Kunst

„Man sollte nicht nur einen Hasen jagen“

Moon Suk empfängt in ihrem Berliner Salon.
 

Moon Suk (rechts) mit ihrer Pianistin Nadezda Filippova (Foto: SALON MOON)

„Gesamtkunstwerk“ und „Königin von Berlin“ – so wird die in Berlin lebende Sopranistin, Dichterin, Schauspielerin, Moderatorin und Künstlerin Moon Suk zuweilen in den deutschen Medien beschrieben. Als ich an einem sonnigen Herbstnachmittag vor ihrem Wohnhaus stehe, das sich in einer ruhigen Nebenstraße des Kudamms befindet, habe ich keine Vorstellung, was mich gleich erwarten könnte. Ich betrete das von außen eher unscheinbar wirkende Haus aus der Gründerzeit. Über die gediegene, dunkle Treppe geht es in den ersten Stock, und schon stehe ich in Moon Suks Wohnung. An den Wänden des Eingangsbereichs hängen schätzungsweise hundert Hüte in den unterschiedlichsten Formen und Farben. Durch eine halb geöffnete Tür blicke ich auf großformatige Malereien in leuchtenden Schattierungen. Bevor ich alles in mich aufnehmen kann, werde ich auch schon herzlich von der Gastgeberin begrüßt, die an diesem Tag eine schlichte, weiße Tunika, eine weiße Hose und einen beigen Hut trägt. Vor mir steht eine Frau, deren Freundlichkeit nichts Aufgesetztes hat und deren Zugewandtheit auf Anhieb Sympathien weckt. Von Starallüren, Selbstbezogenheit oder divenhaftem Auftreten, das man manchen Künstlern nachsagt, keine Spur.

Als erstes bietet sie mir eine Führung durch die Räume an. Ich bin gespannt, denn nicht umsonst heißt es, dass die Wohnung der Spiegel der Seele sei. Und tatsächlich scheint die Bewohnerin auf dieser Fläche von 200 qm all die Dinge versammelt zu haben, die ihr in ihrem Leben besonders wichtig sind.

Im Wohnzimmer (Foto: SALON MOON)

Vom Flur der geräumigen Beletage-Wohnung gehen mehrere Türen ab. Wir betreten den ersten Raum, das Wohnzimmer. Hier befinden sich ein Flügel, ein riesiges Sofa und ein langer, einladender Holztisch. Die Wände sind mit Malereien und Familienfotos dekoriert; eine Tür führt zu einem Balkon, den die „blumenverrückte“ Moon Suk in einen kleinen Urwald verwandelt hat. Doch zu diesem Zimmer später mehr.

Weiter geht es in eine Art Durchgangszimmer, in dem zwei Schreibtische stehen. Hier geht die Künstlerin einem Projekt nach, das ihr sehr am Herzen liegt, ihrem 2011 gegründeten gemeinnützigen Verein „Fun-For-Writing e. V.“. Nachdem Moon Suk in einer Charlottenburger Bezirksversammlung sehr engagiert über das Thema Integration gesprochen hatte, wurde sie von der Integrationsbeauftragten und dem Bezirksbürgermeister gebeten, ein Konzept für ein Projekt zu erarbeiten. „Ich spreche immer noch nicht so perfekt Deutsch, aber ich liebe die deutsche Sprache!“, bekennt sie. Beim Reden achte sie nicht so sehr auf die Richtigkeit von Deklination oder Artikeln. Erst das Schreiben zwinge sie zu einem reflektierteren Umgang mit der deutschen Grammatik. So entstand die Idee für einen Verein für kreatives Schreiben, der sich insbesondere an Menschen mit Migrationshintergrund richtet und sie darin unterstützen soll, durch die bewusste Auseinandersetzung mit der Sprache ihre Fähigkeiten im schriftlichen Ausdruck zu vertiefen. Viel wichtiger als ein hoher literarischer Anspruch sei aber der Spaß am Schreiben, betont die Initiatorin und 1. Vorsitzende des Vereins. Sie ist überzeugt, dass jedem Menschen das Talent zum Schreiben innewohnt, denn „wer sprechen kann, kann auch schreiben.“ „Fun-For-Writing“ veranstaltet regelmäßig den Schreibwettbewerb „Federleicht“, der die Kategorien SMS, Liedtext, Gedicht, Brief, Kurzgeschichte, Märchen, Roman und neuerdings auch Schönschreiben umfasst. Die Gewinnertexte wurden in vielen Genres vertont – von Klassik bis Rock – und verwandelten die Preisverleihung 2012 in der Neuköllner Oper und 2013 im Otto-Braun-Saal der Staatsbibliothek in ein musikalisches Theaterstück. Die diesjährige Preisverleihung findet am 6. November in der Berliner Filmbühne statt.

Moon Suk (Foto: Karsten Bartel)

Aber nun zurück zur Wohnung: An den Raum schließt sich ein weiterer an, das Arbeitszimmer von Moon Suks Lebensgefährten. Er ist ein kulturbegeisterter Wissenschaftler und unterstützt mit großem Engagement ihre Projekte. Ein allseitiges, deckenhohes Bücherregal mit sowohl koreanischen als auch deutschen Publikationen nimmt alle Wände ein. Hier kommt Moon Suk auf ein weiteres Thema zu sprechen, das ihr besonders viel bedeutet, die Bildung. „Der Bildungswille ist in mir immer noch massiv präsent“, bekräftigt sie. Das glaubt man ihr gern, wenn man ihre Lebensgeschichte hört: Weil sie ohne Eltern aufwuchs, konnte sie kaum auf familiäre Kontakte zurückgreifen, die für eine Karriere sehr förderlich sein können. So schien ihr die Bildung schon früh der einzige Weg, um ihr Schicksal in die eigene Hand zu nehmen. Die Protestantin besuchte als einziges von ihren Geschwistern die Kirche. Denn sie hatte beobachtet, dass Leute, die in die Kirche gingen, „gut reden und gut singen“ konnten. Später, als sie bereits an der renommierten EWHA Womans University in Seoul Kirchenmusik und Gesang studierte, war sie in ihrer Gemeinde nicht nur Bibellehrerin, sondern auch Leiterin des Jugendchors und Solistin des Erwachsenenchors. Am Abend besuchte sie den Lesezirkel für Studierende, wo sie Werke von Heidegger, Joyce, Kafka, Kant, Hegel, Sartre und de Beauvoir las. Durch ihre kirchlichen Ämter und Aktivitäten finanzierte sie nicht nur zur Hälfte ihr Studium, sondern entdeckte auch ihre Liebe zur Literatur und Philosophie. Ihr Lieblingsphilosoph ist der Däne Søren Kierkegaard, der sie lange auf ihrem Lebensweg begleitete.

Blick vom Salon (Foto: SALON MOON)

Wieder im Wohnzimmer angelangt, lassen wir uns an dem langen Holztisch nieder. Moon Suk kommt nun auf die Tätigkeit zu sprechen, die gegenwärtig den Großteil ihrer Zeit beansprucht, ihren SALON MOON. Hier in diesem großen, repräsentativen Raum empfängt sie regelmäßig ca. 50 Gäste. Aufgrund ihrer Natürlichkeit und liebenswürdigen Ausstrahlung kann man sie sich gut in der Rolle der Gastgeberin vorstellen.

In Berlin gibt es viele solcher Institutionen, darunter auch einige Literatursalons, die Moon Suk allerdings „sehr einseitig und grimmig“ findet. Ihr Salon habe dagegen eine heitere Note und verbinde ein anspruchsvolles Klassikprogramm mit Kulinarik. Das Besondere an dem Salon sei der herzliche Empfang durch die Gastgeber und die Mischung des Publikums: Hier treffen Prominente und Nichtprominente, Jung und Alt, Klassikliebhaber und Menschen aufeinander, die erst nach dem Besuch des SALON MOON zu Klassikfans werden. Während andere Salons Künstler engagieren, steht in diesem Salon die Salonnière selbst auf der Bühne: Moon Suk singt und ihr Lebensgefährte moderiert. Nach dem musikalischen Vortrag gibt es ein informelles Beisammensein mit Snacks und Spezialitäten wie schwäbisch-koreanischer Maultaschensuppe. Dazu wird ein exzellenter Wein gereicht. Der Dresscode ist elegant und die Atmosphäre entspannt. Im November wird das einjährige Jubiläum gefeiert, im Dezember ist eine Weihnachtsgala geplant, und im Januar nächsten Jahres ein mehrtägiges Festival mit dem Titel „SALON MOON spielt verrückt“, bei dem jeden Tag ein anderes Kammermusikensemble auftritt.

Salon mit Gästen (Foto: SALON MOON)

1999 entschied sich Moon Suk für den Umzug von Süddeutschland nach Berlin, da sie das Unfertige, nicht Glatte der Stadt mochte und sich hier als Künstlerin einbringen wollte. Sie tauchte ein in die Avantgarde-Szene, die experimentelle Szene, die Szene für Kunst und Literatur und saugte alles in sich auf. Es folgten Filmrollen, Auftritte als Moderatorin im ZDF-Morgenmagazin, eine Fotoausstellung, ein Gedichtband, ein Interviewband mit 22 Prominenten, eine eigene Opernproduktion und vieles mehr. Inzwischen ist sie wieder zu ihren Wurzeln zurückgekehrt und möchte sich in den nächsten Jahren ganz auf ihre Tätigkeit als Sopranistin konzentrieren.

Moon Suk (Foto: Detlev Schneider)

Woher nimmt sie die Motivation für ihr Handeln, und was bietet ihr Orientierung im Leben? Schon in Korea hat sie sich beigebracht, was es heißt, ganzheitlich zu leben: Behindert zu sein bedeutet für sie nicht, nur einen Arm zu haben, sondern hinter den Möglichkeiten, die das Leben bietet, zurückzubleiben. Moon Suk ist dafür bekannt, sich zuweilen wie ein Paradiesvogel zu kleiden. Manche bezeichnen ihr Aussehen als schrill, aber es geht ihr nicht darum, aufzufallen, sondern sich durch ihr Inneres wie Äußeres unverwechselbar zu machen, authentisch, ganzheitlich aufzutreten. Als elternloses Kind musste sie früh lernen, eigene Entscheidungen zu treffen, selbstständig und unabhängig zu sein. Das gab ihr ein Selbstvertrauen, aus dem sie bis heute schöpft. So hat sie sich Respekt verschafft, wann immer sie sich ungerecht behandelt fühlte, sei es in geschäftlichen Verhandlungen oder in ihrer Anfangszeit in Deutschland vor 20 Jahren im Studentenwohnheim, als sie kaum Deutsch sprach. Sie hat es gelernt, sich zu behaupten, „als Mensch und als Koreanerin. Als Ausländerin musste ich mehr leisten als die durchschnittliche deutsche Künstlerin.“ Inzwischen hat sie sich einen Platz in der deutschen Gesellschaft erobert: Zu ihren Freunden und Bekannten zählen Prominente und bekannte Vertreter der Medienberanche. Sie versteht es, Menschen für ihre Projekte zu gewinnen und mediale Aufmerksamkeit zu erzielen. Nie hat sie sich auf ein Genre festgelegt, stets hatte sie den Mut, Neues auszuprobieren. Mit der selben Zielstrebigkeit studierte sie an der Musikhochschule Karlsruhe zwei Studiengänge parallel – Operngesang und eine künstlerische Ausbildung in Lied und Oratorium. „In Korea gibt es ein Sprichwort: ,Man sollte nur einen Hasen jagen‘. Aber wenn man weiß, wie man zehn Hasen jagt, warum sollte man dann nur einen Hasen jagen?“. Dieser Kommentar Moon Suks scheint ihre Lebenseinstellung ziemlich gut zu treffen.

Nach ungefähr zwei Stunden muss die Gastgeberin das Gespräch beenden. Der nächste Termin wartet auf sie: die Einladung zu einer Filmpremiere.

                                                                                                                             Das Gespräch führte Gesine Stoyke
                                                                                                                                              
Redaktion „Kultur Korea"



Weitere Informationen zum SALON MOON:

www.SalonMoon.de

Weitere Informationen zu Moon Suk:

www.moonsuk.de

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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