Spezialausgabe 2021

Mode aus Plastikflaschen

Im Gespräch mit Jongmi Wang, Geschäftsführerin der Textilfirma PLEATS MAMA

Mino Two-way Bag 1

Südkorea hat sich in den letzten Jahren zu einer Modemetropole entwickelt. Nicht nur koreanische Kosmetik, sondern auch koreanische Mode genießen inzwischen weltweit große Popularität. Wer durch die schillernden Straßen des Seouler Bezirks Hongdae oder durch die unterirdischen Shopping Malls läuft, dem fallen die endlosen Boutiquen und modisch gekleideten Menschen sofort ins Auge. In den letzten Jahren haben die hohe Nachfrage und das Interesse zur Entstehung vieler neuer Marken geführt.

Wie jedes andere Land ist aber auch Südkorea mit der stetig wachsenden Herausforderung des Klimawandels konfrontiert. Ende 2020 hat die Regierung den „Green New Deal“ vorgestellt, aber Klimawandel und Umweltschutz haben schon zuvor eine zentrale Rolle im Leben vieler Koreaner/-innen gespielt. Die Nachfrage nach recycelter Kleidung und nachhaltigen Accessoires ist stetig gestiegen. Zunehmend mehr Hersteller steigen bei der Produktion auf umweltfreundliches Material um, das recycelt werden kann. Allerdings haben sie mit dem Vorbehalt zu kämpfen, dass ihre Produkte nicht modisch seien und damit die Ansprüche von Kund/-innen nicht erfüllten.

Knitted Joggers Set 

 

Genau diesem Vorbehalt versuchen zahlreiche Start-ups zu begegnen, die sich auf umweltfreundliche Kleidung und Accessoires konzentrieren. Dazu gehört auch PLEATS MAMA. Der Geschäftsführerin Jongmi Wang, die ursprünglich in einem Design- und Promotionsteam tätig war, das für verschiedene Marken Sweater und Pullover produzierte, kam die Idee zur Gründung dieses Unternehmens, als bei der Produktion große Mengen Fasern und Garn übrig blieben. Zu der Zeit war sie als Mutter auf der Suche nach einer modischen Tasche, die zugleich zweckdienlich war und ihrem Outfit den letzten Schliff verleihen würde. So entstand die Idee, aus dem verbliebenen Material nachhaltige Taschen zu produzieren. Dies war die Geburtsstunde von PLEATS MAMA.

2021 markierte insofern ein besonderes für das Start-up, da es an einer Initiative der Stadt Seoul (Metropolitan Government) und des Textilherstellers Hyosung TNC beteiligt war, die den Namen Love Mino Two-way Bag 1 trägt. Letzterer ist nicht nur in Südkorea, sondern weltweit ein führender Hersteller des „Regen“ [리젠].[1] Wang beschreibt Love Seoul als „Vollendung des Ressourcenkreislaufs“, denn das Projekt ist zustande gekommen, nachdem die Stadtverwaltung von Seoul im Dezember 2020 Bürger/-innen zur Trennung von Plastikmüll verpflichtet hat, um ihn anschließend wiederaufbereiten zu können. Dieses Projekt soll Konsument/-innen innovative Wege vermitteln, um ihren „CO2- Fußabdruck“[2] zu reduzieren. In dem Zusammenhang werden aus Plastikflaschen modische Accessoires, besonders die stark nachgefragten Eco Bags, produziert. Dass ausgerechnet das junge Start-up für diese bedeutende Initiative ausgewählt wurde, erfüllt Wang mit großer Freude. Da das Produkt letztlich den Geschmack der Konsumenten treffen muss, ist die Ausgewogenheit zwischen Design und Qualität besonders wichtig.

Love Seoul markiert aber nicht das erste große Projekt, an dem PLEATS MAMA beteiligt ist. 2020 war das Unternehmen in das Regen-Jeju-Projekt auf der Insel Jeju involviert. Zuvor wurde der Polyesterstoff Regen aus dem Ausland importiert, denn trotz eines Mülltrennungssystems wurden Plastikflaschen in Korea nicht aufbereitet. Mit dem Projekt Regen Jeju und dem Impuls der Kunden, Flaschen aus Korea zu recyclen, hat sich dieser Umstand verändert. „Als Touristenattraktion hat Jeju mit übermäßigem Müllaufkommen zu kämpfen, und wir haben die Verantwortung, die Insel zu schützen“, erklärt Wang. Das Ministerium für Umwelt und die Insel Jeju etablierten dazu gemeinsam ein „Clean House System“[3] , das der Produktion des Jeju-Regen aus Plastikflaschen diente. In einem letzten Schritt wurde der Stoff von PLEATS MAMA zu Modeartikeln verarbeitet.

Bevor PLEATS MAMA als erste Marke den Regen-Polyesterstoff für Beuteltaschen verwendete, wurde er lange Zeit primär für Sportbekleidung genutzt. „Unser Ziel war es, einen neuen ethischen Konsumstandard zu etablieren und besonders Konsumenten der MZ-Generation[4] zu erreichen“, fügt sie hinzu. Der Begriff, der immer wieder fällt, ist „minimieren“; so bleibt bei der Produktion der handgefertigten Accessoires weniger als ein Gramm Stoff übrig, und es wird eine innovative Technologie eingesetzt, die zur Platzreduktion das Falten der Tasche entlang der Nähte ermöglicht. Diese Functional Pleats genannte Technologie hat sich das Start-up patentieren lassen und ist zu seinem Markenzeichen geworden. Sie wird ohne Hitzeanwendung in die Produkte eingearbeitet. Auch das Verpackungsmaterial des Onlinehandels wird auf ein Minimum reduziert. Konventionelle Pakete werden dazu durch ein Blatt selbstklebendes Papier ersetzt.

Mini Two-Way Bag 2 

Viele Produkte des Start-ups waren im Nu ausverkauft. Dass die Resonanz so groß sein würde, überstieg zwar Wangs Erwartungen, sie hat aber eine Vermutung, woran es liegen könnte. „Ich glaube, unser Slogan macht den Grund ersichtlich“, sagt sie. Dieser lautet „Look Chic, Be Eco“ und zielt auf Produkte ab, die modisch und nachhaltig zugleich sind. Sie betont, dass der Begriff „Nachhaltigkeit“ zuvor eher Marketingzwecken diente, aber die Kunden mangels Glaubwürdigkeit nicht wirklich überzeugen konnte. PLEATS MAMA möchte seinen Kunden nicht theoretische oder wissenschaftliche Inhalte vermitteln, sondern pragmatische und alltägliche Möglichkeiten anbieten.

Die Balance zwischen chic und umweltbewusst steht für die Marke im Vordergrund. Hinzu kommt, dass Südkorea nicht von Umwelt- und Klimaproblemen verschont bleibt; Feinstaub, Temperaturschwankungen, extreme Wetterbedingungen und unzählige Mülldeponien, die durch die Covid-19-Pandemie zahlreicher geworden sind - all dies hat das Umweltbewusstsein in Südkorea deutlich verstärkt. Umwelt- und Klimaschutz werden nicht mehr als individuelle, sondern als kollektive Aufgabe betrachtet. Die Optionen sind in vielen gesellschaftlichen Bereichen zahlreicher geworden, seien es vegane Cafés, Märkte oder die Modebranche.

Trotz großer Erfolge hat PLEATS MAMA auch mit Herausforderungen zu kämpfen. Obwohl es als erstes Start-up den Regen als Material für Eco Bags einsetzt, ist es nicht das einzige, das von Hyosung TNC mit dem Polyesterstoff versorgt wird. Sollten größere Marken umweltfreundliche Produkte zu günstigeren Preisen anbieten, könnte dies erhebliche Auswirkungen auf die Erfolgsgeschichte des Unternehmens haben.

2020 hat die damalige südkoreanische Regierung den „Green New Deal“ zur Bekämpfung von Umweltproblemen verabschiedet, den Wang als großen Schritt nach vorne betrachtet. Die mit dem Klimawandel einhergehenden Probleme können nicht von einzelnen Gruppen gelöst werden, sondern bedürfen des Engagements auf allen Ebenen, d.h. von Seiten der Regierung, der Unternehmen und der Konsumenten. Eine Herangehensweise, die Mensch und Umwelt voneinander trennt und Konsum vollständig ablehnt, befürwortet auch Wang nicht. Idealerweise sollten die Konsumenten modisch, aber auch umweltbewusst sein. Produkte, die einen Ressourcenkreislauf ermöglichen, sind das höchste Ziel des Start-ups. „Es wäre mir eine große Ehre, wenn PLEATS MAMA als Marke in Erinnerung bleibt, die Nachhaltigkeit umsetzt und vielseitige Perspektiven aufzeigt“, ergänzt Wang. … und eine große Freude wäre es zudem – für das Unternehmen und die Kunden gleichermaßen.

[1] Koreanisch: 리젠 - ein recycelter Polyesterstoff, der aus Plastikflaschen gewonnen wird
[2] Menge von Treibhausgasen, die durch Aktivitäten von Personen oder durch die Herstellung, Nutzung, Verwertung und Entsorgung von Produkten verursacht werden
[3] Müllentsorgungssystem der Insel Jeju
[4] Bezeichnung für die Millennium-Generation / die Generation Z (um die Jahrtausendwende Geborene)

Teaser Bild: Mino Two-way Bag 1 (Alle Bilder: PLEATSMAMA)
 

Bild von Elif Koc

Elif Koc

schloss ihr Bachelor-Studium in Koreanistik und Sinologie an der Ruhr-Universität in Bochum ab und belegt derzeit das Fach Politische Ökonomie Ostasiens als Master-Studiengang. Während ihres Studiums verbrachte sie insgesamt drei Semester an der Sogang University und an der Sungkyunkwan University in Seoul. Sie ist Ehrenberichterstatterin des Internetportals der koreanischen Regierung Korea.net und wird vom „Netzwerk junge Generation Deutschland-Korea” im Rahmen des Mentoringprogramms gefördert. Elif Koc interessiert sich insbesondere für politische und soziale Themen. Derzeit absolviert sie ein weiteres Auslandsstudienjahr in Korea.

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