Literatur

Individualistisches Bewusstsein und Geschichte

Ein Gesprächsabend mit dem Schriftsteller Kim Young-ha
 

Der Autor Kim Young-ha

Es ist schon schlimm genug, an Alzheimer zu erkranken. Wenn gleichzeitig ein Serienmörder die Gegend unsicher macht und man es als Pflicht sieht, die Pflegetochter zu beschützen, so kompliziert dies die Lage weiter. Wenn man aber dazu noch einst selbst jahrzehntelang als unentdeckter Serienmörder sein Unwesen trieb und nun – wegen Alzheimer! – anhand von Notizen das eigene Alibi überprüfen muss, um zu wissen, ob man nicht wieder mit dem Töten angefangen hat: dann wird die Sache wirklich schwierig.

„Das Gedächtnis eines Mörders“, der neueste Roman von Kim Young-ha, ist auf Koreanisch 2013 erschienen und sein bisher erfolgreichstes Buch. Vieles daran ist charakteristisch für den Autor. Häufig zeigt er eine leichte Ironie: Dass da jemand sich selber als Mörder verdächtigen muss, ist eine gelungene Pointe. Die meisten von Kims wichtigen Figuren sind in ungewöhnlichen sozialen Situationen. Sie erleben wenig an menschlicher Nähe. Der Mörder, der nie gefasst wurde, darf nicht mit seinen größten Erfolgen prahlen und wird zudem durch seine fortschreitende Krankheit isoliert. Andere Werke Kim Young-has sind mit Auswanderern, Selbstmordassistenten und nordkoreanischen Spionen bevölkert.

Auf einer Berliner Veranstaltung des Koreanischen Kulturzentrums gab der Autor Auskunft über den neuen Roman, der derzeit verfilmt wird und deshalb in Deutschland vielleicht eher auf der Kinoleinwand als durch eine Übersetzung das Publikum erreicht. Moderiert von Richard Kämmerlings, Literaturchef der Welt und der Welt am Sonntag, antwortete Kim auf Fragen von Katharina Borchardt, Literaturredakteurin beim SWR und vielfach engagiert dafür, koreanische Literatur in Deutschland zu verbreiten. Anschließend diskutierte er mit dem im Literaturhaus Berlin zahlreich erschienenen Publikum.

Dabei ging es zunächst um die Rezeption koreanischer Literatur in Deutschland überhaupt und in diesem Zusammenhang um die Frage, ob staatliche Teilung und erlebte bzw. mögliche Vereinigung eine besondere Nähe bedeuten. Kim Young-ha entzog sich dem Anspruch älterer Schriftsteller, mittels Leben und Werk geschichtliche Konflikte zu repräsentieren, zunächst anekdotisch: Bei seinem ersten Berlin-Besuch im Herbst 1992 habe er die wetterbedingt graue und abweisende Stadt vorzeitig verlassen. Mangelnde touristische Attraktion siegte über eine mögliche Neugier, Prozesse von Teilung und Wiedervernetzung im von der Geschichte geprägten Berlin zu beobachten – so kann man sich einerseits Probleme ersparen.

Gespräch mit Kim Young-ha (re) im Literaturhaus Berlin am 13. Mai 2016. An dessen Seite dometscht Jun Jin-Man.

Andererseits wurde im weiteren Gespräch deutlich, dass Kim Young-ha durchaus aufmerksam auf historische Konflikte blickt. Nur haben die Schriftsteller der älteren Generation die entsprechenden Themen mit einem solchen Engagement bearbeitet, dass ihre Nachfolger zu einem Neuansatz gezwungen sind. Kim vermeidet keineswegs politische Themen: Die knapp dreißigjährige Mordserie seines von Alzheimer geplagten Protagonisten passt ungefähr in die Zeit der südkoreanischen Militärdiktaturen. Als Kolumnist der „New York Times“ kommentiert Kim, der in den USA viel gelesen wird und seinerseits aus dem Amerikanischen übersetzt hat, aktuelle Entwicklungen in Südkorea. Nur musste er eben einen Neuansatz finden, der der zunehmenden Individualisierung entsprach.

Beispielhaft steht dafür der Titel seines ersten Romans, „Ich habe das Recht, mich zu zerstören“, wobei die Provokation nicht gegen das christliche Verbot des Suizids gerichtet ist, sondern gegen die konfuzianische Vorstellung, dass der Körper von den Eltern geschaffen worden sei und deshalb den Eltern gehöre. Die Figuren von Kim Young-ha treten aus traditionalen Bindungen heraus. Dies entlastet sie von Problemen, die in den Werken älterer Autoren eine große Rolle spielen, führt aber zu ganz neuen Problemen.

Gewinn ist aber zunächst eine ganz pragmatische Haltung zum Umgang mit Literatur. Für Diskussionen über die Schwierigkeit, deutschen Lesern koreanische Literatur nahezubringen, interessierte sich Kim wenig. Ein Schriftsteller wende sich ohnehin vor allem an ein muttersprachliches Publikum. Wenn Leser von Übersetzungen gemäß ihren eigenen Interessen auswählten, so müsse man das akzeptieren: ein gewichtiges Plädoyer dafür, auf die Überzeugungskraft des literarisch Wertvollen zu vertrauen, statt nationalpädagogisch entschlossen einen vorhandenen Kanon zu verbreiten. Entsprechend glücklich wirkte KimYoung-ha, wenn aus dem Publikum Fragen nach seiner Arbeitsweise gestellt wurden und er das Ineinander von Konzeption und Realisierung eines literarischen Werks erklären konnte.

Was nun aber ist deutschen Lesern von diesem bedeutenden, im Süden Koreas wie international anerkannten Autor zugänglich? Die Übersetzungen sind leider vergriffen, doch antiquarisch leicht zu bestellen. Von „Ich habe das Recht, mich zu zerstören“, gab es unter dem Titel „Das Gottesspiel“ im Heyne Verlag eine Version, als „Der Sterbehelfer“ im konkursbuch Verlag eine andere. Heyne brachte unter dem Titel „Im Reich der Lichter“ die Geschichte eines nordkoreanischen Agenten in Seoul heraus, der sich jahrelang von seinen Genossen vergessen wähnte, doch dann den Befehl zur Rückkehr in seine Heimat erhält. Im konkursbuch Verlag erschien neben einer Sammlung von zehn Erzählungen unter dem Titel „Ein seltsamer Verein“ den Roman „Schwarze Blume“ über koreanische Auswanderer nach Mexiko.

Kim Young-ha signiert seine Bücher (Veranstaltungsfotos: Koreanisches Kulturzentrum)

Kims innerhalb der letzten zwanzig Jahre in Korea publiziertes, mit zahlreichen Preisen ausgezeichnetes Werk ist weitaus umfassender. Doch erlauben auch die vier deutschsprachigen Bücher einen Blick auf charakteristische Züge des Schriftstellers. Zunächst fällt die Vielzahl ganz unterschiedlicher Themen in den Blick: Kim Young-ha nimmt kaum je das eigene Leben zum Stoff, sondern bewegt sich in unterschiedlichen Zeiten, auf unterschiedlichen Kontinenten und unter unterschiedlichen sozialen Gruppen. Spannung gewinnen besonders einige der Erzählungen daraus, dass Kim aus der Perspektive von Figuren erzählt, die zunächst sehr wenig über sich verraten. In „Herr Cho“ in dem Band „Ein seltsamer Verein“ ist die Titelfigur Kaufhausdetektiv und plaudert scheinbar offen über seine Tätigkeit; was er in seinem Job im eigenen Interesse an Geschäften treibt, das können die Leser erst nach und nach herausfinden. Solche Denkaufgaben halten das Interesse auch geübter Leser wach, während die recht unkomplizierte Sprache – jedenfalls in den deutschen Übersetzungen – erkennbar auf ein großes Publikum zielt.

Die Qualität dieser Werke liegt nicht zuletzt darin, dass Kim Young-ha verschiedenen Erwartungen gerecht wird. Es gibt zwar einerseits die großen politischen Themen, die auch die älteren Schriftsteller behandelt haben. Andererseits stellt Kim modernes Großstadtleben vor, und er schreibt zumeist über Individualisten, die von traditionellen Moralvorstellungen kaum mehr geprägt sind; Sex ist häufig Thema und wird – auch in ungewöhnlichen Erscheinungsweisen – weder verklärt noch denunziert, sondern sachlich wie alles andere festgehalten.

Vielleicht fasst „Im Reich der Lichter“ die verschiedenen Tendenzen bei Kim Young-ha am besten zusammen. Es geht nicht nur um den Agenten Kim Giyoung, der plötzlich in den Norden zurückkehren soll, sondern auch um seine Familie. Der Familienroman ist zwar in Korea ein häufiges Genre, mit dem historische Verläufe gezeigt werden. Doch ging es früher darum, wie trotz aller Konflikte, wie bei allen Lügen und allem Unausgesprochenen die Verwandten unentrinnbar aneinander gebunden waren. Bei Kim Young-ha spielen innerhalb von 24 Stunden der Entscheidung zwar Vater, Mutter und Tochter ihre Rollen. Doch haben sie ganz unterschiedliche Probleme zu lösen, die miteinander nicht verbunden sind: Der Vater weiß nicht, ob er mit dem Befehl zur Rückkehr vor dem Geheimdienst des Südens gerettet oder der Liquidierung als Abweichler zugeführt werden soll. Die Mutter erlebt in einer außerehelichen Beziehung eine erste Katastrophe des kommenden Alters, die Tochter ihren ersten Kuss, und beides ist sozial bestimmt. Die drei wohnen zusammen und haben nichts Wichtiges gemeinsam. Auf manche Älteren mag dies asozial wirken, es ist aber doch eine Aussage über Gesellschaft. In den besten Werken Kim Young-has ist das individualistische Bewusstsein vieler jüngerer Koreaner mit den politischen Konflikten, über die die Älteren schrieben, verbunden.

Bild von Dr. Kai Köhler

Foto: privat

Dr. Kai Köhler

Dr. Kai Köhler, Literaturwissenschaftler und Publizist, lebt in Berlin.

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