Spezialausgabe 2021 Literatur

Stille hören in lauter Zeit

Kim Kwang-Kyu über seinen Gedichtband „Botschaften vom grünen Planeten”

 

Buchcover "Botschaften vom grünen Planeten". Copyright: Wallstein Verlag

 

„Es wäre wirklich höchste Zeit, diese Raserei zu beenden“, mahnt mit Kim Kwang-Kyu einer der berühmtesten Dichter Koreas und meint damit eine Art Geschwindigkeitsüberschreitung der jungen Generation auf dem Weg durchs eigene Leben. Er verknüpft den Appell mit dem Wunsch nach einer Rückkehr zu mehr Bescheidenheit und Demut, zu „menschenwürdiger Langsamkeit”, wie er es nennt, wenn er die Voraussetzung für die Besinnung auf das Wesentliche definiert.

Kim Kwang-Kyu hat erlebt, was andere nur aus Geschichtsbüchern kennen: Zweiter Weltkrieg, innerkoreanische Teilung (1945), Bruderkrieg (1950-1953). „Der Lärm von Luftangriffen, das Antlitz des Todes, Stadtflucht, Armut und Hungersnot gehören zu meinen Kindheitserinnerungen”, sagt er und schließt zu seinem späteren politischen Engagement als Student auf, erzählt von seiner Teilnahme an der Demokratiebewegung 1960, deren Niederschlagung im Folgejahr und dem Beginn der jahrzehntelangen Militärherrschaft - der „düsteren Zeit” in Südkorea. Man spürt seine Ambivalenz, wenn er zugesteht, dass diesem Regime zugleich auch die rasante Industrialisierung und Modernisierung des vom Koreakrieg gezeichneten Landes zuzurechnen ist, die den Menschen in den folgenden Jahrzehnten schließlich den „wohlverdienten Wohlstand” gebracht haben, wie er sagt. Bauboom und Verstädterung waren die Folgen dieses Fortschritts im Eiltempo - seine Errungenschaften und sein Preis. Kim Kwang-Kyu hat Erlebtes, Verlorenes, Erhofftes, Beklagtes in Worte gefasst und in seinem Lyrikband „Botschaften vom grünen Planeten” subsumiert.

„(...)
Ein Berg wurde abgetragen, um auf seiner Fläche
Hochhäuser zu errichten, Wohnhöhlen
Sogar der große Geisterbaum hinterm Dorf wurde gefällt
für die Elstern blieb keine Pappel zum Nisten
(...)” [1]

Unüberhörbar wehmütig untermalt er im Interview die Erinnerung an eine Zeit, als der Han-Fluss die Stadt Seoul noch nicht teilte, sondern die Altstadt nach Süden hin begrenzte, als sich die Welt der alten Zeit noch nicht unversöhnlich abgrenzte gegen die Welt der neuen Zeit. „Ich habe erlebt, welche Werte mit dem Umbruch vom Agrar- zum Industrieland verloren gegangen sind und erkannt, dass der technische Fortschritt die Menschen nicht glücklicher machen konnte.” Seine Gedichte sind das Resultat dieses Erlebens und dieser Erkenntnisse, sagt Kim und hält mit seiner lautstarken Konsumkritik eindringliche Botschaften bereit:

„(...) 

Armut war unser Gewissen
und unsere Kraft
Aber Ihr Söhne und Töchter
Ihr Schwiegertöchter und Schwiegersöhne
vertrödelt den geerbten Reichtum

Was sucht Ihr in den Börsen?
Gewinnt zurück
die verlorene Armut
dann erst gewinnt Ihr den Reichtum der Eltern
(...) ” [2]

Die Jungen würden nur noch das komfortable Leben in der Stadt mit all seinen Möglichkeiten und seinem Luxus kennen, sie haben die einfache, bescheidene Lebensart nie gekannt oder längst verlernt”, beklagt Kim. Auf der Schnellstraße durch das eigene Leben bleibe ihnen keine Zeit zu reflektieren, wie viel Umweltzerstörung ihr tägliches Leben verursache, ergänzt er und möchte Einhalt gebieten, zum Rückblick ermutigen.

Den Niedergang der Natur beschreibt Kim als Schmerz und großen Verlust. Endlose Hochhauskomplexe verstellen den Blick auf Seouls umliegende und geomantisch so bedeutsamen Berge. Das Auge mag nicht verweilen inmitten dieser architektonischen Homogenität der in den Himmel ragenden „Wohnhöhlen”, die sich nur durch die Hausnummer voneinander unterscheiden lassen. „Ewige Wiederholung der Gleichheit” habe ein deutscher Schriftsteller einst das Bild der Städte Koreas bezeichnet, erinnert sich Kim und pflichtet bei - und lebt deshalb dort, wo es anders ist. In der Altstadt von Seoul wurde er geboren, und hier steht auch sein Haus mit kleinem Garten am Hang des Inwang-Berges; ein Ort der Zuflucht, der Stille, des Friedens, ein Bollwerk gegen Turbulenzen - seit über einem halben Jahrhundert schon. „Hier fand ich einen Bereich, wo das ‘Geflüster’[3] vernehmbar wurde und wo ich ‘das Schweigen’[4] hören und die Dinge aus der Ferne beobachten konnte.  

Kim Kwang Kyu. Copyright: Seo Heun-Kang

Es ist die Wucht der Gegensätze, mit denen Kim fasziniert. Kaum zarter, kaum inniger könnte die Beschreibung der „Schneckenliebe”[5] oder der „kleinen Taubenherzen”[6] sein und kaum wütender, kaum empörter die der Gewissenlosigkeit[7] und der Unachtsamkeit einer gedankenlosen Wegwerfgesellschaft[8]. Es ist Kim Kwang-Kyu, der beschreibt, wie sich zwei Schnecken beäugen, „liebevoll Fühler an Fühler”, der zehn Jahre lang für die Erkenntnis gebraucht hat, dass „in den kleinen Taubenherzen ein anderer Himmel und eine andere Erde lebendig sind”, und es ist ebenfalls Kim Kwang-Kyu, der die Gewissenlosigkeit der Söhne und Töchter beklagt, die sich (nur) für Videogeräte, Klimaanlagen und Sportwagen interessieren, sich schminken und maskieren „wie Starlets und Rockstars” und der zynischer nicht fragen könnte, ob man außer defekten Handys und Computern auch „Familien, Städte” oder „ganze Staaten einfach wegwerfen” sollte?

Er ist ein Mahner, der seine Botschaften teilen möchte mit denen, „die noch ansprechbar” sind, offen für den Appell an das Bewusstsein. „Mein Aufruf an die Bewohner dieses einmaligen Planeten soll bis ins Weltall klingen.” Nichts weniger als das. Und dennoch: „Ich glaube nicht daran, dass Literatur die Welt verändern kann und soll. Als Lyriker will ich den Menschen aber zumindest vor Augen führen, was wir unserem Planeten antun. Meine Gedichte sollen Mitteilungen an unbekannte Adressaten enthalten, und vielleicht wird doch ein Zeichen der Rettung als Echo vernehmbar.

Ja, der „Green New Deal”, auf den sich die Regierung im vergangenen Jahr verständigt hat, sei ein Schritt in die richtige Richtung. Wichtig sei es jedoch, den Plänen Leben einzuhauchen. Die Menschen bräuchten kein Spektakel um eine gute Idee, sondern Sichtbarkeit durch Umsetzung. „Nie waren Stadtbewohner der Natur so fern wie heute. Wir müssen Wohnblöcke und Natur versöhnen, Parkanlagen und Kinderspielplätze schaffen, der Natur Zutritt zur Stadt gewähren.” 

Allzu gern würde Kim Kwang-Kyu die Zeit zurückdrehen, die Verbundenheit zwischen Mensch und Natur, aber auch zwischen Mensch und Mensch erneuern, sich die Wiederauferstehung einer Zeit wünschen, in der die Menschen ihre Nachbarn noch kannten und mehr miteinander als ohneeinander lebten. Lange schon ist er Kind seiner Zeit - damals so wie heute. „Aber ich fürchte, den Spätsommer meines Lebens zu versäumen, wenn ich mich vor den Geräuschen dieser Welt verschließe…”[10], schreibt einer, der durch das Jahrhundert gelaufen ist. „Selbst eine Entfernung von tausend Meilen beginnt mit einem einzelnen Schritt”, zitiert er ein koreanisches Sprichwort und läuft weiter - der Zukunft entgegen.

[1] Kim Kwang-Kyu: “Botschaften vom grünen Planeten” (2010) / Auszug aus: Kummerstadt”, S. 45
[2] Ebd., Auszug aus Aniri”, S. 55
[3] Ebd., Geflüster”, S. 17
[4] Ebd., Ohren”, S. 10
[5] Ebd., Schneckenliebe”, S. 75
[6] Ebd., „Weiße Tauben”, S. 69
[7] Ebd., Auszug aus Aniri”, S. 55
[8] Ebd., „Letzte Fragen”, S. 62
[9] Ebd., Spätsommer”, S. 72

GEDICHTE

Kim Kwang-Kyu
Botschaften vom grünen Planeten
Gedichte

Aus dem Koreanischen von Chong Heyong und Birgit Mersmann;
Nachdichtungen von
Heinz Ludwig Arnold.
Mit einem Nachwort von
Heinz Ludwig Arnold.

© Wallstein Verlag, Göttingen 2010.

96 S., geb, Schutzumschlag, 12 x 20 cm
ISBN 978-3-8353-0747-6 (2010)
€ 18,00 (D) / € 18,50 (A)

 

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