Gesellschaft

Liebe auf Koreanisch

Korea ist als technologischer Vorreiter bekannt. Aber in Fragen der Liebe fällt es selbst der jungen Generation häufig schwer, sich von alten Gebräuchen zu lösen. Warum ist das so und inwiefern unterscheidet sich Korea diesbezüglich von Deutschland? Ein kleiner Ländervergleich in Liebesdingen…
 

Love Locks an einer Brücke in Daegu

Love Locks - auch in Korea sehr beliebt! (1)


Dating mit Druck

Die Gepflogenheiten rund um das Kennenlernen und Dating sind in Korea nicht viel anders als in Deutschland. Am beliebtesten ist in Korea nach wie vor das Kennenlernen über soziale Kontakte wie den gemeinsamen Freundeskreis. Darin unterscheidet sich Korea nicht von Deutschland. Auch, so erfuhr ich kürzlich von Freunden, werden Dating-Apps in Korea immer beliebter. Ein Trend, der sich auch hierzulande in den letzten Jahren stark ausgebreitet hat.

Ähnlich beliebt ist das sogenannte „Sogaeting“. Es ist eine Art „Blind Date“, jedoch arrangiert von Freunden. Sind sie der Ansicht, jemanden zu kennen, der gut zu einem passt, wird ein erstes Date vereinbart. Das Ganze funktioniert übrigens auch, wenn zwei Personen desselben Freundeskreises ihre Bekanntschaften aus anderen Kreisen miteinander verkuppeln möchten – hier wird dann meist ein Treffen zu viert geplant. Läuft das gut, können die potenziell Verliebten ihre Handynummern austauschen und sich zu zweit verabreden. „Sogaeting“ ist für viele sehr angenehm, da sie sich nicht auf die Suche begeben müssen und trotzdem die Bekanntschaft einer Person machen können, die ähnliche Interessen hat und womöglich gut zu ihnen passt.

Eine weitere Form des Datings, die weniger bei den jungen Leuten als bei der Generation ihrer Eltern beliebt ist, sind die Partnervermittlungen oder auch „Matching-Agenturen“. Was bei jungen Menschen aufgrund eines ausgeklügelten Bewertungssystems häufig als unromantisch und zu unpersönlich wahrgenommen wird, ist umso besser auf die Bedürfnisse der Älteren zugeschnitten. Sie suchen gezielt nach potenziellen Heiratskandidat*innen. Dabei sind die detailreichen Suchkriterien, die Matching-Agenturen anbieten, eine große Hilfe.

Geht es nach erfolgreichem Kennenlernen darum, den nächsten Schritt zu wagen, geschieht das in Korea recht schnell. Bereits nach dem zweiten Date kann die Frage nach einer Beziehung aufkommen.
Das mag voreilig klingen, hängt aber damit zusammen, wie das Wort „Beziehung“ in Korea definiert ist. Versteht man in Deutschland unter Beziehung gemeinhin eine recht feste Bindung, hat das Wort in Korea eher unverbindlichen Charakter: man trifft gerade niemand anderen, lernt sich Stück für Stück kennen und alles Weitere wird man sehen. 

Was unkompliziert wirkt, kann allerdings großen Druck für Koreaner*innen bedeuten, denn die Partnerwahl und die Frage nach der Komptabilität für die Familienkonstellation spielen eine große Rolle - besonders für die eigenen Eltern. Das hat schon in der einen oder anderen Eltern-Kind-Beziehung zu großen Diskrepanzen geführt.

Warum heirate ich überhaupt? Aus Liebe oder Verpflichtung?
 

Was für junge Menschen in Deutschland meist keine Hürde bedeutet, weil sie vielfach mit großen Freiräumen innerhalb des Familienlebens groß werden, ist für Koreaner*innen oft etwas kniffliger, denn generell sind dort die Hochzeit und dadurch auch das Liebesleben eng mit der Familie und den daran geknüpften Verpflichtungen verbunden. Früher war es Tradition, dass die Frau nach der Hochzeit in das Haus der Familie des Mannes einzog, diese im Haushalt unterstützte und ihrer Rolle als Hausfrau und Mutter nachkam. Obwohl sich heute vieles gewandelt hat, ist dieser Brauch zuweilen immer noch lebendig. 

Die Frage nach Kindern und Familiengründung ist zu einer Frage der Praktikabilität geworden.
Kosten für Bildungseinrichtungen sind hoch, Wohnraum ist knapp und ebenso teuer. Nicht zuletzt deshalb hat sich das Durchschnittsalter von Heirat und damit auch von Elternschaft stark nach hinten verschoben. Haben Paare etwa bis zur Jahrtausendwende noch mit Anfang zwanzig geheiratet und mit Mitte zwanzig ihr erstes Kind bekommen, heiraten sie heute durchschnittlich erst mit Mitte zwanzig und denken frühstens in den späten Zwanzigern über Nachwuchs nach. Eine sehr ähnliche Entwicklung ließ sich in den letzten Jahrzehnten auch in Deutschland beobachten. Relevante Faktoren sind das steigende Bildungsniveau und die verbesserten Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen. 

Das traditionelle Pyebaek

Das traditionelle Pyebaek (2)

Hat sich ein koreanisches Paar dann entschieden, gemeinsam in den Bund der Ehe einzutreten, treffen erneut moderne Einflüsse und Traditionsbewusstsein aufeinander. Heutzutage ist eine Trauung nach westlichem Vorbild zwar die Regel, aber einige traditionelle Rituale bleiben dennoch weiterbestehen, darunter das Pyebaek (폐백), die Zeremonie zur Respektserweisung gegenüber der Familie des Bräutigams, oder auch das Ibaji (이바지), bei dem die Braut für die Familie oder Freunde des Bräutigams ein Hochzeitsmahl vorbereitet.

Heute entscheiden sich viele Paare für eine Mischung aus westlicher und koreanischer Hochzeitszeremonie. Doch auch wenn eine Trauung in weißem Kleid und schwarzem Anzug in einer Kirche oder einer „wedding hall“ stattfindet, verläuft die gesamte Hochzeit in der Regel etwas anders als in Deutschland. Üblicherweise dauert das Prozedere in Korea nicht länger als 90 Minuten. Das Paar wird getraut, im Anschluss an die Zeremonie gibt es ein Büfett für die ungeheure Anzahl an Gästen. Nach den Höflichkeitsstandards der Koreaner*innen ziemt es sich, Verwandte, Bekannte, Arbeitskollegen und -Kolleginnen samt Entourage einzuladen, so dass eine Hochzeitsgesellschaft schnell bis zu 300 Leute umfassen kann. Wenn ein geladener Gast nicht selbst anwesend sein kann, wird sogar eine Vertretung geschickt, unabhängig davon, ob diese das Brautpaar kennt oder nicht. Während des Büfetts findet meist in einem separaten Raum das Pyebaek statt.

Hochzeitt in Anlehnung an westliche Trauungen

Hochzeit in Anlehnung an westliche Trauungen (3)

Danach stoßen die frisch Vermählten wieder zur riesigen Hochzeitsgesellschaft dazu. Nach dem Essen verabschieden sich die Gäste, manche sind zu dem Zeitpunkt bereits nach Hause oder zurück zur Arbeit geeilt. Hochzeiten in Korea passen sich also dem schnelllebigen und arbeitsintensiven Berufsleben der Koreaner*innen an. 

Aufgrund des hektischen Alltags hält man es auch ein Stück pragmatischer mit den Einladungen und Geschenken. Manche Paare mögen Wert darauf legen, schöne Umschläge und Einladungskarten auszusuchen und diese per Post zu verschicken, der Großteil der Hochzeitspaare regelt dies jedoch via Kurzmitteilung, Anruf oder in sonstiger Form schnell auf elektronischem Weg. Statt sorgfältig ausgewählter und hübsch verpackter Hochzeitsgeschenke gibt es von jedem Gast Geld, das in Umschläge gelegt wird. Die Umschläge werden dann am Einlass gegen Karten für das Büfett getauscht. Was manchem unromantisch erscheinen mag, gehört in Korea zum guten Ton.

Wenn Eltern die Hochzeit planen
 

Es ist keine Seltenheit, dass die Eltern die Partnerwahl in Korea maßgeblich beeinflussen. Die 28-jährige Sun-mi (Name von der Redaktion geändert) erzählt: „Ich werde nächstes Jahr 30 Jahre* alt, das ist für unsere Verhältnisse schon richtig alt, also fragt mich meine Mutter sehr häufig, wann mein Freund und ich endlich heiraten.“ In Korea ist eine Hochzeit immer noch eine Familienangelegenheit und gilt vielen auch als Statussymbol.

„Außerdem“ fügt Sun-Mi hinzu, „haben koreanische Eltern oft eine ganz genaue Vorstellung davon, wie die Hochzeit und die Partnerschaft ihrer Kinder zu verlaufen hat“. Sie bezeichnet das als „Romantik-Fantasien“ und erzählt vom Vater ihrer Cousine, der unbedingt die Hochzeitsplanung mitbestimmen wollte, von den Einladungskarten bis hin zur Zeremonie. Er betonte so häufig, was er sich für sie wünschte, dass ihre Cousine diesen „Wünschen“ schließlich nachgekommen ist. Von ihrer Mutter berichtet Sun-Mi, dass sie sich neben der westlichen Trauung noch eine separate, traditionell koreanische Zeremonie wünscht. Sun-Mi, die ihrer Mutter gegenüber schon häufig betont hat, dass nur sie allein über derlei Dinge zu entscheiden hat, gibt zu: „Es fällt mir oft schwer, Nein‘ zu ihr zu sagen.“

traditionelle koreanische Hochzeitzeremonie

Eine traditionell koreanische Hochzeitszeremonie (4)

Woher kommt dieser große Einfluss, dem sich die Kinder sogar als Erwachsene so schwer entziehen können? Meist liegt es an der Wohnsituation in den großen Städten wie Seoul, wo man selbst nach Erreichen der Volljährigkeit oder gar noch nach dem Studium eine ganze Zeit bei den Eltern wohnen bleibt - gezwungenermaßen, denn die Mieten in den Städten sind hoch und für Berufsanfänger schwer zu stemmen. Den Satz „…nicht, solange du die Füße unter meinen Tisch stellst!“ bekommen koreanische und deutsche Kinder wohl gleichermaßen oft zu hören. Doch auch nach dem Auszug ihrer Zöglinge versuchen viele koreanische Eltern weiterhin, Einfluss auf das Leben ihrer Kinder zu nehmen. Sun-Mis Ausführungen zufolge begründet sich dies in der Mentalität koreanischer Eltern. So existiert die Vorstellung, dass die Eltern im Rahmen der Kindeserziehung einen gewissen Verzicht üben mussten, für den sich die Kinder später erkenntlich zeigen sollten. Auch Sun-Mi sagt: „Man möchte es seinen Eltern aus Dankbarkeit recht machen.“

Sie erzählt von einem Webtoon, in dem die Mutter uneingeschränktes Mitspracherecht an der Hochzeitsplanung ihrer Tochter einfordert. Kompromisslos unterbreitet sie ihr Vorschläge, die keinen Widerspruch zu dulden scheinen. Die Mutter argumentiert stets, wie perfekt alles sein müsse und wie diese Traumhochzeit bei Freunden und Familie Staunen und vielleicht auch Neid auslösen würde…. - bis sich die Tochter eines Tages erhebt, ihrer Mutter die Stirn bietet und erklärt, dass sie all diese Dinge so nicht will, denn sie heirate schließlich weder zum Gefallen der Mutter, noch der Freunde und Familie, sondern nur um der Liebe Willen.

Die Schilderungen Sun-Mis und die Erläuterung des Webtoons zeichnen ein klares Bild vom Druck, der auf vielen jungen Koreaner*innen lastet, sich den gesellschaftlichen Konventionen unterzuordnen. Die großen politischen Debatten der heutigen Zeit, die junge Aktivist*innen in Südkorea zu einer Vielzahl gesellschaftlicher Themen führen, zeigen jedoch einen Aufbruch und das Bedürfnis nach Loslösung vom tradierten Konformitätsverständnis. Es vollzieht sich ein Wandel innerhalb der Gesellschaft, angetrieben von jungen Menschen, die engagiert und bestimmt ihre Vorstellungen von Moderne, Toleranz und Offenheit verbreiten und selbstbestimmter lieben möchten.

 


* In Korea wird das Alter anders gezählt. Bei der Geburt ist ein Mensch bereits ein Jahr alt. Außerdem wird in Korea zum Jahreswechsel automatisch jeweils ein Jahr hinzugezählt. Ein/e nach westlicher Zeitrechnung 28-Jährige/r, ist in Korea bereits 29 und wird am 1. Januar 30 Jahre alt. Früher war dabei noch der Jahresbeginn nach dem Mondkalender maßgebend.


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Bildquellen:
 

1: Wikimedia Commons, https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/4/49/Love-locks_in_Suseong_Lake%2C_Daegu.jpg
2: Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Korean_wedding-Honrye-Pyebaek-02.jpg
3: Tookapic, pexels.com, https://www.pexels.com/de-de/foto/busan-hochzeit-korea-koreanische-hochzeit-82972/
4: Vitamin, pixabay.com, https://pixabay.com/de/photos/koreanische-traditionelle-hochzeit-857928/


 

Bild von Lisa-Marie Sager

Foto: privat

Lisa-Marie Sager

absolviert derzeit ihren Bachelor in Koreanistik an der Freien Universität Berlin und setzt ihren Schwerpunkt im Bereich Kultur und Politik spezifisch auf genderpolitische Themen.
Sie widmete gut zehn Jahre ihres Lebens dem Musical, von Tanz über Gesang bis hin zur Maskenbildnerei. Heute ist sie leidenschaftlich im politischen Rahmen engagiert.

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