Kultur Kunst

Tradition und Moderne - Sanierung eines Hanok in Seoul

Hofgarten-Madang (Fotos: ,urban detail. seoul’)

Seit sich Korea durch seine wirtschaftliche Entwicklung und auch im Kreativbereich einen Namen gemacht hat, wächst im Ausland das Interesse an Koreas traditioneller Architektur, genannt ,Hanok’. Von offizieller Seite werden mittlerweile Anstrengungen unternommen, den Bekanntheitsgrad des Hanok zu steigern. In den vergangenen Jahren war eine deutliche Zunahme der Aktivitäten im traditionellen Baubereich zu verzeichnen, teilweise wird gar von einem Hanok-Boom oder einer Renaissance der traditionellen Architektur gesprochen.

Inmitten dieses großen Interesses am Hanok haben wir im Myeong-Ryun-Viertel im Norden der Stadt Seoul ein kleines Hanok renoviert und nutzen es als Gemeinschaftsbüro unseres Architekturbüros ,urban detail. Seoul’ und der genossenschaftlichen Baufirma für traditionelle Architektur, ,Chamooree’. Planung und Umsetzung sind ebenfalls in Gemeinschaftsarbeit ausgeführt worden

Grundriss

Das traditionelle koreanische Haus teilt sich viele Charakteristika mit seinen chinesischen und japanischen Verwandten, hat jedoch aufgrund der klimatischen und kulturellen Eigenarten Koreas spezifische Merkmale entwickelt. Im alten Korea wurden, anders als in Europa, alle Gebäudetypen - repräsentative und religiöse Gebäude sowie die Wohnhäuser der Bevölkerung - nach den selben Prinzipien und mit den selben Materialien errichtet und unterschieden sich in der Regel nur in den baulichen Ausmaßen sowie den dekorativen Elementen. Die Materialien umfassen Steine in den Fundamenten und dem Unterbau, ein Holzskelett als tragende Konstruktion, Lehm, Kalkputz und Papier für die Wände sowie Ziegel bzw. Stroh für das Dach.

Die grundlegenden Raumtypen sind ,Bang’, ,Daechong’ und ,Bueok’. Bang ist ein geschlossener Raum mit abgehangener Decke und traditionellen Papiertapeten, beheizt durch ,Ondol’, die traditionelle Fußbodenheizung, die in den nördlichen Gebieten des heutigen Koreas mit ihren kalten Wintern entstanden ist. Daechong ist die repräsentative Haupthalle mit sichtbarer Holzstruktur und einem unterlüfteten Holzfußboden, in der Nutzung eher ein Sommerraum, der seinen Ursprung in den südlichen Regionen mit ihren heißen Sommern hat. Die Küche, Bueok, lag ursprünglich tiefer als der übrige Teil des Gebäudes, da die Feuerstellen an das Heizsystem angeschlossen waren. Ebenfalls wichtig für das Verständnis der koreanischen Architektur ist der Madang, der Hofgarten, der immer ein halbprivater Raum war und Platz für Hausarbeiten und soziale Interaktion bot.

Hausansicht nach Renovierung

Die meisten der verbliebenen Hanok in der Hauptstadt Seoul stammen - abgesehen von den Palästen und Tempelanlagen - aus den 50er und 60er Jahren sowie teilweise auch aus der japanischen Kolonialzeit (1910-1945), also nicht aus der Zeit des letzten koreanischen Königreiches Joseon (1392-1910) bzw. des Kaiserreichs Daehan (1897-1910). Aus diesem Grund werden diese Gebäude manchmal nicht als echte traditionelle Architektur angesehen. Die Konstruktionsweise blieb jedoch im Großen und Ganzen unverändert; Modifikationen wurden lediglich beim Heizsystem und den verwendeten Materialien vorgenommen.

Das ,Chamooree’ und ,urban detail. Seoul’-Büro im Myeong-Ryun-Viertel ist ein typisches Hanok aus dieser Zeit. Es stammt wahrscheinlich aus den 30er-Jahren, was seinen Ursprung in die japanische Kolonialzeit datiert. Zum Zeitpunkt unserer Planung hatte es bereits mehrfache Umbauten gegeben, sodass vom Originalinnenausbau nicht mehr viel übrig war. Die tragende Holzstruktur war jedoch original erhalten geblieben und in einem relativ guten Zustand.

Daechong

Unser Renovierungsansatz bestand darin, die Originalholzkonstruktion zu erhalten und den Innenausbau den Bedürfnissen unserer geplanten Nutzung als Gemeinschaftsbüro anzupassen.

Das Daechong behielt seine repräsentative Funktion und wurde um ein Raster vergrößert, wo ursprünglich ein kleiner Raum angelegt war. Gäste werden hier empfangen, nachdem sie über das Eingangstor kommend durch den Hofgarten geschritten sind. Zur Linken, auf der Nordseite, befindet sich der Konferenzraum. Hier wird sichtbar, wie das Gebäude in der Vergangenheit erweitert wurde, um Platz für einen Lagerraum zu schaffen. Beim Entfernen der abgehangenen Decke kam ein Stahlträger zum Vorschein, der das Dach anstelle der ursprünglich vorhandenen Stützen trägt. Wir entschieden uns, diesen zu integrieren, um diese früheren Veränderungen sichtbar zu machen. Eine kaum sichtbare LED-Leiste verwandelt diesen Träger in ein Beleuchtungselement der besonderen Art. Die Geschichte des Gebäudes kann durch solche Elemente bis heute abgelesen werden.

Arbeitsraum

Das ,Anbang’ (,inneres Zimmer’) wurde als Arbeitsbereich konzipiert mit L-förmigem Arbeitstisch und Arbeitsplätzen für drei Personen. Dieser Bereich ist zur Küche offen, die an ihrem ursprünglichen Ort zu finden ist. Eine große Schiebetür zwischen Konferenzraum und Daechong und traditionelle Falt-Hebetüren zwischen Daechong und Arbeitsbereich ermöglichen es, den gesamten Innenbereich zu öffnen.

Das Badezimmer wurde auch im ursprünglichen Bereich belassen, getrennt vom übrigen Innenbereich durch das Eingangstor. Während eine derartige Lösung bei einem Wohngebäude nach heutigen Komfortmaßstäben fragwürdig wäre, erscheint uns dies bei einer Büronutzung jedoch als akzeptabel. Badezimmer wie Küche sind eindeutig modern ausgestattet, passen aber hervorragend zur traditionellen Struktur.

Ein wichtiger Aspekt bei unserer Renovierungsarbeit war die Integration von traditionellen Gestaltungsmitteln und traditionellem Handwerk einerseits und modernen Elementen und Materialien andererseits. Die Fenster beispielsweise sind modifizierte traditionelle Holzfenster mit Isolierglas und deutschen Dichtungen und wurden von unserem koreanischen Fensterbauer geschreinert. Traditionelles koreanisches Papier aus Maulbeerbaumfasern wurde für die Wände im Arbeitsbereich und Konferenzraum verwendet, jedoch erschien uns dieses Material, das geölt auch für den Fußboden verwendet wird, aufgrund der Büronutzung als Bodenbelag nicht robust genug. Stattdessen entschieden wir uns für Korkparkett, das sich auch sehr schön in das traditionell-moderne Ambiente einfügt. Die Außenwände und Deckenbereiche in Küche und Daechong sind mit Kalkputz verputzt.

Konferenzraum

Es hat sich gezeigt, dass unser traditionell-modernes Hanok einen ganz hervorragenden Raum für kleinere kreative Firmen wie unsere bietet. Es findet eine intensive Interaktion statt, und während der warmen Jahreszeiten bietet der Hofgarten viele Möglichkeiten, um Veranstaltungen zu organisieren, wobei Innen- und Außenraum aufgrund der durch zahlreiche Schiebetüren transparenten Fassade ineinander übergehen. Dank der Fußbodenheizung und der verwendeten klimaregulierenden Materialien ist das Innenraumklima merklich besser als in den meisten modernen Bürogebäuden, die durch Heißluftkonvektoren beheizt werden, wodurch die Aufenthaltsqualität zusätzlich gesteigert wird.

Unser Renovierungsprojekt sollte nicht als ein Beispiel für die Sanierung eines historisch wertvollen Gebäudes mit hohem Anteil an Originalsubstanz verstanden werden. Eine solche Ausgangsituation würde einen anderen Ansatz erfordern. Für viele der verbliebenen Hanok mit Originalholzstruktur, aber bereits modifiziertem Innenleben denken wir jedoch, dass unser Projekt ein gelungenes Beispiel ist, wie man solche Gebäude zu attraktiven und vielversprechenden Orten aufwerten kann, ohne den Bezug zu Koreas reicher kultureller und architektonischer Vergangenheit zu verlieren.

Die geplante Ausweitung der Förderung von Sanierung und Neubau von Hanok auf das gesamte Stadtgebiet Seouls lässt für die Zukunft einen weiteren Sanierungs- und Bauschub in diesem Bereich erwarten. Wir hoffen, hier einen Beitrag zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den verblieben Hanok in Seoul und zu einer qualitativ hochwertigen traditionellen wie modernen Baukultur leisten zu können.

Hofgarten

Bad

Bild von Daniel Tändler

Foto: privat

Daniel Tändler

"Daniel Tändler, geboren 1980 als Sohn deutsch-koreanischer Eltern, hat in Göttingen Volkswirtschaft und an der RWTH Aachen Architektur und Stadtplanung studiert. Nach einigen Jahren Arbeit als angestellter Architekt beim Architekturbüro Guga in Seoul hat er mit zwei koreanischen Partnerarchitekten das Architekturbüro ,urban detail. seoul’ gegründet und war auch am Aufbau der genossenschaftlichen Baufirma für traditionelle koreanische Architektur, ,Chamooree’, beteiligt. Beide Firmen teilen sich einen gemeinsamen Firmensitz in einem sanierten Hanok im Viertel Myeong-Ryun-Dong in Seoul. Im Mittelpunkt seiner Arbeit steht die traditionelle Architektur Koreas, vor allem die Sanierung der verbliebenen Hanok in Seoul.

www.urbandetail.co.kr  (Webseite im Aufbau)
urbandetail@urbandetail.co.kr"

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