Reise

„My Seoul For You” Eine Postkarte für dich

Anna Rihlmann

Alle Fotos: Anna Rihlmann 

Im Zeitalter der digitalen Medien dreht sich alles um die sozialen Netzwerke. Wer ich bin, wo ich bin, mit wem ich unterwegs bin - all diese Informationen kann ich von jedem Standort aus mit meinen Freunden und der Familie teilen.

Vor allem Reiseimpressionen werden ganz einfach per Instagram, WhatsApp oder E-Mail innerhalb von Sekunden übermittelt. 

Postkarten zu schreiben wie in alten Zeiten - ist das überhaupt noch aktuell?

Mein Name ist Anna (27), passionierte Postkartenschreiberin. Seit meinen frühen Kindertagen gehörte das Schreiben von Ansichtskarten zu jedem meiner Reiseerlebnisse. Sei es auch nur ein Kurzausflug ins benachbarte Bundesland, so war es doch immer Tradition, eine Postkarte zu kaufen und an die Personen auf der bereits vorhandenen Adressliste (Mama und Papa, Oma und Opa, Onkel und Tante, Freunde) einen kleinen Gruß zu senden. Das Postkartenschreiben galt als regelrechter Programmpunkt und wurde meist kurz vor der Abreise vollzogen. Die Zeilen, die auf den Karten mit den Sehenswürdigkeiten der Reiseziele niedergeschrieben wurden, waren eher Floskeln als zusammenhängende Texte. Und doch freuten sich die Menschen in meiner Umgebung über das handschriftliche „An-mich-Denken”.

Meine größte und bisher längste Reise führte mich in das Land der Morgenstille - nach Südkorea. 

Als ich Korea das erste Mal im Jahr 2009 besuchte, war ich vor allem beeindruckt  von den traditionellen Palästen, der modernen Architektur und der wunderschönen Natur. Diese eindrucksvollen Bilder wollte ich mit meinen Lieben zu Hause teilen und begab mich auf die Suche nach Postkarten, die Korea in seiner vielfältigen Schönheit zeigen sollten.

Zwei „My Seoul for you“ Postkarten

Zwei „My Seoul for you“ Postkarten

Doch vergebens. Buchhandlungen hatten erst gar keine Seoul-Postkarten im Angebot, und selbst das Touristenviertel INSDADONG konnte in seinen vielen Touristengeschäften meinen Wunsch nach Postkarten nicht erfüllen. In einigen Läden konnte man Sets von zehn Ansichtskarten erwerben, die von einem Palast oder einem Volksmuseum herausgegeben worden waren. Oft waren darauf keine touristischen Highlights abgebildet, sondern koreanische Gemälde, Kalligrafien oder traditionelle koreanische Kleidung.

Meiner Vorstellung von Postkarten entsprachen diese nicht.  

Nun lebe ich bereits seit geraumer Zeit in Korea. Über die Jahre erhielt ich immer wieder Besuch von deutschen Freunden und der Familie. Auch die, die das Postkartenschreiben als eine Kulturerfahrung erlernt haben, wurden nicht fündig. Bei Recherchen im Internet bemerkte ich, dass es anderen Ausländern ähnlich erging. 

Ich wunderte mich, warum in einem doch von so vielen Touristen besuchten Land wie Korea das Angebot an Postkarten so spärlich ist.  

Während Europäer auf Reisen oftmals symbolische Geschenke wie zum Beispiel Ansichtskarten oder Magnete suchen, tendieren die Koreaner zu eher praktischen Geschenken wie Essen, Medikamenten oder Utensilien, die man im Alltag benutzen kann. Auf diese Weise können Beschenkte in Korea eine andere Kultur auf physischer Ebene erleben, während die Aufmerksamkeiten der europäischen Reisenden oft eher die mentale Ebene ansprechen. Würde man Koreaner und Deutsche fragen, was ihnen als Reisegeschenk Freude bereiten würde, so sind Deutsche oftmals erfreut, wenn mit einer Postkarte an sie gedacht wird, während Koreaner eher selbst etwas konsumieren möchten. Solche hohen Erwartungen bringen gleichzeitig auch eine größere Bürde beim Aussuchen von Mitbringseln mit sich, sowie oftmals höhere Kosten.

Dieser kulturelle Unterschied, was die Auswahl von Souvenirs betrifft, erklärt meines Erachtens das geringe Angebot an Postkarten.

Anna Rihlmann und ihr Geschäftspartner

Anna Rihlmann und ihr Geschäftspartner

My Seoul

So kam ich mit einem koreanischen Freund, der Film und Fotografie studiert, auf die Idee, Postkarten von Korea zu entwerfen. Südkoreas Hauptstadt Seoul hat uns bei der Namensgebung geholfen. MY SEOUL sollte unsere Aktion heißen. 

„My Seoul for you“ - für dich -, aber auch „My Seoul for me“ - für mich - als persönliche Erinnerung. 

Es hat uns viel Spaß gemacht, die unterschiedlichen Facetten Koreas auf unseren Postkarten darzustellen. Zu finden sind darauf berühmte Sehenswürdigkeiten wie der Namsan-Tower, das Seouler Stadtpanorama bei Tag und bei Nacht, die nächtlichen Straßen der südkoreanischen Hauptstadt mit unzähligen kunterbunten Neonschildern, traditionelle Paläste und das variantenreiche koreanische Essen. Dabei lernten wir noch einmal die Vielfalt und vor allem die Koexistenz von Tradition und Moderne im dynamischen Korea schätzen.

Nach einigen Besuchen bei der Druckerei hielten wir schließlich unsere ersten Postkarten in den Händen; außerdem hatten wir einen Werbebanner entworfen und einen großen drehbaren Kartenständer gekauft.

Doch die nächste Frage lautete nun: Wie kommen die Postkarten bei den Leuten an?

Als ausländische Botschafterin des traditionellen Bezirks Insadong - im Herzen Seouls - nehme ich jedes Jahr an einer Modenschau für die traditionelle koreanische Kleidung HANBOK teil. In diesem Jahr wurde uns für unsere Postkarten MY SEOUL ein eigener Stand zur Verfügung gestellt, und wir hatten die Chance, fünf Tage lang erste Reaktionen der Besucher zu erfahren. 

Wir dekorierten das uns zugeteilte Zelt mit unseren Artikeln. Auf einem Tisch legten wir Karten aus, die von den jüngeren Besuchern ausgemalt werden konnten. Dafür hatten wir einige Postkarten nur mit Umrissen ohne Farbe entworfen. Des Weiteren boten wir einen POST SERVICE an, über den die Besucher für einen kleinen Aufpreis die Postkarten direkt versenden konnten. 

Die Resonanz auf unsere Karten war sehr positiv. Viele Touristen kamen zielstrebig zu unserem Stand, meist mit den Worten: „Schau mal - das haben wir doch gesucht“. 

Eine große Überraschung war, dass unsere Produkte auch bei den Koreanern gut ankamen. „Yeppuda!“ (,Hübsch!‘) sagten viele Passanten beim Vorbeilaufen. Auch Kommentare wie „Schau mal, so was gibt es auch von unserem Land!“ hörten wir mehr als einmal. 

Touristische Sehenswürdigkeiten ihres Landes als Foto auf einer Postkarte zu sehen, war für viele Koreaner ungewohnt, aber zugleich merkte man ihnen ein Gefühl von Stolz an. Aufgrund der geografischen Lage als Halbinsel war Korea sehr lange isoliert. Reisen mit dem Zug oder dem Bus in Nachbarländer - wie in Europa üblich - sind aufgrund der koreanischen Teilung nicht möglich. Auch war das Land von einer langen Kolonialherrschaft und Unterdrückung sowie der stetigen Anwesenheit von ausländischen Mächten geprägt. Bei vielen Koreanern entwickelte sich eine Faszination für das Ausland. Unsere Postkarten sollen die Vielfalt und Schönheit Seouls zeigen. Unsere Hoffnung ist es, dass sowohl Touristen als auch Koreaner sich an den Karten erfreuen.

Da wir nicht jede Woche auf Flohmärkten und Kulturveranstaltungen sein können, begannen wir, Strategien zu entwickeln, um unsere Postkarten unter die Menschen zu bringen. Wir wandten uns an Universitäten, an denen viele Ausländer studieren, an Buchhandlungen und Souvenirgeschäfte. 

Über unseren Instagram-Account (my_seoul_for_you), über das Radio (TBS) und durch eine Zeitschrift (,Seoul Made‘) hatten wir außerdem die Gelegenheit, unser Projekt bekannt zu machen. 

Wir hoffen, dass unsere kleinen Andenken aus Korea bei vielen Menschen Anklang finden.

Bild von Anna Rihlmann

Foto: privat

Anna Rihlmann

(koreanischer Name: 윤안나) machte ihren Bachelor der Medienwissenschaft und Koreanistik an der Eberhard-Karls-Universität Tübingen. Seit März 2015 belegt sie als erste Ausländerin den Masterstudiengang Schauspielstudium an der Korea National University of Arts (KARTS). Ihr Traum ist es, über Länder- und Sprachgrenzen hinweg eine globale Schauspielerin zu werden. Derzeit lebt sie mit ihrer Gastfamilie im Norden Seouls.

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