Gesellschaft

Koreanische Inselwelten – Einblicke in abgelegene Geheimnisse

Die koreanische Inselwelt fasziniert mich schon seit Jahren. Die meisten Inseln befinden sich im Südwesten und Süden des Landes, sie sind den Provinzen Süd-Jeolla und Süd-Gyeongsang vorgelagert. Die Inseln weiter im Osten in der Nähe von Busan wie z.B. Geoje weisen eine gute Infrastruktur auf und stehen auch wirtschaftlich sehr gut da. Auf Geoje gibt es zwei Werften für den Schiffsbau, und aufgrund der Nähe zu Busan und zweier Brücken floriert der Tourismus. Noch relativ unerschlossen sind die Inseln vor Süd-Jeolla. Wir werden uns näher mit den sehr abgelegenen Inseln der Inseldistrikte Sinan-gun und Jindo-gun befassen.

Die Inseln im Südwesten Koreas (Copyright: Vanessa Hinz)

Die Inseln im Südwesten Koreas (Copyright: Vanessa Hinz)

Zwiebel- und Spinatfelder sind auf den Inseln ein häufiger Anblick. (Fotos: Alexander Reisenbichler)

Zwiebel- und Spinatfelder sind auf den Inseln ein häufiger Anblick. (Fotos: Alexander Reisenbichler)

Sinan - Insel der Engel

Zum Landkreis Sinan-gun gehören 111 bewohnte und 719 unbewohnte Inseln mit 43.000 Einwohnern. Die Eilande machen insgesamt 25% aller südkoreanischen Inseln aus. Der Landkreis wird auch „Cheon-sa“ genannt. Dies ist einerseits die koreanische Bezeichnung für die Zahl 1004 und andererseits ein Homonym für Engel - ein passender Name angesichts des sehr hohen Anteils an Christen, der bei mehr als 35% liegt. Teilweise verantwortlich für die hohe Zahl an Gläubigen ist eine Missionarin namens Mun Jun-kyeong, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts 120 Kirchen auf Sinan errichtete. Sinan ist bekannt für Cheonilyeom (Meersalz) sowie verschiedene Meeresfrüchte aus dem Meer und Watt wie z.B. Rochen, Muscheln und Maesaengi, eine Art Seegras, das man als Suppe mit Austern und ungesüßtem Reiskuchen isst. Auf vielen Inseln wird auch Gemüse wie Spinat und Zwiebeln angebaut, das von ausländischen Erntehelfern aus Russland, Thailand oder Vietnam geerntet wird. Wegen der Landflucht - oder hier besser Inselflucht - fehlt es an heimischen Mitarbeitern, die deshalb durch ausländische Kräfte ersetzt werden. Am Hafen sprach mich ein Bauer an und meinte, er habe Arbeit für mich. Immerhin hätte er bei mir die Vermittlungsgebühren für die Agentur gespart. Sinan ist in Südkorea für die weit abgelegene touristische Insel Heuksan und als Exil für politisch unliebsame Personen während der Joseon-Dynastie (1392-1910) bekannt.

Der Hafen Paengmok, von dem man mit dem Boot zu den kleinen Inseln fahren kann, die der Insel Jindo vorgelagert sind.

Der Hafen Paengmok, von dem man mit dem Boot zu den kleinen Inseln fahren kann, die der Insel Jindo vorgelagert sind.

Jindo

Jindo ist eine große Insel von 363 km² mit einer Einwohnerzahl von 36.000 Personen (Stand 2010). Die Insel ist berühmt für den als sehr treu geltenden Jindo-Hund, der nach ihr benannt ist. Das Leben an diesem Ort war sehr bewegt. Nach der Invasion der Mongolen im 13. Jahrhundert flohen alle Bewohner, danach wurde die Insel zwar wieder besiedelt, doch die ständigen Angriffe japanischer Piraten im 15./ 16. Jahrhundert veranlassten die Insulaner erneut zur Flucht.

Jindo steht auch für verschiedene Seeschlachten des 16. Jahrhunderts mit Japan und einen tragischen Fährunfall aus dem Jahr 2014, bei dem mehr als 300 Menschen, die meisten davon Schülerinnen und Schüler, ums Leben kamen.

Die Insel selbst ist seit 1984 über eine Brücke mit dem Festland verbunden, zieht viele Touristen an und war auch Drehort einiger bekannter südkoreanischer Filme und Fernsehserien. Doch die vielen kleinen Inseln vor Jindo und die direkt daran anschließenden Inselgruppen von Sinan nördlich davon sind wirtschaftlich schwach. Die Inseln vor Jindo sind viel kleiner als die von Sinan und sind auch vom Tourismus nicht sehr begünstigt.

Blick aufs Meer mit ankommender Fähre

Blick aufs Meer mit ankommender Fähre

Entwicklungsprojekte auf Sinan

Auf Sinan wurden mehrere Versuche unternommen, die wirtschaftliche Situation seiner Inseln zu verbessern. Schon 1975 wurde Sinans Landkreis Jido im Norden (nicht zu verwechseln mit Jindo) mittels einer Brücke mit dem Festland verbunden. Für andere Inseln Sinans, zu denen keine Brücke existiert, besteht eine Fährverbindung von der Hafenstadt Mokpo. Der Fährverkehr ist des Öfteren wegen Wind und Wetter unterbrochen, und einige Inseln können auch nicht direkt von Mokpo angesteuert werden. Schon 1992 hat es Diskussionen und Vorschläge gegeben, verschiedene Inseln untereinander oder mit dem Festland zu verbinden. Doch aufgrund der hohen Kosten wurden diese Projekte immer wieder verschoben. 26 Brücken waren geplant, bis heute sind zehn fertiggestellt, drei befinden sich noch im Bau. Wenn zwischen allen Inseln direkte Verbindungen bestünden, würden die Brücken von oben gesehen einen Diamanten darstellen, daher das Sobriquet „Diamanten-Inseln“. Zwei große Brücken stehen kurz vor der Fertigstellung: Bei den Inseln Amtae und Imja wird bald der Anschluss zum Festland bestehen. Die Regierung bietet Steuerentlastungen und Konzessionen für Landentwicklung an und unterstützt verschiedene Projekte wie z.B. ein Unterseemuseum oder einen christlichen Erlebnispark „Holy Land” auf der Insel Jeung, auf der die oben erwähnte christliche Missionarin Mun Jun-kyeong begraben liegt.

Gräber und Meerblick

Gräber und Meerblick

Projekte für große Hotels und Pensionen werden bewilligt, um mehr Touristen anzuziehen. 2009 wurde das Photovoltaik-Kraftwerk auf Sinan fertiggestellt, das von dem deutschen Unternehmen Conergy entwickelt und von dem südkoreanischen Unternehmen Dongyang Engineering & Construction Corporation gebaut wurde, 24 MW produziert und das größte photovoltaische Kraftwerk Asiens sein soll. Auf den Inseln von Sinan gibt es viele Farmen und Gewächshäuser, in denen ausländische Arbeitskräfte den Großteil der manuellen Tätigkeiten verrichten und den sonst leerstehenden Gästehäusern auch im Winter Einkünfte bescheren (die Arbeitssaison erstreckt sich gewöhnlich auf den Zeitraum zwischen Januar und April, und die Farmen können die 300-400 Arbeiter zumeist nicht aufnehmen). „Nicht wenige Farmbesitzer besitzen in Mokpo oder Gwangju ein Apartment, man kann hier auf alle Fälle Geld verdienen,” erzählt mir Frau Kang auf der Insel Imja. Auf anderen Inseln werden Meeresfrüchte oder Seegras exportiert, ein einträgliches Geschäft. „Früher haben wir nach Japan exportiert,” erklärt mir ein Fischer. Das war damals ein Qualitätsmerkmal, nur die besten Produkte gingen nach Japan. Ganz anders auf den kleinen Inseln vor Jindo. Deshalb hat die Regierung hier eine andere Offensive gestartet.

Taema-do – eine kleine Insel, die es in sich hat

Nein, die Insel Taema (Taema-do) vor Jindo ist Südkoreanern kein Begriff. Es gibt noch eine Insel, deren Namen man auf Koreanisch gleich ausspricht, diese liegt aber südöstlich von Busan und gehört zu Japan (Tsushima auf Japanisch). In der Joseon-Dynastie (1392-1910) gab es auf der Insel Taema Pferdefarmen, auf denen die Pferde auf ihrer Reise von der Insel Jeju aufs Festland für eine Ruhepause untergestellt wurden (wie so oft steht „ma“ für das chinesische Schriftzeichen von „Pferd“). Bis 1970 sollen hier noch mehr als 500 Personen in fünf Dörfern gewohnt haben, heute sind es nur mehr 70 in zwei Dörfern. Die Schule ist sehr klein und wird derzeit von lediglich vier Schülern besucht, die in die erste, zweite, dritte und fünfte Klasse der Grundschule gehen. Sie werden von zwei Lehrern unterrichtet. Eine Mittelschule (7.-9. Schulstufe) gibt es hier nicht, dafür muss man auf die Insel Jindo fahren. Oft wohnen die Kinder dann bei Verwandten.

Mein Freund Taeju im Warteraum am Hafen von Taema

Mein Freund Taeju im Warteraum am Hafen von Taema

Dorfansicht von Taema

Dorfansicht von Taema

Als wir auf der Insel Taema ankommen, marschieren wir in Richtung Dorf, das vom Hafen aus sichtbar ist. Der Hafen besteht aus einer Rampe, an der die Fähre anlegt, und einem Wartehäuschen. An der Wand des Wartehäuschens sind einige Telefonnummern eingeritzt, eine gehört zu einer Dachkonstruktionsfirma, die sich aber nicht auf der Insel befindet. Kein Fahrkartenschalter, keine Hinweistafel und kein Stein mit dem Namen der Insel, keine wartenden Taxis oder Busse, kein Geschäft. Diese Insel wird täglich von zwei Booten angefahren, sofern es das Wetter zulässt. Eine Brücke wird auf diese oder andere Inseln vor Jindo wahrscheinlich nicht gebaut, dafür sind sie einfach zu klein. Auf dem Weg ins Dorf fährt ein Kleintransporter mit offener Ladefläche an uns vorbei. „Kommt, steigt auf,” ruft uns ein Mann von der Ladefläche aus zu. An der Kleidung der Menschen auf der Ladefläche kann man erkennen, dass es sich um keine Insel-, sondern um Stadtbewohner handelt. Der Kleintransporter gehört dem Bürgermeister, und die Leute, die er mitgenommen hat, sind Regierungsbeauftragte aus Seoul, die heute Nachmittag mit den Dorfbewohnern über Tourismus sprechen werden. „Die ersten Touristen sind ja bereits da, Ihr Projekt nimmt schon Gestalt an,” scherze ich. Der Bürgermeister entschuldigt sich, dass er uns nicht bei sich aufnehmen kann, so viel Platz habe er leider nicht. Aber eine Frau im nächsten Dorf, das wie die Insel Taema heißt, habe ein Zimmer. Taema ist das größte Dorf auf der gleichnamigen Insel und zählt ungefähr 30 Häuser.

Das Dorf, in dem der Bürgermeister wohnt, nennt sich Makgeum und ist wesentlich kleiner. Um eine Unterkunft brauchen sich Reisende normalerweise keine Sorgen zu machen. Die Dorfbewohner sind erstens sehr freundlich, zweitens bieten Kirchen, sofern es keine anderen Schlafmöglichkeiten gibt, immer ein Bett an. Unsere neue Bleibe befindet sich in einem schnell zusammengezimmerten kleinen Haus mit einer Küche und einem Badezimmer. Alles ist sauber, die Fußbodenheizung funktioniert, wir sind glücklich. Der Zimmerpreis ist sehr niedrig, umgerechnet 12 US-Dollar pro Person, so ein billiges Zimmer bekommt man nicht alle Tage. Die alte Dame freut sich sehr und sieht uns als Vorhut zukünftiger Touristen. „Mein Mann und ich sind schon alt,” erzählt sie, „Arbeiten fällt uns schwer, mit Touristen könnten wir uns einiges dazuverdienen.” Außerhalb des Dorfes sieht man ein paar Beifußfelder (Ssuk auf Koreanisch), die mit schwarzen Planen zugedeckt sind, da sonst das Meersalz die Blätter vertrocknen würde. Auf Taemas Nachbarinsel Gwamae haben wir süßlichen, sehr dickflüssigen Beifuß-Makgeolli, eine Art Reiswein mit Beifuß, bekommen. Eine lokale Spezialität, die ich noch nie zuvor probiert habe.

Beifußfelder, die mit schwarzen Planen abgedeckt sind, sonst würde die salzige Meeresluft die Pflanzen vertrocknen lassen.

Beifußfelder, die mit schwarzen Planen abgedeckt sind, sonst würde die salzige Meeresluft die Pflanzen vertrocknen lassen.

Am Nachmittag wird über Lautsprecher das Treffen mit den Regierungsbeauftragten im Gemeindehaus verkündet. Ganz langsam ziehen viele ältere Leute, einige mit alten Kinderwagen als Gehhilfe, den steilen Weg hinauf. Sie werden erst einmal befragt, ob sie auf ihrer Insel Tourismus haben wollten. Alle stimmen zu, weil sie sich neue Einnahmequellen erhoffen. Dort wird ihnen erklärt, was südkoreanische Touristen brauchen. Die Zimmer sollten mit Toiletten ausgestattet sein, und auch ein Lebensmittelgeschäft dürfe im Ort nicht fehlen. In dem einzigen Geschäft der Insel gibt es nur Fertignudeln, Schokoladenkekse und Soju, einen koreanischen Schnaps. Man müsse den Gästen auch etwas bieten, beschilderte Wanderwege für die umliegenden Hügel und Restaurants. Der Bürgermeister hat Pläne, einen 12 km langen Hügelwanderweg anzulegen. Die Bewohner von Taema stimmen zu und sind erfreut, sie sehen Hoffnung und eine Zukunft. Auf einem Inselrundgang entdecken wir verfallene und überwachsene Häuser. Mami heißt das einstige Dorf, das hier verlassen am Fuß der Hügelkette liegt, deren höchste Erhebung 172 m in den blauen Himmel ragt.

Das einzige Geschäft auf Taema

Das einzige Geschäft auf Taema

„Das Leben auf der Insel ist nicht leicht, nur zwei Boote pro Tag. Zum Einkaufen müssen wir nach Jodo oder Jindo fahren, aber man kann sich von den dortigen Supermärken auch etwas mit der Fähre schicken lassen. Wenn wir mehr Touristen haben, kommen wahrscheinlich auch mehr Boote,” erzählt uns Frau Kang (72), die hier geboren wurde.



(1) Stand 2015, seit 2001 war ein Rückgang um 10.000 Einwohner zu verzeichnen.
(2) Jodo: die größte der Inseln vor Jindo

Alexander Reisenbichler (ganz rechts) mit seiner Familie (Foto: privat)

Alexander Reisenbichler (ganz rechts) mit seiner Familie (Foto: privat)

Alexander Reisenbichler

"Der aus Österreich stammende Ethnologe Alexander Reisenbichler (*1977) lebt und forscht seit 15 Jahren in Südkorea und Indien. Derzeit schreibt er seine Dissertation über indische Christen im Bundesstaat Goa und arbeitet an einem Reisebericht über Südkorea und das Leben in einer südkoreanischen Community. Mit seiner koreanischen Frau und seinen beiden Töchtern hat er sein Basecamp in einem kleinen Dorf in den Jiri-Bergen in Südkorea aufgeschlagen.

Alexander Reisenbichler ist unter anderem Autor von ,,Die vielen Gesichter der dokkaebi: Auf den Spuren eines koreanischen Phänomens"", erschienen 2014 im OSTASIEN Verlag, Reihe Phönixfeder (http://www.reihe-phoenixfeder.de/rpf/024.html)."

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