Musik

K-Pop-Fans und -Tanzgruppen in Deutschland

149 (One For Nine) ©Khoi Chao

Es ist Samstagmorgen in Bremen-Oslebshausen, einem kleinen und entlegenen Stadtteil von Bremen. Im Bürgerzentrum haben sich bereits mehr als 130 Jugendliche mit ihren Eltern und Verwandten eingefunden, um einem der ersten „K-Pop Dance Group Cover Contests“ in Deutschland beizuwohnen. Den Tanzwettbewerb richtet die ortsansässige Tanzschule „Driton“ mit Unterstützung des Bürgerzentrums und einiger Sponsoren, z.B. des Koreanischen Kulturzentrums in Berlin, aus. Sie ist die erste Tanzschule in Deutschland, die seit November 2011 regelmäßig K-Pop-Tanzkurse anbietet und damit auf zunehmendes Interesse bei den Jugendlichen stößt. Dreizehn Tanzgruppen, bestehend aus überwiegend weiblichen Teenagern, sind aus Bremen, Hamburg, Hannover, Köln und Mönchengladbach angereist, um gegeneinander anzutanzen und die Tanzchoreographien aus den Musikvideos ihrer Lieblings-K-Pop-Gruppen - Girls Generation, Miss A, SISTAR, Dongbangshinki und Orange Caramel - aufzuführen. Die Namen der Cover-Tanzgruppen sind ähnlich kreativ: Choko Confectionarys, Procyon, Alpha Six, Bonny Dolls oder UC (Unique and Crazy). Obwohl die jungen Teilnehmer/innen aufgeregt sind – in mehreren Runden werden ihre Choreographien von einer Fachjury bewertet –, ist die Stimmung ausgelassen und fröhlich. Die Jugendlichen freuen sich, auf Gleichgesinnte zu treffen, die ihre Liebe zu K-Pop und Korea teilen, und darauf, endlich die Tänze aufzuführen, die sie meist in monatelangen Proben zu Hause vor dem Spiegel oder gemeinsam im Proberaum einstudiert haben. 

ЯEmotion (Foto: Michael Fuhr)

Mit dem zunehmenden Einsatz digitaler Medien und sozialer Netzwerke, wie Youtube, Facebook, Twitter und Tumblr, hat sich in den vergangenen Jahren um die südkoreanische Popmusik (K-Pop) eine vitale Nischenkultur unter Jugendlichen in Deutschland herausgebildet. Der weltweite Erfolg von PSYs Song „Gangnam Style” im Jahr 2012 hat diesen Trend in der über Fankreise hinausgehenden Öffentlichkeit sichtbar gemacht und verstärkt. Warum tanzen deutsche Jugendliche zu koreanischem Pop? Alex und Dici von der Tanzgruppe 149 (One for Nine) aus Hamburg erklären ihre Vorliebe für K-Pop so: (Alex) „Die Lieder berühren uns so, wie sie gesungen werden und wie die Art der Musik ist. Bei Balladen ist es so, dass wir sie vielleicht manchmal nicht verstehen, aber sie uns trotzdem berühren. Und K-Pop ist bunt, K-Pop ist schrill und K-Pop ist anders“. (Dici) „Beim K-Pop ist es so, dass die Mitglieder in den Bands Choreographien haben; die hat man zum Beispiel bei amerikanischem Pop nicht so stark. Jetzt kommt das in Mode mit Usher und mit Justin Bieber zum Beispiel, der hat auch Choreographien. Die K-Pop Stars sind meistens sehr sympathisch und man entdeckt, dass es auch normale Leute sind. Die Sprache ist eigentlich gar nicht so wichtig, aber es ist diese Kombination, dass sie tanzen und trotzdem singen und dabei eine unglaubliche Präzision haben, die zum Beispiel für uns als Tänzer besonders attraktiv ist“ (Interview, 1.6.2013, Berlin).

Besonders charakteristisch für die K-Pop-Choreographien sind die sogenannten signature moves – kleine Gesten oder kurze Bewegungsabläufe mit hohem Wiedererkennungswert –, die in einem Stück oft wiederholt werden (z.B. PSYs imaginärer Pferderitt). Typisch ist auch, dass innerhalb eines Stückes die Positionen stetig rotieren und es damit ständig wechselnde Front-TänzerInnen gibt, was auch als multi-top formation bezeichnet wird. Durch diese Wechsel kommt kaum Langeweile auf. Niemand muss zu viel ‚arbeiten’, jede(r) steht einmal im Mittelpunkt und dadurch, dass die Choreographien relativ leicht zu erlernen sind, können auch Hobbytänzer und Anfänger leicht einsteigen und schnell Erfolgserlebnisse erzielen. Der Spaßfaktor ist hoch, und da die koreanischen Boy- und Girlgroups meist zwischen vier und dreizehn Mitglieder haben, ist auch der soziale Faktor – das Gemeinschaftsgefühl – unter den deutschen Jugendlichen besonders wichtig.

In allen Tanzgruppen geht das Interesse an Korea über K-Pop hinaus. Man trifft sich regelmäßig zum Tanzen, aber auch, um gemeinsam koreanische Filme und TV-Dramen zu sehen oder koreanisch zu kochen. In vielen Gruppen ist über das Tanzen ein neuer und enger Freundeskreis entstanden, der nicht selten auch als eine ‚zweite’ Familie bezeichnet wird.

K-Dancer (Foto: Michael Fuhr)

K-Pop erzeugt und stärkt nicht nur das Gemeinschaftsgefühl unter den Gruppenmitgliedern und eröffnet Räume für persönliche Veränderungen, sondern verdeutlicht auch, wie sich die jungen Fans in sehr schillernden und farbenfrohen Formen sozial und ästhetisch von Mainstream-Formen deutscher Jugendkultur abgrenzen. Ihre Liebe zu K-Pop fanden die meisten Fans entweder über den Umweg japanischer Popkultur – als ehemalige Fans, vor allem von Animes und Mangas – oder über asiatische Freunde und Bekannte, durch die sie auf die koreanische Musik aufmerksam wurden. Als willkommene Alternative zu westlichem und zu japanischem Pop scheint K-Pop dabei eine Nische in der deutschen Musiklandschaft auszufüllen.

Man kann die K-Pop-Covergruppen auch als Gegenentwurf bzw. als Reaktion auf die deutsche (und westliche) Mehrheitsgesellschaft verstehen, vor allem, wenn man sich den multi-ethnischen Hintergrund der Tanzenden ansieht. Gut die Hälfte sind Jugendliche mit ostasiatischem, türkischem oder afrikanischem Migrationshintergrund, die scheinbar in K-Pop einen gemeinsamen Nenner gefunden haben, über den sie sich verständigen und ausdrücken können.

Am Ende eines langen Wettkampftages in Bremen sehen alle erschöpft, aber glücklich aus. Den ersten Platz hat die Gruppe Unique & Crazy errungen, die in glitzer-goldenen Kostümen ein Stück der K-Pop-Boygroup Nu’est nachgetanzt hat. Aber das ist letzten Endes nebensächlich, denn die Veranstaltung war als eines der ersten großen K-Pop-Fantreffen für alle erfolgreich. Auch der Verkäufer vom Merchandising-Stand scheint zufrieden zu sein. Er berichtet, dass der K-Pop-Anteil in seinem Sortiment von Asien-Pop-Fanartikeln in vergangener Zeit gewachsen ist.

Obwohl viele Fans ihren K-Pop-Idolen nacheifern, finden es die meisten gar nicht so schlimm, dass ihre eigenen Tanzschritte nicht immer synchron sind, dass sie nicht so „perfekt“ aussehen wie ihre Idole und dass Korea eigentlich ganz weit weg von ihrem eigenen Alltag ist. Sie wissen jedenfalls, dass Südkorea mehr zu bieten hat, als nur Autos, Flatscreens und Smartphones.

Bild von Michael Fuhr

Foto: privat

Michael Fuhr

Michael Fuhr ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Fach Musikethnologe an der Hochschule für Musik, Theater und Medien Hannover. Er hat seine Dissertation über Globalisierung, kulturelle Asymmetrien und populäre Musik in Südkorea geschrieben und 2013 an einem vom Ministerium für Kultur, Sport und Tourismus der Republik Korea geförderten internationalen Forschungsprojekt zur K-Pop-Rezeption und –Fankultur in Europa mitgearbeitet.

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