72. Internationalen Filmfestspielen Berlin. Er versprach „einfach so weiterzumachen“, wie er es bis jetzt gemacht hat. Das dritte Jahr in Folge bringt der Koreaner einen Film zur Berlinale und jedes Mal wird dieser auch ausgezeichnet. 2020 erhielt „The Woman Who Ran“ den Silbernen Bären für die beste Regie. „Introduction“ gewann 2021 den Preis für das beste Drehbuch.

Regisseur Hong Sang-soo mit dem Silbernen Bär Grand-Prix der Jury (© Alexander Janetzko / Berlinale 2022)

Hongs neues schwarz-weißes Werk „The Novelist's Film“ zeigt eine Reihe von Ereignissen ohne Höhepunkt. Der Film fängt an mit einer Autorin, die eine ehemalige Kollegin in einem kleinen Buchladen in einem Vorort von Seoul besucht. Danach klettert sie auf einen Turm und blickt durch ein Fernglas auf einen leeren Parkplatz. Hier kommt es zur Begegnung mit einem bekannten Filmregisseur, der eines ihrer Bücher verfilmen wollte. Sie geht mit ihm und seiner Frau im Park spazieren, wo ihnen eine Schauspielerin entgegenkommt. Die Schauspielerin und die Autorin fühlen sich zueinander hingezogen und entscheiden, ein gemeinsames Projekt zu starten. Die Schriftstellerin will nämlich einen Film drehen, weil es mit dem Schreiben im Moment nicht gut klappt. Im Finale befinden wir uns wieder im Buchladen. Es wird gegessen, getrunken und geredet. Den Film der Schriftstellerin werden wir aber bis auf einen winzigen Ausschnitt nie sehen. „The Novelist’s Film“ erinnert vage an einen anderen Film, nämlich an „In Front of Your Face“, der das letzte Jahr bei den Internationalen Filmfestspielen von Cannes gezeigt wurde. Beide haben eine Künstlerin mittleren Alters im Fokus, die nach einer Schaffenspause ihre alten Freunde und neue Bekannte trifft und durch die wir die Wahrheit über ihr Leben erfahren. Gespielt werden beide Protagonistinnen übrigens von derselben Schauspielerin, Lee Hye-young.

Lee Hye-young, See Young-hwa und Park Mi-so in “The Novelist’s Film”  (© Jeonwonsa Film Co. Production)

Die Filme des Regisseurs Hong Sang-soo sind dafür bekannt, weder die Vergangenheit noch die Zukunft zu behandeln. Sie konzentrieren sich immer auf die Gegenwart. Oft misslingt aber dieser Versuch, weil die Charaktere – selbst, wenn sie versuchen, nur im Heute zu leben –entweder im Gestern verloren sind oder sich auf das Morgen vorbereiten. In „The Novelist’s Film“ stellt Hong Sang-soo einige bedeutende Fragen, beispielsweise, ob ein schöpferischer Geist zeitweise gewisse Inaktivität braucht, um die eigenen Gedanken besser wahrzunehmen und so den Zweck des Schaffens zu verstehen. Doch er persönlich scheint diese Philosophie nicht zu teilen, da man ihn jedes Jahr mit einem oder zwei Filmen auf den internationalen Filmfestivals sieht.

Kim Min-hee und Lee Hye-young in „The Novelist's Film“  (© Jeonwonsa Film Co. Production)

Vielleicht sollte man diesen Regisseur nicht anhand seines jüngsten Werkes kennenlernen, der nur für diejenigen verständlich ist, die bereits mit seinem Stil vertraut sind. Für „Anfänger“ präsentiert sich der Film eher als unbedeutendes Essay eines Arthouse-Regisseurs, der hauptsächlich mit sich selbst spricht. In seiner Rede geht es nämlich um den Wert seiner Arbeit, die diesmal in Berlin nur wenige Zuschauer zu schätzen wussten. Die Bewertung der Jury schien für viele aus Gewohnheit so ausgefallen zu sein und sich auf die generelle Bedeutung des Maestros Werk bezogen zu haben.

Viel interessanter fanden viele Zuschauer die Arbeit des Regisseurs Park Song-yeol im Programm „Forum“. Nicht umsonst wählt die Sektion hier Filme aus, die „die Grenzen der Konvention austesten und neue Perspektiven eröffnen, um Kino und seine Beziehungen zur Welt auf neue Weise (zu) verstehen“ (Statement der Berlinale-Sektion).

Zum Inhalt: Yong-tae und seine Frau Jung-hee verdienen ihren Lebensunterhalt mit kleinen Nebenjobs. Das Geld reicht für eine Wohnung und Essen, und sie haben genug Zeit, Spaziergänge durch die menschenleeren Straßen zu unternehmen, während der Rest der Bevölkerung in Büros schwitzt. Ihre Freunde wenden sich nach und nach von den Habenichtsen ab und tauchen nur auf, um sie zu schlechten Geschäften zu überreden. Der Höhepunkt der Handlung findet statt, als das Paar zum Geburtstag der Mutter der Ehefrau eingeladen wird, aber nicht genug Geld für ein Geschenk hat. Aus Verzweiflung nimmt die Ehefrau daraufhin ohne Wissen ihres Mannes einen privaten Kredit bei einem Geldhai auf.

Won Hyang-ra und Park Song-yeol in “Hot in Day, Cold at Night”  (© Saranghaja)

„Hot in Day, Cold at Night” ist die zweite Zusammenarbeit von Park Song-yeol mit der Produzentin Won Hyang-ra. Ihr erstes gemeinsames Projekt „Can We Just Love“ entstand 2018. „In den drei Jahren, die zwischen den zwei Produktionen liegen, hat sich im unabhängigen Kino wenig verändert: Die Regisseure kämpfen immer noch schwer darum, solche Projekte zu entwickeln, die letztendlich auch nur wenige treue Kinoliebhaber interessieren“, sagt Park Song-yeol in seinem Statement auf der Berlinale. „Das Filmemachen ist ein System, das eine massive Mobilisierung von Kapital und Arbeitskraft erfordert. Won Hyang-ra und ich haben beschlossen, außerhalb dieses Systems zu agieren“. Das bedeutet in diesem Fall, dass der Zuschauer hauptsächlich zwei Darsteller sieht: Den Ehemann, der von dem Regisseur selbst gespielt wird, und seine Ehefrau, die tatsächlich die Lebenspartnerin des Regisseurs sowie gleichzeitig die Produzentin des Filmes ist. Angesichts der begrenzten Produktionsmittel wurde eine minimale Handlung zusammengestellt, die Episoden sind nicht allzu weit vom tatsächlichen Alltag der Filmemacher entfernt. Alles Unnötige ist in den Hintergrund getreten. Dadurch konnte der Film fast kostenlos produziert werden. Man montierte einfach eine Kamera in die Wohnung und die zwei agieren davor. In Zeiten der neuen Technologien scheint es fast seltsam zu sein, einen Film auf derart altmodische Weise entstehen zu sehen, aber genau das sah das Zweierteam als Herausforderung und Aufgabe an: zu den Ursprüngen des Kinos zurückzukehren. Und irgendwie mutet diese Produktion wie ein typischer Covid-Film an: minimalistisch, lässig, alltäglich, selbst gefilmt und dennoch voller kreativer Lösungen. „COVID-19 hat das tägliche Leben aller gestört und uns voneinander getrennt, daher hoffe ich, dass Filme dabei helfen, Menschen wieder miteinander zu verbinden“, sagt der Regisseur.

Won Hyang-ra in “Hot in Day, Cold at Night”  (© Saranghaja)

Die Geschichte eines finanziell angeschlagenen Paares ist kein seltenes Thema in unseren Krisenzeiten und wird von vielen verstanden. Im Grunde geht es hier um uns alle mit unseren täglichen Problemen in modernen Zeiten. Dabei wirkt die Handlung nicht besonders schicksalhaft oder tragisch. Darin gibt es auch Humor und Hoffnung, es geht auch um Erlösung aus völliger Ausweglosigkeit. Anscheinend sprachen ein solcher Minimalismus und eine solche Thematik die Kenner des ernsthaften Kinos an. Auf dem 27. Internationalen Filmfestival in Busan 2022(BIFF) bekam der Film einen Kritiker-Preis dafür, dass die Filmemacher „den Mut haben, bei der Darstellung von Mitmenschen die Würde des Lebens zu schützen und gleichzeitig auf unnötige Dinge zu verzichten“. KBS Independent Film Award zeichnete das Werk für „seinen subtilen Witz, seinen unverwechselbaren Rhythmus, präzise Kameraführung und ausgewogene Erzählung“ aus. Der erste Preis auf dem 47. Independent Filmfestival in Seoul 2021 (SIFF) wurde für besondere Verdienste bei Darstellung von „Helden unserer Zeit“ verliehen.  

Die Regisseurin Kim Se-in, Berlinale 2022   (© Koreanisches Kulturzentrum)

 

Ein weiterer Film, der auf dem Filmfestival in Busan fünf Preise gewann, darunter den New Current Award für den besten Film eines neuen Regisseurs aus Asien heißt „The Apartment with Two Women“. Er wurde ebenfalls in Berlin gezeigt. Die 29-jährige Debütantin Kim Se-in zeigt hier eine starke Position ihrer Generation zu den bis dato heiligen Themen wie Familie, traditionelle Rollenverteilungen sowie Verhaltensnormen der Gesellschaft. Die englische Übersetzung des Filmtitels entspricht nicht genau dem koreanischen Original, das eher „Zwei Frauen in derselben Unterwäsche“ bedeutet und viel lebendiger und spannender ausdrückt, worum es in dem Film geht. 

Jan Mal-bok, die vor kurzem eine kleine Rolle in „Squid Game“ gespielt hat, ist hier in der Rolle einer Frau mittleren Alters mit unkonventionellen roten Strähnen im Haar zu sehen, die immer im Mittelpunkt stehen will. Unter ihren regelmäßigen Wut- und Gewaltausbrüchen leidet vor allem ihre einzige Tochter Yi-jung, eine 29-jährige Büroangestellte, die trotz täglicher Eskalation diesen Kreislauf der Gewalt nicht durchbrechen kann und immer noch bei ihrer Mutter lebt. Eines Tages eskaliert die Situation dermaßen, dass die Mutter ihre Tochter mit dem Auto anfährt, woraufhin Yi-jung ihre Mutter dann doch verklagt. Auch wenn die Regisseurin darauf besteht, dass es ihr primär um die Mutter-Tochter-Beziehung geht, zeigt sie tatsächlich zwei Frauen im Mittelpunkt des Geschehens. Und darauf baut die ganze Handlung auf, denn weder gibt es hier eine Einführung in die Situation noch ein überraschendes Finale. Der Film ist trotzdem eine beeindruckende Leistung, intelligent geschrieben, geschnitten und dargestellt. Es handelt sich hier um ein Abschlussprojekt der Korean Academy of Film Arts (KAFA), das zeigt, dass die junge Regisseurin mit ihrer reifen Leistung bereit für neue Herausforderungen ist. Beim Ansehen des Films tauchten einige Fragen auf und mit ihnen wendeten wir uns an die Regisseurin, die wir im Koreanischen Kulturzentrum in Berlin nach der Premiere ihres Filmes trafen. 
 

INTERVIEW mit Kim Se-in
 

Wie kamen Sie zu dieser Geschichte? Geht es hier eventuell um Ihre eigene Erfahrung?

Ich habe dieses Thema erfunden. Weder ich noch meine Freunde haben ähnliche Beziehungen erlebt. Andererseits scheint es mir, dass viele Zuschauer diese Situation als sehr universell und nachvollziehbar verstehen werden. Bevor ich diesen Film gedreht habe, arbeitete ich an vier Kurzfilmen zum Thema „Einsamkeit“, insbesondere die Form, die manche Kinder durchmachen. In diesem Film ist jeder ebenfalls einsam und sucht nach irgendeiner Art von Liebe. Ich wollte zeigen, dass dieses Alleinsein, das wir in uns tragen, nicht nur durch die Kommunikation mit anderen Menschen oder deren Abwesenheit entsteht, sondern auch in uns selbst. Gleichzeitig zeige ich so, dass der Prozess der Überwindung dieses Zustands von außen und von innen angestoßen werden kann. 

Warum haben Sie sich dafür entschieden, den Höhepunkt dieser Geschichte zu zeigen, anstatt dem Zuschauer beispielsweise zu erklären, was den Konflikt überhaupt erst eskalieren ließ?

Ich empfinde unsere Gesellschaft als sehr konventionell, weil sie auch verlangt, dass sich die Liebe einer Mutter zu ihrem Kind automatisch entwickeln muss. Dennoch gibt es Frauen, die nicht so denken und fühlen. Dafür werden sie sofort als schlechte Mütter verurteilt. Ich glaube, auch wenn eine Mutter ihrem Kind keine Liebe entgegenbringt, muss es nicht automatisch bedeuten, dass sie ein schlechter Mensch ist. 

Yang Mal-bok und Im Jee-ho in „The Apartment with Two Women”  (© Korean Academy of Film Art)

Die Erklärung der Tochter, trotz andauernder Gewalt bei ihrer Mutter zu bleiben scheint nicht besonders überzeugend. Warum zieht sie nicht aus und lässt sogar zu, dass ihre Mutter sie mit dem Auto anfährt? 

Ich denke, eine Mutter-Tochter-Beziehung ist ziemlich kompliziert und zeichnet sich durch viele Höhen und Tiefen sowie Freude und Frust aus, die im Wechsel kommen. Man lebt in einem ständigen Teufelskreis, und einen Ausweg kann man nicht im Voraus planen. Ich denke, die Tochter findet auch deswegen nicht den richtigen Zeitpunkt für ihren Auszug, weil es in dieser Beziehung auch gute Momente gab. Ich finde auch, dass die Tochter sehr passiv und mental langsam ist. Sie trifft ihre Entscheidungen nicht selbst, sondern lässt sie sich abnehmen. Der Autounfall – auch wenn es so aussieht, als ob die Mutter ihn absichtlich verursacht hätte – ist nur ein Zufall. Außerdem konnte ich ihn auch nicht anders darstellen, sonst müsste ich in ein Gerichtsdrama rutschen, was ich auf jeden Fall vermeiden wollte.

Können Sie ein paar Worte dazu sagen, wer dieses Projekt unterstützt hat?

Der Film entstand mit der Unterstützung von KAFA (Korean Academy of Film Arts). Gleichzeitig bekam ich viel Feedback von meiner Professorin Kim Bo-ra [1]. Sie hat mir beigebracht, wie man eine Geschichte aufbaut, worauf man sich am besten konzentriert. Ich kam zur Regie nach mehreren Jahren der Aushilfstätigkeit für Filmproduktionen. In der Zeit habe ich nicht weniger weibliche Regisseur*innen gesehen als männliche. Nur haben Frauen bis jetzt keine große Aufmerksamkeit bekommen. Das ändert sich jedoch seit etwa 2018. Es tauchen viele neue Nahmen auf und Frauen unterstützen sich gegenseitig, wie eben ich auch von meiner Mentorin unterstützt wurde und dadurch viel Selbstvertrauen gewonnen habe.    

Yang Mal-bok und Lee Yu-gyeong  (© Korean Academy of Film Art)

Sie haben Ihren Film sowohl in Busan als auch in Berlin gezeigt. Welche Erfahrungen haben Sie jeweils mit der Reaktion des Publikums gemacht?

Ich habe tatsächlich interessantes Feedback bekommen. Denn in Korea wurde der Film als kritisch gesehen. Die Menschen haben die Darstellung dieses Themas als sehr traurig empfunden, vor allem weil auch physische Gewalt lange als Norm akzeptiert wurde. Das ändert sich gerade. Die Berliner haben den Ernst mancher Szenen gar nicht erkannt, und ich wurde vom Publikum gefragt, ob ich vielleicht eine schwarze Komödie drehen wollte. Die Wahrnehmung dieser kulturellen Unterschiede war eine ganz neue Erfahrung für mich.

Was kommt für Sie als Nächstes? 

Als ich diesen Film drehte, habe ich festgestellt, dass mir das Schreiben am meisten Spaß bereitet hat. Nun will ich als nächstes einen Roman schreiben. 
 

|1] Anmerkung: Diese Filmemacherin präsentierte 2019 ihren Film „House of Hummingbird“ auf der Berlinale
 
Teaser-Bild: Regisseur Hong Sang-soo und Hauptdarstellerin Kim Min-hee auf dem Roten Teppich (© Erik Weiss / Berlinale 2022)
 

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