Gesellschaft

Mönche und Nonnen in buddhistischen Klöstern – bunter, als die grauen Kutten vermuten lassen

Eingangstor (Alle Fotos: Alexander Reisenbichler)

Eine kurze historische Einführung

Ein chinesischer König schickte einen buddhistischen Mönch mit Statuen und buddhistischen Schriften im Jahr 372 n.Chr. nach Korea in das Reich Goguryeo (37 v.Chr.-668 n.Chr.), das nördlichste der drei Reiche Goguryeo, Silla und Baekje, in die Korea damals geteilt war. Einige Jahre später kam ein indischer Mönch aus dem chinesischen Jin-Reich (265-420), und der Buddhismus begann sich in Baekje (18 v.Chr. – 660 n.Chr.) auszubreiten. Erst im 5./6. Jahrhundert erreichte diese ursprünglich aus Indien stammende Religion und Philosophie das südliche Silla-Reich (57 v.Chr. – 935 n.Chr.). Der koreanische Buddhismus war sehr stark vom chinesischen geprägt, doch viele koreanische Mönche machten sich nach Indien auf und übersetzten Schriften aus dem Pali und Sanskrit, den Sprachen, in denen die buddhistischen Schriften zumeist verfasst waren. Viele koreanische Mönche wurden aber auch in China ausgebildet und verbrachten dort viele Jahre, bevor sie wieder nach Korea zurückkehrten. Der chinesische Buddhismus war wiederum stark von dem Indiens beeinflusst. Das Kushana-Reich (1.-4. Jhdt n.Chr.) erstreckte sich von Indien über Afghanistan bis in das heutige West-China (Provinz Xinjiang), dominierte die Seidenstraße und garantierte eine ungehinderte Verbindung von Indien bis nach Korea.

In vielen Klöstern sieht man Gärten. Sie symbolisieren das Credo des Zen-Buddhismus, dass man sich auch körperlich betätigen und arbeiten soll.

Der Buddhismus war im koreanischen Mittelalter sehr eng mit dem Staat verbunden, und viele buddhistische Rituale dienten dem Schutz des Reiches. Im 7. Jahrhundert wurden die drei oben genannten koreanischen Reiche unter der Führung von Silla vereinigt (Vereinigtes Silla-Reich, 668-935 n.Chr.). Das stark zentralistische Bone-Rank-System, das dem Maitreya-Kult huldigte, erhielt in dieser Zeit Konkurrenz (Dieses System unterteilte die Aristokratie in Bezug auf die verwandtschaftliche Nähe zum König und bestimmte somit den Einflussbereich. Maitreya, der Buddha der Zukunft, stand im Zentrum der buddhistsichen Verehrung). Lokale Eliten auf dem Land gewannen an Macht und unterstützten die neu aufkommende Zen-Schule. Ihr Einfluss wurde also auch durch den Buddhismus gegenüber dem aristokratischen Zentralismus zur Schau gestellt. Das ist der Grund, warum es in dieser Zeit zu sehr vielen Zen-Klostergründungen auf dem Land kam.

Auch in der Goryeo-Dynastie (918-1392) hatte der Buddhismus eine staatsfestigende Funktion, und der Zen-Buddhismus hatte enge Verbindungen zum Militär. Buddhistische Rituale wurden zur Abwehr militärischer Angriffe durchgeführt, der Druck der Tripitaka Koreana, des koreanischen buddhistischen Kanons, im 11. Jahrhundert verdankt seine Entstehung dem Einfall der mongolischen Kitan-Armee. Der Einfall der Mongolen im 13. Jahrhundert war der Anlass für den Druck der zweiten Tripitaka Koreana, deren Herstellung 16 Jahre dauerte und die heute im Kloster Haeinsa in der Nähe von Daegu besichtigt werden kann.

Während in der koreanischen Goryeo-Dynastie ein reger buddhistischer Austausch mit der Außenwelt bestand (man denke an die stark verzierten und ornamentierten Buddha-Statuen dieser Zeit, die ihr Aussehen dem tibetischen Buddhismus zu verdanken haben, aber auch dem Austausch im Bereich der buddhistischen Philosophie), wurde der Buddhismus gegen Ende der Goryeo-Dynastie mehr und mehr mit Gier und Korruption in Verbindung gebracht. Die Klöster besaßen viel Macht und Ländereien (diese waren steuerfrei, deswegen ,schenkten’ viele Bauern ihr Land dem Kloster, um dadurch Steuererleichterungen zu erhalten; auch heute besitzen Klöster noch viel Land, auf dem teilweise Dörfer errichtet wurden; die Dorfbewohner dürfen ihre Häuser verkaufen, nicht jedoch das Land selbst) und konterkarierten die Bedeutung des chinesischen Zeichens für Kloster (, Aussprache im Koreanischen: sa), die aus zwei Komponenten besteht: „klein“ und „Land“. Die darauffolgende Joseon-Dynastie (1392-1910), wurde von der neokonfuzianistischen Philosophie, die in dem Reich zur Staatsdoktrin erhoben wurde,  beherrscht; diese stand dem Buddhismus offen feindlich gegenüber. Mönche durften teilweise die Städte nicht betreten, und Klöstergründungen fanden nur auf dem Land statt. Doch der Buddhismus wurde in Korea unter der Landbevölkerung weiter in Ehren gehalten, und König Sejong, der im 15. Jahrhunder die koreanische Silbenschrift Hangeul erfand, ließ die ersten buddhistischen Bücher in dieser Schrift drucken, um sie auch den weniger gebildeten Leuten zukommen zu lassen, die das klassische Chinesisch, in dem alle wichtigen Regierungsdekrete, die Literatur sowie wissenschaftliche und philosophische Schriften verfasst waren, nicht beherrschten. Durch die Abgeschlossenheit der Joseon-Dynastie verlor sich der Kontakt zu anderen buddhistischen Schulen aus dem Ausland. Stattdessen konzentrierte sich der koreanische Staat auf die Rechtfertigung neokonfuzianistischer Philosophien und verlagerte seine Tätigkeit auf die im Konfuzianismus so wichtige Ahnenverehrung. In der Nähe vieler Königsgräber lassen sich aus diesem Grund buddhistische Schreine oder Klöster finden. Um die Stellung des Buddhismus in der Joseon-Dynastie zu verbessern, wurden gegen die japanische Invasion im 16. Jahrhundert buddhistische Mönchsarmeen organisiert, die auch sehr erfolgreich waren. Daraufhin wurden Mönche als Provinzgeneräle eingesetzt, doch schon bald waren dies nur mehr symbolische Posten ohne wirkliche Macht. In den letzten zwei Jahrhunderten der Joseon-Dynastie wandte sich der Buddhsimus dann mehr und mehr dem Volk zu und inkorporierte taoistische und schamanistische Götter, die im Volksglauben stark verankert waren, wie z.B. den Berggott Sansin, den die Besucher mit seinem Tiger in fast allen Klöstern, oft auch in einem eigenen Schrein, bewundern können.

 

Sanshin – der Berggott mit dem Tiger, der in keinem Kloster fehlen darf. Er wurde im 17. Jhdt. aus lokalen Glaubensvorstellungen und dem Schamanismus in den buddhistischen Pantheon übernommen.

Jetzt ließe sich noch über Rituale und Normen verschiedener Sekten reden, doch es ist mir ein Anliegen, Persönlichkeiten und Individuen zu präsentieren, Mönche und Nonnen mit ihren Gefühlen, ihren Träumen, ihrer Persönlichkeit und ihren Wünschen als Menschen darzustellen. Ich kenne alle hier beschriebenen Mönche und Nonnen seit Jahren persönlich und möchte hinzufügen, dass diese Auswahl nicht verallgemeinert werden kann und darf. Keiner der Erwähnten wurde mit Klarnamen genannt.

Von den Drogen zum Glauben

Gak-seong Seunim (30) hat südkoreanische Eltern, wuchs jedoch in den USA auf und fühlt sich kulturell als Amerikaner. Drogenmissbrauch und eine Schlägerei mit einem Polizisten, der ihn seiner Herkunft wegen diskriminierte, brachten ihn in den USA fast ins Gefängnis (er wurde aber nicht verurteilt, sonst hätte er laut den monastischen Regeln, die schon vor 2200 Jahren in der Vinaya, einer Sammlung von buddhistischen Ordensregeln, niedergeschrieben wurden und auch heute noch Gültigkeit haben, nicht ordiniert werden können). Der Richter gab ihm noch eine Chance, und man einigte sich auf einen einjährigen Aufenthalt in einem buddhistischen Kloster südkoreanischer Prägung auf Hawaii. Während seiner Zeit in dem Kloster entschied er sich, seine Laufbahn als Mönch fortzusetzen. Der Anfang war alles andere als leicht. Seine Koreanischkenntnisse waren sehr begrenzt, das Leben im Kloster sehr strikt und konservativer als die ohnehin nicht sehr offene Gesellschaft Südkoreas, wie er meinte. In den Vereinigten Staaten hatte er mit der koreanischen Kultur nur peripher zu tun, er wollte sich integrieren und nicht wie seine Eltern enden, die noch immer nur gebrochenes Englisch sprachen und sich hauptsächlich mit anderen koreanischen Expats trafen. Er war sehr froh, mich als Ansprechpartner gefunden zu haben, und sein Vater-Mönch (uensa-seunim, der Mönch, der sein Lehrer ist, für ihn Verantwortung trägt und ihn unterstützt) hatte dafür auch Verständnis. Eines Abends hatte er ein weltliches Tief, und wir trafen uns bei mir zu Hause. Wir plauderten über Buddha und die Welt und über seine Anpassungsprobleme. Als Novize darf er mit niemandem sprechen, er darf das Kloster nicht verlassen, und er beklagte sich, dass die koreanische Klosterküche seinem Magen gewaltig mitspielen würde. An diesem Abend tranken wir zusammen ein paar Flaschen Bier. Da Gak-seong Seunim aber normalerweise nicht trank, entleerte er später seinen Mageninhalt in meine Sockenschublade. Als ich ihn am nächsten Tag darauf ansprach, wollte er nicht glauben, dass er die mittlere Naturkatastrophe verursacht hatte. Mit rotem Kopf wusch er meine Socken aus.

Einige Monate später zog er nach Seoul in ein anderes Kloster, in dem auch andere Ausländer als Mönche lebten, und lernte Koreanisch und buddhistische Philosophie. Ich war erstaunt, wie schnell er sich eingelebt hatte, und sein Koreanisch wurde von Tag zu Tag besser.

Der Haupttempel mit Amithaba, der in Ostasien oft verehrt wird.

Gelehrter und Normenbrecher

Hyeon-muk Seunim (63) lebte 15 Jahre lang in Pune in Indien, vier Autostunden von Mumbai entfernt (im Westen besser unter dem alten Namen Bombay bekannt). Das Deccan College der Stadt war unter südkoreanischen Mönchen sehr beliebt, die dort die Sprachen Sanskrit oder Pali studierten. Während Zen-Buddhismus in Europa als sehr hippe und moderne Interpretation des Buddhismus äußerst beliebt ist, gibt es einige Mönche, die Anhänger des Frühbuddhismus sind. Dieser gilt als die reinste Form des Buddhismus (In den Büchern dieser Glaubensausprägung wird unter anderem festgehalten, dass es im Buddhismus keinen Gott gibt, doch diese Tradition ist heutzutage nur noch in der Philosophie zu finden, in der buddhistischen Praxis hat sie sich nicht durchgesetzt.) und wurde vor 2200 Jahren in Pali niedergeschrieben. Die zenbuddhistischen alten Schriften in Ostasien sind in klassischem Chinesisch verfasst (es gibt natürlich neue buddhistische Texte in den Landessprachen, z.B. auf Japanisch und Koreanisch) und entsprechen nicht immer der wahren Lehre Buddhas. Meine Frau, die an der Pune-Universität buddhistische Philosophie studierte, lernte Hyeon-muk Seunim dort kennen, und er lud uns in das koreanische Silsang-Kloster ein, das mit einer alternativen Community verbunden ist. Das war dann der Ort, wo wir uns in Südkorea niedergelassen haben und noch heute wohnen.

Schon als Jugendlicher hat sich Hyeon-muk Seunim mit Philosophie und Religion beschäftigt und entschied sich dann sehr früh für eine Laufbahn als Mönch. Er studierte viele Jahre in Südkorea und Indien und erklärte die buddhistische Philosophie mit Witz und tiefem Wissen. Er gründete mit anderen Glaubensbrüdern eine Schule für Mönche im Silsang-Kloster, und Mönche aus ganz Südkorea fanden sich hier ein. Er vertritt einen pragmatischen Buddhismus und verabscheut Rituale. Nach einer Vorlesung über Ahimsa (das Verbot, Lebewesen zu töten) kam er in sein Zimmer und erschlug ein paar Gelsen. „Buddha hat mit Ahimsa nicht gemeint, dass man sich von Gelsen stechen lassen und sich mit Malaria anstecken soll. Dieses Gebot muss man lebenspraktischer auslegen”, erklärte er uns.

Rituale und Verbote kümmerten ihn nicht. Er war auf sein deviantes Verhalten sogar stolz und betonte, dass er Kaffee trank, Zigaretten rauchte und auch gerne mal ein Bier oder einen Schnaps genoss. Es verwundert Südkoreaner nicht unbedingt, wenn Mönche manchmal in Maßen Alkohol konsumieren. Es ist teilweise auch ein Zeichen von bewusster Nonkonformität und ein Zeichen für die Sinnlosigkeit von Ritualen. Der 1981 erschiene Roman ,Mandala’ von Kim Seong-dong behandelt dieses Thema und auch Korruption in Klöstern (auf Deutsch im pendragon Verlag erschienen). Zwei französiche Touristinnen fanden sein Verhalten gar nicht cool, sondern eher verstörend. Sie stellten sich Mönche als asketische und immer meditierende Menschen vor, die mit gesenktem Kopf ruhig durch das Kloster schlichen. Diesem Ideal entsprach Hyoen-muk Seunim nicht wirklich.

Musik und Philosophie – enfant terrible auf der Suche nach der Erleuchtung

Hyeon-cheong Seunim (52) wollte dem weltlichen Alltagsleben entfliehen. Sein Unternehmen, das Nummerntafeln herstellte, zeigte ihm die Grenzen seines ökonomischen Talents auf, und er beschloss, die spirituelle Unendlichkeit auszutesten. Er liebt philosophische Diskussionen, interessiert sich für Plato und tibetischen Buddhismus, Hinduismus, Islam und Christentum und zog auf einer Veranstaltung ein christliches Mönchsgewand über. In seiner CD-Sammlung trifft westliche Klassik auf pakistanische Sufi-Musik und psychedelische Bands – musikalischer Underground erreicht den Overground des irdischen Daseins. Bei einem Liederabend einer lokalen alternative Schule trat er als Sänger auf und interpretierte „Highway to Hell” von AC/DC in Mönchskutte.

Sein Interesse an dem buddhistischen Philosophen Nagarjuna (2. Jhdt n. Chr.) brachte ihn in das indische Pune, um Sanskrit zu studieren. Doch schon bald verschob sich sein Interesse, und er lauschte den Klängen des indischen Musikinstruments Sitar in der heiligen Stadt Varanasi am Ganges, las Jack Kerouac in Manali und rauchte zu den Klängen von Just a Poke der Gruppe Sweet Smoke einen Joint. Er genoss seine Freiheit. Nach einem Jahr kehrte er frühzeitig nach Korea zurück und versuchte, seinem Leben im Kloster eine neue Richtung zu geben. Das Ausbrechen aus der strengen Klosterdisziplin wurde ihm eher von Laienbuddhisten als von Mönchen selbst angekreidet. Er unterrichtete in einem buddhistischen Seminar und verdiente sich ein wenig Geld. Damit reiste er nach China und radelte von Beijing bis nach Xian, flog nach Kolkata (vormals Calcutta), und weiter gings mit dem Rad bis ins nordindische Varanasi. Von dort fuhr er mit einem Zug 40 Stunden nach Pune, wo ich zu der Zeit mit meiner Familie gelebt habe, und wir besuchten buddhistische Höhlen am Dekkan-Plateau. Wieder zurück in Südkorea, schrieb er sich in eine Klosterschule ein und studiert seitdem fleißig klassisches Chinesisch.

Mönche im weltlichen Leben – wir gründen eine Familie

Auch Mönche sind nur Menschen, und so beeinträchtigen zwischenmenschliche Beziehungen die klösterliche Unschuld. Zumeist sind es Mönche, die eine Frau kennenlernen und dann dem klösterlichen Leben den Rücken zukehren und ein neues Leben beginnen. Dieses Phänomen ist in Südkorea bekannt und wird des Öfteren mit Fehlschlägen assoziiert. Oft kennen Mönche nur das Leben im Kloster, mussten nie für ihren Lebensunterhalt aufkommen und haben keine Ausbildung. Mu-ka Seunim (50) lernte seine spätere Frau in Pune kennen, die dort studierte. Seine ruhige und ausgeglichene Art haben sie fasziniert, kein Macho-Gehabe oder Angebereien, wie sie sie von anderen südkoreanischen Männern kannte. Bald zogen sie zusammen, und Frau Lee Ji-hae brachte zwei Söhne zur Welt. Nach dem Studium in Indien zogen sie wieder nach Südkorea und wurden nach der Geburt eines dritten Sohnes von der harschen Realität eingeholt. Finanzielle Sorgen plagten sie, und Mu-ka Seunim konnte keine Arbeit finden. Er begann zu trinken, alleine. Der Computerkurs, den er in Daegu besuchte, bescherte ihm erst nach langem Suchen einen Arbeitsplatz. Zu diesem Zeitpunkt war die Ehe schon sehr zerrüttet, und sie lebten getrennt. Während andere Ex-Mönche nach einem Scheitern oft wieder in ein Kloster zurückkehren, stahl sich Mu-ka Seunim nicht aus der Verantwortung, schickte seiner Familie regelmäßig Geld und besuchte auch seine drei Söhne.

Doch es gibt auch Erfolgsgeschichten. Go-hyeon Seunim lebte in einem kleinen Kloster, als er sich in eine Frau verliebte und heiratete. Nach der Hochzeit erhielt er eine Stelle als Tempelangestellter in seinem früheren Kloster und sorgt seitdem für seine Frau und deren gemeinsames Kind, mit denen er in einem kleinen Haus im benachbarten Dorf wohnt. Sie sind glücklich, und ich treffe sie immer wieder im Supermarkt beim Einkaufen.

 Der Umweltaktivist und Tierschützer

Sein Bild kennen viele Südkoreaner aus Tageszeitungen und dem Fernsehen, auch außerhalb der buddhistischen Gemeinde. Mit seiner flatten Wollmütze ist er sehr engagiert und hat schon viele soziale Projekte organisiert. Er hat durch seine Initiativen eine Community in der Provinz Nord-Jeolla gegründet, die heute eine der bekanntesten und größten Zurück-aufs-Land-Communitys ist. Neben dem Kloster wurde eine alternative Schule gegründet, die ihre Schüler noch in Containern unterrichtete. Der Bauernhof, der Produkte aus biologischer Landwirtschaft herstellte, verkaufte seine Produkte an das Kloster, in der die Schüler der alternativen Schule ihre Mahlzeiten einnahmen und war auch Anlaufstelle für Städter, die dem Stadtleben entflohen waren und sich eine neue Existenz auf dem Land aufbauen wollten. Es war eine Symbiose und der soziale Treffpunkt für viele Neuzugänge aus der Stadt. Der Bauernhof und die Schule existieren noch, aber die Schule ist umgezogen und so wurde die Verbindung mit dem Bauernhof gekappt. Als wir in der Community ankamen und am Anfang kein Haus fanden, lebten wir eine Zeit lang im Tempel und wurden dort auch verköstigt – alles gratis.

Die Unterkunft des Abts. Es gibt klare Hierarchien im Kloster. Archäologische Funde belegen das auch für den Beginn des Buddhismus.

Korruption macht auch vor Klostermauern nicht halt

Als Abt ist man nicht nur das geistliche, sondern auch das weltliche Oberhaupt eines Klosters. Ein mir bekannter Abt war für die Finanzen zuständig, und es gab praktisch keine Kontrollinstanz. Als er plötzlich einen neuen Jeep fuhr, kam zwar das Gerücht der Unterschlagung von Geldern auf, da aber Mönche oft sehr finanzstarke Spender haben, blieb es anfangs bei den Gerüchten. In sehr vielen Klöstern wäre wahrscheinlich einfach nichts passiert, da außer dem Abt niemand Einblick in die Finanzen hat, doch Silsangsa mit der alternativen Community und einem Netzwerk, das sich über den Tempel hinaus erstreckt, war kein guter Ort, um Geld zu unterschlagen. Eine interne Untersuchung deckte seine Machenschaften auf, und er wurde aus dem Kloster geworfen. Mit ihm ging auch seine Geliebte, die im Tempel als Tempelangestellte gearbeitet hatte.

Einige Jahre später besuchte ich eine Eremitage. Eremitagen sind kleine Klöster, oft nur aus einem Tempel und einem Wohnhaus bestehend, die mit einem Hauptkloster verbunden sind und von diesem ein paar Kilometer, meistens höher in den Bergen, entfernt liegen. Die meisten Klöster haben vier oder fünf Eremitagen, in die sich oft Mönche und Nonnen zurückziehen, um in Ruhe meditieren zu können. Plötzlich sah ich eine Frau, die mir bekannt vorkam, und die mich und meine Frau zu einer Tasse Tee einlud. Sie war die Geliebte des Abts, die mit diesem in das neue Kloster versetzt worden war. Der Orden hatte offensichtlich schützend seine Hand über das schwarze Schaf gehalten (vielleicht sollte man in diesem buddhistischen Kontext eine andere Metapher verwenden, z.B. schwarzer Elefant). Der Abt erzählte uns etwas von einer Auszeichnung, die er erhalten hatte, wir tranken unseren Tee und verabschiedeten uns.

Der Übersetzer

Übersetzungen haben in der buddhistischen Geschichte eine lange Tradition. Das erste Jahrtausend unserer Zeitrechnung war eine sehr umtriebige Zeit für buddhistische Mönche von Zentralasien über Süd- und Südostasien bis nach Ostasien. Hyecho aus dem 8. Jahrhundert ist der wohl bekannteste koreanische Mönch, der nach Indien reiste. Kompetente Übersetzer waren sehr gefragte Leute, und viele Mönche reisten von China zu Fuß nach Indien, dem gelobten Land des Buddhismus, um Schriften zu kopieren, zu übersetzen und mit in ihre Heimatländer zu nehmen. Dieser rege kulturelle Austausch beschränkte sich nicht nur auf den Buddhismus, auch Mythologie (vergleiche meinen Artikel über Dokkaebi, deren Aussehen auf indische Höllenbewohner zurückgeht), astronomisches Wissen und andere Wissenschaften aus so entfernten Gebieten wie dem arabischen Raum erreichten die koreanische Halbinsel. Hae-san Seunim (65) ist in diese Reihe von gelehrten Mönchen einzureihen. Er lebte fast 20 Jahre in Indien und studierte Pali. Er gilt heute in Südkorea als einer der besten Übersetzer. Unter anderem übersetzte er den Pali-Kanon Samyutta Nikaya ins Koreanische. Buddhistische Mönche übersetzen nicht nur buddhistische Texte, sondern auch hinduistische wie z.B. die Upanishaden und führen dadurch eine 2000 Jahre alte Tradition fort. Der Blick über den eigenen Tellerrand ist dafür verantwortlich, dass z.B. viele Sanskrittexte, die in Indien schon lange verloren gegangen sind, noch in anderen Sprachen wie z.B. dem klassischen Chinesisch existieren. Die Siddham-Schrift wurde in Indien zwischen dem 5. und 12. Jahrhundert verwendet, und man sieht sie auch heute noch in Japan (Shingon-Sekte) und Südkorea, während sie sich in Indien weiterentwickelt hat. Der rege Austausch zwischen Süd- und Ostasien endete, so blieb diese Schrift in der alten Form erhalten. Die Deckenbeschriftung des Mihwang-Klosters in Haenam, Südkorea, aus der Mitte des 8. Jahrhunderts ist ein sehr berühmtes Beispiel. In Japan werden heute noch hinduistische Götter verehrt, die im heutigen Indien gar nicht mehr existieren. Die japanische tantrische Shingon-Sekte verehrt die Gottheit Goma (frühere indische Bezeichnung Havan oder Homa) und die japanische Tendai-Sekte hat Rituale, die der hinduistischen Agni-Verehrung in vielen Details stark ähnelt.

Hae-san Seunim ist ein sehr ruhiger und eher schüchterner Mönch, aber immer freundlich und hilfsbereit. Er entspricht dem zurückgezogen lebenden, asketischen Mönch, der sich ganz seinen Studien widmet und sich auch der Meditation hingibt. Doch Meditation ist nicht unbedingt ein Garant für eine ausgeglichene Person, der immer ein Lächeln um die Lippen spielt. Ji-ok Seunim (61) verbrachte drei Jahre hintereinander in Meditation, was ihn aber nicht davon abhielt, regelmäßig seine indische Haushälterin (60) in Pune anzuschreien, wenn sie zwanzig Minuten zu spät kam. Da er in Pune genau über uns wohnte, konnte ich die häuslichen Eskapaden mitverfolgen. Die Haushälterin kam dann öfters weinend zu uns und beklagte sich über den Mönch. Als ich ihn einmal auf sein Verhalten ansprach, meinte er lapidar, man müsse das ewige Zuspätkommen einfach abstellen.

Deckenbemalung und Drachen

Nonnen

Koreanische buddhistische Sekten betreiben nicht sehr viel Sozialarbeit, das wird den christlichen Kirchen überlassen, die sich unter anderem sehr stark den nordkoreanischen Flüchtlingen widmen. Die Jungto-Sekte unter der Führung des charismatischen Pomnyun Seunim bildet hier eine Ausnahme. In unserem Dorf befindet sich ein kleiner Tempel dieser Sekte, der oft von einer rüstigen Nonne, Mu-ju bhikuni Seunim (62), besucht wurde. Sie spricht Hindi und Englisch und hat mehr als 20 Jahre im Ausland gearbeitet, sehr lange davon in der Nähe von Bamiyan in Afghanistan und in Bodh Gaya in Bihar, Nordindien, nicht weit von der berühmten buddhistischen Universität Nalanda, die im 5. Jahrhundert errichtet wurde. Sie hat dort aufopferungsvoll Kindern und Menschen in Not geholfen, ohne zu missionieren, das hat mich sehr beeindruckt.

Go-do Bhikuni Seunim (58) verbrachte viele Jahre meditierend in Klöstern in Myanmar. Das Land ist unter Mönchen und Nonnen, aber auch Laienbuddhisten, die meditieren möchten, sehr beliebt. Dort wird die Vipassana-Meditation von Goenka, dem führenden Lehrer dieser Meditationsschule, gelehrt, der die Ansicht vertritt, dass Buddha keine Religion, sondern einen Weg zur universellen Befreiung gelehrt hat, der über die Grenzen der verschiedenen buddhistischen Sekten weit hinausgeht. Myanmar ist sozusagen erste Anlaufstelle für Meditation, während man in Indien buddhistische Philosophie oder Geschichte studiert. Heute lebt Go-do Bhikuni Seunim im Silsangsa, wo sie jeden Sonntag mit den Kindern aus den umliegenden Dörfern spielt. Derzeit plant sie, auf dem Klostergelände einen Spielplatz zu errichten. Eine einzigartige Idee, ich habe noch nie auf einem Klostergelände einen Spielplatz gesehen. Gymnastikräume und Volleyballfelder für Mönche sind hingegen keine Seltenheit. Da unsere Tochter Maya dieses Dharma-Meeting auch besucht, bin ich an der Errichtung des Spielplatzes mit den Vätern anderer Kinder beteiligt.  

Ausländische Mönche

Es gibt in Südkorea einige ausländische Mönche aus verschiedenen Ländern. Hyon-gak Seunim ist einer der bekanntesten, er hat unter anderem die Zen-Schriften von Seung-sahn Seunim editiert, die im englischsprachigen Verlag Shambala Publications veröffentlicht wurden. In Japan gibt es z.B. einen deutschen Mönch, Abt Muho, der das Kloster Antaiji als Klostervorsteher und Zenmeister leitet. Sein Buch Zazen oder der Weg zum Glück wurde im Rowohlt Verlag herausgegeben.

Der Mönch Tannu empfängt seine Gäste in diesem Teeraum. Man kann hier sehr teure und spezielle Teesorten kosten. Weil die Gäste sehr oft und viel Tee bekommen, sprechen einige Leute scherzhaft von einer Wasserfolter (mul-go-mun).

Doch ich möchte Ihnen zwei Mönche aus Indien vorstellen, die seit zwei Jahren in einem Kloster in Südkorea wohnen, Tannu aus Ladakh (30) an der Grenze zu Tibet und Tenzin aus Sikkim (24), dem ehemaligen unabhängigen Königreich, das zwischen Nepal und Bhutan liegt und seit den 1970er Jahren zu Indien gehört. Beide wurden von dem Mönch Sa-ra Seunim nach Südkorea eingeladen. Die Umstellung fiel ihnen nicht sehr leicht. Koreanisches Essen ist sehr scharf, wegen der Fermentation sauer und vegetarisch. Mönche aus den hohen Gebirgslagen wie Ladakh und Tibet essen Fleisch, also fühlten sie sich ständig hungrig und schlichen in der Nacht unerlaubterweise in die Klosterküche und kochten sich Fertignudelgerichte. Nach einigen Monaten hatten sie plötzlich Pickel im Gesicht, Fertignudeln (Ramen oder Ramyeon auf Koreanisch) sind eben keine Nahrungsmittel, die man über einen längeren Zeitraum essen sollte. Der Tagesablauf in einem Kloster in Indien unterscheidet sich sehr stark von dem in Südkorea. In Ladakh gibt es sehr viele Rituale, die in Haushalten in den umliegenden Dörfern durchgeführt werden. Das bringt Abwechslung und auch ein gutes Essen. In dem Kloster in Südkorea, das noch dazu sehr abgeschieden war, herrschte eine große Stille, sie hatten kaum etwas zu tun, außer Koreanisch zu lernen. Der Mönch Mu-si Seunim, den sie in Indien kennengelernt haben und der sie nach Südkorea mitnahm, hatte Verständnis für ihre Situation, da er selbst jahrelang in Indien und Thailand verbracht hatte, und er war sogar froh darüber, dass ich mit den beiden etwas unternahm. Manchmal kochte meine Frau indische Fleischgerichte wie Tandoori Chicken, ein anderes Mal besuchten wir umliegende Städte oder hörten miteinander alte Hindilieder. Bei einem Besuch in einer größeren Stadt gestand mir Tannu: „Die Ausflüge mit den Mönchen sind so langweilig, wir besichtigen ständig Klöster. Wir wohnen doch in einem Kloster, das ist also nichts Besonderes. Dann fahren wir in die Berge, und sie zeigen uns Landschaften. In Indien wohnen wir auf dem Land in den Bergen und hier in Südkorea auch, wir wollen Städte sehen, etwas Neues, verstehst du?”

Nach einem halben Jahr verschwand Sa-ra Seunim plötzlich. Er hat sich von niemandem verabschiedet, nur dem Abt des Klosters kurz Bescheid gegeben, und seitdem haben wir nichts mehr von ihm gehört. Es wird vermutet, dass er in Indien oder China in einem Kloster studiert. Das ist für Mönche hier in Südkorea eigentlich nichts Ungewöhnliches. Der oben erwähnte Hyeon-cheong Suenim, ein guter Freund von mir, teilte mir drei Tage vor seinem Auszug mit, dass er das hiesige Kloster verlassen werde und für mindestens zwei Jahre in einem anderen Kloster studieren werde. Für Tannu und Tenzin hatte das große Konsequenzen, weil der Mönch, der nun für sie verantwortlich war, Mu-si Seunim, strikt den Regeln folgte und die beiden den Tempel bis auf wenige Ausnahmen nicht mehr allein verlassen durften. Inzwischen ist dieser Mönch jedoch auch Geschichte, und die beiden Mönche haben sich eingelebt, sprechen schon ganz passables Koreanisch, lernen buddhistische Chants und sind mehr in das Klosterleben eingebunden.

Büro und Devotionalienverkauf

Tipps, um buddhistische Klöster und das Klosterleben genauer kennenzulernen

Der westliche Besucher hat die Möglichkeit, an einem Tempel-Stay-Programm teilzunehmen (zwischen 20 und 40 Dollar pro Nacht, dauert normalerweise 2 Tage), bei dem man die klösterlichen Teezeremonien, die Rituale und das Alltagsleben der Mönche kennenlernen kann. In einigen Tempeln werden auch Führungen auf Englisch angeboten. Möchte man tiefer in das Klosterleben eintauchen, kann man auf Anfrage als freiwilige Aushilfe, z.B. in der Küche, mithelfen. Essen und Unterkunft sind dann kostenlos.

 

Alexander Reisenbichler (ganz rechts) mit seiner Familie (Foto: privat)

Alexander Reisenbichler (ganz rechts) mit seiner Familie (Foto: privat)

Alexander Reisenbichler

"Der aus Österreich stammende Ethnologe Alexander Reisenbichler (*1977) lebt und forscht seit 15 Jahren in Südkorea und Indien. Derzeit schreibt er seine Dissertation über indische Christen im Bundesstaat Goa und arbeitet an einem Reisebericht über Südkorea und das Leben in einer südkoreanischen Community. Mit seiner koreanischen Frau und seinen beiden Töchtern hat er sein Basecamp in einem kleinen Dorf in den Jiri-Bergen in Südkorea aufgeschlagen.

Alexander Reisenbichler ist unter anderem Autor von ,,Die vielen Gesichter der dokkaebi: Auf den Spuren eines koreanischen Phänomens"", erschienen 2014 im OSTASIEN Verlag, Reihe Phönixfeder (http://www.reihe-phoenixfeder.de/rpf/024.html)."

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