Spezialausgabe 2021

Sansaeng - Koreanisch-Kirchliche Impulse für sozial-ökologische Tranformation: Eine Einladung zum deutsch-koreanischen Dialog

Wann immer ich in vergangenen Jahren Südkorea besuchen konnte, bin ich von der eigentümlichen Spannung, ja manchmal widersprüchlichen Gleichzeitigkeit zwischen der asiatischen Hyper-Moderne in den hochtechnisierten Großstädten von Seoul oder Busan und andererseits der sanften Schönheit und beschaulichen Sinnlichkeit koreanischer Landschaften, insbesondere der Stille buddhistischer Klöster und ihrer Umgebung, berührt und beeindruckt worden. Beides lebt in unvergleichlicher Intensität in diesem Land, das wie kein anderes in Asien eine forcierte Industrialisierung und technologische Revolution erfahren hat. Von einem armen Agrarland konnte sich Südkorea in verhältnismäßig kurzer Zeit zu einem reichen Industrieland entwickeln. Lange Jahre galt Südkorea als herausragendes Beispiel für eine erfolgreiche nachholende Industrialisierung und wirtschaftliche Entwicklung. Südkorea wurde 1996 in die OECD aufgenommen und ist heute die 13. größte Volkswirtschaft, die zwölftgrößte Exportnation. In nur wenigen Jahrzehnten wurde aus einem bescheidenen Agrarstaat durch forcierte Industrialisierung mittels der Chaebol (재벌, große privatwirtschaftliche südkoreanische Unternehmenszusammenschlüsse) in den 70er, 80er und 90er Jahren eine moderne asiatische Industrienation – dies allerdings auch mit dem hohen Preis einer langjährigen Unterdrückung von Freiheitsrechten, da erst 1987 - nach 25 Jahren Militärherrschaft und fast 40 Jahren Diktatur - ein Weg zur allmählichen Demokratisierung des Landes erkämpft werden konnte. Die Kosten der stark exportorientierten Wirtschaft bestanden auch in einer gravierenden Naturzerstörung in vielen Bereichen Südkoreas. So waren bzw. sind durch die jahrzehntelange Eintragung von Abwässern aus Industrie und den wachsenden Städten Koreas Flüsse stark verschmutzt. Zudem gab es das chronische Problem ständig wachsender Müllberge, die die koreanische Regierung zu verschiedenen Regelungen veranlasste, um den Umfang der kostenlosen Müll-Entsorgung zu beschränken.

Erst die Asienkrise im Jahre 1997/98, die für Korea ein einschneidendes Ereignis war, führte zu einem gewissen Innehalten im Prozess der forcierten Hyper-Modernisierung. Investoren, die noch in den 80er Jahren und Anfang der 90er Jahre riesige Summen ausländischen Finanzkapitals nach Südkorea gebracht hatten, weil ganz Ostasien damals als Boomregion galt und jeder am „ostasiatischen Wunder“ (Weltbank) teilhaben wollte, wurden zurückhaltender und reduzierten ihre Investitionen. Schon in den 90er Jahren, spätestens seit Beginn des neuen Jahrtausends, zeigen sich auch in Südkorea Zeichen einer neuen Nachdenklichkeit. Sowohl im Bereich von Industrie und Handel als auch im Bereich der Zivilgesellschaft gibt es Anzeichen für eine neue Umweltorientierung, ja vielleicht kann man schon von einer eigenen Grünen Welle sprechen, bei der die Orientierung am traditionellen Vorbild Deutschland, aber auch der Kontakt zur Umweltbewegung in den USA eine nicht geringe Rolle spielt. Verdreckte Gewässer erholen sich allmählich von den ökologischen Sünden der Vergangenheit. Umweltbewusstere Industriebetriebe siedeln sich an zu Solarenergie und zur Abwasserentsorgung. Seit 1994 gibt es in Südkorea ein mit weiteren Kompetenzen ausgestattetes Umweltministerium.

Beleuchtetes Kirchenkreuz am Nachthimmel von Bucheon

Beleuchtetes Kirchenkreuz am Nachthimmel von Bucheon (Foto: Daniel Bernard auf Unsplash)

Obgleich man die Rolle der christlichen Kirchen in Südkorea nicht überbewerten sollte – sie stellen mit ca. 30% der Bevölkerung eine signifikante Gruppe dar (20% Protestanten, 8% Katholiken) – haben sie einen relevanten Anteil an der Entwicklung zu mehr ökologischer Orientierung. In vielen Kirchen lebt – ebenso wie in vielen buddhistischen Klöstern – eine spirituelle Tradition der Achtung für die Schöpfung, eine Erinnerung an die sanfte Schönheit und Güte des geschaffenen Lebens, die in der Umgebung vieler Kirchen oder Klöster einen sinnfälligen Ausdruck findet. Während in Europa bei manchen das Christentum als Auslaufmodell gilt, wird in Südkorea der christliche Glaube häufig ganz anders, als Vehikel für Fortschritt und Motor der Modernisierung, gesehen (was er vielfach auch war, z.B. im Hinblick auf Frauen- und Mädchenbildung sowie Gesundheitsfürsorge). Wer die Moderne nicht verpassen will oder auch nur das Image des Modernseins sucht, der wird Mitglied in einer großen christlichen Gemeinde. Viele der koreanischen mainline-churches, die mit der internationalen ökumenischen Bewegung kooperieren, aber haben sich in den 90er Jahren mit Themen des sogenannten konziliaren Prozesses für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung[1] identifiziert. Sein Höhepunkt war die Ecumenical Convocation on Justice, Peace and Integrity of Creation, die 1990 in Seoul stattfand. In 10 Grundüberzeugungen („Affirmationen“) formulierte diese von ca. 1000 Teilnehmenden besuchte Weltkonferenz eine Art sozialethisch-ökologisches Grundbekenntnis der ökumenischen Christenheit, dessen weitreichende Wirkungen – sowohl auf den Prozess der Wiedervereinigung Deutschlands als auch auf die UN-Konferenz über Umwelt und Entwicklung in Rio 1993 und die ökologischen Transformationsprozesse sowohl in Deutschland wie Südkorea kaum überschätzt werden können. In der VII. Grundüberzeugung von Seoul heißt es:
„Da die Schöpfung von Gott ist und seine Güte die ganze Schöpfung durchdringt, sollen wir alles Leben heilighalten. Heute ist auf der Welt alles Leben bedroht, sowohl für die jetzt lebende, als auch für die kommende Generation, weil sich die Menschheit als unfähig erweist, die lebendige Erde zu lieben. Insbesondere die Reichen und Mächtigen haben die Erde ausgeplündert, als wäre sie für ihre egoistischen Zwecke geschaffen. Die Zerstörung hat heute bereits ein Maß erreicht, dass sie möglicherweise nicht mehr rückgängig gemacht werden kann. Dies zwingt uns dringend zum Handeln.“

Für die christlichen Kirchen war der konziliare Prozess (JPIC, wie er abgekürzt hieß,) das, was für die Vereinten Nationen später – und nicht ohne indirekte Beeinflussung – der Prozess in Richtung auf die Agenda für nachhaltige Entwicklung (SDG Agenda 2030)[2] gewesen ist. 

Einer derjenigen, die an der Weltversammlung 1990 in Seoul aktiv mitgearbeitet haben, ist der Pfarrer Dr. Seong Won Park von der Presbyterianischen Kirche in Südkorea. Nach langjähriger Mitarbeit in der internationalen Ökumene in Genf (Reformierter Weltbund und Ökumenischer Weltrat der Kirchen) kehrte er 2004 nach Seoul zurück, um als Professor eine Lehrtätigkeit am Young Nam Theological Seminary aufzunehmen, bewusst nicht in der Hauptstadt Seoul, sondern weit außerhalb des städtischen Lebensmilieus im ländlichen Raum.[3] Dort lehrte er Kurse u.a. über neue Ansätze zu einer lebenzentrierten Landwirtschaft und einen kosmisch-ökologisch orientierten Lebensstil. Damit positionierte er sich exakt inmitten des Grundwiderspruchs, der nach der großen ökonomischen Krise von 1997 immer mehr das gesamte Land zu kennzeichnen schien, dem Widerspruch zwischen der Option für eine Fortsetzung der forcierten Modernisierung bzw. einem technologieorientierten und urbanisierten Lebensmodell und andererseits der Gegenoption einer stärker werdenden ökologischen Umkehrbewegung, die inspiriert war von Leitvisionen einer Gegenkultur und einer Rückkehr zu naturverbundenen, ganzheitlichen Lebensformen. Nach Seong Won Park war es im Jahre 2006 über die Hälfte, d.h. 55% der in Seoul lebenden Bevölkerung, die gerne – wenn sie es bezahlen und ermöglichen könnte – ihren Lebensmittelpunkt raus aus der Stadt und in den ländlichen Kontext verlagern wollte, darunter nicht zuletzt auch deshalb, weil sechs von 10 Kindern Seouls an atopischer Dermatitis litten, einer großstadtbedingten allergischen Dauererkrankung. Die Folgen der forcierten industrialisierten Modernisierung offenbarten sich immer mehr nicht nur in der äußeren Natur, sondern auch hinsichtlich der inneren Natur des Menschen, an ihrer leiblichen Gesundheit. Das Interesse an einem alternativen Lebensstil, an biologisch wertvollem Gemüse und Obst, am Eigenanbau von Pflanzen, an alternativen und direkten Austauschbeziehungen mit Bauern sowie an der Entwicklung von kooperativen Formen der regionalen Vermarktung von Bio-Lebensmitteln abseits von den großen Konzernen und Handelsketten führte zu Pilotmodellen eines nachhaltigeren Lebensstils, der sich für viele durch überraschend viele neue Qualitäten als attraktiv erwies, nicht nur hinsichtlich der Ernährungsqualität, sondern auch im Blick auf die wirtschaftliche Seite des Lebens. An einigen Orten Südkoreas, so im Jang-Seong-Bezirk nahe Gwangju, entstanden, sogar mit Unterstützung lokaler Behörden, neue Lebens- und Wirtschaftsmodelle eines ökologisch-genossenschaftlichen Landbaus (z.B. die Hanmaum Community = „Gemeinschaft eines Sinnes“). Gleichzeitig entstand durch die vorhandenen internationalen ökumenischen Netzwerke ein „Global Forum on Life-Giving Agriculture“, in dem ähnliche Ansätze aus anderen asiatischen sowie aus afrikanischen Ländern miteinander verbunden wurden. Im Mittelpunkt steht bis heute als Orientierungsbegriff häufig der Begriff des Sansaeng (산생), der im Koreanischen so etwas wie „gemeinsames Leben“ bezeichnet. Ähnlich wie Leitbegriffe eines neuen ökologisch-gemeinschaftsverbundenen Lebensstils aus anderen Kulturen („Ubuntu“ im afrikanischen Kulturraum; „Sumak Kawsay“ in Quechua-Sprache oder dem bolivianischen „Buen Vivir“ = gutes Leben) wird mit diesen indigenen Begriffen eine Suchbewegung beschrieben, in der sich hier eben traditionell-koreanische, ökologisch-moderne und christlich-ethisch-ökumenische Dimensionen gut miteinander verbinden konnten. Koreanische Kirchen wie die PROK haben sich immer stärker in der Umweltbewegung engagiert, z.B. in der Widerstandsbewegung gegen das Vier-Flüsse-Projekt, das zwischen den Flüssen Nakdong, Han, Geum und Yeongsan 16 riesige Staudämme errichtete (2011 abgeschlossen) und die Ökologie der betroffenen Regionen einschneidend veränderte. Die Frage, wie große Flüsse wie der Naeseong (der in den Nakdong mündet) ökologisch am Leben erhalten werden können, ist nach wie vor aktuell. Auch Römisch-Katholische Kirchen in Korea haben eine eigene Umweltorganisation (Global Catholic Climate Movement Korea (GCCM Korea)).

Weltversammmlung des JPIC in Seoul, 1990 (Foto: Peter Williams/WCC aus WCC Archives, colour slide 1059-4)

Einen südkoreanischen Dachverband ökologischer Reformbewegungen gibt es erst seit 1993 (Korea Federation for Environmental Movements (KFEM), eine ökologische bzw. „Grüne“ Partei gibt es in Südkorea – nach dem Fukushima-Atomunfall in Japan – seit 2012, aber sie erreichte weniger als ein halbes Prozent Stimmenanteile bei der Wahl von 2012. In Deutschland gibt es die moderne Umweltbewegung seit 1970, die Partei die Grünen seit 1993. Die Evangelischen und Römisch-Katholischen Kirchen in Deutschland sind – auch durch die landeskirchlichen Umweltbeauftragten[4] in allen 20 Landeskirchen – sehr stark präsent bei Fragen von Umweltschutz und Nachhaltigkeitsethik.[5] Der deutsch-koreanische Austausch in Umweltfragen hat sehr positive Zukunftsperspektiven und sieht sich vor dringenden Aufgaben des gegenseitigen Austauschs und der Ermutigung!

[1] 1983 vom Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK) ins Leben gerufene globale Reformbewegung zur „Umkehr in die Zukunft“ mit dem Ziel, Umweltzerstörung, Ungerechtigkeit und Unfrieden zu analysieren und zu überwinden (Quelle: ekir.de)
[2] Im September 2015 von den Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen einstimmig verabschiedete Agenda, mit der sich die Weltgemeinschaft 17 Ziele (Sustainable Development Goals, SDGs) für eine sozial, wirtschaftlich und ökologisch nachhaltige Entwicklung gesetzt hat (Quelle: BMZ).
[3] Nach seiner Tätigkeit an der Youngnam  Theological University wurde Pfarrer Dr. Seong Won Park 2017 eingeladen, als Präsident für die Gyeongan Graduate University tätig zu sein, eine Tätigkeit, die er bis 2025 noch ausüben wird. Diese Universität befindet sich in Andong, eine Stadt, die als „Capital of Korean Spiritual Culture" bezeichnet wird und die eine reiche Geschichte insbesondere auch im Blick auf die neo-konfuzianische Tradition und Philosophie aufweist, die für Korea prägend gewesen ist 
[4] https://www.ekd.de/agu/themen.html
[5] Vgl.: „Geliehen ist der Stern, auf dem wir leben“. Die Agenda 2030 als Herausforderung für die Kirchen. Ein Impulspapier der Kammer der EKD für nachhaltige Entwicklung. EKD-Texte 130, 2018
Bild von Pfr. Dr. Dr. h.c. Dietrich Werner

Foto: BfdW Brot für die Welt

Pfr. Dr. Dr. h.c. Dietrich Werner

ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Norddeutschland, Ökumene-, Missions- und Entwicklungstheologe sowie Leiter der Stabsgruppe Ökumenisch-Theologische Grundsatzarbeit bei Brot für die Welt, Berlin. Darüber hinaus ist er ehemaliges Stabsmitglied des Ökumenischen Rats der Kirchen, Genf.

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