Gesellschaft

Lernen wie Konfuzius

Wohl kaum ein Land wurde derart von Konfuzius geprägt wie Südkorea. Noch heute suchen viele Koreaner Orientierung bei dem chinesischen Philosophen. Ein Besuch in der Akademie Sosu Seowon, der ältesten konfuzianischen Privatakademie des Landes.

Wer sich auf den Weg macht, um Park Seok-hong zu besuchen, der glaubt, schon bald in penibel arrangierten Landschaftsgemälden zu wandeln: Ein Bach fließt entlang steiniger Berghänge, Pinienbäume ragen ins Himmelblau, Spatzen zwitschern. Ein massives Holztor weist ins Innere von Koreas ältester konfuzianischer Privatakademie, in dessen Hallen bereits seit dem 16. Jahrhundert die Lehre des chinesischen Philosophen unterrichtet wird. „Die Abgeschiedenheit macht die Sosu Seowon zum idealen Ort, um sich auf seine Studien zu konzentrieren. Zudem ist hier ein Leben im Einklang mit der Natur möglich”, sagt Leiter Park Seok-hong, ein besonnener Mann mit ergrauten Schläfen, blauem Sommersakko und braunen Ledersandalen.

Die Abgeschiedenheit macht das Sosu Seowon zum idealen Ort, um sich auf seine Studien zu konzentrieren", sagt Park Seok-hong, Leiter der größten konfuzianischen Privatakademie des Landes.

Die Akademie liegt dreieinhalb Autostunden von Seoul entfernt, gefühlt trennen die beiden Orte mehrere Jahrhunderte: der Feierabendverkehr der Hauptstadt, die futuristischen Glastürme des Stadtteils Gangnam, der quietschende Sound der K-Pop Beats – all das wirkt hier, inmitten von hölzernen Bauten mit kunstvoll geschwungenen Dächern, unwirklich weit weg. Seit 1550, also rund 80 Jahre vor der Gründung von Harvard haben hier bereits die Zöglinge aus auserlesenen Familien Astronomie gelernt, wurden in sozialen Umgangsformen unterrichtet oder haben die Werke chinesischer Poeten studiert.

Wohl kein Land der Welt wurde stärker vom Konfuzianismus geprägt als Südkorea. Da das Land seit jeher unter Einfluss Chinas stand, schwappte auch die Lehre des Philosophen zur Zeit der Drei Königreiche auf die koreanische Halbinsel über. Sie prägte die gesellschaftliche Ordnung von Grund auf. Das Individuum lehrte Konfuzius, wie es seine Persönlichkeit kultivieren und eine Familie führen soll. Dem Herrscher gab die Lehre einen Leitfaden vor, seinen Staat zu lenken. Die Gemeinschaft lebt gemäß ihrer sozialen Ordnung – Park Seok-hong nennt dies die konfuzianische Utopie: „Ein König sollte wie ein König handeln, ein Ehemann wie ein Ehemann, eine Frau wie eine Frau und ein Schüler wie ein Schüler“. 

Bereits während der Joseon-Dynastie (1392-1910) wurde der Konfuzianismus zur Staatsphilosophie ausgerufen, und auch die Lehrpläne der Universitäten wurden entsprechend ausgerichtet. Und noch heute wirkt dessen Lehre im koreanischen Alltag weiter: im ausgeprägten Ahnenkult, im Hinblick auf den Respekt gegenüber Älteren und auch in Bezug auf den zentralen Wert von Bildung. 

Die Architektur des Sosu Seowon soll sich in die umliegende Umwelt harmonisch einfügen - um ein Leben im Einklang mit der Natur zu ermöglichen.

Dieser lässt sich deutlich in der Sosu Seowon erfahren. Die Akademie unterrichtete auserlesene Schüler aus den umliegenden Dörfern in der konfuzianischen Lebensführung. Die Beziehung zwischen Studenten und Professoren sei damals eine ganz besondere gewesen, sagt Herr Park. Er zeigt auf die zwei separaten Wohnheime neben dem Lesesaal. Sie sind in ebenjenem Abstand konstruiert, dass das Haus der Lehrenden niemals im Schatten des Studentenwohnheims stehen kann. Und sobald eine Vorlesung beendet war, sagt Park, mussten die Schüler rückwärts aus ihrem Sitzkreis tippeln, gebückt und in federleichten Schritten. Niemand hätte es gewagt, dem Lehrer seinen Rücken zuzuwenden.

Dabei ist es ebenjener absolute Gehorsam gegenüber Professoren und Chefs, für den der Konfuzianismus von einigen scharf kritisiert wird. Zudem wird er für eine ganze Handvoll weiterer sozialer Übel verantwortlich gemacht. Etwa für das vorherrschende Patriarchat, schließlich ist das Frauenbild im Konfuzianismus kaum mit Emanzipation und Gleichberechtigung vereinbar. Ebenso wenig scheint die strikte soziale Ordnung kompatibel mit dem Gleichheitsgebot westlicher Demokratien. Im Nachkriegskorea (nach 1953) galt der Konfuzianismus lange Jahrzehnte als altmodisch, rückwärtsgewandt und der Entwicklung des Landes hinderlich.

Dies änderte sich spätestens mit der Asienkrise während der Neunzigerjahre, als Zehntausende über Nacht ihre sicher geglaubten Arbeitsplätze verloren. Damals trat auch die spirituelle Leere vieler Koreaner offen zutage. Der absolute Glaube an ewiges Wirtschaftswachstum verlor seine Allgemeingültigkeit. Viele richteten damals ihr Wertesystem neu aus. Seitdem blicken immer mehr Koreaner vermehrt in die Vergangenheit, um Antworten auf das Hier und Jetzt zu finden.

In „Temple Stays“ (Tempelaufenthalte) leben sie für einige Tage das zurückgezogene, asketische Leben der buddhistischen Bergmönche. In Scheinbeerdigungen zelebrieren suizidgefährdete Angestellte in Firmenseminaren ihren Tod, um die Einzigartigkeit des Lebens wieder schätzen zu lernen und die Fesseln des Materialismus abzuwerfen. Und in konfuzianischen Akademien wie der Sosu Seowon entdecken Besucher die jahrtausendealten Wurzeln der koreanischen Philosophie.  

Bis zu 15.000Schüler belegen jährlich einen dreitägigen Konfuzius-Kurs. Meist sind sie im Grundschulalter und werden auf Wunsch von ihren Großeltern in die Sosu Seowon geschickt. Dort lernen sie scheinbar anachronistische Praktiken, etwa, wie man sich während einer Teezeremonie verhält oder formgemäße Briefe an seine Eltern verfasst.

Neben dem Sosu Seowon liegt ein traditionelles koreanisches Dorf, das Seonbichon. Dort lernen Besucher nicht nur die ursprüngliche Bauweise alter Bauernhäuser kennen, sondern können auch Musik- Tanzperformances bestaunen.

Vielleicht ist dies eine der zentralen, auch heute hochaktuellen Lehren, die Koreaner aus der Sosu Seowon für ihren Alltag mitnehmen können: Im Zentrum des Unterrichts stand damals keinesfalls das Staatsexamen zur Beamtenprüfung, sondern vor allem das intellektuelle Bemühen um den Wissenserwerb. In diesem Sinne entsprechen konfuzianische Akademien wie die Sosu Seowon durchaus dem humanistischen Bildungsideal eines Alexander von Humboldt. Im Südkorea der Gegenwert hingegen fokussieren viele Curricula hauptsächlich auf Tests, Abschlüsse und Zertifikate. Die Unis werden allmählich zu wirtschaftsnahen Ausbildungsstätten, doch kritische Reflexion und Persönlichkeitsbildung drohen in den Hintergrund zu treten.

Auch Park Seok-hong bereitet diese Entwicklung Kopfschmerzen. Wenn er über den Status Quo seines Heimatlandes sinniert, dann klingen seine Worte, als würde er über einen Zögling sprechen, der irgendwann vom rechten Weg abgekommen ist. Die alarmierenden Selbstmordraten, die Gier der Wirtschaftselite oder die Demonstrationen aufgebrachter Gewerkschaftsführer. „In der koreanischen Gesellschaft gibt es große Spannungen“, sagt Herr Park. Das Land sei geteilt – in politisch links und rechts, Alt und Jung, Nord und Süd. „Wir sollten diese nationale Krise mit den Werten des Konfuzianismus meistern, dem einzigen Weg, unser Land zu einen”.

Tanzaufführung (Alle Fotos: Fabian Kretschmer)

Solch apokalyptischen Worte mögen etwas allzu pessimistisch klingen, schließlich lässt sich die jüngere Vergangenheit Südkoreas vor allem auch als Erfolgsgeschichte schreiben: Die 13.-größte Volkswirtschaft der Welt erstrahlt in nie dagewesenem Wohlstand, die Koreaner haben aus eigener Kraft die Demokratie erkämpft, und dank des Exportguts Popkultur schimmert die koreanische „Coolness“ mittlerweile über den gesamten Kontinent.

Auch Herr Park findet zum Abschluss seiner Führung ein paar versöhnliche Worte: „Natürlich haben wir in den turbulenten letzten Jahrzehnten viele unserer Werte verloren. Dennoch blicke ich optimistisch in die Zukunft. Es gibt ein Sprichwort im Konfuzianischen, das besagt: „Lerne das neue, indem du das Alte betrachtest.”

Bild von Fabian Kretschmer

Foto: Heinrich Holtgreve

Fabian Kretschmer

Fabian Kretschmer, 1986 in Berlin geboren, studierte Publizistik und Kommunikationswissenschaften in Wien, Shanghai und Seoul. Er arbeitet seit 2010 als freier Journalist für Zeitungen, Magazine, Onlinemedien und das Radio. Seit September 2014 ist er Korrespondent in Seoul, unter anderem für die taz, die Wiener Zeitung und den Standard. Im August 2015 folgte die erste Buchveröffentlichung im rowohlt Verlag: "So etwas wie Glück".

Ähnliche Beiträge

Gesellschaft

Gemeinsames Deutsch-Koreanisches Public Viewing in Köln und Stuttgart zur Fußball-WM

Wenn Koreaner und Deutsche zusammen Fußball schauen

Gesellschaft

Ein Maibaum für Busan

Das deutsche Frühjahrsfest feiert sein 15-jähriges Jubiläum.