Literatur

Literarische Traumatherapie

An Su Kils koreamandschurisches Familienepos „Buk Gan Do“

 

Die Yis leiden Hunger, wie so viele Familien im nördlichen Korea. Der Boden wirft wenig ab, und es regnet kaum. Deshalb überqueren die Menschen immer wieder den Du Mun Gang (Tumen-Fluss), um Lebensmittel aus China zu holen. Klingt wie eine Geschichte aus der Gegenwart, spielt aber im 19. Jahrhundert. An Su Kils Roman „Buk Gan Do“ setzt um das Jahr 1870 in der „Region der nördlichen sechs Festungen“ ein.

An Su Kils „Buk Gan Do“

An Su Kil
Buk Gan Do
Roman
Übersetzt und mit einem Nachwort von An In Kil und Florian Rogge.
640 Seiten, mit einigen historischen Fotos
Konkursbuch-Verlag, Tübingen 2019
19,90 € (D) 
ISBN 978-3-88769-592-7

Dass der Grenzübertritt schon bald offiziell verboten und in der Folge auch streng geahndet wird, ist für die darbenden Koreaner katastrophal. Wie gut, dass Familienvater Yi Han Bok ein paar koreanische Beamte kurzerhand zu einer Steinstele am Baek Du San führen kann – ja, der Roman neigt zu Überkonstruktion –, der zufolge „die koreanisch-chinesische Grenze zwischen dem Ap Rok Gang im Westen und dem To Mun Gang im Osten“ verläuft, die Mandschurei also offenbar größtenteils zu Korea gehört.

Dass man den weit im Norden gelegenen To Mun Gang (Songhua-Fluss) und den weiter südlichen Du Mun Gang (Tumen-Fluss), auf Koreanisch leicht verwechseln kann, führt im Verlauf des Romans zu einigen politischen Verwicklungen. Doch auch für deutsche Leser sorgt die rein lautliche Umschrift aller koreanischen Orts- und Personennamen in diesem Roman für enorme Verwirrung. Abgesehen von „Pjöng Jang“ ist kaum ein Ort direkt erkennbar oder seine Lage im Internet recherchierbar, da die Übersetzer eine eigene Umschrift entwickelt und die allgemein üblichen Formen (McCune-Reischauer und Pinyin) nicht verwendet haben. So bleibt nur zu vermelden, dass die Yis schließlich in das nicht weiter ortbare Städtchen Bi Bong Zon in „Buk Gan Do“ übersiedeln, also irgendwo in die Mandschurei. Die auf dem Buchcover abgedruckte chinesische Landkarte von 1904 zeigt just diese Region, was sich aber erst auf Nachfrage beim Verlag erschließt. Die vereinzelt im Text abgedruckten historischen Fotografien bleiben desgleichen ein Rätsel: Sie sind unbekannter Herkunft, von winzigem Format, und es fehlen erklärende Bildunterschriften. Ein Glossar fehlt ebenfalls. Damit mangelt es dem Buch an hochwertiger Ausstattung.

Dabei ist es ein Mammutwerk, und es steckt darin ganz eindeutig viel übersetzerische Zusammenarbeit von An In Kil, dem engagierten Neffen des 1977 verstorbenen Autors, und seinem deutschen Lektor Florian Rogge: Der Roman umfasst gut 600 Seiten und erzählt vom Aufbruch aus dem nördlichen Korea und vom Leben der Yis und ihrer Nachbarn in der Mandschurei. Mit den Jahren haben sie sich eine neue Landwirtschaft aufgebaut, und es geht ihnen viel besser als in der einstigen Heimat. Allerdings haben sie vor Ort immer wieder Probleme mit den Chinesen, die natürlich nach wie vor das Sagen haben. Immerhin stammt aus der Mandschurei die regierende Qing-Dynastie, auch wenn diese um die Jahrhundertwende nicht ihre besten Tage erlebt, was man daran merkt, dass sie den Zuzug der Koreaner – zumindest in diesem Roman – nicht weiter kontrolliert. Die verlustreichen Opiumkriege und etliche, teils jahrelang andauernde Bauernaufstände haben das Land erschöpft. Die Koreaner werden also nicht zurückgeschickt, allerdings von lokalen Beamten häufig schikaniert. Deshalb kommt es in Bi Bong Zon immer wieder zu Streit und Schlägereien. Dennoch bekleiden die Chinesen auch weiterhin alle wichtigen Ämter in der Region. Einige Koreaner passen sich mit der Zeit an, kleiden sich ortsüblich mit Zopf und schwarzem Kleid und werden alsbald von ihren koreatreuen Landsleuten nur noch die „Scheißchinesen“ genannt.

Über vier Generationen entwickelt An Su Kil seine Familiengeschichte, umspannt damit die Jahre 1870 bis 1945 und erzählt auch vom Zugriff des imperialen Japans auf die Mandschurei. Im Zentrum steht bald schon Han Boks Enkel Zang Jun, der den Zuzug der Japaner erlebt und der in etwa so alt ist wie An Su Kil selbst zu jener Zeit.

Denn der Autor wurde 1911 in Hamhung (heute Nordkorea) geboren. Er wuchs im nahegelegenen Hungnam bei seiner Großmutter auf. Als Jugendlicher verbrachte er zwar nur wenige Jahre im mandschurischen Yong Zon, wo seine Eltern lebten, doch kehrte er später – nach Schulzeit, kurzer Inhaftierung aufgrund einer antijapanischen Studentenrevolte und einem Studium in Tokio – zu seinen Eltern zurück. Dort arbeitete er einige Jahre als Lehrer und Zeitungsredakteur, bevor er sich ganz dem Schreiben widmete. Zunächst noch einige Jahre in Nordkorea beheimatet, siedelte er 1948 mit seiner Familie nach Südkorea über, wo er die folgenden drei Jahrzehnte schreiben sollte – und zwar ziemlich viel. Seine koreanische Werkausgabe umfasst dreißig Romane und 87 Erzählungen.

 Foto einer Schulklasse in Buk Gan Do aus dem Jahr 1905

Foto einer Schulklasse in Buk Gan Do aus dem Jahr 1905¹ (Foto: Konkursbuch-Verlag)

In seinen Werken widmete er sich intensiv der jüngeren koreanischen Geschichte, vor allem dem Ende der Yi-Dynastie und der japanischen Kolonisierung. Oft sind seine Romane in der Mandschurei angesiedelt, wie „Buk Gan Do“, oder an Orten, die heute in Nordkorea liegen, wie „Die Brücke über den Song Zon Gang“, in dem An Su Kil von einer Kindheit in Hamhung erzählt. Dieser Roman klingt beschwingter als der frühere und stark politische Roman „Buk Gan Do“, der bereits zwischen 1959 und 1967 erschien. Beide Romane ähneln sich allerdings in ihrer Erzählstruktur, da An Su Kil sie über einen längeren Zeitraum als Fortsetzungsromane konzipierte. Dies führt leider zu zahlreichen Wiederholungen. Im Roman „Buk Gan Do“ wirkt dies aufgrund seines enormen Umfangs sehr ermüdend.

Hinzu kommt ein recht planer Realismus, der vor allem Äußerlichkeiten beschreibt und nachbarschaftliche oder lokalpolitische Streitereien auswalzt. Das Innenleben der Figuren – es sind fast ausschließlich männliche – wird nur rudimentär erfasst, sodass sie trotz ihres handlungsreichen Alltags seltsam blass bleiben. Es ist sehr überraschend, dass kürzere Texte von An Su Kil demgegenüber intensiver, dichter und subtiler ausfallen. Die Geschichten aus der Erzählsammlung „Eine unmögliche Liebe“ etwa machen Können und Empfinden des Autors viel spürbarer.

Sein repetitives Erzählen und die politischen Erklärexkurse in seinen Romanen haben jedoch einen bemerkenswerten Effekt: Hier muss jemand, so scheint es, die jüngere koreanische Geschichte aufrollen – und zwar immer und immer wieder. An Su Kils Erzählen hat etwas von einer literarischen Traumatherapie, in die der Autor sein Publikum mitnimmt, nachdem er in einem hilflosen Korea aufwuchs und an China sowie Nordkorea gleich zwei Heimaten verlor. Etwas Ähnliches haben auch viele seiner Leser erlebt. Mit ihrem gesellschaftspolitischen Realismus passen An Su Kils Texte zwar in die von nationalliterarischer Aufarbeitung geprägten 1960er Jahre. Sein Repetieren der koreanischen Geschichte aber ist doch auffällig, und es berührt einen sehr, wenn man es psychologisch liest.

¹ Anm. d. Red.: Bildunterschrift anhand von koreanischen Quellen ermittelt  (http://www.djdrcf.or.kr/gallery01_3.htm?no=40&page=1&pre=&mod=view)

 

Foto von Katharina Borchardt

Foto: privat

Katharina Borchardt

Literaturredakteurin bei SWR2 und Mitglied der Jury der Bestenliste "Weltempfänger". Aufgrund ihrer Verdienste um die Förderung der koreanischen Literatur im Ausland ist sie Preisträgerin des 6th LTI Korea Outstanding Service Award, der im Dezember 2018 an sie vergeben wurde.

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