Gesellschaft

THE SWEETEST AUTUMNAL CONNECTION

Neben dem umwerfenden Wetter bedeutet der 15. Tag des achten Monats nach dem Mondkalender vor allem eines: den Anbruch von Chuseok, dem koreanischen Erntedankfest.

In einem sich schnell verändernden Land wie Korea bietet das Fest eine neue Möglichkeit, sich mit dem Alten bekanntzumachen, und verstärkt die Zuneigung eines Expats für sein neues Zuhause.

Persimonenbaum

Ein Persimonenbaum (alle Fotos: Wikimedia Commons)

Für mich gibt es nur wenige Anblicke, die so atemberaubend sind wie ein Persimonenbaum vor einem strahlendblauen Herbsthimmel - die Äste voller reifer, oranger Früchte. Dies ist ein Bild, das überall in Korea anzutreffen ist, aber dennoch kann ich mich daran nicht sattsehen. Wenn die Früchte geerntet werden, lassen die Menschen nach einem alten Brauch ein paar Persimonen für die Elstern übrig, die laut koreanischer Volkskunde die Überbringer von guten Nachrichten sind. Diese Handlung verkörpert die Verbindung der Koreaner zur Natur, zur Ernte und zu ihren landwirtschaftlichen Wurzeln. Diejenigen, die Seoul mit seinen belebten Straßen, endlosen Menschenmengen, Hochhäusern und grellen Lichtern schon einmal besucht haben, lachen, aber ich würde argumentieren, dass Korea noch immer tief in der landwirtschaftlichen Vergangenheit und im ländlichen Raum verwurzelt ist.

Bahnstation mit Chuseok-Reisenden

Eine überfüllte Bahnstation in Seoul: Menschen stehen an, um Reservierungen für Chuseok zu machen.

In der koreanischen Kultur und Gesellschaft spielt der Konsum von Essen und Trinken eine große Rolle. Ein besonderes Augenmerk liegt immer auf der Nutzung der frischesten und gesündesten Zutaten. Es versteht sich von selbst, dass für Menschen, die so tief in ihrer landwirtschaftlichen Vergangenheit verwurzelt sind, das Erntedankfest von äußerster Wichtigkeit ist. Chuseok - manchmal auch als „Hangawi“ bezeichnet - ist das koreanische Erntedankfest, das drei Tage rund um die Herbst-Tag-und-Nacht-Gleiche herum zelebriert wird.  Zu jedem Chuseok-Fest wird die überfüllte Metropole Seoul zu einer Geisterstadt, denn die Menschen verlassen sie in Massen, um in ihre Heimatorte auf dem Land zurückzukehren.  Busse und Züge sind bereits Monate vorher ausgebucht, und selbst die sonst relativ geringe Nachfrage nach Inlandsflügen steigt sprunghaft an. Fahrzeuge verstopfen die Autobahnen und schlängeln sich langsam, Stoßstange an Stoßstange, aus Seoul hinaus hin zu weit entfernten Orten auf der gesamten Halbinsel. Fahrzeiten vervierfachen sich, und Straßenhändler laufen frei zwischen den sich stauenden Autos hin und her und verkaufen ihre Waren an die koreanischen Reisenden, die an dieser jährlichen Landflucht beteiligt sind.

Das Reiseziel ist das „Keun-jip“, wortwörtlich übersetzt das „große Haus“, welches auf das Haus des ältesten männlichen Familienmitgliedes verweist. Alle direkten Verwandten kommen im Keun-jip zusammen und feiern das Erntedankfest, während sie ihren Ahnen durch die Zubereitung und das Austeilen des Festessens Dankbarkeit erweisen.

Songpyeon

Koreanische Reiskuchen Songpyeon 

Das Essen, das traditionell an diesem Tag gegessen wird, unterscheidet sich von Familie zu Familie, aber eine Gemeinsamkeit sind Gerichte wie Bulgogi oder Galbi; Japchae, ein Gericht aus verschiedenen Gemüsesorten, Fleisch und Glasnudeln; Jeon, ein pfannkuchen-ähnliches Nebengericht aus gebratenem Gemüse, Fisch und Fleisch, überzogen mit einem Teig aus Mehl und Eiern; und natürlich eine große Vielfalt an Früchten, Nüssen und Kräutern. Aber das Gericht, das am meisten mit Chuseok in Verbindung gebracht wird, ist Songpyeon. Dieses leckere Dessert ist eine Art Tteok, ein klebriger Reiskuchen, gefüllt mit einem süßen Mix aus Sesamsamen, Honig, süßen roten Bohnen und Maronenpaste. Der flache Reiskuchen wird über der Füllung gefaltet und in eine Halbmond-Form gebracht. Die Küchlein werden dann auf ein Bett aus Kiefernnadeln gelegt und für einen leckeren Hochgenuss gedämpft. Traditionell wurden Songpyeon zwischen Nachbarn verschenkt, angelehnt an die amerikanische Tradition des Süßigkeitenverteilens um die Weihnachtszeit herum.

Chuseok Tisch

Der Chuseok-Tisch zur Ahnenverehrung 

Jedoch hat all dieses Essen eine wichtigere Funktion, als nur konsumiert zu werden. Bevor jemand die Speisen anrühren kann, werden sie den Ahnen in einer Zeremonie namens Charye als Opfergabe dargereicht. Das Essen sowie Reiswein werden in einem beeindruckenden Schauspiel auf einem Tisch neben den Grabhügeln der Ahnen oder im Familienhaus platziert. Die Familie versammelt sich vor dem Tisch und spricht Gebete, während den Geistern der Verstorbenen Reiswein angeboten wird. Danach führen die Familienmitglieder tiefe Verbeugungen aus, knien sich auf den Boden, erweisen ihre Dankbarkeit für die in ihrem Leben erhaltenen Segnungen und erinnern an die verstorbenen Familienmitglieder. Nach der Zeremonie setzt sich die Familie gemeinsam hin und nimmt an einem großzügigen Festmahl teil. Während dieser drei Tage des Familientreffens verbringen Cousins, Onkel, Tanten und Großeltern sehr viel Zeit miteinander. Traditionell nehmen die Familien an Spielen wie Tauziehen, Bogenschießen oder Ssireum, eine Art traditioneller koreanischer Ringkampf, teil. Heutzutage ist es jedoch eher an der Tagesordnung, dass Familienmitglieder zusammen ein Bier trinken, während sie Tintenfisch und Erdnüsse knabbern, Fernsehen schauen oder Go-Stop spielen, ein populäres koreanisches Kartenspiel.

Von Anfang bis Ende liegt der Fokus des Festes auf der Verbindung zwischen Menschen und ihren Heimatorten, zu ihren Familien, ihren Ahnen und der Erde. „Sintoburi“, ein koreanisches Idiom, besagt, dass die landwirtschaftlichen Produkte aus dem Heimatort immer die besten sind. Wortwörtlich übersetzt bedeutet es so viel wie: „Der Körper und die Erde können nicht getrennt werden“. Dies belegt die Einstellung der Koreaner, wenn es um Chuseok geht. Der Respekt, den die Koreaner ihren Traditionen zollen, wird nur durch die Leidenschaft, jene mit anderen zu teilen, übertroffen.

Während meiner sieben Jahre in Korea hatte ich reichlich Gelegenheiten, mit meinen Freunden und Bekannten koreanische Traditionen zu erleben. Meine erste Begegnung mit der Gastfreundschaft hatte ich als junger, in Gunsan lebender Mann. Einer meiner Kollegen, Herr Yu, war so besorgt darüber, dass ich während der Feiertage allein und hungrig sein könnte, da die Läden alle schließen, dass er mich über die Feiertage zu sich und seiner Familie einlud. Weder hatte ich Chuseok schon einmal miterlebt, noch verstand ich genau, was es für einen Koreaner hieß, an einem solch wichtigen Tag allein zu sein, und trotzdem war ich gerührt durch seine Fürsorge. Am ersten Morgen standen wir früh auf, packten unser Essen ein und gingen in die Berge, um das Gras um die Familienhügelgräber herum zu trimmen. Die Gräber von vier Generationen der Yu-Familie mit ihren grasbedeckten Hügeln und Steinsäulen, die sich seitlich eines Berges erstreckten, nahmen eine riesige Fläche ein. Mit Scheren bewaffnet hat jeder von uns in der frischen Herbstluft akribisch Sorge dafür getragen, dass das Gras auf eine einheitliche Länge geschnitten wird. Aus einem Land kommend, in dem Friedhofsverwaltungen dafür bezahlt werden, sich um das Grab eines geliebten Menschen zu kümmern, fühlte sich all dies noch viel intimer an. Als wir fertig damit waren und die Sonne begann, den angrenzenden Bergkamm zu bescheinen, setzten wir uns neben die Gräber und aßen unsere Speisen, während wir die herbstliche Landschaft in uns aufnahmen. Herr Yu war sehr stolz, mir die Geschichte seiner Vorfahren zu erzählen und Erklärungen über die vielversprechende Gegend abzugeben, in der sich die Hügelgräber befanden. Er sagte, dass die Grabanlage, die auf der einen Seite durch einen Berg begrenzt wird und auf der anderen Seite einen kleinen Fluss überblickt, in Orientierung an den Prinzipien des Fengshui (auf Koreanisch „Pungsu“) erbaut worden sei und diese optimal erfülle Er informierte mich darüber, dass dank dieser vielversprechenden Ausrichtung die Geister seiner Ahnen in Frieden ruhen könnten und so noch mehr Segen über seine Familie bringen würden.

Persimonen

Persimonenbaum mit reifen Früchten

Am nächsten Tag, als wir die Hügel mit seiner Familie im Schlepptau noch einmal besuchten, beobachtete ich, wie seine Frau einen kleinen Holztisch am Fuß des Berges aufstellte, auf dem sie das Essen arrangierte. Danach folgten Gebete zu den Vorfahren, das Einschenken einiger Gläser Reiswein, welcher stark nach Kräutern roch, das Zurechtschneiden und Anbieten von Früchten, Verbeugungen und die zwanglose Ansprache eines Vaters an seine Kinder über die Wichtigkeit der Familie. Nach der Ahnenzeremonie setzten wir uns auf einer kleinen, silbernen Matte zusammen und begannen, zu essen, zu reden und zu lachen. Als ich also mit meinen Essstäbchen nach einer frittierten Paprikaschote griff und begann, sie in meinen Mund zu führen, realisierte ich, dass ich dort mit sechs Generationen einer Familie zusammensaß. Es war ein Familientreffen, dass sich über Hunderte von Jahren erstreckte. Nicht in tausend Jahren hätte ich mir, bevor ich nach Korea gekommen bin, eine solche Zusammenkunft träumen lassen. Als wir aufbrachen, sah ich das erste Mal in meinem Leben das helle Orange der Persimonen vor dem Hintergrund des weiten, blauen Herbsthimmels, der sich bis in die Unendlichkeit ausdehnte. Herr Yu, der meinen Blick mitbekam, fing an, ein Gedicht namens „Persimonenbaum, Nahrung für Elstern“ aufzusagen. Das Gedicht ist die Geschichte der reifen, süßen Frucht, die an den Persimonenbäumen wächst. Es handelt davon, wie der Baum seine Früchte als Futter für die Elstern bereitstellt, damit die Vögel in Vorbereitung auf den Winter die Persimonen mit ihrer Familie teilen können, und wie die Äste, nun erleichtert von der Last der Früchte, wieder in den Himmel ragen. Er erzählte weiter über den Brauch, einige Persimonen am Baum zu lassen, und genau in diesem Moment erkannte ich, dass Korea mit Verbindungen zu tun hat. Verbindungen zu anderen. Verbindungen zur Vergangenheit. Verbindungen zur Erde. Dank meines Erlebnisses mit Chuseok und all den anderen Erlebnissen, die noch folgten, als ich von den Familien von Freunden eingeladen wurde oder übriggebliebenes Essen serviert bekam, verstehe ich nun all dies, und auch ich fühle mich verbunden.

 In gewisser Weise bin ich die Elster, und Korea ist mein Persimonenbaum.

 

Artikel von Joel Browning, in ,,Discoveries of Korea - 20 Expat's Tales"
Übersetzung des englischen Originaltexts ins Deutsche

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