Literatur

Kleine Brüche mit der großen Norm

                                „An guten Tagen siehst du den Norden“ - Ein Reiseführer der besonderen Art

 

ISBN 9783770182978, 2. Aufl., EUR 14,99, ersch. 03.08.2018

Sterben auf Probe, Urlaub im Topfhotel und der Besuch eines Phallusparks – nein, ein herkömmlicher Reiseführer ist das Buch von Sören Kittel nicht. Spätestens nach dem Kapitel über den „Schlächter von Uiryeong“ wird deutlich, dass bei dieser literarischen Expedition Erstaunen, Entsetzen, Heiterkeit und Skurrilität nah beieinanderliegen, ohne auch nur den geringsten Verdacht auf Trivialität oder boulevardeske Sensationsberichterstattung zu nähern – im Gegenteil. Die Geschichten sind der Feinschliff persönlichen Erlebens, einer passionierten Neugier und fließen aus der Feder eines Reporters, der sein Handwerk versteht: saubere Recherche, seriöse Quellen, spannender Stil. Sören Kittel erzählt von einer Gesellschaft zwischen konfuzianischer Enge und der Sehnsucht nach Befreiung, von unglücklichen Ehen hinter scheinheiligen Fassaden und totgeschwiegenen Kindern aus Ex-Beziehungen. Über Probleme werde ein Mantel des Schweigens gelegt, aus Rücksicht auf die Gefühle der anderen. „… dieses Lügen, das in Korea nicht Lügen heißt, weil es zur konfuzianischen Kultur gehört: Jeder Mensch ist für das Gefühl des anderen mitverantwortlich. Deshalb werden schlechte Nachrichten, die für negative Stimmung sorgen, zurückgehalten. »Harmonie gilt es zu erreichen, dabei stört die direkte Konfrontation«.“
Wenn sich das Glück trotz Problemverdrängung partout nicht einstellen will, bleibt mit „Happy Dying“ noch ein letzter Ausweg. Der Autor nimmt an einem „Sterbe-Seminar“ teil und findet sich, eingepfercht bis zur Bewegungsunfähigkeit, in einem geschlossenen Sarg wieder – mit einem Luftloch zum Überleben.Der Kursleiter ist ein Mönch; er möchte den Teilnehmenden eine Richtung geben, sie für den Wert der Zeit sensibilisieren in dieser schnelllebigen Stadt Seoul, für ihre Rolle als Hauptdarsteller in ihrem eigenen Leben oder ihnen die Angst vor dem Sterben nehmen. Hier finden sich Jung und Alt, Frauen und Männer, Reich und Arm zusammen, geeint in ihrer Verzweiflung, ihrer Ausweglosigkeit, aber auch in ihrer Hoffnung. - Auch das ist Korea.

Jun Myeong-Hua und ihr „Topfhotel“ auf der Insel Yeongheung-Do. Sie lebt dort schon seit 20 Jahren, und die Töpfe haben sie geheilt, sagt sie. Die Ärzte hatten ihr empfohlen, in einem Lehmhaus zu wohnen. (Foto: Sören Kittel)

Weniger bedrückend ist die Übernachtung in einem Topfhotel – runde Zimmer und Fenster, gewölbte Decken, bunte Wandbemalung in der „Pottery Pension“ auf der Insel Yeongjeung-do. Wer also schon immer mal in einem Weinkrug nächtigen wollte, ist hier genau richtig. Wer allerdings lieber im Streifenpyjama hinter Gittern schlafen möchte, möge sich im Gefängnishotel einbuchen, während Märchenliebhaber vielleicht besser im Zwergenhotel aufgehoben sind - welch Skurilitäten! Wohl nirgendwo auf der Welt werden so viele Träume in Stein gehauen wie in Korea, schreibt Kittel. „… vielleicht auch, weil diese Gesellschaft kleine Brüche mit der Norm so nötig hat, wie keine andere. Denn da ist auch eine große Gleichförmigkeit in Seoul, im Alltag, da sind viele rechte Winkel und identische Hochhäuser.“

Die Erfüllung ebendieser Norm erweist sich jedoch zuweilen als Herkulesaufgabe, wie Kittel über eine Freundin berichtet, die zum Leidwesen ihrer Eltern mit 36 Jahren noch unverheiratet ist. Um dieses Leid abzuwenden, muss sie einen Dating-Marathon absolvieren, den sie nicht absolvieren möchte und es dennoch tut, damit nicht irgendein Taxifahrer sie ein weiteres Mal daran erinnert, dass eine alternde Braut in einem Hochzeitskleid keine gute Figur macht. Einfach ist die Partnersuche jedenfalls nicht, zumal die Erwartungen der Männer einer Quadratur des Kreises gleichkommen, wie sie erzählt. Einerseits soll sie als Frau einen Job haben, Karriere machen, gebildet sein und weit gereist und andererseits das schwache und ergebene Geschlecht, das dem Partner bei der Welteroberung das Essen kocht. Vielleicht hat Eunji am Ende ja den Mut, besagten kleinen Bruch mit der großen Norm zu vollziehen, den die koreanische Gesellschaft so nötig hat?

Zu entdecken gibt es jedenfalls genug in Korea, und manches ist so skurril, dass sich auch die deutschen Medien dafür interessieren. „Meogbang“ zum Beispiel, was als Abkürzung für ‚Essen‘ (먹자, Meog-ja) und ‚Broadcast‘ (방송, bang-song) steht. Und das geht so: Tausende und abertausende Computer-Nerds sitzen vor ihrem heimischen Bildschirm und beobachten andere Nerds, nämlich die „Esser“, dabei, wie sie Unmengen an Fleisch, Fisch, Gemüse, Suppen oder Sonstiges verspeisen. Meogbang sei eine Antwort auf die Vereinsamung in einer Gesellschaft, in der viele nur noch alleine essen, resümiert Sören Kittel und ist mit dieser Auffassung nicht allein. Manche Esser seien regelrechte Stars mit einer Anhängerschaft, die Millionen zählt. - Auch das ist Korea.

Penis-Park, Provinz Gangwon-do (Quelle: Wikimedia Commons)

Da Kittel in seinem Buch die Skurrilitäten und Gesellschaftsphänomene wie Rosinen aus einem Kuchen pickt, erstaunt auch der Verweis auf den Gegensatz zwischen Sittenstrenge und Freizügigkeit nicht, der mit dem Phalluspark in der Provinz Gangwon-do nahe der Ostküste seinen sichtbaren Ausdruck findet. Südkoreanische Künstler haben hier 56 Penissen ein Zuhause gegeben und ihrer Fantasie in puncto Gestaltung keine Grenzen gesetzt. Das Spektrum reicht von Penissen mit Nase und Augen über Schildkröten mit Peniskopf bis hin zu Penissen als Bank oder Schaukelspaß. - Auch das ist Korea! „‘Diese Orte sind wie eine Befreiung für uns Südkoreaner‘“, habe eine bekannte TV-Sex-Beraterin einst erklärt, ein Ausbruch aus dem Korsett viktorianischer Strenge, die sich im Konfuzianismus begründe, der die koreanische Gesellschaft seit Jahrhunderten prägt. Im Phallus-Park schmilzt das Tabu wie Eis in der Sonne; hier sei der richtige Ort auszusprechen, was sonst eher unausgesprochen bliebe, so die Expertin.

Das Ehepaar Theissen vor ihrem Haus in „Dogil Maeul“, dem Deutschen Dorf im Süden Südkoreas. Sie backen Brot und machen Würste wie in Deutschland und verkaufen sie (Foto: Sören Kittel).

Weniger delikat ist sein Kapitel über das „Deutsche Dorf“ (독일 마을 Dogil Maeul‘) auf der Insel Namhae, das Sören Kittel „Die Endstation“ nennt – offenbar in Anlehnung an den Dokumentarfilm „Endstation der Sehnsüchte“ von Sung-Hyung Cho aus den Jahr 2009, in dem sie über das Leben koreanisch-deutscher Ehepaare als Pensionäre auf Namhae erzählt. Lange haben sie in Deutschland gelebt und sich im fortgeschritten Alter für dieses Duplikat deutscher Lebenskultur am Ende der Welt im Süden Koreas entschieden. Ein beschaulicher Ort ist das Dogil Maeul aber dennoch nicht. Touristen schwärmen mit Selfie-Sticks durch ‚deutsche‘ Vorgärten, stören die Ruhe der Gartenzwerge und suchen in den Bewohnern, Bratwurstbuden und Hollywoodschaukeln begehrte Fotomotive. Wilhelm Engelfried, einer der Pensionäre, erzählt von Südkoreanern, die sein Haus mit einem Museum verwechselt und plötzlich in seinem Wohnzimmer standen. Nein, einfach ist das Leben im Deutschen Dorf nicht, wo selbst das Rasensprengen oder das Angrillen im Frühling zur Touristenattraktion wird … und der Bus in die nächste Großstadt nur selten fährt. Es ist aber vor allem für die koreanischen Ehefrauen nicht einfach, weil sie als ‚Rückkehrerinnen‘ ihren Weg finden müssen – zurück in eine Gesellschaft, die dem Streben nach Harmonie eine höhere Bedeutung beimisst als individuellem Glück, wie der Autor resümiert.

„An guten Tagen siehst du den Norden“ ist kürzlich in 2. Auflage erschienen und empfiehlt sich für all diejenigen, die gern einen Blick hinter die gemeinhin bekannten Kulissen werfen. Das Buch ist gleichermaßen Reiseerzählung und Kulturführer und dies im wortwörtlichen Sinne: ein Führer durch die koreanische Kultur, eine Art Gesellschaftsanalyse - lebendig, feinsinnig, humorvoll, gar abenteuerlich zuweilen. Nach fast 400 Seiten Erstaunen, Entsetzen, Heiterkeit und Skurrilität ist eines nur bedauerlich: dass es vorbei ist.

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