Film

Koreanische Filme auf der Berlinale 2015 – Die Familie auf dem Prüfstand

Wenn der Winter sich dem Ende neigt, ist Festival-Zeit. Zumindest in Berlin, aber im Grunde auch auf der ganzen Welt – jedenfalls in der Welt des Films, die sich am Potsdamer Platz zum jährlichen Branchentreff einfindet. Mit verlässlicher Konstanz rückt daher auch Korea jeden Februar in den Berliner Kinos in unmittelbare Nähe. Dieses Mal haben fünf Beiträge das Filmschaffen Koreas während der Internationalen Filmfestspiele Berlin vertreten. Hinzu kamen zwei Videoinstallationen. In den meisten dieser Produktionen, die sich auf fünf Sektionen der Filmfestspiele verteilten, lässt sich ein dominierendes Thema ausmachen: die innerlich oder äußerlich zerbrechende Familie. Als emotionaler Kern der koreanischen Gesellschaft ist sie ins Visier der Filmemacher gerückt und bestimmte in diesem Jahr die Handlungsstränge. Tradierte Familienstrukturen stehen offenbar auch in Korea zunehmend auf dem kritischen Prüfstand.

Ausgangspunkt von END OF WINTER (철원기행) ist die Verabschiedung eines Universitätsdozenten in den Ruhestand. Als seine Familie anreist, konfrontiert er sie mit seinem nächsten Lebensschritt: der Scheidung von seiner Ehefrau. Ein einsetzender Schneesturm verhindert die Abreise der geschockten Familienmitglieder und zwingt sie, sich vor Ort auseinanderzusetzen. Ein schwieriges Unterfangen, denn einer verharrt in Schweigen: der Ehemann und Vater selbst. Mit einer behutsamen, statischen Kamera, die sich erfreulicherweise auf Figuren und Schauspiel statt auf dramatische Effekte konzentriert, durchleuchtet Regisseur Kim Dae-hwan in seinem Debütfilm den Zerfall der Familie nicht als plötzliches Ereignis, sondern als jahrelangen, schleichenden Prozess. Eingeschränkte Kommunikation hat zu Entfremdung untereinander geführt, zerstörerische Vorwürfe haben den Platz von konstruktiven Ratschlägen im Alltag übernommen. Die klassische Vorstellung von Familie als Inbegriff des vertrauensvollen Zusammenhalts ist nicht nur im Umbruch – sie ist nicht mehr existent. END OF WINTER entstand als Abschlussfilm an der Graduiertenfakultät der School of Film and Digital Contents der Dankook-Universität, die in nur wenigen Jahren als Talentschmiede enorme Bedeutung errungen hat.

ODE TO MY FATHER (국제시장) avancierte bereits in Korea zu einem der erfolgreichsten Filme aller Zeiten an der Kinokasse, bevor er nun auch auf der Berlinale zu sehen war. Als Streifzug durch die koreanische Geschichte umfasst die Handlung mehrere Jahrzehnte, die während des Koreakriegs im Norden des Landes einsetzt, als sich eine Familie auf die Flucht begibt und dabei durch tragische Umstände getrennt wird. Nach der Ankunft in Busan hat Dug-soo, der minderjährige Sohn der Familie und die Hauptfigur des Films, nur noch zwei Lebensziele vor Augen: als neues Oberhaupt die verbliebene Familie zu ernähren sowie seinen Vater und seine kleine Schwester, beide verschollen, wieder zu finden. Auch Deutschland wird später zur Kulisse, als Dug-soo als Bergbaukumpel Schwerstarbeit in einer Mine im Ruhrgebiet verrichtet und schließlich seine zukünftige Ehefrau, eine Krankenschwester, kennen lernt. Regisseur JK Youn gelingt es, historische Eckpfeiler koreanischer Vergangenheit mit einem ergreifenden familiären Schicksal zu füllen. Ein Film, der große Gefühle im Kino zaubert, bisweilen auch humorvoll ist, aber vor allem zu Tränen rührt. Momente des Glücks lösen sich mit tiefer Verzweiflung ab, rasante Kamerafahrten und zahlreiche Spezialeffekte generieren hochwertige visuelle Qualität. ODE TO MY FATHER schafft Verbindungen zwischen koreanischer und deutscher Nachkriegszeit, ist aber vor allem eine handwerklich und dramatisch eindrucksvolle Auseinandersetzung mit Koreas kollektivem Geschichtsgedächtnis.

In Na Young-kils Kurzspielfilm HOSANNA (호산나) erscheint die Flucht aus zerfallenden Strukturen unmöglich – auch innerhalb der Familie. Die Handlung ist angesiedelt in einem Dorf, dessen Bewohner aufgrund schwerer Erkrankungen allesamt vor sich hinvegetieren. Doch der Tod bietet keine Erlösung, besitzt der Junge doch die Fähigkeit, diesem ein Schnippchen zu schlagen. Denn der Junge ist dazu verdammt, die Bewohner, darunter auch seine Eltern, gegen ihren Willen permanent ins Leben zurückzuholen. In endzeitlichem, dabei realistisch gezeichnetem Setting und mit entsättigten Farben schafft der Regisseur mit souveräner Hand ein ebenso präzises wie düsteres Bild vom gegenwärtigen Leben als dauerhaftem Leidenszustand, aus dem es kein Entrinnen gibt. (Der Film wurde bei der diesjährigen Berlinale mit dem Goldenen Bären für den Besten Kurzfilm ausgezeichnet.)

Die Künstlerin Jaemin Cha präsentierte ihre beiden Videoinstallationen AUTODIDACT (독학자) und HYSTERICS (히스테릭스) im Forum Expanded – einer Sektion, die die Grenzen des Kinos ausleuchtet und Schnittstellen zu den Gattungen Bildende Kunst und Performance sucht. Ersteres Werk beruht auf einer wahren Begebenheit und ist inspiriert durch ein tragisches Ereignis, das im Jahr 1984 eine koreanische Familie unwiederbringlich zerstörte – als nämlich ein junger Mann Schussverletzungen zum Opfer fiel, während er als Soldat in der entmilitarisierten Zone DMZ diente. Da sein Vater seitdem der offiziellen Selbstmordversion keinen Glauben schenkte, eignete er sich autodidaktisch forensische Methoden an, die Beweise für einen Mord liefern konnten. Ein abschließendes Urteil in diesem Todesfall ist für September 2015 avisiert. In ihrer Videoarbeit montiert die Künstlerin handschriftliche Aufzeichnungen des Vaters mit vergrößerten Bildern aus seinen forensischen Untersuchungsergebnissen. Auf der Ton-Ebene verschmelzen zwei kommentierende Erzählstimmen miteinander: die des Vaters und die eines fiktiven jungen Mannes, der das Alter des Sohnes hat, als dieser starb. Mit bemerkenswerter Intensität verdichtet die Künstlerin politische, wissenschaftliche und emotionale Ebenen zu einem berührenden visuellen Kunstwerk.

Der in Israel geborene Regisseur Lior Shamriz stellt in seinem in schwarz-weiß gedrehten Film CANCELLED FACES (공백의얼굴들) eine homosexuelle Beziehung in Seoul in den Mittelpunkt, die durch Abhängigkeiten sowie sexuelle Rollenspiele geprägt ist und tragisch endet. Angesiedelt im modernen Korea, ist die Linearität der Handlung immer wieder durch performative, elliptisch montierte Szenen durchbrochen. Auf dieser zweiten ästhetischen Ebene des Films treten die handelnden Figuren in historischen Kostümen auf und verweisen auf eine Zeit in Jerusalem im Jahr 70 nach Christus, als die damalige Gesellschaft gezwungen war, sich neu zu ordnen, und dabei Raum für neue Denkkonzepte ermöglichte. Der Film ist formal und thematisch komplex gestaltet, wird narrativ durch Thriller-Elemente angetrieben und entwickelt als Gesamtwerk eine ganz eigene, originelle Handschrift.

Auch der Dokumentarfilm AN OMNIVOROUS FAMILY DILEMMA (잡식가족의딜레마) regt zum Umdenken an. Regisseurin Yun Hwang führt als Protagonistin selbst durch die Handlung und untersucht die Fleischproduktion in Korea, die durch Massentierhaltung geprägt ist. Sie fördert skandalöse Zustände zu Tage, die sie dazu bewegen, auf den persönlichen Fleischkonsum zu verzichten. Dies führt allerdings zu Verwerfungen in ihrer eigenen Familie, die die Regisseurin im Selbstversuch zu Alternativen in ihrem gewohnten Essverhalten zwingt. Ein Landwirt, der ökologisch arbeitet, liefert einen Gegenwurf zur konventionellen Schweinemast und macht Mut. Inhaltlich aufrüttelnd und engagiert, sucht diese Dokumentation neue Wege für ein gesundes und umgängliches Zusammenleben von Mensch, Tier und Natur.

In den diesjährigen Berlinale-Beiträgen aus Korea befindet sich die koreanische Familie nicht nur im zaghaften Wandel, sondern im starken Umbruch. In welche Richtung wird sie sich entwickeln? Dies ist die zentrale Frage, die sich aus den Filmen ableiten lässt. Doch die Familie ist die kleinste Einheit innerhalb einer Gesellschaft. Sie ist ihr Repräsentant, ein pars pro toto. Daher betrifft die Fragestellung nicht nur Familienstrukturen, sondern in der Konsequenz auch eine ganze Gesellschaft. Denn Filme sind gesellschaftliche Seismografen. Sie sind Vorboten von Veränderung. Wir dürfen bereits jetzt aufs kommende Jahr gespannt sein.

End of Winter. Lee Young-lan, Lee Sang-hee (© 2015 Lotte Entertainment All Rights Reserved)

Vollständige Liste aller koreanischen Filme auf der Berlinale 2015 (inkl. Koproduktionen):

AN OMNIVOROUS FAMILY DILEMMA (잡식가족의딜레마, Jap-sik-ga-jok-ui Dil-re-ma), Regie: Hwang Yun

CANCELLED FACES (공백의얼굴들, Gong-bae-gui Eol-gul-deul), Regie: Lior Shamriz

END OF WINTER (철원기행, Cheo-rwon-gi-haeng), Regie: Kim Dae-hwan

HOSANNA (호산나, Ho-san-na), Regie: Na Young-kil.

ODE TO MY FATHER (국제시장, Guk-je-shi-jang), Regie: JK Youn

 

Videoinstallationen:

AUTODIDACT (독학자, Doc-hak-ja), HD video, color, sound, 9min 50sec. Jaemin Cha

HYSTERICS (히스테릭스, Hi-seu-te-ric-seu), HD video, color, sound, 7min 6sec. Jaemin Cha

Bild von Ansgar Vogt

Foto: privat

Ansgar Vogt

ist Filmwissenschaftler und Drehbuchautor. Er arbeitet im Auswahlgremium der Internationalen Filmfestspiele Berlin in der Sektion „Forum“, für Project K – The Korean Film Festival, Frankfurt, sowie für verschiedene deutsche Filmproduktionsfirmen. An der SungKyunKwan University, Seoul, hat er Filmanalyse unterrichtet. Seit 2007 reist er regelmäßig nach Korea.

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