Musik

„Mir ist es wichtig, mich langsam in die richtige Richtung weiterzuentwickeln.“

Interview mit der Sopranistin Sumi Hwang
 

Sumi Hwang (c) Dorothee Falke

Seit September 2014 sind Sie Ensemblemitglied der Oper Bonn. Wie gefällt Ihnen die Arbeit an einem deutschen Opernhaus?

Ich bin sehr zufrieden und dankbar, dass ich hier an der Oper Bonn meine Karriere beginnen durfte und in schönen Partien mitwirke. Es herrscht ein sehr gutes, freundschaftliches Arbeitsklima. Darüber bin ich glücklich.

Trotzdem sind asiatische Sänger/innen an deutschen Theatern manchmal mit besonderen Herausforderungen konfrontiert. Früher waren sie auf bestimmte Partien wie die der Cio-Cio San oder Liu festgelegt, aber heute existieren diese Beschränkungen nicht mehr. Dennoch hat sich das hiesige Publikum zum Teil noch nicht daran gewöhnt, uns in „westlichen Rollen“ zu sehen. So sind für asiatische Sänger/innen noch größere Anstrengungen erforderlich, um Akzeptanz zu finden.

Immer wieder hört man von der großen Begeisterung für Klassische Musik in Korea. Hier in Deutschland sieht man in der Oper relativ wenige junge Gesichter im Publikum. Ist das in Korea anders?

Momentan lieben es viele junge Leute in Korea, Klassische Musik zu hören und zu studieren. Inzwischen gibt es sogar zahlreiche Fanclubs für Klassische Musik. Ich freue mich sehr darüber und hoffe, dass diese Situation lange bestehen bleibt und sich weiterentwickelt.

Bevor Sie zu Aufbaustudien nach Deutschland kamen, haben Sie bereits ein Gesangsstudium in Korea abgeschlossen. Wie unterscheiden sich die Studien in Korea und Deutschland?

Was den Unterricht angeht, gibt es keine so großen Unterschiede. In Korea habe ich fast 13 Jahre lang Gesangsunterricht genommen. Während dieser Zeit hatte ich vier verschiedene Dozentinnen, die jeweils in Italien, Frankreich, Deutschland und den USA studiert haben; von ihnen habe ich viel gelernt. Aber mir kam es darauf ein, in eines der Ursprungsländer der Klassischen Musik zu gehen, um beim Singen in eine „westliche Atmosphäre“ einzutauchen.

In Deutschland habe ich nicht nur Techniken gelernt, sondern auch, den gesanglichen Ausdruck mit einem inhaltlichen Sinn zu verknüpfen.

War es schon immer Ihr Traum, Sängerin zu werden?

Meine Eltern erzählen, dass ich bereits als Kind sehr gern auf der Bühne getanzt und gesungen hätte. Meine erste Bühnenerfahrung machte ich im Kinderchor. Gleichzeitig hatte ich auch Ballettunterricht und wollte Tänzerin werden. Aber nachdem ich in meiner Schulzeit den 1. Preis bei einem Gesangswettbewerb gewann, beschloss ich, mich auf das Singen zu konzentrieren. Im Alter von 13 Jahren wurde mir klar, dass ich eine Entscheidung zwischen Gesang und Tanz treffen müsste.

Obwohl ich meinen Traum, Balletttänzerin zu werden, aufgegeben habe, sind meine Erfahrungen aus dem Ballett sehr hilfreich für mich, wenn ich mich auf der Bühne präsentiere.

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Foto: Min-ok Lee

Sumi Hwang war Preisträgerin des ARD-Musikwettbewerbs in München 2012 und des Brüsseler Concours Reine Elisabeth 2014, um nur einige wenige ihrer Auszeichnungen zu nennen. Zu ihrem Repertoire zählen ebenso die Prinzessin in Maurice Ravels Oper L’Enfant et les Sortilèges (Koreanische Nationaloper 2010) wie die Norina in Gaetano Donizettis I Pazzi per Progetto (Prinzregententheater München 2012). Erst 2011 zog die Sopranistin von Korea nach Deutschland, um ihre Studien an der Hochschule für Musik und Theater München fortzusetzen. Seitdem tritt sie regelmäßig bei Studiokonzerten, Operngalas und Festivals in Europa auf; Ende 2014 war sie anlässlich des Weihnachtskonzerts mit dem Bundespräsidenten im Fernsehen zu erleben. Seit Herbst letzten Jahres ist Sumi Hwang, die als Sängerin „mit herrlichem Timbre, Vielseitigkeit, sicherer Intonation und einer raumgreifenden Stimme“ [1] gilt, Ensemblemitglied der Oper Bonn.

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Sie können trotz Ihres jungen Alters bereits auf eine beeindruckende Karriere zurückblicken. Über welche Fähigkeiten müssen Sänger/innen heute verfügen, um erfolgreich zu sein?

Ich weiß nicht, wie es bei anderen Sängern ist. Von mir kann ich mit Sicherheit sagen, dass ich sehr zielstrebig bin und den Mut habe, neue Dinge in Angriff zu nehmen. Auch denke ich, dass für die Verwirklichung der eigenen Träume viel Zeit und gute Vorbereitungen notwendig sind.

Wie viel Prozent macht das Talent aus und wie viel Prozent das Üben?

Meiner Meinung nach spielt die natürliche Stimmfarbe eines Sängers/einer Sängerin schon eine große Rolle, aber sie allein reicht nicht aus.

Wenn man sich trotz großen Talents keine neuen Kenntnisse aneignet und das Üben vernachlässigt, ist eine Weiterentwicklung nicht möglich. Um „eine schöne Perle im Sand zu finden“, bedarf es immer großer Anstrengungen.

Wie bereiten Sie sich gewöhnlich auf eine Rolle vor?

Ich studiere zunächst die gesamte Partitur und denke darüber nach, wie ich die Rolle präsentieren kann. Dann übersetze ich alle Wörter ins Koreanische - das ist mir ganz wichtig, weil ich mich in die Rolle mit dem Herzen hineinfühlen muss. Wer einen Text singt, ohne ihn richtig zu verstehen, ist nichts weiter als ein Automat.

Anschließend sehe/höre ich mir verschiedene DVDs und CDs des Werkes an. Daraus ziehe ich Anregungen für meinen eigenen Auftritt. Ich bemühe mich, viel zu lesen, zu beobachten und mich gedanklich mit der Rolle auseinanderzusetzen. Aus diesem Grunde übe ich immer zu Hause vor dem Spiegel.

Sumi Hwang (c) Dorothee Falke

Welche Rollen haben Sie bereits verkörpert, und von welchen Partien träumen Sie?

Ich hatte das große Glück, bereits zahlreiche gute Rollen übernehmen zu dürfen. Viele von ihnen sind nicht so dramatisch, passen aber zu mir als lyrischem Sopran: die Rolle der Almirena, Pamina, Giannetta, Ilia, Leila und Liu.

Gleichzeitig möchte ich nichts in meiner Karriere überstürzen; deshalb habe ich schon viele großartige Rollenangebote wie die Partie der Madame Butterfly oder der Violetta abgelehnt.

Cio-Cio San und Violetta sind natürlich Traumrollen für alle lyrischen Soprane. Aber man muss während aller Akte auf der Bühne präsent sein und die Stimme voll einsetzen. Das heißt, dass eine perfekte Technik und viel Bühnenerfahrung erforderlich sind. Vielleicht könnte ich diese Rollen singen, aber was passiert danach? Wenn die Stimmbänder einmal kaputt sind, kann ich mir keine neuen kaufen. Ich hoffe, mit diesen Rollen in 10 bis 15 Jahren debütieren zu können. Ich warte auf den richtigen Zeitpunkt und lerne noch dazu. Mir ist es wichtig, mich langsam in die richtige Richtung zu entwickeln.

In naher Zukunft würde ich sehr gern die Adina in L’elisir d’amore (Der Liebestrank) singen.

In welchem Opernhaus würden Sie gern einmal auftreten?

Wenn ich mich für ein Opernhaus entscheiden müsste, wäre das die Bayerische Staatsoper. Da ich drei Jahre an der Musikhochschule in München studiert habe, ist die Stadt für mich so etwas wie meine zweite Heimat. Ich vermisse München und bin sehr dankbar, dass ich dort mit guten Freunden sowie erstklassigen Professoren und Professorinnen studieren konnte. Das werde ich niemals vergessen.

Planen Sie irgendwelche Konzerte in Korea?

Ich werde zwei Liederabende mit meinem wunderbaren Begleiter Herrn Helmut Deutsch (am 16.04. in Daegu und am 26.04. in Seoul) geben sowie ein Konzert mit dem Busan Philharmonic Orchestra (am 18.04. in Seoul). Darauf freue ich mich sehr!


                                                                                                                                     Das Interview führte Gesine Stoyke
                                                                                                                                                        Redaktion Kultur Korea

 

[1] „Sumi Hwang gewinnt Königin-Elisabeth-Wettbewerb", Hans Reul, Website des Belgischen Rundfunks (brf.de), 01.06.2014.

Gesine Stoyke

Redaktion "Kultur Korea"

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