Film

„Mich interessiert, was anderen zu mir einfällt

Der Schauspieler Edgar Selge (Foto: Janine Guldener)

Sie sind für Ihre Leistung in dem ARD-Dokudrama „Ein blinder Held - Die Liebe des Otto Weidt" bei den Seoul International Drama Awards (SDA) Anfang September mit dem „Best Actor Award“ ausgezeichnet worden. Was hat Ihnen die Rolle bedeutet und wie nah ist Ihnen Otto Weidt dadurch gekommen?

Otto Weidt ist eine Art Oskar Schindler - sicherlich in kleinem Maßstab. Aber was heißt das schon! Jeder, der in einer unmenschlichen Zeit menschlich bleibt, mitleidet und hilft, leistet etwas Vorbildliches.

Dieser Mann war sein Leben lang ein Suchender. Er kam aus einfachen Verhältnissen, war gelernter Tapezierer, interessierte sich aber eigentlich für Literatur und engagierte sich in der anarchistischen Arbeiterbewegung. Er fühlte sich den gesellschaftlich Ausgeschlossenen und Stigmatisierten nah, ja zugehörig und übernahm für sie - ungefragt und nach der Machtübernahme durch die Nazis verstärkt - Verantwortung. Er macht das so wie ein Abenteurer, der sich auf eine Reise ins Unbekannte begibt: voller Neugierde, Lebenslust, Witz und immer mit ganzem Einsatz.

Dieser kühne Lebensentwurf hat mich am meisten fasziniert. Außerdem ist jede Beschäftigung mit der Verfolgung und Ermordung der Juden durch die Deutschen eine willkommene Arbeit gegen die Verdrängung der eigenen Geschichte.


Wie gelingt es, als Sehender einen Blinden zu spielen?

Menschen mit körperlichen Leiden darzustellen, ist immer inspirierend - gleich, ob es sich dabei um einen verlorenen Arm, eine Sprechbehinderung oder das Blindsein handelt. Es ist gewissermaßen die sportive Seite meines Berufes. Wenn man es schafft, sich in diese spezielle körperliche Befindlichkeit hineinzuversetzen, hat man schon viel erreicht und kann sich beim Spielen auf seine Partner und die jeweilige Situation konzentrieren.

Vor Drehbeginn habe ich Jürgen Bünte, ein sehr engagiertes Mitglied des Berliner Sehbehindertenvereins, besucht. Als er mir die Tür öffnete und mit seinen blinden Augen meinen Blick suchte und ihn haarscharf verfehlte, hatte ich das auffällige und für mich wichtige Detail erfasst: die besondere Art, wie Blinde ihr Gegenüber zu fokussieren versuchen.

Szene aus „Ein blinder Held - Die Liebe des Otto Weidt" (Foto: Beate Wätzel)

Hat Sie diese Auszeichnung als „Bester Schauspieler“ überrascht?

Ich war total überrascht. An Korea habe ich bei diesem Film nie gedacht. Erst im Nachhinein habe ich begriffen, dass Deutschland durch seine Teilung und Wiedervereinigung von den Koreanern genau beobachtet wird als ein Modell des Kalten Krieges, das einen glücklichen Ausgang genommen hat.


Wie würden Sie die Preisverleihung in Seoul beschreiben?

Preisverleihungen dieser Art haben alle die Oscar-Verleihung als Muster. Umso erstaunlicher, wie jung das Publikum war. Johlende Teenies, die auf ihre Stars warteten. Dementsprechend kurzweilig und amüsant war die Veranstaltung.


Hatten Sie vor Ihrer Reise Berührung mit der koreanischen Kultur?

Leider nein. Abgesehen von der ausgezeichneten Küche dieses Landes, die ich durch viele Restaurants in Berlin, München und Frankfurt seit langem kenne und schätze. Vor allem die traditionellen vegetarischen Gerichte begeistern mich.

Und natürlich das koreanische Kino: MOTHER von Bong Joon-ho ist ein Film, den ich nicht vergessen habe.

Jetzt, nach meinem Besuch in Seoul, bin ich auf der Suche nach zwei Büchern: PLEASE LOOK AFTER MOM von Shin Kyung-sook und SONG OF THE SWORD von Kim Hoon.


Mit welchem Gesamteindruck sind Sie aus Korea zurückgekehrt?

Ich hatte das Glück, einen wunderbaren Studenten und Dolmetscher an meiner Seite zu haben, der mich einen ganzen Tag durch die Stadt führte und mir dabei viel über die Geschichte des Landes erzählte. Am nächsten Tag habe ich mich dann allein auf die Reise durch die Stadt gemacht, Hongik University, Sampanchang, Insadong und natürlich Yeouido, wo ich mir ein Rad geliehen habe und am Han entlanggefahren bin bis ins Zentrum mit seiner eindrucksvollen Mischung aus Garten- und visionärer, moderner Architektur. Das ist mein Eindruck von Seoul: als könnte so die Zukunft aussehen, im besten Fall hypermodern und doch ein menschenfreundlicher Freizeitpark.


Was hat Sie im Zusammenhang mit Ihrem Aufenthalt am meisten überrascht?

Am meisten hat mich überrascht, wie gelassen und freundlich die Menschen in dieser Megacity agieren. An vielen Ecken sieht man alte und junge Leute mit gymnastischen Übungen beschäftigt, als sei ihr körperliches Wohlbefinden ihr eigentliches Zuhause.


Gibt es eine Rolle, die Sie gern spielen würden? 

Nein. Ich habe mir längst abgewöhnt, nach Lieblingsrollen Ausschau zu halten. Mich interessiert, was anderen zu mir einfällt. Damit bin ich in meinem Leben gut gefahren.


                                                                                                                            Das Interview führte Dr. Stefanie Grote
                                                                                                                                                    Redaktion Kultur Korea



 

Edgar Selge als Otto Weidt (Foto: Beate Wätzel)

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