Musik

Junger Meister misst sich mit Titanen der Klassik

Sunwook Kim

Sunwook Kim

Als der junge Mann nach dem langen Verklingen des letzten Tons die Arme sinken ließ und in die vollkommene Stille dieses Ausklangs der Applaus aufbrandete, fiel die Spannung von ihm ab, die er das ganze lange Konzert hatte halten können, und im Hinausgehen wirkte er, als wäre er um 30 Jahre gealtert. Tatsächlich hatte Kim Sunwook, der 1988 in Seoul geborene, heute in London lebende koreanische Konzertpianist, Titanisches vollbracht. Das Programm am 11. Februar 2016 im Kammermusiksaal der Berliner Philharmonie hatte er tags zuvor bereits in der Pariser Philharmonie gegeben, ein Programm, das Pianisten und Veranstalter gewöhnlicherweise weder sich, noch dem Publikum zumuten, nämlich die jeweils größten Klavierstücke von Franz Schubert, die riesige G-Dur-Sonate D.894 [1] von 1826, und die „Diabelli-Variationen“ von Beethoven op.120, und vorneweg, durchaus zu gewichtig, um als Aufwärmer zu gelten, Wolfgang Amadeus Mozarts ziemlich ernste B-Dur-Sonate KV 281[2].

Gleich zu Beginn zeigt Kim mit festem Zugriff, dass er keineswegs gewillt ist, das Stück des 18-jährigen Salzburger Komponisten als niedliche, süßlich-anmutige Spielerei darzustellen, sondern als ein modellhaftes Exemplar der Gattung „Sonate“. Mit Verve, aber auch mit großer Präzision zeichnet er das Formschema nach, und man horcht auf. Das Stück gilt als virtuosestes Klavierwerk Mozarts, aber Kim beherrscht die technische Seite mit einer (scheinbar) so mühelosen Leichtigkeit, dass er die Aufmerksamkeit des Publikums auf die Jonglage des Ausdrucks lenken kann, und diese gleichzeitig streng wirken lässt. Er zeigt, wie Mozart die musikalischen Figuren ineinandergreifen lässt, und deutet wunderbar das heitere Drama an, das ihnen zustößt. Hier ist ein Pianist, merkt man, der es nicht auf den Effekt, sondern auf die Vermittlung seiner Erkenntnisse aus der Begegnung mit dem Kunstwerk abgesehen hat.

Dann Schubert. Die große G-Dur-Sonate ist in den letzten hundert Jahren vermutlich nie vor einer Konzertpause gespielt worden, sondern nur als Hauptwerk eines Konzerts am Ende. Nimmt der junge Herr Kim sich da zu viel vor, oder will er es gar zu leicht nehmen?

Schubert wusste es nicht, aber es steht neben dem G-Dur-Streichquartett und der Deutschen Messe am Anfang seines Spätwerks – zwei Jahre später schon lag er im Grab; er war, als er dieses Stück schrieb, etwa 28, so alt wie Sunwook Kim, wie er sich in seiner neuen englischen Heimat nennt, heute.

Auch diese Sonate hat Modellcharakter, allerdings sind die Dimensionen teils über das klassische Maß geweitet, insbesondere der erste Satz. Die Exposition allein dauert schon, je nach Tempo, etwa 5-7 Minuten und Kim verzichtet keineswegs darauf, sie zu wiederholen. Und er macht etwas daraus! Die Exposition eines Sonatensatzes legt das melodische Material aus. Kim spielt diesen Katalog der Empfindsamkeit und des inneren Aufruhrs zunächst nüchtern, fast spröde; doch in der Wiederholung erscheint die Musik ganz anders: Kim lässt sich hineinfallen in die Traurigkeiten, in das Sich-Ergeben und feiert das Aufbäumen gegen dasselbe – oder ist das Hören nun verfeinert und besser vorbereitet auf die Sensibilitäten? Egal: Kim macht das Hören zu einem Erlebnis. Dann folgt die Durchführung. Sie ist die Spielwiese oder das Schlachtfeld dieses Materials, hier wird es gewendet und zerbrochen, verschoben, immer neu beleuchtet. Was geschieht, wenn die Kugel den Lauf verlassen hat, was, wenn das Raumschiff in den luftlosen Weltraum vordringt – oder wenn der junge Mensch sein Elternhaus verlässt, welches Unbill, welche Glücke stoßen ihm zu? Davon handelt eine Schubertsche Durchführung im Sonatensatz. Kim spielt diese Musik weder in extremer Verlangsamung, wie es Svatoslav Richter tat, noch huscht er darüber hin, aber auf der Basis seiner Gelassenheit – und seiner Ökonomie, die man nun zu bewundern beginnt, wendet Kim sich allen Details mit Fürsorge zu, erschöpft aber weder sich, noch die Hörer, mit übertriebener Expressivität.

Was kann ein junger Virtuose in dieser Zeit, in der die Meisterwerke der klassischen Musik in den allermeisterhaftesten Interpretationen auf Tonträger oder bei YouTube uneingeschränkt verfügbar sind, noch Neues bringen? Antwort: Konzertieren, und so den direkten Kontakt zum Publikum pflegen. Kim ist gewiss kein Showman, der Fratzen schneidet oder Späße macht, aber er macht sich das Werk zu eigen und strukturiert es, verdeutlicht auf maßvolle Art die Kontraste und dramatischen Wendungen, sodass Verstehen und Miterleben in großer Balance sind und den Hörer nicht überfordern. Vielleicht ist ein Programm, das der Musikkenner als monströs ansieht, und das Interesse, das seine sportliche Leistung weckt, Teil der Strategie, die Aufmerksamkeit des Publikums wachzuhalten. Es will sehen, was geschieht. Die beiden mittleren Sätze zeichnen die Welt in Wolken verhangen, Tönungen, zwischen Grau und Schwarz, große Mühe und geringer Lohn, mehr Ungemach als Freude – und dann das Schlussrondo, das mit den Verwandlungen seines Themas mädchenhafte Regungen weckt, und auch über Kims Gesicht fährt mancherlei Lächeln. Sähe man diese Musik als Mädchen, so ist es eins, das das Röckchen schwingen lässt, reizende Augenaufschläge übt, sich ziert und lockend lächelt. Und so endet diese schwere Sonate heiter. Kim weiß um all dies, und er stellt es dar, macht es klar.

Kims Karriere hat ihren Ursprung in Korea; er begann das Klavierspiel mit drei, gab mit zehn sein erstes Recital, studierte an der Korea National University of Arts und gewann 2006 mit 18 den wichtigen Klavierwettbewerb in Leeds, der nicht sein erster in Europa war. Derzeit darf er mit Stolz auf mehrere CD-Veröffentlichungen mit sehr anspruchsvollen Solo-Programmen und seit neuestem auf Veröffentlichungen als Solist in Klavierkonzerten mit dem Seoul Philharmonic Orchestra unter Chung Myung-whun bei der Deutschen Grammophon blicken.

Nach der Pause: Ludwig van Beethovens „33 Veränderungen über einen Walzer von Anton Diabelli“ op.120, ebenfalls ein Spätwerk. Beethoven schrieb es 1823, etwa 4 Jahre vor seinem Tod, gleichzeitig mit der Missa Solemnis op. 123 und den drei letzten Klaviersonaten op. 109 bis 111, und kurz vor seiner 9. Symphonie. Der Anlass war folgender: 1819 plante der Herausgeber und Komponist Anton Diabelli, eine Sammlung von Variationen über einen von ihm komponierten Walzer herauszugeben, zu dem jeder österreichisch-ungarische Komponist einen Beitrag leisten sollte. Auch Schubert nahm daran teil, ebenso der ganz junge Franz Liszt und zahlreiche andere, heute völlig vergessene Komponisten. Beethoven aber schrieb gleich 33 Variationen über die etwas törichte, staksige Melodie, einerseits, weil er sich nicht als einer unter Vielen sehen wollte, andererseits vielleicht auch, um mit dieser grotesken Übererfüllung des Auftrags den mäßig talentierten Diabelli zu maßregeln. Beethoven, der damals bereits völlig ertaubt war, schuf damit jedenfalls ein unvergleichliches Feuerwerk an musikalischen Ideen, brillanten Kunststückchen und tiefsinnigsten Charakterstücken, die aber alle das Thema durchscheinen lassen und es natürlich an musikalischem Wert haushoch überragen. Diabelli selbst, dessen Name damit unsterblich wurde, war begeistert und gab Beethovens Variationen als Einzelband heraus. Wann hört man dieses Stück im Konzert? Es fordert vom Spieler äußerste Wandlungsfähigkeit und Hingabe ans Detail.

Sunwook Kim setzte nun noch verstärkt fort, was er im ersten Teil begonnen hatte, stellte die kontrastreiche und organische Folge von harschen Klängen, Spottliedern, wunderbar zarten Stellen mit absoluter Hingabe dar. Jede Nuance verdeutlichte er, ohne zu übertreiben, ließ sich auf jeden Spaß und jede Zartheit Beethovens ein. Und Sunwook Kims besondere Qualität als auftretender Künstler wurde ebenfalls deutlich: Je nachdem, wo man saß, sah man, als wären es Gemälde von Vermeer, sein sich dem jeweiligen musikalischen Wesen hingebendes Gesicht, oder, saß man weiter links, die wunderbaren Puppenspiele seiner Finger auf der Tastatur. Der taube Beethoven mag durchaus nicht nur Töne, sondern eben auch die Bewegungen der Finger komponiert haben! Und, wenn wir fragen sollten, was mag denn nur das Koreanische an diesem jungen Meisterpianisten sein? So dies: dass er, wie ein Pansori-Sänger, mit allen Fasern seines Geistes und Leibes seinen Gegenstand zu vermitteln, zu erzählen weiß und das Publikum stets wach und aufmerksam – stets amüsiert hält! Riesenapplaus und eine Zugabe: Liszt, Zweites Petrarca-Sonnett, eine Musik, die Moderne vorahnend. Und das möchte man auch noch alles vollständig von Sunwook Kim hören.

[1] D. (auch DV) = Deutsch-Verzeichnis: das chronologisch nummerierte Verzeichnis aller Werke von Franz Schubert, angelegt von Otto Erich Deutsch
[2] KV (auch K.) = Köchelverzeichnis: das chronologisch nummerierte Verzeichnis aller Werke von Wolfgang Amadeus Mozart, angelegt von Ludwig von Köchel, erstmals erschienen 1862, seitdem mehrfach ergänzt.

Bild von Matthias R. Entreß

Foto: privat

Matthias R. Entreß

geb. 1957 in Hamburg, lebt und arbeitet in Berlin als freier Autor, Musikjournalist und -kurator. Er studierte Theaterwissenschaft, Germanistik und Kunstgeschichte an der FU Berlin, kuratierte 2004 in Berlin und 2007 in Italien Festivals mit koreanischer Musik sowie Konzerttourneen mit Pansori (2009/ 2013/ 2015) und Volksmusik (2011). 2005 initiierte er die ersten deutschen Übersetzungen von Pansori, an denen er auch mitarbeitete. Musikjournalistische Schwerpunkte sind Neue Musik und Außereuropäische Musik für DLR, BR, DLF.   Ende 2016 erhielt er die Auszeichnung der Republik Korea.

Ähnliche Beiträge

Musik

Eine kulturelle Symbiose?

Zu zwei unterschiedlichen Konzerten anlässlich besonderer historischer Ereignisse

Musik

Was nach der Rückkehr von Isang Yun übrig bleibt

Von der Heimkehr eines außergewöhnlichen koreanischen Komponisten 

Musik

Der rätselhafte Zauber der Jeong-ak

Ein Ensemble brachte dem deutschen Publikum die koreanische Kunstmusik Jeong-ak näher.