Kunst

„Kunst unterliegt dem Wandel ebenso wie die Mode“

Kitchen & Objet (Fissler & Sabo collection) 
Ausstellung im Lotte-Kaufhaus Seoul, 16.04.2014 - 27.04.2014 
© Sabo (Sang-Bong Lim)

Interview mit dem Künstler Sabo (Sang-Bong Lim)


Sie arbeiten als Künstler in Seoul. Von 1995 bis 2003 haben Sie Visuelles Kommunikationsdesign an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart studiert. Welche Art von Kunst machen Sie? Inwiefern ist Ihre Arbeit von westlichen Einflüssen geprägt?

Ich arbeite als Illustrator, Maler und Artdirector in Korea. Als Artdirector mache ich Ausstellungen und installiere meine Designmöbel-Sammlungen als Kunst. Die Designobjekte sind den Stil-Epochen von Bauhaus bis zur Klassischen Moderne, also der Zeit von 1919 bis 1970, zuzuordnen.

Meine künstlerische Arbeit ist sehr stark von der deutschen und der europäischen Kultur geprägt, weil ich eine wichtige Phase meines Lebens im Alter von 28 bis 38 Jahren in Deutschland verbracht habe.


Worin unterscheiden sich die Kunstszenen Koreas und Deutschlands am auffälligsten voneinander? Wo gibt es Gemeinsamkeiten?

Die Unterschiede zwischen der Kunstszene in Korea und Deutschland sind nicht besonders groß. Heutzutage ist die Welt näher zusammengerückt - vor allem im Kunstbereich. Es gibt einen intensiven und globalen Austausch über die Lebensstile und Lebensarten. Ich persönlich habe große Parallelen zwischen dem Leben in einem westlichen und in einem östlichen Land empfunden. Die Gemeinsamkeit zwischen Korea und Deutschland besteht darin, dass beide Länder eine bedeutende Kultur hervorgebracht haben, die sie lieben.


Im April dieses Jahres haben Sie in Kooperation mit dem deutschen Kochgeräte-Hersteller Fissler im Luxuskaufhaus Lotte in Seoul eine Ausstellung gemacht. Welches war das zugrundeliegende Motiv für diese Zusammenarbeit?

Ich wollte den Urtyp der modernen Einbauküche zeigen - die „Frankfurter Küche“, Bauhaus. Da die Frankfurter Küche zu meiner Sammlung gehört, wollte Fissler-Korea mit mir die Original-Küche ausstellen. Also habe ich Küchenschränke aus der Zeit von Bauhaus bis in die 1960er Jahre ausgestellt - in Kombination mit Fissler-Geschirr selbstverständlich.


Können Sie die Ausstellung näher beschreiben?

Ich habe eine Frankfurter Küche aus dem Jahr 1927, eine andere Version der Frankfurter Küche aus den 1940er Jahren sowie eine Poggenpohl-Küche aus den 1950er Jahren ausgestellt. Ich habe die Küchen aneinandergereiht, damit die Besucher die Entwicklung vergleichen und die Geschichte der Küchen nachvollziehen können.


Wie waren die Besucherreaktionen auf dieses Gemeinschaftsprojekt?

Die Leute waren begeistert, dass sie die Küchen im Original sehen konnten. Viele Besucher dachten, dass es sich bei meiner Sammlung um Reproduktionen handelte. Ich habe erklärt, dass dies ausschließlich Originale seien und dass das Design damals schon modern, praktisch und vernünftig war. Die Besucher waren von der Küchengeschichte sehr beeindruckt.


Was ist das Besondere am Küchendesign der 1920er Jahre, das wesentlicher Teil der Ausstellung war?

Das Küchendesign der 1920er Jahre war für alle Hausfrauen ein Weltwunder. Das war eine Revolution der Küchengeschichte. Die Frankfurter Küche war die erste Einbauküche und erleichterte die Küchenarbeit erheblich. Über die reine Zweckmäßigkeit hinaus war diese Küche zum Sinnbild für einen wohlhabenden Haushalt geworden.

Aus meiner Sicht haben die Küchendesigner mit den Einbauküchen der 1920er - 1950er Jahre die schönste Designgeschichte der Menschheit geschrieben und die Küche zu einem Ort gemacht, an dem man sich tagsüber und abends gern aufhielt.


Korea ist bekannt für seinen Bildungseifer und seine Dynamik. Die Berufswelt ist geprägt von immensem Ehrgeiz, unermüdlichem Einsatz, von langen, harten Arbeitstagen. Wie erleben Sie Ihren Alltag als freischaffender Künstler inmitten dieser zielstrebigen Welt?

Gott sei Dank bin ich freischaffender Künstler. Wenn ich in Korea als Angestellter in einer Firma arbeiten müsste, würde ich verrückt werden. Natürlich verdiene ich weniger regelmäßig Geld, aber dafür habe ich ein bisschen Freiheit.

Zur Erklärung möchte ich ergänzen, dass der Bildungseifer das Resultat unserer traurigen Geschichte ist, die in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts durch die Kolonialmacht Japan (1910 – 1945) und durch den Koreakrieg (1950 – 53) geprägt war. Armut und Zerstörung konnten nur durch harte Arbeit überwunden werden. Der wirtschaftliche Aufstieg Koreas in so kurzer Zeit ist eine Erfolgsgeschichte, die diesem enormen Fleiß zu verdanken ist. Korea ist ein kleines Land mit einer großen Bevölkerung. Jeder möchte eine gute Anstellung haben, was den Konkurrenzdruck verschärft und den Bildungs-und Arbeitseifer erklärt.

Als Künstler arbeite ich nicht so hart wie andere Koreaner. Der Konkurrenzdruck in der Kunstszene ist allerdings durchaus vergleichbar. Die Chancen für Künstler/innen sind in Korea sehr begrenzt, es sei denn, man hat einen besonderen Stil oder schafft sehr spezielle Werke. Glücklicherweise habe ich meine Sammlung schon in Deutschland aufgebaut und damit einen Bereich geschaffen, der in Korea völlig neu war. Meine Designmöbel-Sammlung von Bauhaus bis in die 1970er Jahre war einzigartig. Ich wurde schließlich „Collector“ (‚Sammler‘) genannt. Ich bin ja auch Künstler und Illustrator und arbeite auf verschiedenen künstlerischen Gebieten. Ich bin sehr zufrieden und erfüllt.


Die koreanische Gesellschaft verändert sich in einem rasanten Tempo. Die Koexistenz von Tradition und Moderne findet nicht zuletzt im Stadtbild von Seoul ihren sichtbaren Ausdruck. Inwiefern spiegelt sich dieser Wandel in der Kunst wider?

Das ist eine interessante Frage. Ich denke, dass sich gesellschaftliche Veränderungen immer auch auf die Kunst übertragen; das gilt für jedes Land der Welt und zeigt sich ganz individuell in Abhängigkeit von der jeweiligen Situation, die überall eine andere ist. Die Situation in Korea ist nicht vergleichbar mit der in Europa, Amerika oder in anderen Ländern. Die Dynamik, der Bildungs- und Arbeitseifer und der alle Gesellschaftsbereiche betreffende Wandel in Korea spiegelt sich ebenso in der Kunstszene wieder. Korea ist das hektischste Land der Welt, und die Kunst unterliegt dem Wandel ebenso wie die Mode.

                                                                                                                                Das Interview führte Dr. Stefanie Grote
                                                                                                                                                      (Redaktion Kultur Korea).


 

Sitzgruppe aus der Designsammlung von Sabo (Sang-Bong Lim), 
1950 - 1960 er Jahre, Stilrichtung: Klassische Moderne 
© Sabo (Sang-Bong Lim)

  
 

© Sabo (Sang-Bong Lim)

Sabo (Sang-Bong Lim) arbeitet als Illustrator, Maler und Artdirector in Seoul.

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