Gesellschaft

Lieber liefern lassen

„Baedal wasseumnida!“ (,배달 왔습니다!‘ – ,Die Lieferung ist da!') … dürfte derzeit wohl einer der meistverwendeten Sätze im koreanischen Alltag sein. Südkorea ist nicht nur internettechnisch unter den Top Five[1] weltweit, auch beim Thema Lieferservice macht den Koreanern so schnell keiner etwas vor.

Sorgfältig verpackt und in kürzester Zeit geliefert (Fotos: Rebecca Panagiotidis)

Sorgfältig verpackt und in kürzester Zeit geliefert (Fotos: Rebecca Panagiotidis)

Wenn mal wieder das Verlangen nach dem Lieblingsgericht aus dem Chinarestaurant um die Ecke aufkommt, die Freundin Geburtstag hat, die Zeit zum Blumenkaufen aber fehlt, oder einem erst bei der Ankunft zu Hause einfällt, was man beim Lebensmitteleinkauf vergessen hat: Für all diese Situationen gibt es in Südkorea eine einfache, bequeme und schnelle Lösung: den Lieferservice.
Der Lieferservice, wie wir ihn in Deutschland kennen, hat mit seinem koreanischen Pendant wenig gemein. Dort hat er in den letzten Jahren ganz andere Dimensionen angenommen. Nicht umsonst bezeichnen sich die Koreaner auch gern mal als Volk der Lieferungen (,
역시 우리는 배달의 민족이다' – ,Wir sind wirklich ein Volk der Lieferdienste'). Die Ursprünge des Wortes „Baedal“ (배달) gehen bis auf die mythologische Gründungsgeschichte der koreanischen Halbinsel vor rund 5000 Jahren zurück. Ihr zufolge existierte zu der Zeit ein Stamm, der an einen Gott der Sonne glaubte und „Baedal-Stamm“(배달, 倍達) genannt wurde, wobei „Baedal“ für „hell“ steht. Die Angehörigen des Stammes waren also die „Leute von Baedal“[2].
Heute wird „Baedal“ nicht mehr mit „hell“ in Verbindung gebracht, sondern vielmehr mit der Doppelbedeutung des Wortes - „Lieferung“. Wenn sich die Koreaner in der heutigen Zeit als „die Leute von Baedal“ bezeichnen, spielen sie dabei also eher auf die Bequemlichkeit ihrer Lieferkultur an. 

Doch was macht den Lieferservice in Korea so anders und so viel attraktiver als den uns bekannten?

Lieferdienste im Allgemeinen sind Merkmal einer modernen Gesellschaft. Im Alltag ist die Zeit meist knapp bemessen, und vor allem in einem Land wie Korea, wo „Bballi, bballi“ (,빨리 빨리‘ – ,schnell, schnell') zu einer der Hauptmaximen einer vielbeschäftigten Gesellschaft ausgerufen wurde, tragen Lieferservice und Kurierdienste zu einem komfortablen und zeitsparenden Lebensstil bei. Zudem steigt die Anzahl der Single-Haushalte stetig an. Also wozu für sich selber kochen, wenn einem neben der Arbeit wenig Zeit bleibt und das Kochen allein sowieso keinen Spaß macht?

Eine endlose Liste der Liefermöglichkeiten

Eine endlose Liste von Lieferdiensten

Abhilfe schafft hier einer der vielen Lieferdienste. Kinderleicht meist durch Apps wie „yogiyo“ (dem koreanischen Ableger von „Lieferheld“), benannt nach dem koreanischen Ruf nach einem Kellner im Restaurant, oder „Shuttle“, der denjenigen zu Hilfe kommt, die die koreanische Sprache nicht beherrschen, da die App auf Englisch gesteuert wird. Geliefert wird innerhalb kürzester Zeit. Versprechen wie „Sollte Ihre Lieferung innerhalb von 30 Minuten nicht ankommen, erhalten Sie ihr Geld zurück“ gibt es in Korea nicht. Denn jede Lieferung trifft innerhalb kürzester Zeit ein. Unabhängig vom eigenen Aufenthaltsort. Dank Handyortung kann der Lieferservice den genauen Standort des Anrufers lokalisieren, und so ist es egal, wo er sich gerade befindet, wenn er Hunger verspürt: Sei es im Park beim Spazierengehen, in der Innenstadt beim Shoppen, auf einem Festival oder im Wellness-Spabereich eines JJimjilbangs (찜질, ein öffentliches Badehaus mit Sauna). Dank Lieferservice gelangt die Bestellung immer pünktlich zum Kunden. Denn durch Koreas gut ausgebaute Infrastruktur, vor allem in der Hauptstadt Seoul, heißt es, dass sich jedes liefernde Restaurant nur etwa 1 km vom Standort entfernt befindet, was eine schnelle Zustellung ermöglicht.

Auch sind die Mindestbestellwerte in koreanischen Liefer-Apps geringer, als wir es in Deutschland gewohnt sind. Wer kennt das nicht, dass er gefühlt für eine ganze Kompanie bestellen muss, um den Mindestbestellwert zu erreichen, obwohl er doch nur einen kleinen Nachmittagssnack zu sich nehmen will, aber schlussendlich doch mit Pizza, Brot, Getränken und Nachspeise endet? In Korea ist dies anders. Hier kann man bereits für einen einzigen Kaffee oder ein Eis den Lieferboten kommen lassen. Doch nicht nur das macht Koreas Lieferservice so komfortabel.

Selbst vom Bäcker lässt man sich beliefern

Selbst vom Bäcker lässt man sich beliefern.

Der koreanische Lieferdienst beschränkt sich nicht nur auf das Ausliefern von Gerichten. Sogar das Reinigen der Wäsche lässt sich durch einen Kurierservice erledigen. Und es wird immer ausgefallener. Neue Angebote wie personalisierte Kosmetik[3] oder ein sogenanntes „Hobby in the Box“ – eine Kiste, in der sich ein Spielzeug befindet, das nach Persönlichkeit und Vorlieben des Nutzers ausgewählt wurde, - reihen sich in die Liste der Liefermöglichkeiten ein. Alles, was das Herz begehrt, kann bis an die Haustür geliefert und erledigt werden. Und auch dies in einer Zeit, die einem Geschwindigkeitsrekord nahekommt. Einmal mehr ganz nach dem Motto „Bballi bballi“ (, 빨리 빨리‘ - ,schnell, schnell') kommt die erst am Morgen bestellte Ware, wenn keine gewünschte Lieferzeit angegeben wurde, dann meist schon nachmittags beziehungsweise am frühen Abend an. „Smarte Lieferungen“ erlauben es den Käufer*innen, ihre Bestellung schon am nächsten Tag oder sogar noch am Tag der Bestellung (,퀵서비스' - ,Quick Service') in Empfang zu nehmen.

Lieferdienste sind praktisch, aber wenn selbst das Einkaufen zu mühselig und zeitaufwendig erscheint, stellt sich die Frage, was mit unseren zwischenmenschlichen Beziehungen passieren wird.

[1] Quelle: Ookla, Stand 2/2019
[2] http://german.korea.net/NewsFocus/Society/view?articleId=124871
[3] Kund*innen können bequem vom heimischen Computer aus eine Analyse ihrer Haut durchführen und sich entsprechende Produkte zusammenstellen lassen, die ihnen dann geliefert werden.

Jana Aléna Scharfenberg und Vanessa Hinz

Foto v. J. Scharfenberg: privat, Foto v. V. Hinz: Seo Myeongji

Jana Aléna Scharfenberg und Vanessa Hinz

Jana Aléna Scharfenberg studiert seit 2015 Koreanistik an der FU Berlin und arbeitet derzeit an ihrer Bachelorarbeit.

Vanessa Hinz studiert seit 2016 Koreastudien an der Freien Universität Berlin. Sie interessiert sich besonders für die Mode Koreas.

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