Literatur

„Korea ist meine Heimat - und Deutschland mein Zuhause.“

Interview mit Soon Schöffel, Autorin des autobiografischen Romans „Semzingang – Leben in zwei Welten“
 

Die Autorin als junge Krankenschwester (Dritte von rechts) (Foto: privat)

Korea Anfang der 1970er Jahre. Die junge Koreanerin Soon Schöffel hat ein schicksalhaftes Erlebnis, das ihrem weiteren Leben eine ganz neue Wendung geben soll: Per Zufall fällt ihr in einer Zeitung die Überschrift „Deutschland sucht Krankenschwestern, Arbeitsvertrag für drei Jahre“ ins Auge.  

Ein halbes Jahr später ist sie in Deutschland und erlebt dort die Höhen und Tiefen eines Lebens in der Fremde. 40 Jahre danach besinnt sich die ehemalige koreanische Krankenschwester in ihrem Roman „Semzingang – Leben in zwei Welten“ auf ihre Kindheit und Jugend in Korea und lässt das Leben in ihrer neuen Heimat Revue passieren.

Sie wohnen nun schon seit über 40 Jahren in Deutschland. Gab es einen bestimmten Auslöser dafür, dass Sie vor einigen Jahren mit dem Schreiben des autobiografischen Romans „Semzingang – Leben in zwei Welten“ begonnen haben?

Der Auslöser dafür war meine Schwester aus Korea. Während ihres Aufenthaltes in Deutschland bemerkte sie mir gegenüber, dass bei mir nicht mehr viel von Korea „übriggeblieben“ sei. Diese Worte haben mich nicht in Ruhe gelassen, und ich empfand sie als sehr schmerzlich.

Ich grübelte darüber nach, was koreanisch sei. Im Grunde genommen kannte ich mein Heimatland und die Menschen kaum. Ich versuchte, mich an die Vergangenheit zu erinnern und ging gedanklich zurück bis in die Zeit, als ich sechs Jahre alt war. Dann schrieb und schrieb ich ... daraus wurde ein ganzes Buch.

Ihre erste Zeit in Deutschland muss ein enormer Kulturschock für Sie gewesen sein. Wo hätten Sie sich damals von deutscher Seite mehr Unterstützung gewünscht?

Die anderen koreanischen Krankenschwestern und ich hatten das Gefühl, alleingelassen zu werden und hätten uns wenigstens am Anfang eine Bezugsperson gewünscht, die sich mit uns in unserer Sprache verständigen konnte.

Sie beschreiben die große Wärme und Zuneigung in koreanischen Familien und in der koreanischen Gesellschaft, wo zum Verständnis des anderen manchmal ein Blick oder eine Geste ausreichen. Wie sind Sie mit der deutschen Mentalität zurechtgekommen?

Am Anfang klammerte ich mich an meine wortkarge koreanische Erziehung nach dem Motto: „Man versteht sich auch ohne viele Worte“. In der westlichen Kultur genügt es oft nicht, mit „Ja“ oder „Nein“ zu antworten, sondern man benötigt ausführliche Argumente. Das hatte ich vorher nie gelernt. Deshalb verstanden mich manche Deutsche falsch und waren mir böse. Ich spürte das und litt darunter.

Sie sagen, dass Korea Ihre Heimat und Deutschland Ihr Zuhause sei. Ab wann haben Sie angefangen, Deutschland als Ihr Zuhause zu betrachten, und was brauchte es, damit Sie sich hier wirklich heimisch fühlen konnten?

Es dauerte zwanzig lange Jahre, bis ich das Gefühl hatte, hier gut integriert zu sein. Ich war nun offener, und die Verständigung bereitete mir keine Probleme mehr. Es trug auch Früchte, dass ich mich viele Jahre mit der faszinierenden westlichen Kultur befasst hatte. So beschäftigte ich mich mit meinen Hobbys: Lesen, Malen und Musizieren. Zu diesem Zeitpunkt machten meine Familie und ich vier Wochen Urlaub in Korea. Es war schön, aber uns fehlte etwas. Mir wurde bewusst: „Deutschland ist mein Zuhause!“ Ich war zu lange weg von der Heimat.

Gab es außer Ihrer Anfangszeit in Deutschland Momente, in denen Sie gern nach Korea zurückgekehrt wären?

Ja, es kam selten vor, aber in manchen Situationen wäre ich lieber in der Heimat gewesen. Besonders dann, wenn die Medien von Ausländerhass und Neonazis berichteten.

Welche koreanischen Angewohnheiten sind Ihnen im Laufe der Zeit fremd geworden, und mit welchen deutschen Gepflogenheiten haben Sie sich angefreundet?

Fremd ist mir geworden, bei der koreanischen Begrüßung den Kopf zu neigen und beim Essen keine Stille zu finden. Angenehmer finde ich es, sich bei der Begrüßung die Hand zu schütteln oder Freunde spontan zu umarmen und in Ruhe speisen zu können. Schön finde ich auch, Weihnachten und Ostern mit der Familie zu feiern.

Inwiefern unterscheidet sich das Korea, das Sie viele Jahre später vorfanden, von dem Korea, das Sie aus Ihrer Kindheit kannten?

Von meiner Erinnerung an Korea als „Land der Morgenstille“ ist jetzt nur noch in manchen kleinen Ortschaften etwas zu spüren. In den großen Städten beherrschen durch die schnell wachsende Infrastruktur Hektik und Stress den Alltag. Inzwischen gibt es auch in Korea viele Fastfood-Lokale.

Es ist schade, dass viele junge Menschen dem erliegen, anstatt gesunde koreanische Kost zu genießen.

Sie kamen im Frühling 1952, also ein Jahr vor Beendigung des Koreakrieges, auf die Welt. Obwohl die Nachkriegszeit von ideologischen Spannungen, Entbehrung und Armut geprägt war, beschreiben Sie Ihre Kindheit als recht idyllisch. Welche Mechanismen haben Sie als Kind entwickelt, um mit solchen belastenden äußeren Einflüssen umzugehen?

Schon als kleines Kind hatte ich viel Fantasie. Ich beschäftigte mich mit allem, was mich erfreute. Aus einem einfachen grünen Blatt machte ich Salat oder ließ es in Wasserpfützen treiben. So war ich die meiste Zeit glücklich und ausgeglichen.

In Ihren Erinnerungen nimmt Ihre Mutter eine zentrale Stellung ein. Welche Werte hat sie Ihnen vermittelt, und welche davon haben Sie an Ihre Kinder weitergegeben?

Meine Mutter hat sich aus Liebe aufgeopfert und alles zum Wohle ihrer Kinder getan. Ich hoffe, dass auch ich meinen Kindern Liebe, das Füreinander-da-Sein, Zufriedenheit und Respekt vor der Meinung anderer vermittelt habe.

Sie beschreiben in Ihrem Roman auf sehr lebendige Weise schamanistische Zeremonien, Aberglauben und die Bräuche Ihres Dorfes. Inwiefern haben Sie diese Erfahrungen geprägt?

Durch das Erleben schamanistischer Zeremonien und den Umgang mit Aberglauben bin ich dem Spirituellen nicht abgeneigt und schließe viele Dinge nicht aus. Ich höre in mich hinein und schöpfe gedankliche Energie daraus. Über die Ergebnisse freue ich mich, und ich bin gerne unterwegs in der Natur, um Kräuter zu sammeln.

Welche Schwierigkeiten ergaben sich beim Schreiben dieses Buches, und inwieweit hat es einen Beitrag zu Ihrer eigenen Identitätsfindung geleistet?

Der Aufbau deutscher und koreanischer Sätze ist grundverschieden. Das bereitete mir große Probleme beim Schreiben. Die Chance, mit einer Mischung aus deutscher und koreanischer Kultur zu leben, erweiterte meinen Horizont. Nach dem Schreiben des Buches wurde mir klar, dass ich wie eine Deutsche lebe, aber mit koreanischen Wurzeln.

Hat sich im Laufe des Schreibens eine Art Eigendynamik des Erzählens entwickelt?

Ja. Ich wollte meine Kindheit erforschen. Dabei stieß ich – nicht ohne Recherche - auf koreanische Tradition und Kultur, auf Geschichte, auf Informationen zur Mentalität der Koreaner und schließlich auf koreanische Krankenschwestern und Bergarbeiter in Deutschland. Das Motiv der Mutterliebe berührte viele LeserInnen meines Buches, weil sie an ihre eigene Kindheit erinnert wurden. Ich glaube, dass es mir gelungen ist, vielen deutschen LeserInnen koreanische Traditionen und Wissen über das Land zu vermitteln. Auch denke ich, dass ich mit meinem Buch „Semzingang“ die Anliegen mehrerer Generationen von in Deutschland lebenden KoreanerInnen zum Ausdruck gebracht habe.

 

                                                                                        Das Interview führte Gesine Stoyke (Redaktion Kultur Korea).
 

„Semzingang – Leben in zwei Welten“
Soon Schöffel
Edition Wendepunkt
Weiden 2013
ISBN 978-3-935841-99-3
14,90 Euro

Hinweis: Leser, die ein signiertes Exemplar wünschen, können sich unter folgender E-Mailadresse direkt an die Autorin wenden: soon-rea@t-online.de.

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

Ähnliche Beiträge

Literatur

Literarische Traumatherapie

An Su Kils  „Buk Gan Do“

Literatur

Die dunkle Seite der Welt

Park Hyoung-su liest in Berlin aus „Nana im Morgengrauen“ – und berührt Abgründe

Literatur

NICHTS GEHT MEHR

"Ein einfaches Leben" von Min Jin Lee