Literatur

Mitgefühl mit dem geschundenen Körper

Die Lyrikerin Kim Hyesoon im Literaturhaus Berlin, 30. Jan. 2018

 

Ein Lyrikabend mit der Autorin Kim Hyesoon

 

„Ich habe gesehen, wie Schweine bei lebendigem Leib begraben wurden“, erzählte die Lyrikerin Kim Hyesoon gleich zu Beginn ihrer Lesung im Literaturhaus Berlin. „Meine Tochter ist Künstlerin und war 2011 Artist in Residence am National Museum of Modern and Contemporary Arts. Das Museum liegt in einem Außenbezirk von Seoul, und ich konnte von dort aus sehen, wie die Schweine verscharrt wurden. Es war entsetzlich.“ Kim Hyesoon wollte das Gesehene literarisch verarbeiten, bezog aber auch den menschlichen Körper in ihr Nachdenken ein und weitete es zudem in eine politische Richtung. „Ich las damals gerade ein Buch von Park Won-soon, dem aktuellen Bürgermeister von Seoul. Es war ein Buch über die Folter während der südkoreanischen Militärdiktatur. In meinen Gedanken verband sich der gewaltvolle Umgang mit den Tierkörpern mit der Folter, der die menschlichen Körper in den Gefängnissen ausgesetzt waren.“ Sie habe damals viel über das Verhältnis von Körper und Seele nachgedacht, berichtete Kim, und auch darüber, was es bedeutet, wenn einem Körper Gewalt angetan wird.
Davon handeln auch die vierzehn Schweine-Gedichte, die sie damals schrieb. Sie erschienen auf Englisch bereits 2014 unter dem Titel „I’M OK, I’m Pig!“. Für ihre Lesung am 30. Januar 2018 im Literaturhaus Berlin hatte Dennis Würthner fünf der Texte ins Deutsche übertragen. Sie wurden von Kim Hyesoon auf Koreanisch und anschließend von der Schauspielerin Dorothee Krüger auf Deutsch vorgetragen.
Der erste Text erzählt von einem lyrischen Ich, das in einem Meditationsraum sitzt und plötzlich eingesteht, ein Schwein zu sein. Es sei doch auch dreckig, habe keine Seele, und es schniefe im Meditationsraum mit der Nase. Das lyrische Ich erinnert sich im Fortgang des Gedichts auch an Bilder des niederländischen Fotografen Jan Banning, die Indonesierinnen zeigen, die unter der japanischen Kolonialherrschaft gelitten haben und deren Gesichter davon gezeichnet sind.

Das Podium

Das Podium 

Die Lesung der 1955 in Uljin an der südkoreanischen Ostküste geborenen Autorin rührte also an durchaus schwierige, auch schmerzhafte Themen. Ihre Prosagedichte trug sie ausdrucksstark vor. Auch wenn sie auf die Fragen der Moderatorin Simone Kornappel – ihrerseits Lyrikerin – antwortete, sprach Kim Hyesoon mit kräftiger Stimme und gab manch einer Äußerung besonderen Nachdruck. Dadurch wirkte sie sehr präsent. Die über 90 Zuhörer, die ins Literaturhaus gekommen waren, lauschten entsprechend konzentriert und stellten am Ende zahlreiche Fragen.
Die Idee zu ihrem ersten Schweinegedicht sei ihr in dem Meditationsraum gekommen, der auch Eingang in ihr erstes Vortragsgedicht gefunden hat, erzählte Kim Hyesoon. Eine Weile nachdem sie die Vernichtung der Schweine erlebt hat, habe sie sich zu einem Aufenthalt im Tempel entschlossen. In der Ruhe der Meditation kamen die ersten Zeilen in ihr auf. „Ich habe dann vierzehn Gedichte geschrieben“, fügte sie an, „in denen Frauen, Gefangene und Gefolterte als Schweine auftreten. Sie alle werden körperlich geschunden.“ Tier und Mensch – in diesen Gedichten werden sie zu einem universellen Körper. Da treten zum Beispiel Schweine in Anzügen und mit hochhackigen Schuhen auf, Schweine werden durchnummeriert, leben in schmutzigen Ställen und werden schließlich zu Fleischpaketen verarbeitet. In einem anderen Gedicht werden Schweine für die Organtransplantation herangezüchtet: Ihre Körper dienen als Ersatzteillager für den Menschen. Und schließlich verbindet Kim Hyesoon auch das Erlebnis der Schweinevernichtung direkt mit ihrer Lektüre über die Folter in Südkorea. Im letzten Gedicht, das sie in Berlin vortrug, öffnet das unter all diesen Eindrücken leidende Ich schließlich das Fenster und singt ins Tal hinab. Ein Akt gegen den Schmerz, der aus all den Schweine-Gedichten von Kim Hyesoon spricht. „Mir war die Vielstimmigkeit in diesen Gedichten sehr wichtig“, erklärte die Lyrikerin, die von Irene Maier gedolmetscht wurde. „Hier an diesem Abend“, fügte Kim hinzu, „spreche ich nur mit meiner eigenen, also einer einzigen Stimme zu Ihnen. In meinen Gedichten aber kann ich mehrere Stimmen erklingen lassen. Sie alle sollen dort ihren Raum bekommen.“

Kaminzimmer, Literaturhaus Berlin

Vielstimmig waren auch bereits frühere Gedichte von Kim Hyesoon, die in mehreren Bänden auch auf Englisch vorliegen. Auf Deutsch gibt es bislang nur die Anthologie „Die Frau im Wolkenschloss“, die 2001 im Pendragon-Verlag erschien und eine Textauswahl aus Kims ersten sechs Lyrikbänden (1981-1998) anbietet. Auch darin finden sich Texte, die aus verschiedenen Perspektiven sprechen, viel von – häufig weiblichen – Körpern erzählen und denen ebenfalls eine große Drastik eigen ist. Auch Tiere kommen darin bereits vor, etwa die Seouler Ratten, die sich gegenseitig totbeißen. Kim Hyesoons Texte sind ungeheuer bildhaft und besitzen eine quälende Schärfe, die aber durch viel Mitgefühl mit der jeweils beschriebenen Kreatur aufgefangen wird. Kim zeigte sich in ihren Texten immer schon als einfühlsame Autorin. So erzählte sie an diesem Abend in Berlin noch von anderen Gedichten, die weitaus schwerer und dunkler geraten sind als die Schweine-Gedichte. Es sind Texte, die mit dem Untergang der Sewol-Fähre 2014 vor der südkoreanischen Westküste zu tun haben, denn auch zu diesem Unglück erlebte Kim Hyesoon eine räumliche Nähe. „Die Universität, an der ich lehre“, berichtete sie, „befindet sich direkt neben der Schule der Kinder, die bei der Sewol-Katastrophe zu Tode gekommen sind. Ich konnte daraufhin eine Weile lang gar nichts mehr schreiben.“ Schließlich aber schrieb sie doch einige Texte über das Gesehene, die in Kürze unter dem Titel „Autobiography of Death“ auf Englisch erscheinen.
Es waren viele bedrückende Geschichten, die an diesem Abend im Berliner Literaturhaus angesprochen wurden. Kim Hyesoon zeigte sich dabei als kraftvolle Erzählerin, die sich von ihren Stoffen tief berühren, sich aber letztlich nicht von ihnen beherrschen lässt. Unerschrocken steuert sie auf das Leid zu, das sie erlebt, und findet in ihrer Lyrik immer wieder neue Worte dafür. Diese geben dem Schmerz eine Form und nehmen ihm dadurch die Kraft, sowohl die Autorin als auch ihre Leser zu überwältigen.

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