Kunst

Koreas klebrige Monster in Taipeh

Koreas klebrige Monster

Sticky Monster (Alle Fotos: Jörn Pinnow)

Für ein farbenfrohes Ungetüm, gelb, kugelrund und ohne Beine, ist es kein Problem, Grenzen zu überschreiten. Es fühlt sich vermutlich in Seoul ebenso wohl wie in Berlin – oder in seiner eigenen Fantasiewelt. Was aber droht einem Menschen, der sich dem Monster zu stark nähert, etwa wenn es sich in Taipeh in freier Wildbahn bewegt? Finden wir es heraus ...

Man kann es ohne Übertreibung ein großes Glück nennen, in diesen Zeiten in Taiwan leben zu dürfen: Abgesehen von vielen anderen Vorteilen wie leckerem Essen, freundlichen Menschen, toller Natur, großer Sicherheit, meist gutem Wetter, einer gut funktionierenden Demokratie und Gesundheitsversorgung ist auch das Covid-19-Management des Landes ein absoluter Pluspunkt. Obgleich es niemand ahnen konnte, als meine Frau 2019 eine Stelle an der Taipei European School (zu der die Deutsche Schule Taiwan gehört) annahm, hat sich der Umzug nach Südostasien in Hinblick auf die Pandemie als absolut richtige Entscheidung erwiesen.

Da hierzulande die Ansteckungszahlen äußerst gering sind und kaum Todesfälle in Zusammenhang mit Covid-19 auftreten, lief und läuft das gesellschaftliche Leben fast unbeeindruckt weiter: Restaurants und Schulen sind geöffnet, Reisen innerhalb des Landes zur Feier des (chinesischen) Neujahrsfests waren möglich, und hier in Taipeh haben wir jede Woche die Möglichkeit, ins Theater, Kino, Konzert, Sportzentrum oder Museum zu gehen.

Koreas klebrige Monster

So fielen mir auch Plakate ins Auge, auf denen bunte, geometrische Figuren den Betrachter freundlich anlächeln – immer verbunden mit den Kürzeln SML. Schnell stellt sich heraus: Das südkoreanische Designstudio Sticky Monster Lab lädt in Taipeh zu einer Ausstellung ein. Das in Seoul ansässige Kollektiv besteht aus einer Reihe von Künstler/innen, Grafiker/innen, Designer/innen, Illustrator/innen etc., die ein ganzes Universum aus niedlich dreinblickenden Monstern geschaffen hat. Klebrig („sticky“) sind diese Wesen nicht im wörtlichen Sinne, nicht einmal wenn man die Plastikgestalten in die Hand nimmt. Womöglich ist damit nur gemeint, dass sie einem im Gedächtnis haften bleiben, sobald man sie einmal gesehen hat!? Da auch in Taiwan noch bei Erwachsenen häufig Freude am Kindlichen und Niedlichen anzutreffen ist (– ein Einfluss der langen japanischen Besatzung?), vermutete ich, dass die leuchtend farbigen Wesen auch hier Anklang finden dürften.

Zur Überprüfung dieser These fuhr ich hin: Die Sticky Monster Wonder Expo 2021 befindet sich in einer alten, zum Kunst-, Design- und Kreativzentrum umgebauten Tabakfabrik im Stadtteil Songshan. Schnell den QR-Code am Kassenhäuschen gescannt, damit zur Pandemienachverfolgung immer ganz klar ist, wer wann in der Ausstellung war, dann betrete ich eine abgedunkelte Gasse, in der mir per Video, Text und Grafik deutlich gemacht wird, auf was ich mich hier gerade einlasse: Das SML habe eine nichtinvasive, schmerzlose und unkomplizierte Methode entwickelt, um die Besucher/innen der Ausstellung in ein Sticky Monster zu verwandeln, das im weiteren Verlauf des Besuchs einen neuen Blick auf die Welt entwickeln werde. Mit mir betreten Patricia, 27, und Xiao Mei, 24, zwei Grafikstudentinnen an einer hiesigen Universität, den nächsten Raum: Wir stellen uns zum „Log-In“ in große, von der Decke baumelnde Hüllen der Monster und lassen uns zudem mit den sphärischen Klängen um unseren Kopf in Monster verwandeln. Derart eingestimmt, warten im nächsten Raum („Like a Monster“) Bildschirme auf uns, vor denen wir einen kleinen Tanz aufführen – auf dem Monitor taucht dann das Abbild jenes Sticky Monsters auf, das mir am ähnlichsten ist und sich synchron mit mir bewegt.

Koreas klebrige Monster

Nun äußerlich und innerlich in ein längliches, knallgelbes Monster mit langer Nase verwandelt, betrete ich den Hauptraum der Wonder Expo: Eine mit Spiegeln ins unendliche verlängerte Stadtlandschaft mit Treppen, Toren und Durchgängen, die wir in unserer Einbildungskraft bevölkern sollen. Patricia und Xiao Mei nutzen das elegant-verspielte Design und die fotogenen Durch- und Ausblicke vor allem als Gelegenheit für Selfies – sie amüsieren sich ganz offensichtlich. Sie erzählen mir, dass sie die Instagram-Posts von Freunden gesehen haben, die in der Vorwoche die Ausstellung schon besucht hatten. Auch bei der nächsten Installation geht es den beiden jungen Frauen weniger um die gestalterische und politische Aussage als um das verlockende Design. Dabei weist SML mit knappen Texttafeln durchaus darauf hin, dass es hinter den Pop-Farben um Inhalte geht: Häuser in Häusern, die zum Nachdenken darüber anregen sollen, welche innere Wahrheit sich in unserem äußeren Ich versteckt. Lässt unsere Hülle den Blick auf das zu, was wir dahinter verbergen wollen, überlege ich. Was, wenn in einer Gemeinschaft alle nur auf den äußeren Schein Wert legen und sich darunter klebrige Monster verbergen? Findet man in seinem Innern eine alternative Version von sich selbst? Ich traue mich, die beiden Frauen ein weiteres Mal anzusprechen (außer uns sind ansonsten kaum Besucher/innen an diesem Vormittag in der Ausstellung) – ja, sie wissen, dass die Designer/innen aus Südkorea stammen, doch sie halten die Entwürfe für international und auch für Taiwan interessant und stimmig. Ansonsten mögen sie eher die Arbeiten von Grafiker/innen wie Sulki & Kim, Hong + Kim und Young Na Kim aus Seoul, die jedoch einen ganz anderen Stil verfolgen. Sie finden die Ausstellung prima, sagen sie (gehen dann nachher aber doch ganz schnell durch den Museumsshop, ohne sich ein T-Shirt, Poster, Set aus Pins, eine Tasse, Schlüsselanhänger oder Uhr zu kaufen), glauben allerdings nicht, dass hier typisch südkoreanische Kunst zu sehen sei.

Da ist ihnen wohl zuzustimmen: Die weiteren großen Installationen wie „Sunnymoon“ (eine „idyllische“ Sonnenuntergangsszene, in der man durch Kontemplation zu innerem Frieden finden soll) oder das „Giant Leg“ (ein riesiges Bein, das durch die Decke stößt und durch seine Überdimensionalität verdeutlicht, dass es hier kein Richtig und Falsch gibt, dass in dieser Monster-Welt Farbe, Form und Größe keine Rolle spielen) sind humorvolle Denkanstöße, die sich in ihrer Merchandise-Welt prima verkaufen lassen, ohne jemandem weh zu tun. Nicht so harmlos und kitschig wie viele andere (vor allem aus Japan stammende) Figuren, die offensichtlich nur auf Verkäuflichkeit hin entworfen werden, aber eben durchaus Instagram-tauglich. Und eben doch klebrig und verführerisch: Ich verließ, wohl noch immer als quietschgelbes Monster, den Museumsshop mit einem Plakat, für das die Koreaner von SML die bekanntesten Sehenswürdigkeiten Taipehs in ihrem bunten, schnörkellosen Stil nachgezeichnet haben. Ein Blickfang für unser Wohnzimmer.

Bild von Jörn Pinnow

Foto: privat

Jörn Pinnow

arbeitet als Übersetzer aus dem Englischen, Französischen und Niederländischen und rezensiert für mehrere Online-Medien aktuelle Literatur und Sachbücher.

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