Kunst

Politische korrekte Turnschuhe

Über das koreanisch-deutsche Theaterprojekt "Walls - Iphigenia in Exile"


Was vor vier Jahren als „simpler Austausch“ von koreanischen und deutschen Regisseur/innen und als Projekt mit vagen Konturen begann, ist zu einer auf- und anregenden Szenenfolge und kunstvollen Themensetzung von bilateraler Relevanz herangewachsen. Walls. Iphigenia in Exile wurde am 14. Oktober 2016 im südkoreanischen Gwangju und am 23. Oktober in den Kammerspielen des Deutschen Theaters in Berlin uraufgeführt. Der Titel verrät die Richtung. Innerdeutsche und innerkoreanische Teilung, Grenzerfahrung, der Umgang mit Fremdem, Verunsicherung. Goethes Drama Iphigenie auf Tauris „ist die Folie, auf der sich ‚grenzüberschreitend‘ Theatermacher_innen und Texte aus Korea und Deutschland begegnen und zu einer Inszenierung in zwei Sprachen kulminieren“, ist im Programmheft zu lesen. Iphigenie, die typische Vertreterin des klassischen Humanitätsideals, wird im Hier und Heute, in ungewissen Zeiten wie diesen zur Vorlage, zum Sinnbild, zur Mahnerin.

Sie, Iphigenie (Dakyung Yoon), tritt aus dem Dunkel in das Licht des Grenzscheinwerfers, überwindet Mauern und Hürden, um auf neue zu treffen. In der Szene „Asyl“ (Regie: ZinA Choi) ist sie die aus Nordkorea Geflüchtete, die in Deutschland Asyl beantragt und aus Angst vor Ablehnung des Antrags verschweigt, bereits in Südkorea als Flüchtling anerkannt zu sein. „In Deutschland leben Menschen mit Menschen aus Ostdeutschland zusammen, und weil ich aus einem sozialistischen Land komme, dachte ich, ich würde hier gut reinpassen.“ Da gibt es in der Gestalt der Dolmetscherin (Kotti Yun) gewissermaßen eine Landmännin und mit ihr die Hoffnung auf Solidarität und Unterstützung. Sie ist einem deutschen Behördenbeamten und Entscheider (Helmut Mooshammer) an die Seite gestellt. Übereifrig errät sie den Betrug des Asylbegehrens, verrät den Betrug - die Hoffnung stirbt. „Wo ist er denn hin, der Humanismus?“, fragt Iphigenie, die eigentlich Ihigyen heißt und deren Namen der Behördenbürokrat trotz mehrfacher Korrekturhinweise partout nicht richtig auszusprechen weiß - weil das Anliegen den Aufwand wohl nicht lohnt, es können zu wollen oder zu müssen. Die Brüche verlaufen zwischen Fremden.

„Asyl“ von ZinA Choi (Regie)
Von links: Ihigyen (Dakyung Yoon), Dolmetscherin (Kotti Yun), Entscheider (Helmut Mooshammer)
(Alle Fotos: © Arno Declair)

Die Brüche verlaufen zwischen Entfremdeten. Der einst Geliebte hat sich nach der innerdeutschen Wende gen Westen orientiert, zunächst zögerlich, dann weniger zögerlich, dann mit Entschlusskraft. Vermutlich hat er eine Familie gegründet dort. Eine zufällige Wiederbegegnung mit „ihr“ ist auch eine Wiederbegegnung mit dem Osten, er weicht dem Blick aus. „Ich denke, er wollte mit dem Osten nichts mehr zu tun haben, und ich war ja auch irgendwie der Osten.“ Heute lebt „sie“ als Familienanwältin ohne Familie, allein, immer noch dort, in einer schönen großen Wohnung. „Wahrscheinlich gehör ich zu den Gewinnern der Wende; es fühlt sich aber anders an. Mein Land, meine Gesellschaft ist weg. … Ich habe mich früher nicht so allein gefühlt.“ Ja, „Es gab auch schöne Tage“ (Regie: Jungung Yang) betitelt Mario Salazar eben diese Video-Einspieler, in der drei Frauen zu Wort kommen. Drei Frauen drei Perspektiven - auf die eigene Vergangenheit im Osten Deutschlands, das historische Ereignis des Mauerfalls und die Zeit danach. „Die DDR war nicht nur schlecht“, erzählt Gabriele Heinz, eine ältere Dame mit dunklen Haaren, „Wir sind auch in den Urlaub an die Ostsee gefahren.“ Leinwandfüllend erinnert die filmische Aufmachung ihrer Porträts an verstaubte Super-8-Filme aus vergangenen Tagen. Zeitversetzt, authentisch, auch im Heute. Katharina Matz, eine ältere Dame mit grauen Haaren, rechnet mit der DDR ab, mit der „Machtmaschine, die den Sozialismus missbrauchte für ihre Legitimation“. Sie war schon vor dem Mauerfall ausgereist, lebte mit ihrer kleinen Tochter im Flüchtlingslager in Berlin Marienfelde. „Ich gönne den Menschen in der DDR den Mauerfall nicht – Heuchlern und Ja-Sagern wurde die Freiheit vor die Füße geworfen.“ Heute lebt sie in Köln. „Ich kann im Osten nicht wohnen. Ich habe im Osten so viele Scheiße erlebt.“ Die Betonung liegt auf „Scheiße“…

Bild aus dem FIlm

„Es gab auch schöne Tage“ von Mario Salazar (Video)
Regie: Jungung Yang, Video: Daniel Hengst / Auf dem Bild: Katharina Matz

Iphigenie ist auch eine Priesterin, gefangen in einem fremden Land. Sie findet ein Stück Heimat in den Ritualen ihres Landes, die sie in der Fremde praktiziert. Der Regisseur Jungung Yang unterlegt das Stück „Ritual“ mit Texten von Goethe. Es ist eine Art Meditation. Rezitationen bei Kerzenlicht, übertönt von urschreiartigen Lauten und wilder Gestik, die auf Iphigenies Trauma hindeuten, aber auch ihre Hoffnung sichtbar machen. – Iphigenie, das ist auch die aus Nordkorea Geflüchtete, die sich in der vorletzten Szene „Iphi-genie“ (Mario Salazar) in Seoul als junge Prostituierte verdingt, um ihre Familie in der Heimat zu unterstützen. Beschwerte Luftballons können nicht fliegen. Am Ende der Leine hängen Gewichte. Iphi-genie platziert sie wie Setzlinge auf dem Boden - freudig, leichtfüßig, singend, beschwingt. Derart fixiert werden sie bleiben. Wer unterstellte, sie sollten gen Himmel fliegen? Unter der Regie von Tilmann Köhler wird eine Puppe zu ihrem zweiten Ich, zur Prostituierten. Ein Freier (Hyun Jun Ji) möchte ihr menschlich begegnen, eine Liebesgeschichte könnte beginnen. Ein Luftballon platzt.

„Iphi-genie“ von Mario Salazar, Regie: Tilmann Köhler
Auf dem Bild: Iphi-genie (Kotti Yun) und Park (Hyun Jun Ji)

Auf der Suche nach der romantischen Liebe und nicht zuletzt inspiriert durch koreanische Seifenopfern heiratet die Vietnamesin Eun-hye  (Kotti Yun) einen Koreaner, den sie nicht kennt. Ihre Eltern sind Bauern und haben kein Geld, allen vier Kindern eine Ausbildung zu ermöglichen. Zu Gunsten ihrer Geschwister verzichtet Eun-hye auf den Besuch einer Universität und sucht ihr Glück in der Ehe. Ihren Mann lernt sie über eine Heiratsagentur kennen. Sie geben sich das Ja-Wort nach nur einem Tag. „Mail-Order-Bridge“ (Regie: Kon Yi) erzählt vom Scheitern eines Traums durch das Scheitern einer Liebe, die gar nicht erst erblühte. Die Brüche verlaufen zwischen Fremden. In der romantischen Verklärung liegt der Grund, dass Eun-hye „ihr Leben nicht mit dem nötigen Abstand betrachtet – würde sie es tun, würde es noch härter sein“, resümiert ein Professor (Helmut Mooshammer) im Ergebnis seiner Forschung über diverse Liebeskonzepte und einem Interview mit ihr. Eun-hye spielt ihr Leben mit zwei Holzpuppen nach, die sie springen, stehen und … fallen lässt. In Anlehnung an Goethe wird Iphigenies Idee von der romantischen Liebe aufgegriffen und in dieser Szene zu Grabe getragen.

In „Mail-Order-Bridge“ von Kon Yi (Regie) spielt Kotti Yun die Vietnamesin Eun-hye.

Sabine Waibel kommt aus Österreich, ist Schauspielerin, lebt in Berlin und macht Yoga – weil sie Schauspielerin sei, in Berlin lebe und eine Frau sei, wie sie sagt. In heiterem Ton plaudert Sabine Waibel in „Sabine Waibel – Just for one Day“ (Regie: Kyungsung Lee) über Sabine Waibel, über ihr Leben. Über ihr mangelndes Zugehörigkeitsgefühl hier wie dort. „Wo meine Heimat ist, das weiß ich eigentlich nicht mehr so ganz genau, denn, wenn ich in Österreich bin, heißt es: ‚Du klingst ja wie eine Deutsche, und wenn ich in Deutschland bin, heißt es: Du mit deinem Ösi-Akzent‘!“ Über ihre Urgroßmutter, die aus Italien nach Österreich kam - als Gastarbeiterin, Seidenstickerin. Über ihre Ängste. „Im Leben fühl ich mich nie sicher. Da weiß ich ja gar nicht, was auf mich zukommt, also, ich hab ja gar nix unter Kontrolle.“ Über ihr Vorhaben, nicht immer nur nett, sondern konsequent zu sein, ihrem Gewissen zu folgen, „Schritte zu setzen“, woraufhin sie sich die zwar „unglaublich hässlichen“, aber politisch korrekten Turnschuhe in einem Fair-Trade-Geschäft gekauft habe, um einmal alles richtig zu machen. Über die Illusion, als sie nach dem Kauf erfährt, dass die Realisierung eines solchen Luxussegments nur möglich sei, weil das Geschäft nebenher Billigschuhe in China produzieren lasse. Darüber, Held sein zu wollen, nur für einen Tag. Über David Bowie, der 1987 am Brandenburger Tor ein Konzert gab, damit seine Fans in West und Ost ihn hören konnten. Bowie, der „Heroes“ spielte – „We can be heroes just for one day!“ - und nach dem Konzert sagte: „Das war das Emotionalste, was ich jemals erlebt habe. Ich war so gerührt, man hat sie auf der anderen Seite der Mauer mitsingen hören … es war wie ein Gebet.“

Sabine Waibel schaut hinter der Mauer hervor, erzählt im Rückblick auf dieses Ereignis von einem Freund, der damals dabei war, in Ostberlin, weil er von dem Gerücht gehört hatte, dass Bowie am Abend spielen würde  – nein, sie schreit es über die Mauer, schreit zu der Musik von „Heroes“, schreit sich in Ekstase, „ und dann standen alle da, in der Nähe der Mauer, und dann wehte der Wind (schreit!), und dann trug der Wind tatsächlich ein paar Töne rüber über die Mauer (schreit!), und dann hörte man Bowie (schreit!), und dann hörte man sogar vielleicht ein paar Töne aus ‚Heroes‘ (schreit!) …!“

… just for one day.

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