Kunst

Spurensuche im Bild

Im Gespräch mit der Porträtmalerin Helena Parada-Kim über ihre Ausstellung 
„IN MOTHER`S HANBOK - Porträts, Hanboks, Erinnerungen“

 

Helena Parada-Kim vor ihren Porträts mit dem Titel "UR-GROSSVATER", 2014
Öl auf Leinwand, jeweils 40 x 30 cm (Foto: Sabine Dusend)

Ich treffe Helena Parada-Kim an einem warmen Frühlingstag. Als ich ihr Berliner Atelier betrete, umgibt mich eine angenehme Kühle. Es ist die Atmosphäre einer Kunstschaffenden - eine Melange aus Neugier, Bedachtsamkeit, Stille. Ich fühle mich wohl hier. Pinsel, Tuben, Farbklekse und Leinwände bilden den Mikrokosmos einer Frau, deren Kunst eine sichtbare Auseinandersetzung mit der eigenen Identität bedeutet. Großformatige Bilder von koreanischen Frauen in Hanboks fallen ins Auge und deuten auf den Titel der bevorstehenden Ausstellung[1]: „IN MOTHER`S HANBOK - Porträts, Hanboks, Erinnerungen“.

Helena Parada-Kim ist Halbkoranerin und in Köln geboren. 1965 Jahre war ihre Mutter als Krankenschwester aus Korea nach Deutschland gekommen. Ihr Vater ist Spanier - und ein „hervorragender Zeichner“, wie sie sagt. In dieser Eigenschaft und als Liebhaber der klassischen europäischen Kunst und Kultur ist er prägend. Die Frage nach der Zugehörigkeit konnte sie als Halbkoreanerin, Halbspanierin und irgendwie auch Halbdeutsche für sich selbst nicht beantworten. Und weil sie es nicht konnte, wollte sie es auch nicht. Als Jugendliche verweigerte sie die Auseinandersetzung mit der eigenen Identität, schuf Distanz. 

Erst während ihres Studiums an der Kunstakademie Düsseldorf habe sie sich von der Negativkonnotation gelöst und sich der „Mutterwelt“ zugewandt, wie sie das nennt, weil der Zugang ein höchst emotionaler ist und weil es die Mütter seien, die Zugehörigkeit vermittelten. „Es ist eine andere Art, Geschichten zu erzählen“ - und eine speziell weibliche Bereitschaft zur Kommunikation. Bezeichnenderweise heiße es ja auch „Muttersprache.“

So begann die Hinwendung zur Herkunft mit dem Stöbern in Familienalben. Ein reicher Fundus von Fotomaterial aus den 50er- und 60er Jahren bildet die Grundlage für die künstlerische Aufarbeitung in Öl. Im Ergebnis dieser Annäherung entstanden zahlreiche Verwandten-Porträts von bemerkenswerter Intensität. Es ist diese Lebendigkeit, diese Gegenwärtigkeit, die es dem Betrachter erschwert, sich zu entziehen. Und es ist diese kluge Übersetzung eines Prozesses der Auseinandersetzung ins Bild, dieses künstlerisch beeindruckende Herantasten an Unbekanntes und doch Vertrautes.

Da sind die drei Porträts des Urgroßvaters, den Helena Parada-Kim zu kennen scheint, ohne ihm je begegnet zu sein. Farbig grundierte Bilder, die etwas Fragmentarisches, eine Form der Unfertigkeit aufweisen und damit ein gewisses Geheimnis ins Bild tragen. Die Ab-BILD-ung vom Foto findet sich in zweifach veränderter, schrittweise verblasster Form wieder. Das so reproduzierte Porträt ist sichtbar „im Verschwinden begriffen“ und stellt „eine Art bildliche Wiedergabe einer Suche oder Aneignung der Ahnen“ dar, wie die Künstlerin erklärt und wie sie in Form der Ahnenverehrung in der koreanischen Gesellschaft noch immer sehr präsent ist.

„Chong-Za. Von Schwarz zu Blau“, 2014, Öl auf Leinwand, 170 x 135 cm (Foto: Stefanie Grote)

Der Besuch des Ateliers gleicht einer ‚Bild gewordenen Spurensuche‘. Die beiden Stühle, die wir zu Beginn des Gespräches im Interesse eines entspannten Austausches nebeneinandergestellt hatten, bleiben leer. In diesem Raum muss man sich bewegen. Hier artikuliert sich ein Anliegen. Menschen als Quelle der Inspiration. Fast eine Verkehrung der Sichtweise, als schauten die Gemalten auf den Betrachter, nicht umgekehrt. Von den Porträts geht eine enorme Präsenz aus und beeindruckende Monumentalität manchmal.

Das 170 x 135 cm große Porträt der Tante mit dem Titel „Chong-Za. Von Schwarz zu Blau“ macht mich für einen Moment sprachlos – nicht nur des Längenmaßes wegen, das in etwa meiner Körpergröße entspricht. Es ist diese Anmut, diese Würde, die Ausstrahlung, die von diesem Bild ausgeht, und die enge Verbundenheit zwischen Malerin und Modell, die sich hier spiegelt. Helena Parada-Kim hat keine Scheu vor subtilen Brüchen. Unter dem königlichen, satt blau glänzenden Hanbok der Tante werden kräftige Hände sichtbar, denen abzulesen ist, dass sie gearbeitet haben. Das ist Kontrast. Mit der Abbildung von weißem Haar zeigt sie abermals Mut, dem gängigen Schönheitsideal der ewig jungen, koreanischen Frau zu widersprechen. „Ich male keine K-Pop-Modells oder gelifteten Frauen“, erklärt die Künstlerin, die den Schönheitswahn in Südkorea und die Bereitschaft zu Augenvergrößerung und operativen Korrektureingriffen jedweder Art als Zeichen der Entfremdung von der eigenen Identität begreift. „Dies hier ist eben keine Auseinandersetzung mit der koreanischen Gegenwartskultur. Keine Avantgarde.“

Nein, die Fokussierung auf den Hanbok als Symbol des „Ureigensten“, der Besinnung auf die Tradition, darf geradezu als Gegenteil verstanden werden. Die Frauen auf den Familienfotos aus vergangenen Zeiten trugen zumeist Hanboks, „das hat mich als Augenmensch affiziert, und auch die Leichtigkeit der Stoffe war ein ästhetisches Erlebnis“. Und: Auch der Hanbok sei eine „Reminiszenz an die Mutter“, womit eher die Figur der Mutter als ihre Mutter gemeint ist. Der Hanbok als Sinnbild für eine Person, als Reminiszenz an eine Frau, der er gehört – auf diese Weise wird er selbst zum „Porträt“, wie die Künstlerin erklärt.

Im Berliner Atelier (Foto: Stefanie Grote)

Helena Parada-Kim kennt die Stimmen der Kritiker, die ihre Kunst als „nostalgisch“ oder sogar als „reaktionär“ beschreiben - was sie ein bisschen versteht, aber kein bisschen irritiert. „Ich bekenne mich ganz klar zu meinen Inspirationsquellen.“ Ihre Beeinflussung durch die alteuropäische Porträtmalerei nennt sie eine „Obsession!“. Manet, van Dyck, Velázquez… -Spanien sei in dem Kontext ganz wichtig. „Ich fühle mich bei den alten Meistern ganz stark beheimatet“, was jedoch keinen Rückschluss auf ihre Person zulasse, wie sie sagt. „Ich bin kein altertümlicher Mensch. Meine Kunst ist ein Bekenntnis zu meinen Wurzeln, das durchaus einhergeht mit einer Offenheit für das Gegenwärtige.“

Was sie sich wünsche von der Ausstellung? Vom Betrachter? „Resonanz ! - welcher Art auch immer. Ich möchte bewegen, die Menschen zum Nachdenken bringen, sie rühren. Ich möchte Fragen nach Herkunft aufwerfen und nach dem Umgang damit. Es ist mir wichtig, etwas zu vermitteln. Bestenfalls gelingt es mir, meine Empfindungen auf den Betrachter zu übertragen. Das wäre für mich ein großer Erfolg.“

HELENA… PARADA… KIM - ein bisschen deutsch- - ein bisschen spanisch - ein bisschen koreanisch… - an welchem Punkt der Auseinandersetzung steht sie heute?

„Es ist eine Reise, die nicht enden wird, weil jedes Bild wieder neue Fragen aufwirft. Ich bin auf dem Weg…“

Die Herkunft rückt näher.

 

                                                                                                                              Das Gespräch führte Dr. Stefanie Grote
                                                                                                                                                     Redaktion „Kultur Korea“

 

[1] Ausstellung, Galerie Tristan Lorenz, Vernissage 29. Mai, Ausstellung: 30. Mai –19. Juli, www.tristanzlorenz.com

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