Kaleidoskop

Kaffeeklatsch in Seoul

Im Gespräch mit Annette Grund, Präsidentin des Deutschen Club Seoul
 

Vorstand des Deutschen Club Seoul mit Präsidentin Annette Grund (Vierte von rechts), Weihnachtsfeier 2015

Der Deutsche Club Seoul ist eine Anlaufstelle für Deutsche, Deutschsprachige und Deutschland-Interessierte und bietet Neuansässigen, Expats und Alteingesessenen die Möglichkeit, sich in Korea zurechtzufinden und Land und Leuten näherzukommen. 1995 entstand der Club auf Initiative einiger Frauen, die eine deutsche Gemeinschaft in Seoul gründen wollten. „Vor über 20 Jahren war es für Ausländer noch viel schwieriger, ein Stück Heimat in der Fremde zu finden“, sagt Präsidentin Annette Grund. Mittlerweile ist Südkorea globaler geworden und Standort für zahlreiche Unternehmen, die ihre – immer noch zumeist männlichen – Mitarbeiter für drei bis fünf Jahre in die 10-Millionen-Metropole Seoul entsenden. Für die Partnerinnen ist es oftmals gewöhnungsbedürftig, mit dem eigenen Berufsleben in Deutschland auch die eigene Selbstständigkeit aufgeben und sich auf die Rolle der Begleiterin einstellen zu müssen. Hier liegen wohl auch die Gründe für die vornehmlich weibliche Initiative dieses und anderer Clubs ähnlicher Couleur in Korea und anderen Ländern. Das bedeutet aber weder, dass nicht auch einige Männer ihre beruflich entsandte Partnerin begleiten würden, noch bedeutet es, dass Männer nicht willkommen wären - im Gegenteil. „Wir organisieren Familienausflüge am Wochenende, Tanzabende und Motto-Partys nach Feierabend oder Veranstaltungen an Feiertagen. Das Angebot steht allen offen, die sich dafür interessieren,“ erklärt Annette Grund, die ihr Amt vor einem Jahr übernommen hat und bereits das dritte Jahr mit ihrer Familie in Seoul lebt.

Wanderung im Bukhansan-Gebirge nördlich von Seoul, April 2016

Ihr ist die Begeisterung anzumerken, als sie von den wöchentlichen Tagesausflügen in nahegelegene Skigebiete erzählt: „Morgens geht es los, nach 60 Minuten Autofahrt ist man am Ziel und nach einigen Stunden auf der Piste geht es am Nachmittag wieder zurück. Das ist schon nett!“ Sie berichtet von Schiffstouren auf dem Han-Fluss, von Wanderungen in den angrenzenden Bergen oder von Ausflügen zur Namhansan-Festung aus dem 17. Jahrhundert. Wer sich weniger für Ausflüge als für Vorträge oder Gespräche interessiert, ist eingeladen, am Kulturcafé, Stammtisch oder Kaffeeklatsch teilzunehmen. Die „Lingua franca“ des Deutschen Club Seoul ist Deutsch. Wer also nicht aus Deutschland, Österreich oder der Schweiz kommt, sollte über entsprechende Grundkenntnisse verfügen, um sich verständigen oder die Vorträge verfolgen zu können. „Bei gemeinsamen Aktivitäten ist das weniger wichtig, weil die meisten Deutschen ohnehin Englisch sprechen.“

Die Programmgestaltung richtet sich nach den Interessen der Mitglieder. Der überwiegende Teil sind Familienmitgliedschaften - derzeit 105. Eine Familie zählt als ein Mitglied. Da Kinder naturgemäß andere Interessen haben als Jugendliche, deren Interessen sich wiederum unterscheiden von denen Älterer und sich Mitglieder ohne Kinder weniger für familienorientierte Veranstaltungsplanung interessieren als Mitglieder mit Kindern, bedarf das Angebot einer durchdachten Planung des derzeit achtköpfigen Vorstands. „Mein Job ist ein Vollzeitjob.“ Man glaubt es gern. „Wir arbeiten alle ehrenamtlich“, antwortet Frau Grund auf die Frage nach der Finanzierung all dessen. Ein Teil der Kosten wird über Mitgliederbeiträge gedeckt. Das sind jährlich umgerechnet etwa 45 Euro pro Mitgliedschaft – „nicht die Welt“. Referenten und Raummieten werden über Eintrittsgelder bezahlt wie auch Kaffee und Kuchen beim „Kaffeeklatsch“, aber ein Blick auf die Website macht deutlich, dass renommierte Sponsoren mit an Bord sind. Sie unterstützen vor allem die größte Veranstaltung des Jahres, die Weihnachtsgala, mit Sach- oder Geldspenden, die für wohltätige Zwecke verwendet werden.

Ausflug zur Festung Namhansanseong, April 2016

„Es ist alles schon recht familiär, deshalb ist es schön, dass unsere Gemeinschaft eine überschaubare Größe hat. Auf die Weise kennen und kümmern wir uns.“ Bei Ankunft der Neuankömmlinge am Ende jedes Sommers richtet der Club ein Willkommens- und Familienfest aus. „Wir geben Tipps für gute Einkaufsmöglichkeiten und Orientierungshilfen auf den Märkten in Seoul, wir kennen eine gute Näherei oder eine Bäckerei mit deutschem Brot und helfen bei der Erledigung von Formalitäten.“ Die Hilfsbereitschaft untereinander sei sehr groß, denn „als Expat führt man schon ein ganz eigenes Leben“. Das schafft Sicherheit und ein Stück Vertrautheit unter Menschen, die demselben Kulturkreis angehören.

So weit so gut? Oder schafft dieses Stück Heimat in der Fremde eine Distanz zu dieser Fremde, weil die Heimat ja vor Ort ist? Wird die Zuflucht zu Vertrautem zum Hindernis auf dem Weg zu Unvertrautem? „Das glaube ich nicht“, zeigt sich Annette Grund optimistisch, „wenngleich die Sprache eine große Hürde darstellt. Koreanisch ist eine sehr schwierige Sprache, die man nicht ‚einfach so‘ lernt. Die meisten Mitglieder sind zu Beginn hochmotiviert, und der Alltag lässt sich mit einem Grundwortschatz auch recht bald meistern. Um jedoch tiefgehende Gespräche zu führen, müssen Sie sehr gut Koreanisch sprechen. Die Motivation ist eigentlich nur bei denjenigen da, die in Korea einen Partner oder eine Partnerin finden und langfristig bleiben - das sind aber die wenigsten.“ 

Kurs zur Schmuckherstellung, April 2016 (Alle Fotos: © Deutscher Club Seoul)

In welchem Umfang und auf welche Weise die Hinwendung zur koreanischen Gesellschaft und Kultur gelingt, hängt in erster Linie von der jeweiligen Persönlichkeit ab, von dem Maß an Offenheit oder Zurückhaltung, weiß die Präsidentin des Deutschen Club Seoul aus Erfahrung zu berichten. „Die Deutschen sind in Korea sehr willkommen, das ist deutlich spürbar. Koreaner mögen deutsche Musik und deutsche Literatur, kennen Bach ebenso wie Goethe. Die Gesellschaftsordnungen sind jedoch sehr unterschiedlich.“ Während in Korea Uniformität und das Kollektiv hohe Priorität haben und die Schönheitschirurgie mit dem Werbeslogan „The chance for sameness“ wirbt, zählt in Deutschland mit dem Grundmotiv der Individualität das Gegenteil. Diese Unterschiede machen ein wirkliches Eintauchen in die andere Kultur zu einer Herausforderung der besonderen Art. Dass Unterschiede durchaus auch Bereicherung bedeuten können, hat Familie Grund mit der Verlängerung ihres Aufenthaltes um ein weiteres Jahr demonstriert. „Uns gefällt es hier sehr gut. Die Koreaner sind höflich und freundlich, und Seoul ist eine unglaublich schöne und sichere Stadt; es wird nicht gestohlen und nicht betrogen, das ist sehr angenehm. Das kulturelle Angebot ist überaus vielfältig.“ Ihre Kinder sind im Teenageralter und haben koreanische Freunde – auf der Deutschen Schule Seoul International. 
 

                                                                                                                                Das Gespräch führte Dr. Stefanie Grote
                                                                                                                                                        Redaktion "Kultur Korea"

  

Weitere Informationen unter:
http://deutscherclubseoul.org



 

© Deutscher Club Seoul

Die Präsidentin des Deutschen Clubs Seoul, Annette Grund, kommt aus Darmstadt und lebt seit August 2013 mit ihrem Mann und zwei Kindern in Seoul.

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